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Neue jüdische Presse · 1910-07-08 · Heft 26 (8.7.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 26 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frankfurter JsraeMWes Famllienblatt. Nr. 26 zahlreichen Enkeln. Sie haben keinen anderen Beruf. Unser liebes Vaterland hat dafür gesorgt, daß sie nichts Nützlicheres haben erlernen können. Wer da vor ein Paar Tagen in Czernowitz bei der Schenker-Versammlung war und Greise und Mütter händeringend fragen gehört hätte: „Was sollen wir tun? Was können wir heute beginnen?" und sich die Gesichter dieser „Ausbeuter" angesehen hätte, zerfressen voni Tunst des Raumes, wo sie leben, zerknüttert vom Elend, der hätte gefragt: „Wer peinigt denn diese Jammergestalten?" „Eine hohe Regierung," wäre die Antwort, „vor der wir als treugehorsamc Untertanen den pflichtgemäßen Respekt haben." Schnaps ist heut,e nämlich ein Politikum. Tie „Ausbeutung und Vergiftung der Bauern", die letzt die Juden betreiben, wird künftig denen überlassen, die sich bei der Wahlagitation oder bei der Ausbildung von Rekruten um das Wohl des Staates verdient gemacht haben. Tie jüdischen Schenker mögen untergehen, verhungern, Bettler werden, besten Falles nach Amerika auswandern. Andere werden an deren Stellen treten, und man wird den Schnaps, der bis jetzt prolctarisiert war, zu Ehren und gesellschaftlichem Rang bringen. Es gilt als so ungeheuer reaktionär, sich für die verhungerten jüdischen Schenker anzunehmen, daß Leute, die auf Reputation geben, davon nichts wissen wollen. Tie Oeffentlichkeit ist also gut präpariert." Man sollte nun meinen, daß in solch einem kritischen Moinentc die ganze I u d e n h c i 1 Oesterreichs wie ein Mann zusammenstehen würde. Doch, weit gefehlt! Tie jüdischen Reichen stiften weiter für interkonfessionelle, d. h. in Oesterreichs jndcnrcine Zwecke, und die Gemeindegewaltigen sehen weiter ihre ausschließliche Aufgabe darin, das Budget im Gleichgewicht zu halten. Und das nicht allein! Es gibt sogar jüdische „Notablen", die jedem Vorwurf gegen ihren Philoscmitismus dadurch zu begegnen suchen, daß sie gegen die berechtigten Interessen der Schenker arbeiten. So hatte in dem Czernowitzer Gemcinderat der Christ Wegmann dafür plaidiert, daß sich die Gemeinde im Interesse der Schenker nicht um die Schankkonzession bewerbe; doch er hatte nicht mit seinen jüdischen Kollegen gerechnet: Kaiserl. Rat Samuel Hellmann und Tr. Zellermeyer opponierten ihm mit aller Kraft und erreichten mit Hülfe weiterer jüdischer Gemeinderäte, daß der gegenteilige Beschluß gefaßt wurde. So hatte sich auch hier wieder einmal das Prophetcnwort bewahrheitet, das da lautet: Deine Verderber und Deine Zerstörer sind aus Deiner Mitte! Doch nicht ganz sind die armen Menschen verlassen. Die jüdisch-nationale Bewegung hat einem Teil der jüd. Intelligenz das jüd. Ehrgefühl wiedergcgeben. Besonders die vier zionistischen Reichsratsabgeordneten, die von der jüdischen Masse als Juden gewählt worden sind, sind es, die auf d e r M a r t e st e h c n. In Parlament und Presse ergreifen sie mutig das Wort. Vor einigen Tagen haben sie eine Deputation Bukowinaer Schenker zum Handelsministcr Wcißkirchner geführt, und auf den 18. Juli haben sic nach dem jüdischen Gcmeindchausc in Czcrikowitz eine Versammlung einberusen, die sich mit Sanierungs-Vorschlägen befassen soll. Vor allem soll diese Versammlung eine Aktion cinleiten, durch welche im Wege der Parzellierung von zu erwerbenden Gütern Schenkern, die nebenbei Landwirte sind, Grund und Boden verschafft wird. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Dem Geschäftsbericht des Jüd. Genesungsheim zu Lehnitz entnehmen wir, daß dasselbe 1909 ca. 500 weibliche Pfleglinge hatte. Die Kosten für die Verpflegung betrugen 17800 Mark, die sonstigen Unkosten 8700 Mark. Berlin, den 30. Juni 1910. In den Räumen des Deutsch-Israelitischen Gemeindcbuiides fand heute eine Sitzung des Ausschusses der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums statt. Pros. Dr. Martin Philippson, der Vorsitzende, war 'in der Lage, eine Reihe wichtiger und erfreulicher Mitteilungen machen zu können. Die Zahl der Mitglieder sei im abgelausenen Halbjahre um abermals 100 gewachsen: den Mitgliedern .sei, soweit sie es gewünscht hätten, der zweite Band der Gesammelten Schriften David Kaufmanns zugestellt worden, von Steinthals Aufsätzen „Ueber Juden und Indent» m" sei eine neue Auflage erschienen; das Erscheinen der ersten beide» Bände des umfassenden Werkes über die „T almudische Archäologie" von Prof. D r. Krauß- Wien, sei im Herbste dieses Jahr bestimmt zu erwarten. Z-erner seien der Gesellschaft von mehreren Gönnern der jüdischen Wissenschaft, von Frau Marie Errera in Brüssel. 4000 Jk, von Herrn Generalkonsul Franz Philippson in Brüssel. Herrn Baron Edmund von Rothschild in Paris als erste Rate für die M i s ch n a a u s g a b e des Corpus Tannaiticnm je 5000 Jt. zur Verfügung gestellt worden. Bei der Beratung über die wissenschaftlichen Arbeiten der Gesellschaft legte Dr. B a n e t h einige Probeseiten der beabsichtigten Mischnaa u s g a b c vor, die .den Beweis lieferten, daß dieses bedeutsame Unternehmen nunmehr aus dem Stadiunl der Vorbereitungen herausgetreten ist und greifbare Gestalt anzunehmen beginnt. — Rühmend wurde auch von einem Mitglicdc des Ausschusses auf die Beachtung und Anerkennung hingewiesen, welche die 'schon veröffentlichte» Vorarbeiten für die Germania Judaica bei maßgebenden jüdischen und christlichen Gelehrten gefunden haben, und die diesem Unternehmen eine günstige Aufnahme versprechen. Der Ausschuß erledigte sodann eine Reihe geschäftlicher Dinge und erfüllte zum Schluß noch eine Ehrenpflicht der Gesellschaft, indem er mehreren Einzelsorschern und wissenschaftlichen Verbänden, insbesondere dem Gcsamtarchiv der deutschen Juden und dem Verband für Statistik der Inden Subvention bewilligte. Dortmund. Der gegenwärtige Bestand des Israel. Altersheims in Westfalen beträgt, wie dessen Jahresbericht 1909/10 mitteilt. 34 Pfleglinge; dazu treten die Oberin und 4 Hausmädchen, sodaß insgesamt 39 Personen in der Anstalt sind, gegen 35 im vorigen Geschäftsjahre. Der Etat weist bei 34110 Jk Einnahmen und 24160 Jk Ausgabe» einen Ueberschuß von 9950 Jk auf. Hannover. Die Arbeiten auf dem neuen Lehrgut Steinhorst schreiten rüstig vorwärts. Die Feldfrüchte weisen einen befriedigenden Stand ans, besonders schön ist der Roggen, mit dem 100 Morgen angcbaut wurden. Hafer hat unter zeitweiliger Trockenheit gelitten, im ganzen aber sind die Ernteanssichtco günstig. Das Gcmüseland wurde erheblich erweitert. Etwa' 230 Morgen Moor wurden in diesem Jahre entwässert, und auf der so vorbereiteten Fläche wird jetzt zur Anlage von Wiesen und Weiden geschritten. Dazu werden etwa 300 Morgen Heideland mit Hilfe von Dampsknltur aufgeforstet. Das Landcsdirektoriuin der Provinz Hannover hat uns die Gewährung eines Darlchns aus Staatsmitteln, zu 2°,'o verzinslich, zugcsagt, mit dem die bei der Aufforstung entstehenden Unkosten bestritten werden. Rach der Ernte soll auch der Viehstand erheblich vergrößert werben. Es sind bisher zwölf Lehrlinge ausgenomiiien worden, daneben werden jüdische Knechte und Arbeiter beschäftigt. Die Ausnahme von Lehrlingen wird vorläufig mit Absicht beschränkt, damit wir zunächst einmal einen gut cingearbeiteten älteren Jahrgang heranziehen. Doch können im Spätsommer oder Herbst noch einige LehrlingeAufnahme finden. Wegen Auskniistcrtcilinig wende man sich an die Alexander- und Fanny Simon'schc- Stistnng, Hannover, Hansahaus. München. Im Finanzausschuß d-s Atz. g e o r d n e t e n h a ii s e s lag zum Kapitel „I s r a elitischcr Kult n s" eine Petition vor vom „Landesverein für isr. Knltilsgeineiiiden in Bayern", der „Konferenz der bayer. Rabbiner" und dem „Isr. Lehrervcrciii für das Königreich Bayern" um Erhöhung des Etats für Zwecke des i s r. K u l t u s und zugleich ein neuer Antrag der Regierung: „Es wolle das Einverständnis damit erklärt werden", daß den Inhabern gering dotierter Rabbinatsstellen ans der Etatsposition Ziff. III, Kap. 3, 8 1, Aufbesserungszuschüsse insoweit gewährt werden dürfen, 'daß "das Diensteiiikommeii 2400 ,1t. erreicht. Bei der Festsetzung des Aufbesscrnngszuschnsscs dürsen nach dem Ermessen des k. Staatsiiiinisteriunis des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheitcn insbesondere Vergütungen für Nebenfunktioiien, dann 'persönliche Zulagen und' ähnliche Einnahmeposten, die den. Stellcniiihabern erst nach Ablauf einer angemessenen Dienstzeit von den Knltusgeiiieiiidcn bewilligt werden, außer Betracht gelassen werden." Nach einer Mitteilung des Regiernngskoinmissars betragen die fakultativen Staatszuschüsse zn den Kirchengcsellschasten bei den Katholiken 1,64 ,lk, bei den Protestanten 1,62 Jk auf den Kops der Bevölkerung. Würden die StaatSzuschüfse für Israeliten in gleichem Maße angefordert werden, so müßten 79,000 Jk in den Etat eingesetzt werden, also 65,000 Jk mehr als bisher. Der Antrag der Regierung wurde angenommen, die Petition zur Würdigung hinübergcgeben. Kissingen. Die 1905 vegründete Israel. Kiuderheilstätte (E. V.) hat in den 5 Jahren ihres Bestehens 578 Kinder unentgeltlich oder zu ermäßigten Preisen verpflegt. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder betrug am Schluß des letzten Vereinsjahres ca. 1700. Rußland. Petersburg. Der Minister des Innern hat die Einberufung einer jüdischen E in i g r a t i o n s k o n s e r c ii z nach L i b a u genehmigt. An der Konferenz, die von Baron G ü nzburg präsidiert werden wird und vier Tage dauern soll, dürfen nur die Vertreter des Emigrationskomitees in Petersburg und seine Vertrauensinäniier in der Provinz tcilnehinen; Vertreter der Presse sind nicht zugelassen. Alle Referate und Debatten müssen ausschließlich in russischer Sprache geführt werden. Ans der Tagesordnung steht: 1. die Regelung der Arbeit der Rayonkomitees und Organisation der Raycme; 2. Versorgung der Emigranten mit Schifsskarten; 3. Hilfeleistung und Auskunst an Emigranten bei Besorgung von Auslandspässen; 4. ärztliche Hilfe .für die Emigranten; 5. Jnsormatioiisliteratur; 6 die Tätigkeit des Libauer Komitees und der .Greiizkoinitees überhaupt; 7. verschiedene Fragen. Die Konferenz hätte sich auch mit der Ausarbeitung von Direktiven an alle Vertrauensmänner in der Provinz befassen sollen; dieser Punkt wurde aber v o in W i n i st e r g c st r i ch e n. Petersburg. Verschiedenes. Die Ausweisungen dauern nnaushörlich fort, nichts ist imstande, ihren Lauf zu hemmen; sie dauern nicht nur fort, sondern sie w a ch s e n i m m e r in ehr und mit unglaublicher Schnelligkeit. So wurden i n letzter Woche aus Kiew im Laufe von 4 Tagen 200 Juden und bald darauf an einem einzigen Tage ebensoviel Juden ausgewiesen. Selbst der Sw m in e r a u f e »t h a l t wird den Juden in vielen Orten versagt. Die Besitzer der Landhäuser spüren dieses Verbot, denn sie können ihre Soinmerwohnungcii nicht vermieten. Aus einem Vororte Kiews haben die Landhausbcsitzer, die leiden müssen, obwohl sie keine Juden sind, an Stolypin die'Bitte gerichtet, das Verbot zurückzniiehmeii. Es wird aber ans sie wohl kaum Rücksicht genommen werden, denn wie unschuldig sie auch sind, so verlangen sie immerhin etwas Unmögliches, eine Erweiterung der Rechte der Juden. Und Kiew steht nicht allein; noch in vielen anderen Orten werden Ausweisungen vollzogen. Um die Art und Weise der Vollziehung der Ausweisungen besser darzustelleii, will ich folgenden Fall ansühren: Aus dem'Orte Orlowschtschina bei Jekaterinoslaw wurden sämtliche Juden, meist L u n g e n kr a n kc, die dort de» Sommer verbringen wollten, ausgewiesen. Und als die Inden die „Kühnheit" besaßen, zu erklären, sie seien krank und könnten "deshalb Orlowschtschina nicht verlassen, erwiderte ein Beamter: „Wir kennen eure Krankheiten, wenn ihr es nötig habt, werdet ihr stets krank." Die Ausweisung wurde an eine m T a in s t a g vollzogen. Eine 70 jährige Frau, die am Sstmstag nicht fahren wollte, versuchte die Strecke zn Fuß zurückznlegeii, fiel aber unterwegs vor Eiitkrüftuiig und mußte in einem Wagen abgcsührt werden. — Helsingfors. Jüngst winden hier wieder einmal 20 jüdische Familien ansgewiesc n. Die Ausgewiesciicii appellierten an den Senat, dies! verdroß den Poti z eich es, und er ordnete an, daß diese hier seit vielen Jahren wohnhaften Familien die ^tadt sofort verlassen m ü s s c n. „Die jüdische Frechheit übersteigt alle Grenzen," schreibt der Polizeichef in seinem osfenen Briefe an die ausgeivieseiien Juden.. „Immerfort wenden die Juden alle ehrlichen und unehrlichen Mittel an, um gegen den Willen der hiesigen Bevölkerung am Platze zu bleiben. Allein auch die Polizei kann.. die jüdische Frechheit nicht mehr dulden." Als einer der Ausgewiesenen der Polizei ein ärztliches Zeugnis vorlegte, daß seine Frau krank darniederliegc, erhielt er zur Antwort, daß er mit denr Verlassen der Stadt nicht hätte warten sollen, bis seine Frau erkrankt war. Die Ausgewieseiien sandten eine .Deputation an den Gouverneur, die aber nicht empfangen wurde. Man sicht also, daß die freiheitsliebenden Finnen im Pimkt der Judenfrage mit. der russischen Regierung eng verbrüdert sind.

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