Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 28 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Seite 4. mr, i gr*’-^-— — Smajumx ^sraRMkWp» ooraintDiiini. Washington. Es wird dafür agitiert, dem großen Freiheitsheldeil Jehuda Turo (geh. 1775 in Newport Arad Island, gest. 1854 in Mw- Orleans) int Statuensaal des Weißen Hauses ein Denkmal zu stellen. Jehuda Turo, der Sohn des Rabbiners Jsaac Turo,' entstammte einer portugiesischen Familie. 1802 ging er nach New - Orleans , (Lousiana) und hatte dort einen solch' großen geschäftlichen Erfolg, daß er bald zu den reichsten Leuten der Gegend gehörte. Ms 1814 der' Krieg ausbrach, verließen alle vermögenden Bürger die Stadt. Anders Turo; — nicht nur, daß er der Regierung sein Geld zur Derfügung stellte, er trat selbst in die Vcrteidigungsarmee ein und kämpfte als gemeiner Soldat. Groß war Tnro's Philanthropie. Seiner Vaterstadt Neuport schenkte er eine herrliche öffentliche Parkanlage, die noch heute den Namen „Turo - Park" führt. Unzählig sind die Wohltätigkeitsanstalten, die von ihm große Summen erhielten. Durch Moses Montesivre widmete er auch den notleidenden Juden Jerusalems große Spenden. In seinem Testamente — er hinterließ keine Erben — vermachte er für wohltätige Zwecke über eine halbe Million Dollars. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung).;,Aber, Alma, ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. — Sie ist eine ganz verteufelte Hexe! Ich hatte sie nach Paris geschafft und ihr in einem Variete eine langjährige Anstellung besorgt, was mich auch ein Heidengeld gekostet hat. Und nun ist sie wieder dort ausgerückt und "wieder nach Petersburg zurückgekehrt." „Aber sie spricht doch von Dir als ihrem rechtmäßigen Gatten?"' „Nun, — ja; — freilich; — sie bestand damals darauf, daß ein alter Pope ein langes Geplärre bei einer Zeremonie verrichtet. — Aber was liegt daran? Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß es nur iveuig Mühe Herursachen wird, den ganzen Krempel ungeschehen zu machen." „Meinst Du wirklich?" fragte Alma mit scheinbarem Interesse. Er ging blindlings in die Falle. > „Natürlich! Und wenn Du klug bist, Wma, brauchst Du von diesem Brief nicht. die geringste Notiz zu nehmen. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, mir liegt nichts mehr an ihr. Du bist die einzige Frau, die ichliebe." „Und wirst Du den Brief nicht beantworten?" ,Mozu? Ich gebe Dir mein Ehrenw . . ." „Wer mir wirst Du doch einen Brief schreiben?" unterbrach sie seine Frivolitäten. „Tausend für einen! Wann denn?" >,Morgen, — daß Du wohlbehalten in Petersburg angekommen bist." „Wer ich werde doch morgen noch nicht dort sein!" rief er, doch ein wenig verblüfft. „Gewiß piirst Du morgen dort sein: denn Du wirst noch heute von Ditomsk abreisen!" Er taumelte einen Schritt zurück, wie von einem Faustschlag getroffen. „Mit andern Worten, Du weisest mir die Tür!" rief er voller Wut. „Ich tue es aber mit mehr Takt, als mein Vater es tun würde. Du kannst doch übrigens jedem sagen, daß Dein Oberst Dich plötzlich zum. Regiment einberufen hat." „Aha!" rief er triumphierend. „Wie mir scheint, scheuen auch die festen Ehrensäulen nicht vor einer Unwahrheit zurück, wenn cs ihnen in den Kram paßt," kam es voller Hohn von seinen Lippen. Sie schien seine Bemerkung überhört zu haben, und blickte ihn gar eigenartig an. „Karol, Karol!" sprach sie traurig. „Wie konntest Du mir so etwas antun?!" Ihre Augen tvarcn hart und trocken, doch die . Tränen lagen in ihrer Stimme. „Wie konntest Du mich so erniedrigen? Bedenke doch, was geschehen wäre, wenn ich Dich wirklich geliebt hätte? Karol, Karol! Wolltest Du Deine Cousine wirklich zu Deiner Maitresse herabwürdigen? Geschieden oder nicht geschieden, jene wäre ja doch Dein rechtmäßiges Weib geblieben! Und jetzt hast Du noch die Dreistigkeit, mit Deinem Ehrenwort herumzuwerfen und mir noch von Liebe zu sprechen!" Er hörte ihre sanfte, schwesterliche Zurechtweisung kalt Lächelnd an, ohne eine Spur von Reue zu empfinden. Was er bereute, war nur seine Ungeschicklichkeit, daß sie ihm zuvorkam. Warum hatte er nur die Sache nicht schlauer angefaßt? Warum hatte er ihr gestattet, soweit zu.gehen, ehe er ihr auch seine interessante Neuigkeit ins Gesicht geschleudert Kalte? Dier Peitschenhieb, den er ihr versetzen wollte, wird nun viel von seiner Kraft einbüßen, da sie es als einen Racheakt seinerseits ausfassen wird. .— Mer mag es doch. Selbst mft seiner stumpfen Waffe glaubte er ihr noch eine tätliche Wunde beibringen zu können. Drohend trat er daher dicht an sie heran und sprach: „Liebes Cousinchen, ich möchte Dich etwas fragen — allerdings ist es nur der Wissenschaft halber —; gesetzt den Fall, Da hättest die Wahl zwischen Deinem Vetter, der nach Deiner Ansicht ein Bigamist ist, und dem Sohne eines Flickschusters, Ivelchen würdest Du wohl als Gatten wählen?" „Wie kommst Du auf eine solche Abgeschmacktheit?" fragte sic, nicht ohne Verwirrung, da sein zynisches Lächeln sie nichts Gutes ahnen ließ.. „Weil ich nämlich der eine, und Dein Herr Volkmann der andere ist!" Mit verzloeifclter Kraft gelang cs ihr, sich aufrecht zu halten. Diese tückischen Augen sollten doch nicht scheu, was sie zu sehen förmlich lechzten. Es gelang ihr in der Tat, die äußere Ruhe zu bewahren. „Was Volkmann auch sein mag, ich werde ihm immer die größte Achtung entgegcnbringen. „Achten, ehren, schätzen und huldigen kannst Du ihn meinetwegen, soviel Du nur >oillst; doch heiraten wirst Du ihn wohl doch nicht." Sie warf ihm einen Blick zu, der das spöttische Lächeln von seine» Lippen fegte. „Besitzest Dn wirklich, die Anmaßung, darüber zu entscheiden, ob ich ihn heiraten werde oder nicht?" „Allerdings ist cs in erster Reihe Sache Deines Vaters," sprach er brutal; „allein, selbst lvenn er seine Einwilligung geben sollte, darfst Du doch nicht vergessen, daß auch noch andere die Ehre haben, dieser altadeligen Familie anzugehöre», die es nimmer gestatten .werden, auf diese Weise sich mit einem Juden zu verschwägern." „Sehr schön gesagt! Da ich aber auch zu dieser altadeligen Familie gehöre, so ivill ich Dir auch mein Ehrenwort geben — und das meinige ist mir nicht jo wohlfeil, wie manchem Mädchenjägcr und Strauchritter —, daß ich nur einen Mann heiraten werde, der den Mut besitzt, seinem Feinde offen, im ehrlichen Zweikampfe entgegenzutreten, nicht aber, wie ein feiger Mörder, hinterrücks von seiner Schußwaffe Gebrauch macht!" Wie ein verprügelter Hund ließ er den Kopf sinken. „Du hast den Teufel im' Leibe!" stieß er knirschend hervor und stürnite davon. „Vergiß nicht, daß Dein Zug in zwei Stunden abgcht," rief sie ihm noch nach. Kaum aber tvar die Tür krachend ins Schloß gefallen, als auch sie gebrochen- und verzweifelt niedersank. Noch eine Minute länger, und sic hätte diesen Seelenkampf nicht ertragen, sie wäre doch noch vor seinen Augen .zusammengebrochen. Sie fing an zu grübeln, aber ihre Gedanken verwirrte» sich mehr und mehr. Volkmann, ihr Ideal, — ein Jirde aus der niedrigsten Sphäre hervorgcgangen — dem verachteten Stamme angehörend — der Abkömmling eines Schusters — er hat es gewagt, sie zu umgarnen! — O, Männer! O, Schicksal! Dort eine Maitresse, hier ein Judenweib!" Doch bald fand sie sich wieder. — Wo war nur ihr sonst so klarer Verstand geblieben? Volkmanns Bild ist in ihrem Herzen ties eingeprägt, und cs kann durch nichts daraus verdrängt werden. Wo auch seine Wiege gestanden haben mag — er, war doch — „Er!" — Noch ist nichts verloren. Sic liebt ihn mit der ganzen Kraft ihrer Seele; nimmer wird jic von ihm lassen! — Sie wird es ihrem Vater sagen, und seine Liebe für sie, wird das Vorurteil bei "ihm überwinden. Er wird sicherlich sein Kind nicht in den Tod jagen! Sic sprang freudig auf. -Ihr war jetzt noch ein anderer Gedanke gekommen. Sie war .froh, daß Volkmann ihr doch etwas' verheimlicht; wenigstens hatte sie einen Fleck, eine Unvollkommenheit an diesem Muster und Vorbild der Menschen entdeckt! Und das war eine gute Vorbedeutung, eine Bürgschaft, daß die Vorsehung es doch nockgut mit ihr meint; denn diese seine Unvollkommenheit tvill sie als ein Opfer betrachten, mit tvelchem sie den Neid der Götter beschwichtigen kann. — — Sie fing an, laut vor sich herzusprechen, wie ein Kind, das ,durch lautes Reden die Gespensterfurcht verscheuchen will. Der Gewittersturm in ihrem Innern hatte ausgetobt; ihr kindlichfrohes Lächeln kam wieder zum Vorschein. Freudig .sah sie der Zukunft entgegen. XX. Es war kein Mondschein, aber der besternte Himmel gab Niman doch genügend Licht zu der großen Tat, durch welche er Bäruchs Schicksal besiegeln und die Rettung seiner Glaubensgenossen bewirken wollte.- Wie ein Feldherr, der nach schweren, verzweifelten Kämpfen doch noch die Schlacht gewonnen, so blickte Niman auf 'fein vergangenes Leben zurück. Er hat viele, sehr viele Mißerfolge zu verzeichnen: Schiffbruch im Berufe. Demütigung in der Liebe, Täuschung in der Freundschaft-; doch jetzt schwelgt er in dem Siegergesühl. Die eine Tat wird alles' wettmachen, die eine Tat volle Entschädigung ihm gewähren. Er hatte den schweren, plumpen Kahn zur Hälfte aus dem Wasser 'gezogen und auf die Seite um gekippt — -^ ebenfalls eine ^Tat, die nur der „stärkste Mann" vollbringen konnte. Jetzt hat er auch etwa einen Quadratfuß im Boden des 'Schiffes durchgebohrt; wiederum eine gewaltige Leistung, in Anbetracht des ungeeigneten Werkzeuges, das ihm zur Verfügtmg stand. Er verspürte keinerlei Ermüdung, und trotz des Schlveißes, der sich in Strömen über ihn goß, versuchte er sogar ein Liedchen zn brummen, soweit seine unmclodische Baßstimme dieses zuließ. Er fühlte sich sicher und ganz behaglich in seiner Einsamkeit. Die ganze Stadt lag im Schlafe versunken, cs ihm allein überlassend, ihr Geschick zu gestalten, und die Zufriedenheit, die er bei seiner Arbeit empfand, gab ihm die Gewißheit, daß dr cs vorzüglich tat; wenigstens soweit es das Geschick seiner Stammesgenossen in Ditomsk betraf. Welche Aendcrung zum Bessern wird sich schon morgen da bemerkbar machen! Und gar erst für Baruch! Morgen wird sich Ditomsk kaum selbst wiedercrkeniic»! — Welche, Aufregung und Bewegung! Welch scheues Flüstern, welch geheimnisvolles Hin- und Herrenncn! Nur schade, daß er es nicht mitansehen kmi»! Darum aber ist es nicht mehr als billig, daß er seine Befriedigung sich vorwegninnnt; ebenso berechtigt ist er, sich jetzt selbst zu verherrlichen, da kein anderer ihm die gebührende Anerkennung zollen, weil kein anderer seine Tat begreifen wird. Im Gegenteil einige werden * vielleicht so töricht sein, ihn noch zu bemitleiden; zu diesen wird wahrscheinlich auch sein Freund Baruch gehören. — Bei diesem Gedanken konnte er ein leises Lächeln nicht iiiiterdrückcn. Baruch wird ein großer Mann werden; er wird steigen höher und höher; aber so hoch er auch steigen mag, der eine Gedanke wird ihm überallhin Nachfolgen, daß der Anfang und Ursprung seines neuen Lebensfadens von den Fingern eines toten Mannes festgehalten und fortgesponnen wird. Baruch ist zwar das Pferd, das liegreich durch das Ziel geht, Niman aber bleibt doch der geschickte Lenker. Und wer ist wohl beneidenswerter, — der Lenker oder das Pferd? — Und -wie flink ihm das' Werk von Hände» geht! Es arbeitet sich leicht, wenn man des Erfolges im voraus sicher ist. Schließlich .sind die physischen, die körperlichen Kräfte doch noch dic zuverlässigsten. Mag Baruch nur weiter mit seinen psychologischen Experimenten sich abqnälen, er, Niman, tvill nur der Kraft seiner Arme vertrauen. Wie angenehm, wie traulich und sicher war cs doch hier. Er fühlt sich frisch und kräftig, ob er auch die letzten Nächte völlig schlaflos und die Tage durch angestrengtes Nachdenken verbracht hat. Und es schadet auch gar nicht — morgen wird er alles nachholen — morgen wird er ausruhen — schlafen — immer — schlafen. Nur noch eine Unruhe quälte ihn, nur nvch cine Neugierde peinigte ihn: was Baruch jetzt von ihm denkt, ob er doch noch einmal gn ihm kommen wird, um ihm die Hand zu drücken. Alles andere tvar ihm jetzt vollständig gleichgültig — Malta mit inbegriffen —. Doch, horch! Was tvar das? Wie der Springbock vor dem Rudel, spitzt er die Ohren, da er ein verdächtiges Geräuch vernommen. Aber, als stünde er jetzt schon mit der Geisterwelt in Berührung, sollte ihm die Frage beantwortet werden, die er eben wegen. Baruch sich selbst vorgelcgt; denn als er seine Augen empvrrichtcte, stand Baruch vor ihm, schwer und kurz atmend, von dem schnellen Laufen hierher. Niman hätte vor Freude fast lautaitsgeschrien. „Ich habe die Gelegenheit benutzt," begann Baruch, ,„da die andern den Dragonerlcutnant zur Bahn begleitet, um zu Dir zu. kommen, tveil ich nicht ruhen kann, bis ich Dich wieder gesehen." Niman antwortete nicht; er stieß den Bohrer aus Baruchs Gesichtskreis, was ihni aber nicht gelang. „Was machst Du da?" fragte Baruch, auf den Kahn und auch auf den Bohrer deutend. „Ich bessere mein Kriegsschiff 'aus," war die lakonische Antwort. „Es sicht eher aus, als wolltest Du ein Loch bohren." „Vielleicht ist das Zerstören das beste Mittel, um ausznbessern." Bariüh seufzte. „Mir kommt es fo vor, als ob Du bereits die Fähigkeit verloren hast, zwischen Ausbessern und Zerstören zu unterscheiden. Wenigstens scheint dieses bei unserer Freundschaft der Fall zu sein." Jetzt, da Baruch zu ihm gekommen, mithin auch sein letzter Wunsch erfüllt war, verfiel Niman wieder in seine alte sarkastische Art zurück. „Spare Dir Deine Gefühlsduseleien für Koratows Tochter," war seine hämische Bemerkung. „Ich bin nicht mit Gefühlsduseleien zu Dir gekommen, wie Du Dich so geschmackvoll ausdrückst, sondern um von Dir Gerechtigkeit zu verlangen." Er wollte Nimans Hohn Barschheit entgegensetzen. „Ich bestehe darauf, daß Du Deine beleidigenden Aeußernngen zurücknimmst." „Du hast wirllich alle Anlagen, ein großer Mann zu werden; denn auch die letzte Notwendigkeit für diese Größe hast Du. Dir . schon bei- .