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Neue jüdische Presse · 1910-07-29 · Heft 29 (29.7.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 29 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 29. gfrattlfuifcr jMritiMIDüb ^dünfiSettStati. Dieser energische Machthaber hat es einfach fertig gebracht, die jüdischen — Sollmten des Jaltaer Garnisonregiments aus dem Kreise Jalta auszuweisen. Hierauf erklärte er stolz: „Nun gibt cs keine Juden mehr in der Jaltaer Garnison!" Warschau. Die hiesige jüd. Gemeinde hat dem Sffig. Fried mann telegraphiert, er möge bei der zweiten Lesung des Gesetzentwurfs bezug l. der Sonntagsruhe für W a r s ch a u die Erlaubnis der Sabbatruhe verlangen, da Dreiviertel der Warschauer Kaufleute Juden sind. Die zweite Lesung ist auf den Herbst verschoben worden. Bis dahin werden voraussichtlich auch andere jüdischen Geineinden Veranlassung nehmen, gegen dieses Gesetz, das man als national-religiöses Verhängnis und zugleich als wirtschaftliche Kalamität schlimmster Art bezeichnen muß, Verwahrung einzulegen. Großbritannien. London. Die Reformpmtei, deren geistiger Führer C l a u d e M o n t e f i o r e ist, hat ein großes Gebäude in dem vorzugsweise von reichen Juden bewohnten Park Lane-Viertel gekauft. Das Gebäude wird in eine Synagoge verwandelt, die vor den großen Feiertagen eröffnet werden soll. Der Gottesdienst wird fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und die Richtung im allgemeinen die der äußersten Reform in Amerika sein. Die Synagoge wird ein Novum in England darstellcn, wo man bisher für derartige Dinge kein Verständnis hatte. Montefiore ist soeben aus Amerika znrückgekehrt, wo er die verschiedenen Reformgemeiuden studierte. Frankreich. Paris. Bei den Munizipalwahlen in Algier siegte die antisemitische Partei mit bedeutender Mehrheit über die gemeinsame Liste der Gemäßigten und Fortschrittler und ist damit nach siebenjähriger Pause wieder zur Herrschaft gelangt. Amerika. Montreal (Kanadas. Vor kurzem wandten sich verschiedene europ. und anierikan. jüd. Gesellschaften an das Einwanderungsamt mit der Bitte, mehreren tausend russischen jüd. Emigranten einige Konzessionen zu gewähren. Die betreffenden jüdischen Gesellschaften erklärten sich bereit, für die Uchersiedluugsspesen äufzukommen und dafür zu sorgen, daß die Einwanderer nicht mittellos in Kanada ankommen. Trotzdem die Petition der gedachten Gesellschaften von einflußreicher Seite unterstützt wurde, wurde sie vom Einwanderungsamt abschlägig erledigt. Die Einwanderuugsbehörde teilte nach reiflicher Ueberlegung mit, die gewünschten Konzessionen nicht gewähren zu können. Auge nm Auge. Roman von Sam. Gordon. . Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). Baruch öffnete weit seine Arme, und mit einem unartikulierten Freudenschrei flog Niman an seine Brust. Er hielt Baruch noch iminer fest umschlungen, als jener bereits seine Arme wieder hatte sinken lassen. Dann aber raffte auch Niman sich wieder auf und drängte den Freund von sich, nm nicht durch seine Weichherzigkeit dessen Verdacht zu erregen. Wortlos entfernte sich Baruch; er beschleunigte seine Schritte, um nicht Niman Zeit zu geben, in seine mürrische und knorrige Art zurückzufallen. Baruch wollte jetzt keinen Menschenlaut vernehmen, um die neubefestigte Freundschaft voll und ganz auskosten zu können. Niman horchte noch eine Weise, um sicher zu sein, daß Baruch nicht etwa noch einmal zurückkomme. Der törichte, geliebte Baruch, der durch sein Verlangen nach Gerechtigkeit nur noch das Roß angespornt, das vor Ungeduld ohnedies den Boden stampft, der Oel ins Feuer gegossen, das ohnedies himmelhoch geflackert. — — Doch jetzt ist keine Zeit' zum Nachgrübeln, er muß ans Werk; es muß vollendet sein, che das schwere Unwetter zunr Ausbruch kommt, das schon seit einigen Tagen am Himmel hing. Er nahm den Bohrer wieder zur Hand, und er hatte gerade das ausgeschnittene Brettstück wieder an seinem srühern Platz im Boden eingelassen und mit Harzwachs bestrichen, um den Schnitt nicht erkennen zu lassen, als der erste Donnerschlag erdröhnte, der die ganze Umgebung erbeben machte. Blitz folgte jetzt aus Blitz, und der Regen prasselte mit einer Wucht nieder, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet. Wer Niman wich keinen Schritt. Das war ja gerade, was er brauchte: morgen wird der Dnieper zum Ueberfließen angeschwollen sein, die Wellen werden hoch genug gehen, — und bei einem solchen Brausen und Wirbeln muß man auf alles gefaßt sein. ,— Nach zwei Stunden hatte der Sturm sich gelegt. Niman war unzufrieden. In der jetzt eingetretenen Stille harrte seiner noch eine schwere Aufgabe — zu warten. Seine eiserne Natur überwand aber auch diese Geduldsprobe, wie der Fastende, dem eine reiche Mahlzeit für später in Aussicht gestellt ist. Endlich dämmerte die Morgenröte aus. Ein erfrischender Duft stieg aus Wald und Wiese emjor, und die gefiederten Sänger der Lüfte stimmen ihr Frühkonzert an. Nur der Strom.wälzte sich schäumend und brausend weiter, als grolle er den Vögeln, daß sie das' kommende Trauerwerk besingen, als zürne er der Sonne, daß ie die finstere Tat mit ihren Strahlen vergolden will. Nach einigen Stunden erhielt Niman zahlreichen Zuspruch; in Scharen keuchten die Hauierer mit den schweren Packen herbei. Heute wäre es eine falschangebrachte Sparsamkeit gewesen, den beschwerlichen, aufgeweichten langen Weg bis zur Brücke zu machen. Doch Niman machte kurzen Prozeß und weigerte sich entschieden, sie überzusetzen; allen Drohungen, Schmeicheleien und Bestechungsversuchen setzte er die kurze Bemerkung entgegen, daß er strengen Besehl erhalten habe, jäen Augenblick sich für den Herrn Gouverneur bereit zu halten. Fluchend und schimpfend zogen sie wieder von dannen. Endlich war es zehn Uhr geworden, und Niman machte .sich fertig. Noch einmal wendete er sich der himmlischen Sonne zu, — und mit einem tränenfeuchten Aufblick murmelten seine Lippen leise das eine Wort: „Malka!" , Bald darauf vernahm er auch schon den üblichen Anruf, und eine Minute später erschien Koratow am Ufer. Er war allein gekommen. „Exzellenz wollen die Gewogenheit haben und sich dorthin setzen," sagte Niman leise, nach dem andern Ende des Kahnes deutend. Koratow warf ihm einen strengen, fragenden Blick zu. „Der Strom geht heute sehr hoch, und es wäre gefährlich, das Gleichgewicht außer acht zu lassen." . Achselzuckend ließ sich Koratow dort nieder; Niman trat .hinter ihn, — und die Ruderstange gegen das Ufer stemmend, setzte er den Kahn in Bewegung. Koratow war in Gedanken versunken; den Kopf auf den Arm gestützt, dachte er an die bevorstehende Unterredung mit dem Oberst und mit dem Polizeimeister, wie sich die Hetzjagd gegen die Juden am besten bewerkstelligen ließe, ohne sich selbst dabei bloßzustellcn. Er hatte ihnen bisher sein Vorhaben noch nicht mitgeteilt und dachte eifrig nach, wie er beide gefügig machen könne, ohne sich zu kompromitieren. Eine Heftige Bewegung des Schiffes ließ ihn aufblicken, — nnd mit Befremden sah er die Rudcrstange in ziemlicher Entfernung auf dem Wasser schwimmen, während der Kahn sich mitten in einem Strudel befand. Mit einem wilden Fluch fuhr er zu Niman herum, der ruhig lächelnd dastand, einen mächtigen Knüppel in der Hand. „Was soll das bedeuten, Du Hund!" rief Koratow, mit vor Wut heiserer Stimme. „Wir treiben doch direkt auf die Schleuse zu!" „Du hast es erraten, Koratow. Dorthin treiben wir," sagte Niman gelassen. „Du? — Koratow? — Was unterstehst Du Dich eigentlich. Du Hund von eiueni Juden?" Sein Gesicht war purpurrot vor Raserei, nnd seine Hand fuhr blitzartig nach seiner Rocktasche. Niman grinste. „Spare Dir die Mühe, vielgeliebter Koratow. Dein Revolver steckt in der Manteltasche, den ich Dir vorhin so dienstbeflissen abnahUi, wie es einem akademischen FAHrknecht geziemt. Aber selbst, wenn der Revolver in Deiner Hand wäre, würde ich Dir mit diesem da zuvorgekommen sein." Spielend fuchtelte Niman mit dem Knüppel vor Koratows Gesicht herum. „Was willst Du eigentlich von mir?" fragte der Gouverneur, während jeder Blutstropfen aus seinem Gesichte gewichen war. „Nicht viel. Ich will Dir nur mitteilen, daß Du sterben mußt. Mache Dich schnell fertig, denn nichts kann Dich retten!" „Warum?" fragte Koratow, der nach einem Blick auf seinen Gegner und auf die einsamen, weitentfernten Ufer einsah, daß er hier mit Gewalt nichts ausrichten werde. „Aus vielerlei Gründen. Erstens, damit mein Freund und Schulkamerad, der Judenjunge Baruch Volkmann, dessen Eltern durch Deine Schurkerei im Walde umgekommen sind, Deine ferne, hocharistokratische Tochter Alma heiraten kann. Bei der Hochzeit wirst Du ja picht dabei sein; aber wenn Du wlllst, kannst Du den ershen Toast au' das Brautpaar auch hier ausbringen!-Mein zweiter Grund ist, damit die Juden in Dttomsk nicht abgeschlachtet werden sollen, wäs Du jetzt mit Deinen Henkersknechten verabreden und veranlassen wolltest. Der dritte und Hauptgrund aber ist, weil Du Dich bei unserer ersten denkwürdigen Begegnung so sehr gefreut hast, einen akademichen Mihrknecht zu haben; nun sollst Du sehen, was wir alles auf der Universität gelernt haben. Ich habe mich Dir damals als Charon vorgetellt, und nun .sollst Du tatsächlich durch mich zur Hölle fahren." Koratow schwieg; — endlich raffte er sich zusammen und sprach: „Aus all Deinen Reden verstehe ich nur das eine, daß Ihr Juden — wahrscheinlich durch den Teufel, Euren Bundesgenossen — herausgeschnüfelt habt, daß — daß — ich — bei Euch eine — eilte — unfreiwillige Anleihe machen wollte." Er gab sich den Anschein, als wolle er .die ganze Sache nur scherzhaft auffassen; doch seine angstverzerrten Züge widersprachen dem vollständig. „Wie nun," fuhr ec leicht fort „wenn ich Dir verspreche. Euch weiter kein Leid zuzufügen, — willst Du da mein Leben schonen?" „Höre Koratow! Du weißt, daß Du sterben wirst; willst Du noch mit einer frechen Lüge auf den Lippen vor den ewigen Richter hintreten? — Schwöre mir, bei Deiner Seele Seligkeit! . . Doch nein! Schwöre mir bei dem Glücke Deines Kindes, würdest Du Dein Wort gehalten haben, wenn ich Dich jetzt ans Ufer brächte?" Koratow faltete die Hände und stieß einen schweren Seufzer aus. Vor dem durchbohrenden Blick Nimans mußte er seine Augen beschämt und bedrückt Niederschlagen. Er wußte, daß sein Feind ihn vollständig durchschaut hatte, daß jede Bitte und jedes Versprechen vergeblich war. Sein Gesicht tvurde jetzt starr,, und sich gewaltsam aufraffend, sprach er: „Sehr wohl. Ich verdiene zu sterben, weil ich, der Repräsentant des Kaisers, bei eineni Judenhund um mein Leben gebettelt habe." „So ist es recht, Koratowchen," suhr Niman in seiner wiedergewonnenen beißenden Ironie fort: „betrachte die Sache vom philosophischen Standpunkt. Du kannst jetzt nichts anderes machen; denn ich kenne Deine Gedanken ganz genau und weiß, daß in derselben Minute, da Du wieder das Ufer erreichst. Du mich sofort in Ketten legen ließest und jeden Jttden, der Dir begegnet, mit eigenen Händen erwürgen würdest. Siehst Du, das kommt davon, wenn man einen schlechten Ruf hat. Wer Du empfindest jetzt nur tzas, was Du tausend und abertausend Seelen Hast empfinden lassen, die Dir in ihrem ganzen Leben nichts in den Weg gelegt hatten. Wo war denn damals Dein Stolz als „Repräsentant des Kaisers," als Du das Geld, an welchem das unschuldig vergossene Blut der Juden klebte, verzecht und ver. jubelt hast? Ich sehe Dich gern den Stolzen spielen; nur macht es auf mich nicht den geringsten Eindruck. Ich begehe einen Mord — Gott allein weiß, wie schwer es mir wird : aber ich büße ihn mit meinem eigenen Leben; ich handele in der Notwehr, und ich opfere mich für meine Brüder. — Doch Du, „Repräsentant des Kaisers" Du hast gemordet — hörst Du? — tausendfach gemordet, kaltherzig, mit tierischer Blutgier, Männer, Frauen, Greise Säuglinge, ohne Erbarmen, nur um Deiner Verschwendungssucht zu genügen, um der Völlerei zu stöhnen, um dem Spielteufel zu opfern!! Wer nun hat den Teufel zum Bundesgenossen gewählt, wir oder Du, „Repräsentant des Kaisers?" Wo ist jetzt Dein Stolz? — Und nun, paß auf! Jetzt tauchen wir unter!" Mit voller Wucht trat er auf das ausgeschnittene Brett, das unter seinem Fuß verschwand, — und bald war der Kahn mit Wasser voll. Koratow stand da, mit schlotternden Knieen, mit weit aufgerissenen Augen, und seine Lippen murmelten fortwährend: „Sterben — wirklich sterben? Ohne Abschied — Und nicht einmal Alma küssen." ,F)hne Sorge," höhnte Niman auch in dieser schicksalsreichen Minute; „ich habe ihr einen würdigern Stellvertreter gelassen, in meinem Freunde Baruch. . . ." Und der Name seines Freundes^ war das letzte Wort, welches Niman Lichtenberg in dieser Welt gesprochen. (Fortsetzung folgt.) Spenden. Bei dem Franks. Ist. Familienblatt gingen für den Nationalfonds ein: Frl. Lotte Wolpe bei der Hochzeit Rosa Girdisky - Frankfurt — Heymann Kessel, Pretoria gesammelt 5,— Jk L. 0,30 „ Staniol von Frau Bertha Hirsch, Homburg v. d. H'., Ludwigstratze. Vereins-Kalender. Samstag. Verein „Mekor Chajim", 4y4 Uhr, Schützenstr. 2: Mikro-Vortrag (Josef Sänger).

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