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Neue jüdische Presse · 1910-07-08 · Heft 26 (8.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 26 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8. Rr- 2K. Mohilew. Noch sind keine acht Tage seit der großen Brandkatastrophe verflossen, die Tausende jüdischer Familien brot- und obdachlos machte, und schon sind wir wieder von einem furchtbaren Brandunglück heim gesucht worden. Am 21. Juni brach in der Milnaer Straße Feuer aus, das sich sehr rasch auf die Umgegend mlsdehntc. , Mehr als 100 Häuser wurden ein Raub der Flammen, in der Stadt herrscht eine furchtbare Panik. Es besteht kein Zweifel darüber, daß man es mit einer organisierten Brandstifterb a n d e zu tun hat, die auf die durch die Brände hervorgerufene Panik spekuliert, um ein Raub-- und Plünderungswerk großen Stils ins Werk zu setzen. Warschau. Der Geschäftsbericht der Gesellschaft „K a r m e l" konstatiert, daß der Absatz von Palästinawein und -Cognak mit jedem Jahr erheblich zunimmt. Als Dividende bestimmte die dieser Tage hier, stattgehabte Generalversammlung 50 Rubel pro Aktie von 400 Rubel. 1000 Rubel wurden der Kolonie Rechoboth für öffentliche Zloecke Angewiesen. Kiew. Hier zirkulieren Gerüchte, daß der bekannte Millionär Leo Brodski nach dem Ausland ziehen will, sobald er hier seine Unternehmungen liquidiert hat. Grund: die fortgesetzten Judenverfolgungen. Großbritannien. London. Während der Debatte über die Aenderung des' Textes des Königseides kam es zu einer v ielbemerkteu Aus'einand ersetzung zwischen dem zweiten Sohn Lord Roseberhs, Niel Pr im rose, und dem einzigen Antisemiten im englischen Unterhanse, Bel lock. Bel lock, der Katholik ist, unterstützte die Gesehesvorlage, wonach die Stellen im Königseide, die sich gegen die Katholiken richten, ansgemerzt werden sollen; er berief sich hierbei auf die Toleranz, die den Konfessionen gegenüber 'geübt werden müsse. Hierauf ergriff Primrose, der, wie bekannt, mütterlicherseits von den Rothschilds abstammt, das Wort, und wies die heuchlerische Berufung Bellocks auf Toleranz energisch zurück: „Bellock ist der Letzte, der von Toleranz sprechen darf", sagte Primrose, „denn er selbst übt die schlechteste Toleranz gegen eine Rasse, mit der verwandschaftlich verbunden zu sein ich stolz bin. Als meine Ureltern gezwungen wurden, in Aegypten die härteste Arbeit zu verrichten, 'waren es sicherlich die Urahnen Bellocks, die in ivilder Intoleranz die Marter für hie Israeliten ansgeheckt haben. Ich bin stolz darauf, einem Volke zu entstammen, das die Kraft in sich hat, Tausenden und Abertau senden solcherBellocks mit Erfolg zu widerstehen." Türkei. Konstantinopel. Bon Haim Nah um, dem Großrabbiner der Türkei, traf hier folgende Depesche ails Jerusalem ein: „Jerusalem beruhigt. Einigkeit aller Parteien. Einvernehmen zwischen den Sefardim und den Aschkenasim. Jakob Meir zum Großrabbiner ernannt. Reisen nach Galiläa zur Besichtigung der Kolonien." Hierzu schreibt „L'Aurore": „Wir freuen uns, der Tätigkeit des Großrabbiners der Türkei diesen Erfolg zuschreiben zu können, einen Erfolg, dessen Tragweite niemandem entgehen wird. Daß es ihm gelungen ist. die Einigkeit in der Jerusalemer Gemeinde herzustellen, die Parteien zu versöhnen, das Bündnis zwischen Sesardim und Aschkenasim zu befestigen .und das Friedenswort in dieser Gemeinschaft, die bis jetzt von den heftigsten Streitigkeiten erfüllt war, zu sprechen, ermutigt uns hier in Konstantinopel, einer nicht weniger von Streitigkeiten durchwühlten Gemeinde, zu den größten Hoffnungen. Wir wünschen Se. Eminenz Haim Nahum Esfendi nach seiner Rückkehr in das Zentrrun der vttomanischen Judenheit einen nicht weniger glänzenden Erfolg bei uns. Könnte er uns doch jetzt eine ebenso große, ebenso tiefe und ebenso aufrichtige Befriedigung geben als die, die wir socken gefühlt haben. Wie der Adel, so verpflichtet auch der Erfolg. Dem 'Großrabbiner muß auch hier gelingen, was ihm dort gelungen ist. Er wird hier alles finden, was er braucht, um seinen Einfluß 'auszuüben, einen Einfluß, der jetzt noch durch die Energie, von der er soeben einen Beweis gegeben hat, gestärkt ist. Er findet ein brennendes Terrain, das eine schleunige Handlung verlangt, er findet Desorganisation von oben bis ünten in der Gemeindemaschine, er findet beinahe eine Anarchie durch die Gleichgültigkeit der..einen, den schlechten Willen der anderen und big Untätigkeit derjenigen, die die Wicht, hätten, Wcankfurter Israelitisches FamilienblaÄ. gegen die Schurkereien vorzugehen. Und er wird hier finden — das hoffen und wünschen wir von ganzem Herzen —, was. er in Jerusalem gefunden hat: Leute, die für ihre lleberzeugung kämpfen, die man aber durch gegenseitige Konzessionen zum Frieden bringen kann, denn bei aller Verschiedenheit der Meinung wollen sie alle nichts als die Ehre und das Gedeihen der ottomanischen Judenheit". Wie wir erfahren, wird Rabbi Jakob Meir sich erst nach seiner Rückkunft von Marienbad entscheiden, ob er das Jerusalemer Rabbinat anndhmen wird. Amerika. New-Aork. Das Jüd.-Theolog. Seminar hat eine der b e d e u t e n d st c u j ü d. Bibliotheken der Welt. Den Grundstock bildet die Bibliothek des'alten Seminars mit etwa 6000 Bänden; dazu stiftete M. S n l z b e r g e r - Philadelphia, ein Mitglied des Aufsichtsrats, seine eigene Sammlung jüdischer Literaturwerke von etwa 10 000 Bänden, darunter viele Seltenheiten, ferner der bekannte Finanzmann I. H. Schiff die Bibliothek des berühmten Theologen und Orientalisteil Moritz Steinschneider. Auch andere Zuwendungen kamen hinzu, so daß die Bibliothek heute rund 33 000 Bände umfaßt. In der Sammlung befinden sich zahlreiche mittelalterliche wissenschaftliche Werke in hebräischer, arabischer und lateinischer Sprache, Handschriften, Rechtsentscheidungen, eine große liturgische Literatlir mit zahlreichen seltenen Ritualien, ferner nicht weniger als '57 von den 101 überhaupt bekannten jüdischen Inkunabeln, so daß diese Sammlung nach der des Britischen Museums hierin die vollständigste der Welt darstellt. New-Aork. Die jüd. Gemeinde beschloß, beim Bürgermeister gegen die beabsichtigte Abschaffung der rituellen Kost für jüd. Kranke in den städtischen Krankenhäusern zu protestieren. Es wäre wohl zweckmäßiger gewesen, ivenn sie die geringe Summe der Mehrkosten dem Bürgermeister zur Verfügung gestellt und beschlossen hätte, für die Einführung der rituellen Kost in einer Reihe jüdischer Krankenhäuser, die vollständig unrituell geführt werden, einzutreten. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Frl. Dr. Jda Schönberger, eine Tochter des verstorbenen Kantor Schönberger in Potsdam, ist als Assistenzärztin am städt. Krankenhause Gitschiner Straße gewählt und Adolf Jandorf, Mitinhaber des bekannten Warenhauses A. Jandorf & Co., zum bayerischen Kommerzienrat ernannt worden. Berlin. Am 7. Juli feiert Frau Fanny W r o n k e r geb. Beermann, die Atutter des bekannten Verteidigers Justizrat Max Wronker, ihren 80. Geburtstag. Breslau. Im Älter von 65 Jahren verschied Heinrich Gold st ein, Direktor der Spiritusfabrik, Akt.-Ges., Königszelt. Mannheim. Dr. A l t m a n n, Dozent an der Handelshochschule, wurde zum Professor ernannt. Mannheim. Bankier Max Gotdschmidt, der Schwiegersohn des jüngst verstorbenen Vorsitzenden des Synagogenrates Dr. Stadecker, wurde in den Synagogenrat gewählt. Posen. In Mietschisko verschied im Alter von 73 Jahren der Stadtverordneter Hirsch Bock, ein Veteran aus den Kriegen 1866 und 1870/71. (L.J Posen Große Teilnahme erweckt der Tod des begabten cand. med. Hans Hamburger. -t. Straßburg. Durch die Ernennung des Oberlandesgerichtsrats Dr. Büsing zum Reichsgerichtsrat haben sich die Gerüchte bewahrheitet, daß der in Vorschlag gebrachte Landgerichtsdirektor Levi nur deshalb nicht bestätigt wurde, weil er Jude ist. Solingen. Geheimrat Gustav Koppel, Ehrenbürger unserer Stadt, erhielt den Kronenorden 3. Klasse. Wetzlar. Das Löb Salomon'sche Ehepaar erhielt anläßlich seiner goldenen Hochzeit die Ehejubilänms-Medaillc. (L.j Koschmin. Der in den Baronettstand erhobene Adolf Tuck (früher Tuch) in London ist ein Kind unserer Stadt. Budapest. Die Eskompt- und WechSler-Bank übernahm 500000 Kronen 5i/t<>/o Anleihe der hiesigen orthodoxen Gemeinde. Die orthodoxe Gemeinde baut eineSynagoge, ein Gemeinde- und ein Schulhaus mit einem Gesamtkostenaufwand von 800000 Kr. Petersburg. Hier wurde dieser Tage das Denkmal Peters des Großen enthüllt. Das Denkmal ist ein Meisterwerk des jüdischen Bildhauers Ahronsohn. Mit diesem Denkmal besitzt jetzt Petersburg dreiStatuen des großen russischen Kaisers, die von jüdischer Künstlerhand geschaffen wurden. Die eine, die vor einigen Jahnen auf einem anderen Petersburger Platze Aufstellung fand, ist das.Werk Bernstamms, und überdies befindet sich im Alexander- Museum eine vom berühmten Antokolski geschaffene Büste Peters des Großen. Pisa. Bei Ausgrabungen an den hiesigen alten Stadtmauern entdeckte man einen mittelalterlichen Jndenfriedhof. Philadelphia. Eine Abordnung hiesiger jüdischer Bürger, geführt von Jacob Ginsberg und Morris Rosenberg, sprach bei Senator Penrose in Harrisburg vor, damit er seinen Einfluß für die Lösung der Paßfrage zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland einsetze. Penrose versprach, sein Bestes zu tun. San Francisco. Nach langen Kämpfen hat das jüdische Altersheim die Summe von 200 000 Dollars als seinen testierten Anteil an der Hinterlassenschaft des vor 10 Jahren verstorbenen Julius Friedmann erhalten. 0 Mdtii. 0 Auge um Auge. Roman von Sam. Gvrdon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). XVIII. Niinan war nicht überrascht, daß keine Antwort erfolgte, und daß er sich jetzt allein befand. Mit geschlossenen Augen tastete er sich zu dem Baumstumpf wieder zurück, und als er sich niedergelassen hatte, da jühlte er die Stille und Einsamkeit des Grabes über sich Hereinbrechen. Seine Gedanken wunderten jetzt mehr und mehr zurück, um seiner grollenden, unzusriedenen Seele einen festen Untergrund zu geben. Ja, jetzt war das Maß voll; im Berus gescheitert, in der Liebe gedemütigt und in der Freundschaft getäuscht, — was konnte er noch vom Leben erwarten? Jetzt erst war alles von ihm gefallen, jetzt hat er auch den Freund, das einzige Wesen von sich gestoßen, dessen Herzschläge mit dem jeinigen noch in Berühung gestanden. Alles vorbei! Die langen Jahre, die sie gemeinsam gehungert, sie zählten für nichts; die durch Not und Elend zusammengeschweißte Seeleneinheit, sie war in die Brüche gegangen; die rasende Eifersucht/ sie hat die ganze Vergangenheit blitzartig aus der Erinnerung gefegt. Ja, es war die Eifersucht, die ihm vorhin diese harten Worte auf die Zunge gelegt. — Jetzt hat es ja keinen Zweck, sich selbst zu täuschen und zu betrügen. — Anfänglich da hatte ein törichtes, schadenfrohes Glücksgefühl sich seiner bemächtigt, als er Baruchs Liebe für Koratows Tochter erfuhr. Endlich hatte er einen Leidensgenossen gefunden; wenigstens stand er nicht mehr allein in der Welt mit seiner unermeßlichen .Herzenspein; er empfand ein hämisches, unbrüderliches Behagen, durch die Gleichheit ihrer Liebesleiden noch enger miteinander verbunden zu sein. — Dann aber hörte er aus Baruchs eigenem Munde, daß dessen Liebe erwiedert wird. Wie bisher, wie in jeder andern Hinsicht, war Baruch schon wieder der Begünstigste; abermals wurde er, Niman, von Baruch übertrosfen, und abermals mußte er als minderwertig zurückstehen. — Da war seine ganze Raserei, sein abgrundtiefer Menschenhaß zum Ausbruch gekommen. — Er sann weiter, doch nahmen seine Gedanken jetzt eine andere Richtung. War es aber auch gerechtfertigt, darum schon den Freund auszngcken? Hat denn Baruch auch nur einen Atom zu seinem Elend beigetragen? Mußte er nicht selbst eingestehen, daß Baruch wie ein König unter den Menschen wandelt, während er selbst nur wie ein niedriger Wurm dahinkroch? War denn nicht Baruch von der Natur selbst zu etwas Großem geschaffen? Konnte er sich auch nur in einer Hinsicht mit jenem messen? Er will ja wahr sein gegen sich selbst, ohne Beschönigung — nun denn, hat er nicht den Zerfall mit dem Freunde etwa gar absichtlich, im Scheine eines falschen, gleißnerischen Stolzes herbeigesührt, um sich einbilden zu können, daß er trotz alldem noch nicht so arm sei, um nicht doch noch etwas aufgebcn, noch etwas entbehren zu können? — Doch mag dem sein, wie ihm wolle; jetzt aber ist alles erschöpft, jetzt endlich ist seine Seele leer, er hat nichts mehr zu verlieren. — Tiefer und tiefer sank sein Haupt in die hornigharten Hände, und trotz der geschlossenen Lider fühlte er die Tränen hervortröpseln. Er machte keinen 'Versuch, sie zu unterdrücken, er schämte sich ihrer nicht. Selbst der „stärkste Mensch der Welt" darf weinen, wenn das Herz zwischen den Mühlsteinen der eigenen Kraft und Härte zermalmt wird. Einige Augenblicke ließ er seinem Gram freien Lauf, dann aber war er auch mit seinem Schmerz fertig und für die kommenden Ereignisse gewappnet. . In seiner kühlpraktischen Denkart sagte er sich selbst, daß keiner umhin kann, Baruch Bolkmann zu lieben — selbst eine Malta nicht.

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