Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Sk. 27 Juden viel zu hoch, als daß cs, unserer Meinung nach, durch eine Fahrt auf der Straßenbahn, im Automobil und dergl. „entwech^ werden könnte. Ter Versuche der Orthodoxie, uns heute noch eine Auffassung von Sabbat- und Festeheiliguug zuzumuten, nach welcher das Fahren an den religiösen Weihetagen einer „Entweihung" und „Schändung" derselben gleichkäme, weisen wir mit der ganzen sittlichen Entrüstung modern-religiös empfindender Juden zurück. Für derartige Auffassungen fehlt auch unserer Jugend das Verständnis, unserer Jugend, die sicherlich kein orthodoxer und kein zionistischer Lehrer zu höherem Stolze auf ihr Judentum und zu größerem jüdischen Selbstbewußtsein erziehen kann, als ich es zn tun mich bemühe. Herr Goldreich scheint sich einzubilden, die edlen Gefühle des Stolzes und Selbstbewußtseins' hätten Orthodoxe und Zionisten gepachtet; eine unglaubliche Anmaßung! ... Ist dieser Herr wirklich naiv genug, zu glauben, die Berliner Gemeinde lasse die Konfirmation am Sonntag stattfinden, um die Konfirmandinnen vor der „Sürwe" des Fahrens an Sabbat und Festen zu bewahren? Dann beneide ich chn um sein naives Gemüt. Glaubt er es aber selbst nicht, dann ist es ein starkes Stück, den Äsern solches Märchen aufbinden zu wollen. . . '. Möge er mich ruhig für Mädchenkonfirmation uns sonstige „christliche Sitten" eintretcn zu lassen, ihm soll es dafür unbenommen sein, für die Wiedereinführung des „Duchenens" und der für die Gegenwart ganz sinnlosen und nur zu Mißverständnissen führenden Kol-Nidre- Formel, meinetwegen auch für das neuerfundene „Koscherwattierleinen" eine Lanze zu brechen." . Als wir jüngst in der „Allg. Ztg. d. Judent." nach der Mitteilung, daß der „Verband orthodoxer Rabbiner Deutschlands" in der „Schaatncs"-Frage eine Kommission eingesetzt hat, die geschmackvolle Anmerkung ihres Mitredakteurs Albert Katz „Heil Euch, Ihr Retter Israels!" lasen, da schwiegen wir; wird doch die „Allg. Ztg. d. Judent." feit dem Tode Gustav Karpeles' selbst in den liberalen Kreisen nicht mehr ernst genommen! lieber die Worte Rabbiners Dr. N o r d e n - Elberfüld im „Jsr. Gmdbltt." können wir jedoch: nicht hinweggehen, denn der Herr nennt sich Rabbiner und steht an der Spitze einer Gemeinde von 2000 Seelen. " Wohl hat chm Herr Max Goldreich in der gleichen Nummer die gebührende Antwort gegeben. Auch ein Liberaler wird damit übereinstimmcn müssen, „daß es schwer ist, mit einem Rabbiner zn polemisieren, der öffentlich für die Entweihung des Sabbats und der jüdischen Festtage eintritt, der das Fahren am Sabbat ironisch eine „Schändung und Entwechnng" nennt und der denjenigen, der dagegen auftritt, „mit der ganzen sittlichen Entrüstung eines modern-religiös empfindenden Juden" zurückweist". Auch der liberale Jude wird die Frage aufwerfen müssen, was, wenn schon die Rabbiner für die Verletzung der Religionsgesetze eintreten, vom Judentum noch' bleiben soll; „wozu noch all diese altnwdischen Formeln, wozu JSdusch, wozu Habdalah, wozu die Synagoge, wozu Mische Trauung, wozu der Rabbiner? Für einen „modern-religiös empfindenden Juden" genügt doch wahrlich eine Ziviltrauung ohne Rabbiner, mit weiß Gott welchem imisteriösen, antiquierten Formelkram, Anziehen von merkwürdig gestreiften Stoffgeweben (Talis genannt) und Herleiern von eigenartigen Sprüchen. Ist das etwa modern? — Ich sehe wirklich den Unterschied nicht ein, weshalb das eine gestattet und das andere verboten sein soll?" Doch mit der Antwort des Herrn Goldreich kann unmöglich eine Handlungsweise chre Erledigung gefunden haben, durch die ein Rabbiner nicht nur gegen das Religionsgesetz öffentlich Predigt, sondern cs überdies noch lächerlich zu machen sucht. Daß das Vorkommnis überhaupt möglich ist, daß ein Rabbiner etwas derartiges überhaupt wagen zu dürfen glaubt, zeigt, wie weit wir cs leider gebracht haben. So weit wird es aber hoffentlich noch nicht gekommen sein, daß die Elberselder Gememde einem solchen Frankfurter Israelitisches Familienblart. Rabbiner und die Vereinigung für das liberale Judcntuni in Deutschland einem solchen Mitgliede gegenüber schweigen! Londoner Chronik. Der jüdische Caruso und die jüdischen Massen. Seit einer Woche singt ganz Whitechapel, denn Girota, der König der Chasonim und erster jüdischer Kantor Rußlands, weilt hier und singt vor vielen Tausenden seine berühmten Weisen. Seinem ersten Konzert hat sogar ein christlicher Minister, Berrel, Staatssekretär für Irland, beigewohnt. 6000 Juden und Christen haben Stunde» lang den Vorträgen des großen Kantors gelauscht, und allen Hörern war der Abend ein Erlebnis. Girota ist nicht nur von der jüdischen, sondern auch von der christlichen Tagespresse ein jüdischer Caruso genannt worden. Als die Israeliten von Westend das christliche Zeugnis über unseren russisch-jüdischen Kantor hörten, beeilten sie sich, auch Carusos Konzert mit ihrer Anwesenheit Glanz und Herrlichkeit zu verleihen. Der große Chase» verstand sich auf die Situation und sang in seinem zweiten Konzert auch einige Arien. Und die Westend-Jsraeliten waren bis zu Tränen gerührt . . . und beteuerten, noch nie in ihrem Leben einen solchen Sänger gehört zu haben. Das mag richtig sein, ist aber nicht der eigentliche Grund ihres Gerührtseins. Bewegt hat sie vielmehr die nach Tausenden zählende jüdische Masse, die Girota hinzureißen verstand, bewegt waren sie durch die jüdischen Melodien, die ihrem Ohre noch bekannt sind und die ihnen ein gottbegnadeter jüdischer Sänger in Gegenwart von fünftausend Juden vorsang. Die Existenz dieser jüdischen Masse, die lebt und sich begeistert uird haßt und liebt, hat unsere Israeliten und Israelitinnen tief gerührt, ja erschreckt . . . Denn entweder diese Masse ist ein Traum . . . oder sie ist eine Wirklichkeit. Ist sie aber eine Wirklichkeit, dann ist die Lehre und das Leben so mancher Israeliten eine Lüge . . . Auch fanden cs die Herren und Damen merkwürdig, daß sie so viel Gemeinsames mit den Polackcn haben, denn im Klatschen fand es sich, daß sie ähnliche Gefühle, Neigungen und Geschmäcker haben. Und sie waren gerührt .... Sie wollen gewiß ein paar Worte über Girota selbst hören. Ich bin kein Musikkritiker, sondern ein gewöhnlicher Jud', und als solcher muß ich Ihnen sagen, daß ich aus der Stimine Girotas ein ganzes Volk habe weinen hören, ein ganzes Volk in tiefer Trauer und Verzweiflung sah, ein ganzes Volk habe ausjauchzen hören. Wenn Girota mit seinem gewaltigen Tenor einen „Weseeraw lefonecho assrosscinu" zu singen anfängt, dann stellen sich Dir zwei dicke Tränen in die Augen, und wenn er bis „Oschew Schehinosscho" angclangt ist, ist Dir schon das Herz voll, die Seele in voller Glut, das Gemüt aufgerüttelt, und Du bist nur noch die singende Sehnsucht . . . Tausend Bilder einer glorreichen Vergangenheit stellen sich Dir vor die Seele, tausend Träume werden leibhaftige Wirklichkeit, und tausend Hoffnungen erhalten Farbe und Leben. Jeder Ton dieser wehmütigen, sehnsuchtsvollen Melodie fährt wie ein elektrischer Strahl in Deine Seele, entflammt sie und weckt ihren göttlichen Teil, — und Du bist Mensch und nicht Hund, Jude und nicht Jüdchcn, und Du bist voller Leben, voller Trauer, voller Freude, bist gut und aufrichtig und schön, Du glaubst .... Und was dreizehn Millionen Juden denken und empfinden, glauben und hoffen, leiden und fühlen, verkündet Dir Girotas Gesang . . . Singt er „El Mole Horachmini", daun hist Du in Kischinew während und nach dem Pogrom, singt er „Wesseeraw", dann hörst Du, wie die Seele eines ganzen Volkes zu Gott betet, und wenn er „Weschomru" singt, dann geht Dir der Sin» des Sabbat auf, wie tausend religiöse Bücher ihn Dir nicht erklären können. Das ist: Girota und das ist sein Gesang. LI, Verband der jüd. Jugendvereine Deutschlands. Zur jüngst in Berlin stattgehabten Borst a n d s s i tz u n g hatten sich folgende Herreir eingefunden: Rechtsanwalt Dr. Apfel- Köln, z. Zt. Berlin, Rechtsanw. Lichtenoerg-Hannover, Ref. Regensburger -Braunschweig, Geh. Sanitätsrat Dr. Maretzki, Rechtsanw. Dr. B r o d n i tz und Dr. F i n k e l. Der Vorsitzende Dr. Apfel berichtet über die am 29. Mai in Braunschweig erfolgte Gründung des Bezirksverbandes für Nordwestdeutschland, sowie ferner über die Verhandlungen, die der Verband mit dem „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" und dem „Verbände der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" betreffs der Ileineren, für Jugendvereinsgründungen nicht geeigneten Plätze gepflogen hat. Die Rednerfrage wird eingehend besprochen. Zur Propagierung der Jugendbewegung und des Verbandsgedankens sollen Dr. Apfel, R.-A. Lichtenberg, Ref. Regensburger, Res. Jsi Kahn-Köln, Ref. Dr. Wertheim-Berlin, Ref. Dr. Oscar Nathan- Hamburg und sonst dazu geeignete und bereite Herren als offizielle Verbandsredner im kommenden Winter die Vereine besuchen und in denselben Vorträge halten, vornehmlich über Themen, die in der Diskussion ein Eingehen aus die Jugendbewegung und die Arbeit des Verbandes ermöglichen. Die Berbaudsredner erhalten außer einer Fahrkarte II. Klasse 12 JL Tagesspesen, wobei jeder angefangene Tag als voll berechnet: werden soll. Die Reisespesen und Diäten trägem die Vereine. — Diejenigen Vereine, die' ans einen der genannten Herren reflektieren, werden ersucht, bis zum 1. August an die Verbandsleitung. Mitteilung zu machen. Finanziell sehr schwache- Vereine mögen bei diesem Gesuch — unter Darlegung ihrer Verhältnisse — den Antrag stellen, ihnen die Kosten für die Redner ganz oder teilweise aus der Brünn'schen Stiftung zu ersetzen. Die nach st e Delegierte nversamml u n g soll mit Rücksicht darauf, daß im Jahre 1911 Ostern und Pfingsten mit den jüdischen Feiertagen . znsammenfallen, am 19. März 1911 in Hannover stattfinden. Die V er eine Essen und „Kaiser Friedrich"-Bremen haben Resolutionen, die Zurücksetzung der Juden im Heere betreffend, übersandt, mit dem Wunsche, der Verband möge zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen. In der Aussprache hierüber wird hervorgehoben, es sei nicht empfehlenswert, daß die jüd. Jugendvereine, weil sie sich politischer Betätigung enthalten sollen, mit öffentlichen Kundgebungen hinmistreten. Solche Proteste fruchten wenig. Dagegen könnten sie den Vereinsmitgliedern militärstrafrechtlich schaden, die. zum Militär noch in irgend einein Verhältnis stehen. Es wird daher beschlossen, den Verbandsvereinen durch das Protokoll folgendes mit auf den Weg zu geben r „Abgesehen von den Bedenken politischer und rechtlicher Natur hält der Verband eine Stellungnahme zur fraglichen Angelegenheit gegenwärtig, für durchaus nicht geeignet, weil die Zeit ungünstig ist, und weil der Verband diese Angelegenheit zusammen mit den in Betracht kommenden Organisationen, dem Zentralvercin und dem Verbände der deutschen Juden, behandeln will. — Unser Verband wird diese Frage dauernd im Augebehalten. Gegen eine Besprechung der Militärfrage in internen Vereinssitzungen ist natürlich nichts einzuwenden." Dem Wunsche des „Verbandes der deutschen Juden" ihn bei seiner Arbeit gegen die Zurücksetzung der Juden im Heere durch Lieferung von Material zu unterstützen, wird zugestimmt und das Nähere beschlossen. Der Geschäftsbericht ergibt u. a. folgendes : Die Zahl der dem Verbände angeschlossenen Vereine ist von 47 auf. 52gestiegen; neu hinzugekommen sind die Vereine: Bonn, Crefelb, Insterburg (Ha-schachar), Kattowitz und Nürnberg-Fürth. Der Katalog und das Normalstatul sind von den Vereinen mit aufrichtigem Dankeausgenommen worden. Der Katalog hat von seiten der Presse bis jetzt eine sehr günstige Beurteilung erfahren. Es ist auch von Verlagsbuchhändlern, Vereinen und Lesehallen, auch außerhalb Deutschlands, verlangt worden. — Die Verbandsvereine werden nochmals gebeten, unter ihren Mitgliedern Umfrage zu halten und recht bald ihre Bestellungen auf den Katalog anzugeben. Es wurde seinerzeit absichtlich ein billiger Preis: 15 Pfg. pro Exemplar angesetzt, damit jedes Vereinsmitglied in der Lage ist, sich diesen literarischen Wegweiser anzuschaffen. Ueber die angeregten Freitag - und Sedera b e u d e liegen günstige Berichte vor. Die Freitagabende haben sich außer in Frankfurt auch in Köln vorzüglich bewährt. Die Sederabende sind an vielen Orten, wie Bonn, Braunschweig, Düssel-