Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 28 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 28. Seite 3. ffranffurfcr WaEisHO FawAienblE. Hausierpatent vom Jahre 1852 stützt, herausgab, welche das Hausieren ab 1. Januar 1911 verbietet. Durch diese Verordnung werden Hunderte von jüdischen Familien brotlos. Budapest. Der Minister des Innern hat dem neuen Statut des Szilagyer Komitats die Genehmigung versagt, weil die Komitate kein Recht haben, die Sonntagsruhe auf die Wirtshäuser auszudeynen. Es besteht eine ministerielle Verfügung zu Recht, daß die Wirtshäuser und Branntweinschenken an Sonn- und Feiertagen den ganzen TW über offen gehalten werden dürfen. Großbritannien. London. Infolge der Vorstellungen, die bei den europäischen Gesandschaften in Teheran wegen der Angriffe auf Juden iu verschiedenen persischen Städten, namentlich iit Hamädau, erhoben worden waren, beauftragte der britische Gesandte den Konsularagenten in Hamadan, eine genaue Untersuchung einzuleiten. Der Direktor der dortigen Allianceschule übergab dem britischen Konsularagenten das Aktenmaterial über den jungen Juden, der unter falscher Beschuldigung verhaftet worden tvar. Auch der französische Botschafter in Teheran hat an den persischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine dringende Note in dieser Sache gerichtet und versprach dem Direktor der Allianceschule, den lveitern Verlauf der Angelegenheit mit der größten Aufmerkfaiiikeit verfolgen zu wollen. Lonoon. Eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von zwölstausend Pfund wurde diese 'Woche hier unter dem Namen „The Feininan Aiddisy People's Theatre Company" zur E r r i ch t u n g eines jüdischen Theaters in Whitechapel gegründet. Die Gründer beabsichtigen, ein niodernes Theater jit bauen, das allen Ansprüchen der Kunst genügen soll. Rußland. Shitoinir. Vorige Woche überfiel eine ganze Schar Kiewer Chuliganes die friedlichen Bürger der auf der anderen Seite des „Dnieper" gelegenen Stadt „S l a b o d k a", mißhandelten und beraubten die jüdischen Einwohner lind suchten das Weite. Bekanntlich existiert das Städtlein „Slabodka" als Zufluchtsort der Juden, die in Kiew kein Wohnrecht haben. Die armen Inden, die in Slabodka wohnen müssen, halten sich den ganzen Tag in Kiew aus; nur um 10 Uhr Abends, wenn die Glocke der letzten Dampfer-Abfahrt erschallt, müssen sie bereits am Kai sein, beim sonst wissen sie nicht, wo zu übernachten. Auf dein heiligen Boden Kiew's dürfen sie die Nacht nicht znbringen, sie könnten dieses nnbefugte Logieren 'sehr teuer bezahlen, manchmal mit einem Spaziergang von einigen Monaten. Bei dem lleberfall hatten sogar einige Christen das Mißgeschick, sür Juden gehalten und als solche gründlich verprügelt zu werden. Einige Juden liegen noch jetzt hoffnungslos darnieder, so R. Fakterowitz, S. Levitin, Golub, Luban. Das Interesse für Palästina wächst ständig. Biele begüterten Familien verkaufen iljre Geschäfte zu Spottpreisen und denken auszuwandern. Die Nachrichten von Amerika lauten nicht so günstig, Newyork ist bekanntlich iibersüllt, und so werden binnen kurzem einige hundert Familien nach Palästina answanderu. Die Verhältnisse hier in Rußland sind furchtbare. Kein Handel und Wandel, keine Unternehmungslust, die Menschen wandern in den Straßen gesenkten Hcnrptes uird haben »ur eine Idee, nämlich die: anszuwandern. Die Hänserpreise sind sehr billig, kein Jude baut oder kaust etwas. Der Andrang iu den. Gymnasien, Realschulen läßt ebenfalls nach, da die Jugend sich endlich überzeugt hat, daß sür den Juden mit dem Absolvieren der Gymnasien und Hochschule» nichts geschehen ist. I. I. Braun. Petersburg. Gutschkow, Präsident der Reichsduma, der auf der Durchreise nach Sofia zum Panslawistenkongreß Odessa passierte, empfing den Vertreter der „Odesskija Nowosty" und .hatte mit ihin ein längeres Gespräch über die Jndenfrage. Gutschkow sprach die Vermutung aus, daß die Gesetzesvorlage wegen Aushebung des Ansiedlungsrayvns von der Duma mit der Einschränllmg angenommen werden wird, daß den Juden das Wo hnrecht in den Städten, keineswegs aber in den Dörfern eingeräumt wird. Bezüglich der jüdischen Schulnot erklärte Gutschkow offenherzig, daß er gegen die Aufhebung der Prozentuorm für jüdische Tlspiranten ist, da in diesem Falle die Juden sehr bald die autochthonen Elemente aus den Schulen verdrängen würden. Hingegen ist er für eine Vermehrung der staatlichen Schulen; dadurch würden sich auch der jüdischen Schuljugend neue Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Gutschkow verwies schließlich auf die in den Kreisen der Rechten geplante Vorlage betreffs Schaffung einer speziellen Hochschule für die Juden, während die allgemeinen Hochschulen für sie ganz gesperrt werden sollen. Auf diese Weise würden die jüdischen Witurienten Unterkunft finden und die russische Jugend vordem „demoralisierenden politischen Einfluß der Juden" belvahrt bleiben. . . . Wilna. Scholaum A l e i ch e m lS. Rabinowitz), der jüdische Mark Twain, nacht im „Hed Hasman" einen originellen Vorschlag zugunsten der jüdischen Abbrändler. Es solle eine illustrierte Sammelschrift herausgegeben werden, zu der alles umsonst geliefert werde, die Beiträge, das Papier, die Setzerarbeit, die Reklameannoncen der Zeitungen und der Vertrieb der Buchhändler. — Die Setzer des „H a d H a s m a n" haben sich bereits bereit erklärt, zehn Bogen des Buches unentgeltlich zu setzen. Bulgarien. Sofia. Unter Femhaltung der fortschrittlichen Elemente fand hier ein allslawischer Kongreß statt. Die r u s s i s ch e n Teilnehmer v e r - juchten, den Verhandlungen ein antisemitisches Gepräge zu geben, was jedoch von den bulgarischen Teilnehmern entschieden z u r ü ck g e w i e s e n wurde. Gleich nach Eröffnung des Kongresses, als Prof. D an ailos f über die ökonomische Lage des bulgarischen Volkes referierte, unterbrach der russische Delegierte, General Karnilowaky aus Odessa, den Referenten durch fortwährende Zwischenrufe, in denen er sich voll Neugier erkundigte, ob die Juden in Bulgarien viel Land besäßen rmd ob nicht etwa die ganze Industrie in ihrer Hand sei. Der Herr General wurde von Prof. Danailoff sehr kurz und entschieden abgefertigt. Im übrigen fand vor Eröffnung des Kongresses eine von fortschrittlichen Studenten, Schriftstellern, Lehrern usw. veranstaltete Protestversammlung statt, in der auch die unmenschliche Bedrückung der Juden in Rußland eingehend besprochen und im Zusammenhange damit nachdrücklich betont wurde, daß es in Bulgarien für Hooligans,. Echtrussen und gesinnungsverwandte Elemente keine Sympathien gebe und daß das bulgarische Volk sich mit Abscherl von denjenigen Kreisen abwende, die in Rtißland die schmachvolle Politik der Pogrome betreiben. Palästina. Jaffa. Als 1889 zum ersten Maie wieder die Schmittahfrage aktuell war, da verlangten die Rabbiner Jerusalems die völlige Einstellung der Arbeit, indem sie geltend machten, daß die Kolonisation noch Keinen Umfangs sei und daß Baron Edmond de Rothschild, der Protektor der Kolonisation, den Kolonisten wohl über das Schmittahjahr hinweghelfen werde. Baron Rothschild lehnte aber ab, und so sahen sich die größten rabbinischen Autoritäten, allen voran der geseierte Rabbiner von Kowno Rabbi Jizchok Elchonon s. A.» auf Grund eingehenden Studiums der einschlägigen religionsgesetzlichen Literatur veranlaßt, die notwendigen Feldarbeiten unter gewissen Modalitäten freizugeben. Inzwischen wurde Rabbi Naftali Herz zum Oberrabbiner von Jaffa gewählt, der sowohl wegen seiner rabbinischen Gelehrsamkeit, wie auch wegen seiner Frömmigkeit in allere Kreisen in höchstem Ansehen stand. Als er daher in den beiden folgenden Schmittahjahren, 1896 und 1903. den Kolonisten erlaubte, die Feldarbeiten unter Beobachtrrng gewisser Vorschriften vorzunehmen, gaben die damals noch lebenden berühmten Rabbiner Jerusalems ihre vollständige Zustimmung zu seinem Vorgehen. Die einzelnen Bedingungen, unter denen die verschiedenen landwirtschaftlichen Arbeiten gestattet werden sollten, wurden ein für allemal im Einvernehmen mit den Rabbinern S. Salant rmd I. L. Diskin s. ü(. festgestellt. Wer nun aber glaubte, daß nunmehr die Schinittahsrage erledigt war, der sah sich in diesem Jahre, dem vierten der neuen Schmittahjahre, getäuscht. Zu Beginn des Schittahjahrcs trat der Rabbiner von Safed. für ein Verbot der Arbeit ein und, nunmehr — am Schluß des Schmittahjahres — haben einige unbekannte Rabbiner in Jerusalem ein Verbot des Kaufs der jüdischen Produkte veröffentlicht. Denn die Kolonisten haben sich an die Anweisung des Oberrabbiners Kuk iu Jaffa gehalten, der bei seiner Ernennung ausdrücklich von den ersten Rabbinern Jerusalems (Salant und Diskin) auch sür die Kolonien als der zuständige Rabbiner erklärt wurde und der das gesamte Problem der Schmittah in seinem groß angelegten Buche „Schabbath Ha-arez" ausführlich behandelt hat. Das respektlose Verhalten dieser Rabbiner gegenüber Oberrabbiner Kuk, der anerkanntermaßen als einer der bedeutendsten .Rabbiner Palästinas gilt, hat in den Kreisen der palästinischen Orthodoxie große Mißstimmung hervorgerufen. Selbst in Jerusalem wollen sich, wie verlautetdie unabhängigen Rabbiner zu einer Kundgebung gegen das Treiben der Friedenstörer zusammentun. In Jaffa haben bereits mehrere Rabbiner einen geharnischten Protest erlassen, in welchem sie darauf Hinweisen, wie sehr es den Bestimmungen unserer Lehre widerspricht, wenn sich Rabbiner geringern Ranges gegen eine höhere talmudische Autorität auflehnen, und in welchem sie ferner klar dartun, daß das Verhalten dieser Jerusalemer Gruppe lediglich dem Wunsche entsprungen ist, den Verfügungen des Oberrabbiners Kuk zuwiderzuhandeln. Personalien «. Kleine Mitteilnnge». Berlin. Bei einem hiesigen Standesamt spielte sich jüngst die folgende amüsante Szene ab: Zwei jüdische Väter meldeten gleichzeitig die Geburt eines Mädchens und eines lknaben. an. Letzterer soll den Namen Dagobert erhalten, das Mädchen Anelise Margot heißen. Bei der Aufnahme der Personalien kommt der Beamte den Herren Vätern bei dem Punkt Konfession mit der Bemerkung zuvor: „mosaisch." Die beiden Väter sehen sich erstaunt an, denn ihre äußere Erscheinung und ihr Name lassen ihre Zugehörigkeit zum Judentum kaum ahnen. Der Beamte, der dieses Erstaunen wahrnimmt, sagt mit einem freundlichen Lächeln: ,F8enn wir diese sellsamen Namen genannt werden, dann weiß ich schon, daß die Eltern Israeliten sind." Berlin. Rrchr Gustav Kadelburg, wie in voriger Nummer gemeldet, sondern dessen Müder Heinrich ist verschieden. Nürnberg. Geh. Kommerzienrat Ludwig von Gerngroß erhielt den Stern zum Verdienstorden 2. Klasse, Kommerzienrat Wilhelm Gerngroß den Michaelsorden 3. Klaffe. Bad Salzbrunn (Schles.) Im Alter von 47 Jahren verschied der Badearzt Dr. med. Fritz Rothenberg, Vorsitzender des Vereins „Jüdisches Kurhospital Bad Salzbrunn". Wien. In Ischl verschied im Alter von 68 Jahren Baurat Wilhelm Stiaßny, Mitglied des Wiener Gemeinderates, Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Präsident des Jüdischen Kolonisationsvereines und Obmann des jüdischen Museums." Der Verstorbene hatte ein warmsühlendes Herz für seine jüdischen Brüder, interessierte sich lebhaft für die Kolonisation in Palästina und tat bei jeder jüdischen Sache mit. Paris. Baron Edmund Rothschild hat die Präsidentschaft des Zentralkonsistoriums der französischen Juden niedergelegt. An seine Stelle wurde sein Neffe Baron Eduard de Rothschild, ein Sohn des verstorbenen Barons Alphons de Rothschild, gewählt. Parts. Bei seinem jüngsten Ausenthall in unserer Lichtstadt war König Ferdinand von Bulgarien Gast bei Joseph Rein ach, dem bekannten jüdischeil Gelehrten und Mitgliede der Kammer. London. Ratsherr und Friedensrichter John Harris ist — 75 Jahre alt — verschieden. Ihm ist es zu verdanken, daß die Schulstiftungen in Whitechapel jüdischen Schülern zugänglich gemacht wurden und daß das Jüd. Heim sür Unheilbare eine jährliche Subvention von dem Stepney Borough Stadtrat bewilligt erhielt. Rom. Der Pa bst wünscht die Selig» s p r e ch n n g des 1852 verstorbenen Pater Liberm a n n. Man erfährt bei dieser Gelegenheit, daß der Genannte am 12. Llpril 1804 in Zabern im Elsaß als Sohn des dortigen Rabbiners geboren und mit 22 Jahren getauft worden ist. Ddeffa. Samuel Frug, der jetzt hier wohnt, feiert demnächst sein 25jähriges Schriftstell e r j n b i l ä u m. Frug war einer der ersten Wortführer der jüdisch-nationalen Idee, die er dichterisch verherrlichte. Durch seine hervorragenden jüdischen Balladen und Legenden wie auch durch seine von edlem Pathos und poetischer Kraft getragenen Zionslieder hat er sich in weiten Bolkskreisen eine außerordentliche Popularität erworben. Auch die russische Literaturgeschichte erkemit Frug als erstklassigen Dichter an. Die jüdisch-literarischen Kreise in Rußland treffen Vorbereitungen, um die Jubiläumsfeier des beliebten Dichters in gebührender Weise zu begehen. Minsk (Rußland). Josef Brill beging am 13. Juli sein 60jähriges Schriftstellerin b i l ä n m. Brill, der seine Arbeiten unter dem Pseudonym „Jjob Miminsk" veröffentlichte, begann seine Laufbahn mit Arbeiten im ,Hamagid." Aus seiner Feder stammen mehrere Bände humoristischen Inhalts, so: „Mischueth mehabrim," „Midrasch Sof'rim." Anläßlich des Jubiläums des in gedrückten Verhältnissen Lebenden, sollen seine ungedruckten Arbeiten herausgegeben werden. Konstaniinopel. TalantBey, der Minister des Innern, stattete deni jüdischen Hospital ,O>r-Ahalm" einen Besuch ab und sprach sich sehr anerkennend über seine Eindrücke aus.