Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. KriMfflMr MrSSlUWe» KsmMenAatk. Plenum unterstellt werden wurden, beantragte der Referent: 1. Der Landesbcrein soll seine Aufgabe als erledigt betrachten und sich nicht weiter mit Rcvisionsfragcn befassen; 2. der Landcsvcrein gestattet, daß das Material auf Verlangen den Interessenten hinansgcgcben wird. — Dadurch sollte ermöglicht werden, daß die „Grundsätze", deren zweite Hälfte von der illegal zusammengesetzten Kommission beschlossen war, an jedermann zur Verwertung bei Behörden, Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften nsw. auf Wunsch hinansgegeben werden können und dort den Anschein erwecken müssen, als seien sic ordnungsmäßige Beschlüsse einer L a n d e s v c r e i n s k o m m i s s i o n. Und diesen Vorschlag hatte der Vorsitzende als gleichbedeutend mit dem Antrag der Rabbiner auf Uebergaug zur Tagesordnung bezeichnet! — Als nun der Ausschuß mit Majorität die Kommission und ihre Beschlüsse als legal erklärte, damit also die Ausschaltung des staatsrechtlich und nach den Normen deS Religionsgcsctzes einzigmaßgebendcn Faktors in religiösen Fragen in der Revisionsfrage bewußt auszuschaltcn versuchte, verließen alle u v ch - a n w e s c u - den Rabbiner die Sitzung und traten mit den schon vorher ausgetretenen Rabbinern zu einer Konferenz zusammen. Nach eingehender Diskussion und Würdigung aller Verhältnisse wurde e i u st i m m i g d c r A u s t r i t t a n s d cm A it sschuß des Landcsvercins beschlossen: und dieser Beschluß sofort dem Vorsitzenden des Landcsvercins zur Kenntnis gebracht. Der Landesvercin erwiderte hieraus, daß die Rabbiner gar nicht in der Lage wären, ans dem Ausschuß auszutrcteu, weil § 13 der Satzungen die Rabbiner zwinge, Mitglieder des Ausschusses zu sein. Wir halten cs nicht für angebracht, über den augenblicklichen Stand der Verhandlungen jetzt schon zu berichten, wir glauben aber in einer korrekten Berichterstattung an die Oesscntlichkeit das beste Mittel für eine Gesundung der Verhältnisse erblicken zu dürfen. Oesterreich-Ungar». Wie«. Nachdem bereits das Reichsgericht entschied, daß die jüdische Sprache in Oesterreich nicht „landesüblich" ist, hatte nun auch der Oberste Gerichtshof über die Frage zu entscheiden, ob P r i v a t n r k u n d c u in hebräischer Sprache rechtsgültig sind. Die Untergerichte hatten einen in hebräischer Sprache abgcfaßten Provisionsvcrtrag als Prozeßgruiidlagc angenommen; der O b e r st e Gerichtshof gab jedoch der Revision des Klägers Folge, hob das Urteil aus und verwies die Sache zur neuerlichen Verhandlung an das Berufungsgericht zurück, weil nach dem Hofkanzleidekrete vom 22. Oktober 1814 in hebräischer Sprache oder mit hebräischen Buchstaben geschriebene Dokumente als ungültig und nichtig anzusehcn sind. Wien. Nach dem Beschluß des Polenklubs im Reichsrat, sich für die Ausdehnung der Sonntagsruhe auch auf das Schankg e iv c r b e einziisetzcii, - brachten auch die sozialdemokratischen Beisitzer im österreichischen Arbeitsbeirat einen neue» Gesctzentivnrf ein, der auf die E i n f ü h r u n g d e r v o l l st ä n d i g c n Sonntagsruhe hinzielt. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Spitze beider Projekte gegen die Juden gerichtet ist, zumal da insbesondere das Schankgcwcrbe fast ganz in jüdischen Händen ruht. Namentlich würden dadurch die jüdischen Kauflcute Galiziens und der Bukowina, die noch fast ausnahmslos die religiösen Vorschriften streng beobachten, schwer geschädigt werden, dm sic durch eine Ruhezeit von f a st 2>/. Tagen wöchentlich völlig konkurrenzunfähig gemacht würden. — Die galizische Iudeuheit rüstet sich bereits zu einer Abwehraktion. — Bezeichnend ist das Vorgehen der Sozialdemokrat t e n, dieser merkwürdigen Freiheits- und Gercchtigkeitskämpser, die bei uns in Oesterreich wasche-chte Antisemiten sind. Budapest. Die ungarische Judenheit hat in den 12 Jahren 1869—1908 5,790 Personen durch Austritt verloren, also im Jahre durchschnittlich 482. Budapest. Nicht nur in Galizien und in der Bukowina, sondern auch in Ungarn stehen die jüdischen Schenker vor einer K a t a st r o p h e. Auch Ungar» hat tausende jüdische Schenker, und diesen droht die Einführung der Sonntagsruhe. Einige Komitatc habe» bereits den Ausschank am Sonntage, dem Haupttagc für das Schankgewerbe, verboten. Pöstyen. Badebrief. Bei den vorzüglichm Wirkungen, die die hiesigen Heilquellen hervvrbringen, ist cs für den glaubeustrcuen Juden ein herzerhcbender Anblick, das echte, wahre jüdische Leben voll und ganz pulsieren zu sehen, sowie, daß auch die Abseitsstehendcn, wenn sie nur die richtige Anregung erhalten, gern und willig ihrer Zugehörigkeit zum Judentum sich bewußt werden. Hier ist das Judentum aus aller Herren Länder vertrete,:; darunter viele, die nach ihrer eigenen Angabe in ihrer Heimat das ganze Jahr hindurch. kaum ein einziges Mal das Gotteshaus betreten. Hier hingegen versäumen sie cs an keinem Samstag, die schöne, in maurischem Stil erbaute Synagoge zu besuchen, wo der Rabbiner, eine imposante Erscheinung, vor dem Gottesdienste einen halachischen Vortrag abhält, ivobei er es trefflich versteht, anknüpsend an einen Vers aus dem jeweiligen Wochenabschnitt, den Wert unserer Glaubenssatzungen zu erörtern und durch hochmoderne Gedanken, die geradezu begeisternd auf die Zuhörer wirken, das Judentum, d. h. die heilige Thora als einzigen und wahren Wegweiser in unserem jetzigen hastenden und nervcnaufpeitschenden Leben hinzustellen. Ich habe schon viele deutsche Juden, darunter auch „echte Berliner Jungen," zum Besuche des hiesigen Gotteshauses veranlaßt; jetzt warten sie meine Aufforderung nicht erst ab, weil sic eingestcheii, daß eine solche richtige altjüdische Draschah'doch noch etwas kerniger und herzhafter ist, als die wässerige, phrasenhafte Wortdrcscherei eines „Bässchen- und Talar Dr. - Rabbiners"! Was mich, als deutschen Juden, besonders wohltuend berührt, ist der Umstand, daß von gesellschaftlichen „Rischus" hier keine Spur vorhanden ist; man kann es hier häufig beobachten, daß ein echter Magyar sich im Kurpark voller Ehrfurcht von seinem Platze erhebt, um diesen einem polnischen Juden mit langen Peirs und dito Kaftan anzubieten, oder, daß eine vornehme Dame, die durch. ihr scharfes Parfüm die Stadt-Ungarin von großer Weite verrät, eine alte jüdische Frau mit nicht allzusauberenr „Spitzel" auf dem Kopf, vorsichtig und rücksichtsvoll über das Straßenpslaster geleitet. Leider gibt es nichts Vollkommenes auf Erden. Der Genuß der schönen Kurkapelle wird für uns stark beeinträchtigt, durch den Kapellmeister, den Sohlt eines Chascn, der aus purem Uebernrut den „Wasserweg" betreten und später eine Christin geheiratet. Aber direkt widerwärtig wirkt dieser Zustand, seitdem der Herr Papa, ein Chase»-pardon, ein Herr „Ober" - Kantor aus einer süddeiltschen Großgcmeinde, auf der Bildfläche erschienen ist und mit dem getausen Sohn verkehrt tind zusammenlebt. Dieser „Ober"-Kantor wurde von einem Kurgast zur Rede gestellt, wie 'er cs mit seinem Amte als Schaliach-Zibbur vereinbaren könne, mit diesem Sohne, mit dieser christlichen Schwiegertochter so familiär zu leben; noch mehr, wie er es über sein Gewissen bringen könne, in einem Restaurant (Herzogs auch am Schabbes zn speisen, wo ani Schabbcs öffentlich gekocht, bezahlt und sogar geraucht Ivird, da gab er voller Selbstbewußtsein die Antwort: „Wenn mei Naiv nn mci Parneß micch lieb haben, wenn iech zwanzig Schickses beim Chor in Schul hob, werden sie miech och niecht steinigen, wenn iech noch ä klein bissel Chillul Schabbcs'aus meine Kappe nehme! A scheues Liedel wcrd Widder alles gut machen!"-Traurig, aber buchstäblich wahr! Prag. Der durch seine jüngste Pogromrede im Wiener Reichsrat bekannte tschechisch - klerikal - agrarische Abgeordnete Myslivec setzt den Feldzug gegen den alten jüd. Friedhof und die „A l t n e u s ch u l" fort. Sein Antrag auf Entfernung des Friedhofes, ist von den Stadtverordneten abgelehnt worden. Nunmehr hat Myslivec die Beschwerde an den Landesausschuß ergriffen. Die Besch Werbeschrift, die Beleidigungen des Judentums enthält, ließ der Antragsteller in den Straßen gedruckt verteilen. Trotzdem in Oesterreich jede.Kolportage verboten ist, hat die Behörde nichts einzuwenden» wenn Juden geschmäht werden; — als aber s. Zt. eine jüdische Krämerin in Krakau ein Stückchen Käse in ein katholisches Zeitungsblatt gewickelt verkaufte, da wurde sie vom Obersten Gerichtshof zu Kerker verurteilt! Monasterzyska (Galizien). Der Gemeinderat hat einer Straße den Namen Theodor Hcrzl-Gasse gegeben. Dies ist nach Gliniany der zweite Fall in Galizien, daß das Andenken Herzls ans diese Weise geehrt wird. Großbritannien. London. Dr. N o s s i g hält sich hier aus, um Stimmung für die Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation („A. I. K. O.") zu machen. Er erklärte, ein „A. I. K. O."-Komitee aus Regieruugskreisen in Konstantinopel gegründet zu haben. London. Die englische Abteilung der AllgemeinenJüdischenKolonisations- Organisation ist nunmehr gebildet. Das L o n d o n e r K o m i t e e, das die Führung hat, besteht aus 'folgenden Herren: DavidÄllatini, A. da Costa A n d r a d c, B. Birnbaum, James Costello, Percy M. Co stell o, Leopold Joseph, Hermann Land au, Joshua M. L e v h u. Jo s e p h P r a g. Das der Gründung vorangegangene, von Bankdirektor Leopold Joseph geleitete Meeting bot v i e l d e s I n t e r e s s a n t e n. Nr. 27. So wurde ein Brief A r t h u r E. Franklins, Schwager des Ministers Herbert Samuel, verlesen, in dein er votl seiner gelegentlich seines jüngsten Aufenthaltes in Konstantinopel mit de in G ro ßwesir gehabten Unterredung Mitteilung macht. Dieser sagte: Die Geschichte würde hinsichtlich der Behandlung, die die ottomanischc Nation den Juden aiigedeihen läßt, sicherlich ein günstiges Verdikt fällen. Wenn die jüdische Einwanderung nach der Türkei zunehmen sollte, so konnte er dafür bürgen, daß die Juden von den Mohammedanern nie belästigt werden würden. Eine unbegrenzte Einwanderung von völlig mittellosen osteuropäischen Juden nach Jerusalem, die dorthin kominen, um von Almosen zu leben, könne nicht gestattet werden, weil daS Elend dort schon zu groß sei und eine Gefahr für den Staat bilde. Insoweit aber die Einwanderung sich auf solche Inden beschränken würde, die über genügende Nnterhaltungsmittel verfügen, die ein Gewerbe betreiben oder für deren Existenz eine Institution sich verbürgt, wäre er bereit, ihnen die Einwanderung zu gestatten und ihnen das ottomanischc Bürgerrecht zu erteilen. Auch sei er geneigt, große Gebiete von den Staatsdomänen für russische und rumänische Emigranten, welche Ackerbauer werden wollen, zu verkaufen. Die Schaffung industrieller Betriebe durch jüdische Einwanderer würde er ebenfalls als Vorteil für den Staat betrachten. Dr. Victor' G i n s b c r g -Berlin verbreitete sich über die z n n ä ch st g e f a ß t e n Pläne. Es sollen in erster Linie bemittelte und beruflich qualifizierte Elemente als Pioniere der Kolonisation herangezogcn werden. Eine L a n d - kompagnie, für die bereits namhafte Beträge gezeichnet worden sind, wird die Grundstücke in urbarem Zustande an die Kolonisten verlaufen. Die Landkompagnic verfolgt einen Humanitären Zweck, aber das investierte Kapital soll wie bei jedem anderen geschäftlichen Unternehmen verzinst werden. Hermann Landau, der bekannte Philanthrop und Kenner des Orients, wies eingangs ans die außerordentliche Fruchtbarkeit g e g e n >v ä r t i g »och unbebauter Landflächen P a l ä st i n a ' s hin und fuhr daun fort: Der Plan der A. I. K. O. ist vortrefflich, aber er muß im größten Stil durchgesührt werden. Es muß mit einem Kapital von vielen Millionen ein „Credit s o n c i e r" für das j ü d i s ch e A n s i c d l u u g s g e b i c t geschaffen werden. Ich glaube, cs gibt keinen Juden, der dieses Werk nicht unterstützen würde, wenn die türkische Regierung die genügenden Sicherheiten gibt. Ich selbst bin bereit, eine sehr beträchtliche Anzahl von Anteilen zu übernehmen und bin überzeugt,. daß die einflußreichsten Glaubensgenossen diese Institution fördern werden. Wir müssen die A. I. K. O. in die Lage setzen, ihr Werk in entsprechendem Maßstab durchzuführen und mit Unterstützung namhafter englischer Inden ihre N n t e r h a n d l u n g e n mildert ü r k i s ch e n Regie r u n g abzuschließcn, so daß die jüdische Kolonisation durch ein Gesetz geregelt wird. Rußland. Petersburg. Bor kurzem wurde offiziell mitgcteilt, daß die im vorigen Jahre auf Grund eines Kriegsgcrichtsurteils erfolgte Hinrichtung deS Juden Glusker, der angcklagt ivar, die Familie Bychowski ermordet zu haben, eine irrt ü in l i ch e Hinrichtung war und die wirklichen Mörder nunmehr festgcnommen sind. Zn dieser.Mitteilung veröffentlicht jetzt der Verteidiger Gluskers, USpenski, ein Nichtjndc, ein Schreiben, aus dem hervorgeht, daß das Urteil gegen Glusker erfolgt sei, trotzdem er seinerzeit durch zwei Zeugen sein A l i b i nachgewiesen habe. Diese beiden Zeugen bekundeten damals, daß Glusker zur Zeit des Mordes in einer Entfernung von etwa hundert Werst vom Tatorte sich befunden habe. Das Gericht schenkte ihnen jedoch keinen Glauben, nur deswegen, weil es Inden waren. Amerika. Rew-Nork. Einige in Texas ansässige reiche Juden und Jakob H. Schiff haben znr Gründling einer jüdischen Kolonie 50000 Acker Land zwischen Galveston und Houston angekanft. Jede Familie — man will hauptsächlich Einwanderer ansiedeln — soll?0 Acker Land, ein Häuschen, ein Pferd, eine Kuh und das nötige Arbeitsgerät erhalten. Im ersten Jahre erhalten die Ansiedler auch die nötigen Vorräte. Die Abzahlung für den Wert des.Gutes soll in 25 Jahresraten erfolgen. — Soeben ist der vierte Band der von I. D. Eisen stad t in hebräischer Sprache herausgegebenen jüdischen Enzyklopädie erschienen. Der Umsang des Werkes ist ans 10 Bande berechnet, und sein Subskriptionspreis stellt sich auf 30 bezw. 35 Dollars.