Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Was Wunder also, wenn Salomon Reinach auf das Judentum von oben herabschaut, uns Juden als in religiösen Vorurteilen befangen mitleidig verachtet; und verdient es unter solchen Umständen nicht überhaupt Anerkennung, daß Salomon Reinach seine wertvolle Kraft noch dafür aufbietet, uns aus der Enge unserer religiösen Anschauungen herauszureißen und uns durch seingroßzügiges' und erhabenes Frcidcnkertum selig zu machen? Wahrlich, ein Mann, der solches an strebt, verdient es, Vorsitz end er der Alliance", Mitglied der „Jca" und Autor einer Geschichte des Judentums zu 'sein? * * * Eine weitere — die letzte — wichtige Eigenschaft des Goluthjuden ist sein unbezähmbares Streben nach Macht und Ehre. Diese Sucht ist schr verständlich. Hat doch der Jude Jahrhunderte hindurch nicht die geringste Macht besessen, Lar keine Ehre genoffen, ist er doch im Gegenteil immer nur vergewaltigt und entehrt worden. Wenn also der Jude nun die Gelegenheft hat, Macht und Ehre zu erwerben, ist es ganz natürlich, daß er sich darauf mit all der chm eigenen Energie und Leidenschaft wirft. Aus dieser Macht- und Ehrsucht kommt es, daß viele Juden so sehr auf Orden und Titel' verpicht sind; daher kommt es, daß viele Juden sich immer an die aristokratischer Gesellschaften herandrängen wollen, daher kommt es, daß viele Juden ihr Gut und Blut dafür hergebcn würden, wenn ihr Sohn Reserveleutnant werden könnte und es als den Gipfel des Leidens des Mischen Volkes betrachten, daß chr Sohn es nicht werden kann. Dieses Streben nach Macht und Ehre ist aber auch der Anlaß bei vielen jüdischen führenden Persönlichkeiten, sich überhaupt um jüdische Dinge zu kümmern. Wenn diese Leute nämlich draußen keine Ehrcn- und Machtstellung einnehmen können, gehen sie ins Mische Lager, wo sic sicher sind, eine solche zu bekommen. Wenn man das weiß, wird man cs überhaupt erst verstehen können, warum Salomon Reinach sich so sehr um Mische Angelegenheiten abmüht. Was gehen ihn, den Hellenen, den Freidenker, der das Judentum haßt, der die Juden verachtet, unsere Sorgen und unsere Leiden an? Warum verwendet Salomon Reinach seine kostbare Zeck, die er doch für Ausgrabungen in Mykene verwenden könnte, für jüdische Dinge? Diese Frage war mir immer ein Rätsel. Nachdem ich aber über seine Persönlichkeit klar geworden bin oder wenigstens klar zu sein glaube, ist mir das Rätsel gelöst. Und wenn der Leser sich die Selbstzerstörungswut des Goluthjuden auf der einen Seite, seine Macht- und Ehrsucht auf der anderen Seite vor Augen halten wird, ich glaube, auch ihm wird das Rätsel gelöst sein. Ich aber sage: Wehe der jüdischen Gesellschaft, deren Leiter Salomon Reinach'ist,.und wehe der Geschichte des Judentums, deren Autor Salomon Reinach ist! Londoner Chronik. Montefiores neue Synagoge. Das jüdische Theater. Antisemitismus in Whitechapel. Claude Montefiore wird sich bald selbständig machen, denn in kurzer Zeit wird er seine eigene „Synagoge" und mfthin sein eigenes Judentum haben. Seinen Anhängern ist. es gelungen, Line beträchtliche Summe für die Errichtung einer neuen „Synagoge" aufzubringen. Man darf aber nicht aus diesem Faktum schließen, daß sein Einfluß als religiöser Führer zugenommen hat. Ich kann vielmehr erfreulicherweise berichten, daß, seitdem er intensiv christelt, selbst seine Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . intimen Freunde, sofern sie selbst aus eine eigene Meinung nicht verzichten, sich von ihm abgewendet haben. Seine Anhängerschaft beschränkt sich auf ein paar Mftläufer, die auch „etwas sein wollen", und auf' eine Anzahl von Damen. Zu diesen Damen gehört auch Fräulein Montague, Tochter des greisen Lord Swaithling, der als Führer der englischen Orthodoxie sich einen Namen gemacht. Der alte Lord steht im Kampfe gegen Montefiore, während seine eigene Tochter zu den Anhängern des erbittertsten Gegners ihres Vaters gehört. Vielleicht dient diese Tatsache unseren Orthodoxen in Süddeutschland als abschreckendes Beispiel . . .? Vielleicht werden sie aus diesem Exempel ersehen, wie wenig ein Religionsjudentum allein die Fortexistcnz unseres Volkes und seiner Kultur sichern kann? Denn in der Frage des nationalen resp. des unnationalen Charakters des Judentums sind sich Lord Swaichling und Claude Montefiore einig, und beide gehören zu den erbittertsten Feinden des Zionismus. Wie wenig aber dje.grauen Theorien der assimilierten Westend-Juden den Gang der Dinge im allgemeinen beeinflussen, ist daraus zu ersehen, daß trotz chres Widerstandes gegen . die Gründung volksjüdischer Institutionen im Londoner East, trotz ihres Kampfes gegen die Gründung eines Mischen Spitals und eines jüdischen Volksthcaters, beide Institutionen in Bälde entstehen werden. Ueber die erfteuliche Entwicklung der jüdischen Spital-Bewegung habe ich vor kurzem berichtet, heute kann ich über die Sicherstellung des jüdischen Volkstheaters berichten. Gestern, Sonntag, fand im Cast ein nach tausenden zählendes Massenmeeting zugunsten des jüd. Theaters statt. Es sind bei dieser Gelegenheit nicht nur begeisterte Reden gehalten, sondern auch viele Aktien der neu gegründeten Theater-Gesellschaft verkauft worden. Die Leiter der Gesellschaft haben auch die Versicherung gegeben, daß an Schabbes und Jomtof im jüdischen Theater nicht gespielt werden wird. Bekanntlich darf in England auch an Sonntagen nicht gespielt werden. Wie notwendig ein jüdisches Theater in Whitechapel ist, beweist die Tatsache, daß das provisorische jüdische Theater jeden Abend ein ausverkauftcs Haus hat. Oft müssen viele heimkehren, weil alle' Plätze schon besetzt sind. Das große jüdische Theater, mit dessen Bau bald begonnen wird, wird auch eine Anzahl hebräische Stücke aufführen. ' Während das jüdische Volksleben in Whitechapel erfreuliche Erscheinungen aufweist, entwickelt sich in gleicheni Maße eine ausgesprochene antisemitische Bewegung unter den dortigen Engländern, die schon ganz unerquickliche Formen gezeitigt. Kommt ein Whitechapeler Jude als Zeuge vor Gericht, dann erklärt der Richter: „Juden kann man nicht glauben"; wird ein jüdisches Kind von einem Omnibus überfahren und die Eltern köimen keine christlichen Zeugen auftrciben, dann geht der Kutscher straflos aus, wenn auch 100 jüdische Zeugen aussagen, daß das Ueberfahren hätte verhütet werden können. Letzten Freitag beschäftigte eilt solcher Fall ‘ein Whitechapeler Gericht. Der Kutscher ging frei aus, und die Mischen Zeugen wurden noch vom Richter beschimpft. Die feindliche Haltung der eingeborenen Bevölkerung den Juden gegenüber nimmt oft drohende Formen an, und man braucht kein Pessimist zu sein, um die Möglichkeit von antisemitischen Handgreiflichkeiten in Whitechapel zuzugeben. LI. ' Die jüdische Gemeinde in Paris. Einsegnung der jüdischen Kinder. Als ich das erste Mal Ende Mai nach Paris kam, fand ich das Mische Viertel in voller Gährung. Alles bereitete sich zur Einsegnung vor. In dieser Famllie war es ein Söhn, in jener eine Tochter. Ich war ganz erstaunt von der Wichtigkeit, die dieser Feier zugemessen wurde, besonders aber darüber, daß die polnischen Juden, welche gewissermaßen noch orthodoxe Anhänger des Ju¬ Rr 29 dentums sind, sich mit Eifer beteiligten'. Unverständlich ist freilich diese Haltung der polnischen Juden nicht: in Rußland war nie ein Kampf zwischen Orthodoxie und Reform, nach Paris kommend, finden sie diese Zeremonie, und blindlings in allchn dem Konsistorium gehorchend, nehmen sie auch an dieser Zeremonie. Anteil, ohne zu überlegen, daß sie damit eine christliche Sitte nachahmen. Abseits halten sich nur die deutschen Juden — die hiesige orthodoxe Gemeinde —, aber auch sie finden es nicht für »nötig, einzuschreiten und leisten nur passiven Widerstand: ihre Eltern wären dagegen und sie sind es auch. Gewöhnlich sindet hier die Einsegnung an einem Donnerstag nach Schwuaus statt. (Bei den Katholiken wird diese Handlung auch stets an einem Donnerstag vorgenommen.) Die große Synagoge der Rue de la Victoire ist der Feier entsprechend geschmückt. Weit sind ihre Tore geöffnet; Wagen auf Wagen, eigene elegante Coupes und Automobfte rollen heran und entladen ihre reichgekleideten Insassen. Polizisten sind auf der Straße aufgestellt, um ettvaigen Trubel zu verhindern, der durch die „Libre Parole" entstehen könnte, da man weiß, daß das Rothschild'sche Haus anwesend ist. Einen anderen Posten Geheimpolizisten und Schammossim finden wir im Innern der Synagoge; alle Schammosim sind mobilisiert, denn die Synagoge zählt nur 3000 Plätze und mehr als 10,000 Personen beanspruchen Einlaß. Nachdem nun die Menge mehr oder weniger plaziert ist, setzt die Orgel' mit rauschendem Schwünge ein, und lautlose Stille entsteht im Saale. Kopf an Kopf lauscht die Menge. Unter fortwährendem Musikspiel setzt sich der Zug in Bewegung, eröffnet von zwei mit würdevollen, feierlichen Schritten langsam schreckenden Schammossim. Ihnen folgen, paarweise geordnet, alle Rabbiner von Paris, ferner das ganze Konsistorium, der Baron, welcher Präsident ist, an der Spitze, weiter die Administratcure — ein prächtiger Zug. Hinter diesen schwebt eine dufttge weiße Wolke heran, etwa 300 Mädchen — in ihren weißen Gewändern mit den lang herabwallenden Schleiern bringen sie unwillkürlich den Eindruck einer Anzahl Nonnen hervor —, und den Schluß bildet die gleiche Anzahl schwarzgekleideter Knaben mit ihren Lehrern. Die Knaben- und Mädchenanzüge werden den Armen vom Konsistorium gestellt, und um diesen Anzug zu erhalten, bringen viele Eltern das „Riescnopser", ihre Kinder ein klein wenig hebräisch lernen zu lassen. Nachdem nun alle Kinder ihre Plätze inne haben, eröffnet der Grandrabbiner die ordentliche Feier, indem er die Gemeinde segnet, worauf ein gutgcschulter Chor mit Ma Tobvu einfällt. Die Knaben müssen nun den ersten Msatz von Schmäh Jisrocl, die 10 Gebote und die 13 Glaubenselcmente hÄbräisch im Chor hersagen und die Mädchen dasselbe französisch wiederholen. Psalm 118 wird in Solo und Chor gesungen; der Grandrabbiner hält eine Rede, und hierauf wird eine Pause gemacht. Dieselbe wird durch eine Almosensammlung der reichsten jungen Mädchen ausgefüllt. Nun beginnt der zweite Teck; wiederum Musikspiel, wieder Hersagen eines hebräischen Gebetes seitens der Knaben und eines französischen seitens der Mädchen, Gesang von Adon Olam, Gebet für Frankreich, vom Grandrabbiner und Schluß unter Halleluja-Gesang. Daß diese Feier, welche drei Stunden dauert, Eindruck auf den Zuschauer macht, ist nicht zu leugnen; aber gleichzeitig fällt es hier am deutlichsten in die Augen, wie -schr der christliche Geist, welcher sich überall bemerkbar macht, vorherrscht. Die polnischen Juden haben keine Ahnung davon, daß Mische bedeutende Männer sich mit aller Kraft dagegen stemmten, als im Anfang des 19. Jahrhunderts Jacobson in Westfalen diese Zeremonie einführte, sonst hätten sie sicher mehr Skrupel, dieser Feier beizuwohnen. Aber dennoch fühlen sie innerlich, daß diese Zeremonie Chikus Hagoi ist und suchen ihr Mahnen-