Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 27. Seite 3. ^ankfürter MsraelrtiMes FcttnilienbkaA. dorf, Nordhauseil, Oppeln uild Natibor, gläiizcud ausgefallen. — Im Anschluß an den Geschäftsbericht lvird ein eingehendes Referat des Referendars I s i Kahn über das Wesen der Freitagabende in Cöln, sowie über feine B esnch e und Vorträge in denVereinenWest-undSüdd e n t s ch l a n d s mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Der Berliner I n g e n d b n n d veranlaßt eine längere Aussprache; es wird bedauert, daß dieser Bund die Sympathien weiterer Kreise der jüdischen Bevölkerung sich bis jetzt noch nicht hat erwerben können, lind daß die jüdischen Organisationen sich von ihm znrückziehcn wollten. — Da kein Vertreter des Jngendbundes zugegen ist, wird vorgeschlagen: Der Verband solle sich vorläufig in der Reserve halten und die Entwicklung des Jngendbundes abwarten. Jedoch soll dem Jugendbunde durch ein Vorstandsmitglied des Verbandes nahegelegt tverden, daß vielfach die Meinung vertreten sei, daß manche Vorkommnisse innerhalb des Berliner Jngendbundes die junge Jugendbewegung mißkreditiere. lieber die Kaffe »verhält nisse liegt eiice von Felix Meyer- Frankfurt a. M. eingesandte Aufstellung der Ein- und Ausgaben vor, ans der ersichtlich ist, daß die Finanzverhältnisse noch immer ungünstig sind; infolgedessen wird angeregt, daß die beiden Organisationen, die Großloge und der Zentralvcrein, zu Beginn des Herbstes sich bemühen mögen, durch Heranziehung von Gönnern der Jugendbewegung dem Verbände größere Mittel zu schaffen. Bezüglich des Berbandsorgans wird beschlossen: „Jeder Verbandsvcrcin muß sich verpflichten, so viele Exemplare der Verbandszeitung zum Preise von 5 Pfg. pro Stück zu abonnieren, als dies der Hälfte seiner gesamten Mitgliederzahl entspricht (aktive und inaktive Mitglieder zusainincngcrcchnet). Diese Verpflichtung erstreckt sich bis zur kommenden Delegiertenversammlung des Verbandes. Wenn bis zum 1. August d. I. der diesem Protokoll als Anlage anliegende Verpflichtungsschcin nicht von sämtlichen Berbandsvcreinen unterzeichnet in die Hände der Verbandsleitung zurückgelangt ist, sieht sich der Verbandsvorstand nicht in der Lage, das finanzielle Risiko der Zeitungsgründnng auf sich zu nehmen, und die ganze Gründung müßte höchst bedauerlicher Weise bis zur Dclegicrtcnversammlung verschoben werden." Zum Schluß >vird dem Geschäftsführer Dr. F i n ke l das Vertrauen und die Anerkennung für seine Verdienste seitens der Versammlung ausgesprochen. Der von ihm nachgesuchte Urlaub für die Zeit vom 1. Juli bis ' 1. August wird ihm bewilligt. Während dieser Zeit sind alle Zuschriften in Verbandsangelcgenheitcn an das Bureau des Herrn R.-A. Dr. Apfel, Berlin \V. 8 Friedrich Str. 59/60 (Eguitable-Palast) zu richten. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Dem Verein für Statistik der Juden ist eine bemerkenswerte Förderung zuteil geworden. Der vor wenigen Jahren verstorbene Berliner Universitätsprosessor Dr. Wilhelm Me her hoffe r hat in seinem Testament einen Betrag von 20 000 Francs für jüdisch-statistische Arbeiten hintcrlassen, mit dem Wunsche, daß der Registrierung und Veröffentlichung der ans dem Judentum ausgetretenen Fa in ilien besondere Aufmerksamkeit zugewendet werde. Iw Sinne des Testators, der zu den ersten Mitgliedern und eisrigen Förderern des „Vereins für Statistik der Inden" gehört hatte, hat nun seine Wittve, Frau Prof. Maria Meyerhoffer geb. B a ch r a ch das genannte Kapital als Prof. Wilhelm M e y e r h o f f e r - S t i f t n n g den: Verein f. St. d. I. zur Verfügung gestellt. Wie die Familie des Stifters dem Kuratorium des Vereins mitteilte, hat der Verstorbene durch die Evidenzhaltung der aus dem Judentum ausscheidenden Familien nicht nur die Schaffung eines wirksamen Mittels (? — D. Redakt.) gegen die Tanfbcwegnng bezweckt. Er wollte vielmehr auch festgestellt sehen, inwieweit jüdische Familien nach ihreni Austritt aus deni Judentum sich rassenrein erhalten, inwieweit sie sich mit anderen Völkern vermischen und wie sie sich in intellektueller und ethischer Beziehung entwickeln. Prof. Meyerhoffer war der Ueberzcngung, deratige Stildien würden den Nachweis erbringen, daß die oft gehörte Behauptung von dein zersetzenden Einfluß des jüdischen Blutes und der jüdischen Rasse unbegründet sei. Zahlreiche ehemals' jüdische Familien hatten in verschiedenen Ländern hervorragende Stellungen eingenommen und aus mannigfachen Gebieten ihrem Geburtsstande und der Menschheit große Dienste geleistet. Was der Stifter beleuchtet sehen wollte, war das Marannenproblcni in physiologischer und kultureller Hinsicht. Prof. Meyerhoffer erachtete dieses Problem als wissenschaftlich so interessant und praktisch so bedeutungsvoll, daß er annahni, sein Beispiel würde Nachahmung finden und der von ihm gestiftete Fonds durch Spenden sicherer Glaubensgenossen erhöht werden. Doch sollen die Zinsen der Prof. Meycrhoffer- Stistung mich anderen jüdisch-statistischen Arbeiten zu gute kommen. Auch in dieser Hinsicht dürste die letztwillige Verfügung des verstorbenen Gelehrten vorbildlich wirken. Die Kosten des " von dem Verein begründeten Burean's für Statistik der Inden werden gegenwärtig fast ausschließlich durch Jahressubventionen einer Reihe von jüdischen Gemeinden und Wohlfahrtsorganisationen gedeckt. Das Budget des Bureaus ist infolgedessen ein so beschränktes, daß größere Originalerhebungen, insbesondere in jenen Ländern, die keine staatliche Statistik besitzen, vorläufig undurchführbar sind. Bei der grundlegenden Bedeutung der statistischen Erforschung der jüdischen Bevölkerung für alle sozialen Abhilfsaktioiien eröffnet sich hier für eine einsichtsvolle, moderne Privatwohltätigkeit ein dankbares Feld. Berlin. Am 22. Juni fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des ges ch ä f t s f ü h r e n d e n A u s s ch u s s e s des .Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Der Vorsitzende teilte mit, daß dem Hilfsverein im Laufe der letzten 9 Monate für die Hauptgebiete seiner Tätigkeit erhebliche Mittet zugeflossen sind. Jedoch reichen diese Mittel noch immer nicht für die großen Aufgaben, die der Hilfsverein im Jahre 1910 zu erfüllen hat und die wiederum ein eh albe Million Markerfordern dürsten. Zu Gunsten der russischen Juden, deren Lage immer trauriger und trauriger wird, sind rund Jk 120 000 eingegangen. Außerdem erhielt der Verein von 4 Spendern Jk SO 000, und zwar von' den Erben der Frau Adelheid Bleichröder Jk 30 000, aus dem Nachlasse der Frau Kommerzienrat Cäsar Wollheim Jk 10 000; Herr Bezirksrabbiner Dr. Salvandi, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses, machte zum Andenken an seine verewigte Gattin eine Stiftung von Jk 10 000 zur Verwendung für arme russische Juden; ein anderes Vorstandsmitglied stellte dem Verein Jk 30 000 zum weiteren Ausbau seines Schulwerks in Jerusalem zur Verfügung. Aus den Bewilligungen des Vereins sei hervorgehoben, daß für 3 von Brandkatastrophen henngesuchte russische Orte gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. Jk 3750 angewiesen wurden. Die Ausgaben für das Hrlsswerk in Rußland und die Tätigkeit auf dem Gebiete der Auswanderung betragen iin ersten Halbjahr 1910 bereits über Jk 130000, die Ausgaben für das S ch u l w e r k bisher über Jk .100 000. Berlin. 500 jüdische Blinde gibt es in Deutschland, darunter 150 Kinder. Nur wenige von diesen Kindern erhalten in den bestehenden öffentlichen Blindenanstalten eine geeignete Erziehung, während die meisten aus Mangel an zweckmäßiger Bildung geistiger, sittlicher und religiöser Verkümmerung a u s g e s e tz t. sind. Es war deshalb eine segensreiche Tat, als vor einem Jahre ein Verein gegründet wurde, der sich die Errichtung einer Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland zur 'Aufgabe machte. Man verstand den Ruf in der deutschen Judeuheit, und heute hat 'ber Verein bereits 2700 Mitglieder mit Jahresbeiträgen von 17 140 Jk Außerdem vereinnahmte er 22 720 Jk an Spenden und 2900 Jk an einmaligen Beiträgen immerwährender Mitglieder. In Steglitz bei Berlin ist — zum Preise von 125 000 Jk — bereits eine Villa mit Garten erworben und die Anstalt nach den Notwendigen Umbauten auch schon mit 6 Kindern eröffnet worden. Die Mittel sind aber nunmehr erschöpft, und weitere große Summen sind notwendig, wenn die Anstalt in dem erforderlichen Unisange betrieben werden soll.*) Fürth. Da Ihrem geschätzten Organ jedenfalls an einer objektiv getreuen Bericherstattung liegt, bitte ich Sie um Aufnahme folgenden Berichtes über die jüngsten Vorgänge im Landesverein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern: Nach langen Verhandlungen gelangte am 8. September 1908 ein Antrag Held zur Annahme, nach welchen! der Landesverein eine Kommission zur Vorbereitung der Revisionsarbeit wählen sollte, bestehend aus zwei Rabbinern, zwei Vertretern der Großgcmeinden und einem nichträbbinischen Vertreter der Orthodoxie. Bei den Rabbinern wurde noch speziell bestimmt, daß einer der Orthodoxie, einer der mehr fortschrittlichen Richtung angehören sollte. Es wurden sodann die fünf Herren gewählt und in einem zweiten Wahlgange die Ersatzmänner bestimmt, und *) Geldspenden wolle man richten an die Geschäftsstelle der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland, Berlin 0. 2, Rosenstraße 2/4. 1 ‘ zwar im individuellen Sinn, so daß jeder gewählte seinen bestimmten Ersatzmauu hat. Ta die Rabbiner bei der dritten Sitzung dieser Kommission im Juni 1909 einsahen» daß die Arbeiten der Kommission nicht dieGewähr für den religiösen Charakter der Revisionsarbeit boten, welche ein einstimmiger Beschluß der Rabbinerkvnscrenz als conditio sine qua non der Mitwirkung verlangt und in der Ausschußsitzung des Landesvereins vor der Wahl der Kommission durch den Mund des Herrn Dr. Werner, München auch als ' solche conditio kundgegeben hatte, traten die rabbinischen Mitglieder ans der K o in - in iss io n ans. Der Rest der Kommission, also die Vertreter von München und Nürnberg und der nichtrabbinische Vertreter der Orthodoxie, beschlossen, zunächst die rabbinischeu Ersatzmänner für die ausgetretenen Rabbiner einzubernfen, falls diese ablehnen sollten, aber die anderen Ersatzmänner zum Eintritt in die Kommission aufzufordern. Dann erst trat auch der nichtrabbinische Vertreter der Orthodoxie gleichfalls aus, wie er mitteilte, infolge der Würzburger Resolution des „VereinS für die Interessen deS gesetzcstreuen Judentums in Bayern." Für ihn trat ein in der Ausschußsitzung vom 8. September als Ersatzvertreter der Orthodoxie gewählter Herr ein. für die Rabbiner, da die rabbinischeu Ersatzmänner gleich ihren Kollegen ans prinzipcllcn Gründen den Eintritt ablehnten, die Gemeinde- Vertreter aus Augsburg und Würzburg. Die in dieser Weise zusammengesetzte Kommission arbeitete sodann Grundsätze für eine R e- Vision des I n d e n e d i k t s aus. Alle Rabbiner Bayerns ünd wohl auch nicht wenige andere Glieder der bayrischen Jndenheit bestritten und bestreiten die Legalität dieser Kommission. Denn nach der Entstehungsgeschichte des Held'schen Antrags vom 8. 9. 1908, nach den Vorgängen bei der Diskussion über denselben und bei seiner Annahme war er zweifellos so gedacht, daß für die Rabbiner nur die rabbinischeu Ersatz in ä n u e r in Frage kommen konnten. Tie im Landesvercin geltenden geschriebenen und ungeschriebene» Normen, mußten es ferner d e in K o in in i s s i o n s r e st zur Pflicht machen, sein Mandat in die Hände des Landesvereinsausschnsses z n r ü ck z u l e g e n. Eine Rabbinerkonferenz, welche lange vor dem LandesvereinsanSschusse tagte, unterbreitete der Oeffentlichkeit diese ihre Anschauung in einem Comniunique, welches in einer bayrischen jüdischen Zeitung erschien. Wir dürfen annehmen, daß auch die leitenden Persönlichkeiten im Landesverein von dieser Anschauung Kenntnis erhalten hatten. Trotzdem waren ohne Vorwissen aller Vorstandsmitglieder die Grundsätze in den Druck gelegt, an die Ausschußmitglieder verschickt und sogar an hoher Stelle als Beschlüsse der Landesvereinskommission insinuiert worden, letzteres allerdings ohne Beranlassimg eines VvrstandSniitgliedcs- Auch fand sich im Jahresbericht des Landesvereins ein Passus über die Kommission, welcher alle diese Verhältnisse mit Stillschweigen überging und die Kommission schlechthin legalisierte. Da der von der Borstandschaft gezeichnete Jahresbericht den drei rabbinischeu Mitgliedern der im ganzen ans sechs Herren bestehenden Borstandschaft nicht vorgelcgt worden war, erhob ein Herr Protest gegen diese A r t der Geschäftsführung. Der Vorsitzende versuchte, dieselbe teils durch Berufung auf den bisherigen Usus, teils durch eine Unterlassung des Sekretärs zu erklären. Nachdem nun schon in früheren Stadien der Unterhandlungen die Kompetenz des Landesvereins für jegliche Arbeit in der Revisionssrage nicht unbestritten geblieben war, nachdem cs sich ferner gezeigt hatte, daß die .'Entwicklung der Arbeit in Sachen der Revision dem früher so idyllisch schönen Verhältnisse des friedlichen Zusainmeiiarbeitens bedeutenden Abbruch zuzufügen drohte, brachten mehrere Rabbiner ohne Unterschied der religiösen Anschauung und auch ohne Unterschied hinsichtlich ihrer Stellungnahme zur Revision den Antrag ein: „Im Interesse des Fri edens beantragen wir die Absetzung der Revisionsanträge von der Tagesordnung des Landesvereins." Als der V o r s i tz e n d e w c d e r d i e s e n A ntrag noch eine G eschäftso rd nungsdebatte darüber zu ließ, verließ ein Teil der Rabbiner den Saal, indigniert über diese Art der Geschäftsführung und in der für sie feststehenden Voraussicht, daß bei dieser einseitigen Stellungnahme ein weiterer Antrag der Rabbiner, welcher eine Erklärung über Illegalität der Kommission und ihrer Beschlüsse involvierte, eine gleiche Behandlung erfahren würde. Ein anderer Teil der Rabbiner verblieb noch im Saal, um das Referat mitanzuhören und sodann gegen die Anerkennung desselben zu kämpfen. Trotzdem nun bei der Verhandlung über die Bildung der Kommission ausdrücklich zngestanden war, daß es Beschlüsse per majora nicht geben solle, daß ferner die eventuelle» Vorschläge der Kommission nochmals der Diskussion durch das