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Neue jüdische Presse · 1910-07-15 · Heft 27 (15.7.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 27 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilraitkfrtrkei: Isritlitislhes fnmilirnblNtt. < - "" J ' " ~ > Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i --I-.... - -■» KedaKtto» und HsfchL/tsststte SranXlurl a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße <&etefon 10507. -J-3S-J- Herausgeber: Hals chst-s. ' ■..! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereiNkunft. 8. Jahrgang. Freitag, -en 8. Tamus 5670 (15. Juli 1910). Rr. 27. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Der Mangel an sozialem Verständnis ln der Orthodoxie. — Gehört dieser Mann noch auf Die Kanzel? — Londoner Chronik. — Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen-Kalender. — Spenden. — Vereins-Kalender. — Familiennachrich ten. Der Mangel an sozialem Verständnis in der Orthodoxie. „Im en kemach, en tauroh", jede Erschwerung des sozialen Lebens schädigt Thorastudium und Thorabeobachtung. Nicht die Verelendung des Lebens liegt im Interesse der Religion, nicht Hu preisen sind die Armen, — vielmehr: je allgemeiner und je größer die Anteilnahme an den Lebcnsgütern ist, desto besser ist der Boden, auf dem die Religion gedeihen kann. Dieser Optimismus, der ein unterscheidendes Moment zwischen Judentum und -Christentum darstellt, hat in der jüdischen Orthodoxie stark abgenommen, seitdem sie durch den Einfluß der nichtjüdischen Außenwelt sich allmählich daran gewöhnt hat, das Ueber- und Unnatürliche zur Grundlage ihres religiösen Denkens zu machen. Nichts mehr von dem alten jüdischen Feuergeist lebt in ihr. Jeder Einzelne ihrer Getreuen beruhigt sich, wenn er zu seiner Rechten Tausende und zu seiner Linken Zehntausende abfallen sieht, mit dem Bewußtsein, für seine Person nach dem Gesetze zu leben; er bedenkt nicht, daß er vielleicht für sich, nicht aber für seine Kinder bürgen kann; er bedenkt nicht, daß eine Aufbietung all' seiner Kraft zur Erleichterung^ des jüdischen Lebens im Interesse der jüdischen Zukunft seiner eigenen Familie liegt. Man wird einwenden, daß die Orthodoxie gerade in dem letzten Jahrzehnt eine lebhafte aktive Tätigkeit zu entfalten begonnen hat. Das wird gern anerkannt. Bei näherem Hinsehen macht aber diese Tätigkeit den Eindruck eines Zusammenraffens des Uebriggebliebenen, aber nicht des notwendigen sozialen Verständnisses. * Als vor zwei Jahrzehnten die Sonntagsruhe eingeführt wurde, da öffneten im Laufe weniger Jahre Tausende von Juden am Samstag ihr Geschäft, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil es unsozial ist, zwei Tage in der Woche geschlossen zu halten. Doch niemand in der Orthodoxie regte sich; die Rabbiner hielten ihre abstrakten Predigten wie vocher; und alle die, denen der Abfall nahe ging, fiigten sich — vielleicht christlich oder mohamedanisch, aber nicht jüdisch — stillergeben in das anscheinend Unabänderliche. Und als dann die Verwüstung Tatsache war, da erst ermannte man sich und gründete zur Rettung des Restes eine Organisation. Aber diese hat es bisher nicht vermocht, tatkräftig überall dort. wo es not tut, einzugreisen, denn sie ahmt wohl soziales Arbeiten von draußen nach, aber es mangelt ihr an dem tieseren Verständnis für jüdisch-soziale Forderungen. Wie schwach das Solidaritätsgefühl mit den Interessen der jüdischen Gesamtheit ist, möge auf dem Gebiete des Erwerbslebens noch von einer anderen Seite gezeigt werden. Es ist nicht selten, daß orthodoxe Geschäftsleute, indem sie die heiligste Aufgabe des jüdischen Volkes, mit all seinem Denken und Tun Gottes Namen zu heiligen, außer acht lassen, es an der strengsten Redlichkeit in der Geschästsgebahrung, Vornehmheit in der Gesinnung und stets wachem Interesse fiir das Wohl und Wehe ihrer Angestellten mangeln lassen; während andererseits die Klagen nicht verstummen, daß Söhne orthod. Häuser mitunter keine Ahnung davon haben, welche besonderen Pflichten sie ihren Prinzipalen gegenüber, die durch das Feiern zweier Tage in der Woche schwere Einbuße erleiden, haben. Doch was braucht man sich über all dies zu wundern; wird doch schon auf der Schulbank im Interesse der „Gläubigkeit" immer nur das „Wunderbare" in Israels Geschichte — so sehr auch das seine Berechtigung hat — in den Vordergrund und dabei Israel selbst in den Hintergrund gestellt! Wieviele Opfer jüdischer Pflichttreue haben schon die Schwierigkeiten, auf der Reise rituell zu leben, gekostet! Auch hier hat man zu Mt die Folgen eingesehen — nämlich erst dann, nachdem sie gar zu sichtbar waren —, und auch hier kommt die daraufhin gegründete Organisation über einen gewissen toten Punkt nicht hinaus. Es fehlt das lebendige Verständnis fiir die gewaltigen Aufgaben 8er Organisation. Man jammert darüber, daß das rituelle Leben auf Reisen nicht nur schwer, sondern auch kostspielig ist, aber es bleibt beim Jammern. Aber wenn's noch eineGeldftage wäre! Geld ist vorhanden. Auf eine modern-ästhetische Hebung des Gottesdienstes werden Tausende verwendet; ja, gilt's, eine neue Synagoge zu bauen, dann kommt es auch auf Hunderttausende nicht an. Und das alles, während fortgesetzt junge Leute, die um ihren Sabbat kämpfen, keine Position finden können und so mancher dem Sabbat treue Familienvater in eine kritische Lage gerät, weil ihm eine bescheidene materielle Beihülfe versagt ist. Wenn beispielsweise die prächtige Synagoge der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft 200,000 9Kort weniger gekostet hätte — sie hätte .auch dann noch prächtig sein können — und diese 200,000 Mark zur Gründung einer Darlehenskasse oder zur Vermeidung der Erhöhung um 15—30 Mark des schon vorher hohen Schulgeldes der Religionsgesellschaft-Realschule verwendet worden wären, dem orthodoxen Judentum wäre mehr gedient gewesen. Das Augenmerk wird eben aufdieAeuß erlich leiten gerichtet; wie es aber im Innern aus sieht, darüber, ja darüber macht man sich keine Kopfschmerzen, da befreitman sich von jeglichem Nachdenken mit der A n twort: Der orthodoxe Jude muß Opfer bringen! Jawohl, er muß für die notwendigsten Nahrungsmittel, für Fleisch, Milch, Butter, mehr zahlen wie andere. Und wenn Schulgeld, Synagogenplätze, Fleisch. Milch usw. neben der Sabbatbeobachtung noch Hunderte von Mark Mehrkosten verursachen, dann, ja dann . . . dann hindert ihn daS mehr aufgewendete Geld an so mancher Betätigung im Sinne jüdischer Ideale; der eine verzichtet auf den Talmudunterricht, der andere zuckt belauernd die Achseln, wenn er um materielle Hilfe gebeten wird, als» Summa Sunimarum ein Minus auf dem Gebiete einer jüdischen Lebensbetätigung, ganz abgesehen von der Tatsache, daß häufig nur deshalb rituell unzuverlässige Nahrungsmittel gekauft werden, weil die rftuell zuverläffigen teurer sind. * Mit all' dem ist nichts Neues gesagt. Und doch geht der ernste Jude an diesen b e i g u t e m Willen wenigstens zum Teil zu lösenden Fragen vorbei, fatalistisch zusehend, wie die an Zahl stark zusammengeschmolzene Orthodoxie noch ständig an ihrem Bestände einbüßt. Daß es aber wieder anders werde, verlangt eineUmwertung so mancherW erte.'Denn wenn alle Schöpfungen der heutigen Orchodoxie nach, einem gewissen Entwicklungsstadium stets stehen bleiben, so beweist das ehr Manko an jener gesunden Lebenskraft, die daS Judentum alle Zeiten hat überdauern lassen. Unser heutiges, nur auf die Konfession zugeschnittenes Judentum Hat ftch, wie es im Wesen der Konfessionen liegt, der Wirklichkeit der Dinge entrückt; und nur, wenn es wieder gelernt hat, die Dinge normal zu betrachten, wird es auch die Einsicht haben, die es betreffenden sozialen Fragen richtig anzugreifen und damit seine früher« Lebenskraft wiedergewinnen. Gehört dieser Man« »och ans die Kanzel? Nur eine bescheidene Anfrage an die Adresse der Gemeinde, die es angeht, der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland und der fiidischen Oefferttlichkeit! Die Frage lautet, ob ein Mann, der sich erdreistet hat, das Nachfolgende zu schreiben, noch würdig ist, der religiöse Führer einer jüdischen Gemeinde zu sein» auf der Kanzel eines jüdischen Gotteshauses zu stehen. Hören wir das Geistesprodukt eines Rabbiners unserer Tage: „Nicht der vierte {Sonntag nach Trinitatis oder sonst ein Sonntag im Jahre ist ein geeigneter Termin für die Einsegnung jüdischer Mädchen, sondern ein Tag wie das Fest der Offenbarung ist es. Dieses Fest aber mit seinen Gedanken 8er göttlichen Offenbarung steht mir und hoffentlich allen ernst und gewiffeichast denkenden liberalen

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