Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ikrnitkfitrker Jfrorlitifitirs finiilirililatt HedaLttorr und Geschäftsstelle: Srsnkfurl s. IN.. vilbelerKraße 4/6, Ecke Lleichstraße ‘Qetefon 10507. -HSK'- Aerausgeber: Kalg Geis. 8. Jahrgang. Freitag, Äe« 22. Tamus 5670 (29. Juli 1910). Rr. 29. r~* 1 . Jnsertionspreise: Die viergespaltene PetitzeUe. 25 Psg. Die Reklamezeile. WO „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. r - — - —1 — Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,-50. sonstige Länder Mk. 2.— ( -- Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Salomon Reinach, ein Typus. — Londoner Chronik. — Die Mische Gemeinde in Paris. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Spenden. — Wochenkalender. — Familiennachrichten. Salomon Reinach, ei« Typus. Von Ben-Kotzeleth. Salomon Reinach ist seiner Geburt nach zwar Jude, seiner religiösen Ueberzeugung nach jedoch Freidenker, seiner jüdischen Tätigkeit nach Assimilator und seinem Berufe nach Archäologe für griechische Altertümer. Er ' ist Direktor des Museums französischer Altertümer in St. Germain, ist Vorsitzender der hellenistischen Vereinigung in Frankreich, schwärmt also für den Panhellenismus und schreibt ein Buch über — die G esch ichte der Religionen im allgemeinen, über die des Judentums im besonderen.*) Salomon Reinach verlachtdie Religionen, schaut auf sie mit Verachtung hinab, betrachtet sie als „unendlich merkwürdige Produkte der menschlichen Geistes- und Einbildungskraft aus der Zeit, da sich beide noch tief im kindlichen Stadium befanden"; — das hindert ihn aber nicht, objektiv ihre Geschichte schreiben zu wollen. Salomon Reinach haßt das Judentum, betrachtet es als engherzig, formalistisch, kleinlich, grausam, fanatisch (das Christentum erbte den Fanatismus, den Griechen und Römer nicht kannten, vom Judentum, S. 163), als eine Religion, deren wichtigste Bedeutung darin besteht, daß sie der Welt das Christentum geschenkt habe; — das alles kann ihn jedoch nicht davon abhalten, die Geschichte des Judentums zu schreiben. Kann ein solches Buch eines solchen Verfassers irgendwelchen Anspruch auf Bedeutung erheben, verdient es überhaupt irgendwelche Beachtung? Gewiß nicht. Und doch las ich es, las es mit großem Interesse. Warum? Weil es mir als typisch für seinen Autor erscheint. Und während ich das Kapitel über „Hebräer, Israeliten und Juden" las, schweisten meine Gedanken zu Salomon Reinach, und ich suchte mir ein Bild dieses Mannes zu bilden. Und dieses Bild will ich jetzt zeichnen. Denn Salomon Reinach muß man kennen. Ist er doch Vorsitzender der „Alliance", Mitglied des Vorstandes der „Jca",' hat einen großen Namen und gilt daher als Zierde des Judentums im allgemeinen, des französischen im besonderen. Doch noch aus einem anderen Grunde ist Salomon Reinach beachtungswert: Salomon Reinach ist nämlich ein Typus. »- * *) Salomon Reinach: Orpheus. Allgemeine Geschichte der Religion. Deutsche Ausgabe von A. Mahler.. Wien und Leipzig 1910. Verlag von I. Eisenstein & Co., Wien. Welch ein Typus? Salomon Reinach hat vor einigen Jahren einen Vortrag über die Juden gchälten, in welchem er zu dem Ergebnis kam: „Les juifs sont ni race, ni religion, ni peuple!" Also was dann? Denn daß die Juden gewisse Eigentümlichkeiten gemeinsam haben, daß ihnen allen gewisse Charakterzeichen eigen sind, konnte selbst Salomon Reinach nicht bestreiten. Woraus erklärte er sie also? Diese gemeinsamen Eigentümlichkeiten der Inden — also dozierte Salonwn Reinach — stammen daher, daß sie alle in verschiedenen Ländern zufälligerweise die gleichen Verfolgungen und Leiden zu erdulden hatten. Diese Erklärungsart ist, aus alle Juden angewandt, natürlich lächerlich. Wer unbewußt hat Salomon Reinach mit dieser Methode selbst den Weg gezeigt, seine eigene Persönlichkeit zu erklären. Denn Salomon Reinach kann man nur verstehen und sich erklären, wenn man die Leiden des jüdischen Volkes im Goluth kennt. Salomon Reinach ist Hämisch der Typus jenes Juden, wie er aus der Folterkammer des Ghetto zerstümmelt und verzerrt hervorgegangen ist, jenes Juden, der, von stolzem Geschlechte stammend, durch die jahrhundertelangen Leiden derart entformt wurde, daß er fast verabscheuungswürdig geworden ist, jenes Juden, von dessen Eigenschaften wir alle ein wenig besitzen, der aber in einzelnen Individuen vollständig verkörpert auftritt, jenes Juden, den wir als den Golnthjuden in seiner häßlichen Erscheinung bezeichnen. Es Hingt merkwürdig, aber es ist so! Salomon Reinach, der feingebildete Europäer, der schwärmerische Hellene, der fortgeschrittene Freidenker, der sich durch nichts mchr mit dem Judentum verbunden fühlt, Salomon Reinach ist in Wahrheit ein Goluthjude in seiner häßlichsten Erscheinung, ein Goluthjude, wie wir chn in den heutigen Ghettos öfters finden, der uns hier nur in einem anderen Milieu erscheint. Nehmt nur den Goluthjuden mit all seinen widerlichen Eigenschaften, gebt chm europäische Kultur zu schmecken, laßt ihn griechische Altertumswissenschaft studieren, versetzt chn in ein feines europäisches Milieu, und ihr habt Salomon Reinach. * * * Welches sind eigentlich die Eigenschaften eines solchen Goluthjuden? . Vor allem hat er eine Eigenschaft, die man sonst bei keinem lebenden Wesen vorfinden wird, die einzig und allein ihm eigen ist, die S elbstzerstörungswut. Sie besteht darin, daß das von chr befallene Individuum alles, was ihm eigentümlich ist, all sein Individuelles haßt und verabscheut, cs zerstören und ausrotten will. Dieser Trieb ist anormal in der höchsten Potenz, denn er stellt die Negierung jenes Triebes dar, der von allen anderen der wichtigste ist, den die Natur jedem lebenden Wesen als sein höchstes Gut gegeben hat, und den zu besiiedigen den eigentlichen Inhalt unseres Lebens bildet, des Selbsterhaltungstriebes. Jedes lebende Individuum, Tier und Mensch, Stein und Pflanze, strebt vor allem danach, sein chm Eigenes, das kein anderes Wesen besitzt, zu verteidigen und zu entwickeln. Der Goluthjude ist das einzige Wesen in der Welt, das diesen Trieb nicht kennt, das von der entgegengesetzten Leidenschaft beherrscht wird. Ein wenig von dieser anormalen Sucht beschen wir ja alle, und wir zeigen dies in jener unserer iEigenschaft, die wir als die Selbstironie zu bezeichnen pflegen. Man denke sich nun diese Selbstironie bedeutend verstärkt, in ihre höchste Potenz gesetzt, — und man hat die Selbstzerstörungswut, man hat das, was wir Assimilationssucht nennen, man hat die beherrschende Eigenschaft der Persönlichkeit Salomon Reinachs. Was jüdisch ist, haßt er und bereitet ihm inneres Leiden, wenn man ihm die hebräische Sprache erwähnt, gerät er in Zorn, wenn man ihm von jüdischer Renaissance spricht, ist er außer sich, und wenn er vom Zionismus hört, kennt seine Wut keine Grenzen. Was Wunder, wenn sein ganzes Streben nur darauf gerichtet ist, alles Jüdisch e zu vernichten, alles Jüdische aufzugeben und zu assimilieren. Und ein solcher Mann ist Vorsitzender der Alliance, Mitglied der „Jca" und schreibt die Geschichte des Judentums! * * * Der echte Goluthjude besitzt noch eine andere Eigenschaft, nämlich immer der FortgeschrittenstederFortgeschrittenensein zu wollen. Wenn irgendwo in der Welt eine neue Idee erscheint, ist er chr erster und feurigster Anhänger; wenn eine neue Partei gegründet wird, ist er sofort chr treuestes Mitglied, und wenn irgendwo eine neue Mode auftritt, ist er der erste, der sich chrer bemächtigt. Diese seine Handlungsweise ist aus seinem inneren Wünschen und Fühlen heraus sehr verständlich. Strebt er doch mit all seiner Energie nur danach, nichts davon merken zu lassen, daß er als Jude geboren ist, und dies glaubt er eben am besten dadurch zu erreichen, daß er ganz und gar modern wird. Und da man den Juden gewöhnlich an seiner Religion zu erkennen pflegt, ist es klar, daß dieser Goluthjude sich mit besonderer Leidenschaft jeder neuen religiösen Strömung zuwendet, — und er, dessen Ahnen die geringste und unwesentlichste Religionsvorschrift mit der größten Genauigkeit einhielten,, ist nun in religiöser Beziehung stets der am meisten Aufgeklärte und Fortgeschrittene. Er ist überzeugter Freidenker, haßt jeden Dogmatismus, verabscheut jeden Formalismus, schwärmt nur für die religiöse Idee und für messianische Ideale. Und dies ist ein weiterer Grund für chn, das Judentum zu verachten.