Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zsraitkfrtrker Zstielitischkü famiUrntilatt. AedaKLio« and Geschäftsstelle: Srankfurt s. M.. VUbelerstraße 4/6, Lcke Llerchstraße T-refo» 10507. H&K'- Hera«sgeSer: Aals Gei-s. < 7" " - Diese Zeitung erscheint wöchentlich Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen-. Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— _—-; Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 8. Jahrgang. Freitag, den 1. Tamus 5670 <8. Juli 1910). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Stellung des Individuums im Griechentum und Judentum. — Brief aus Oesterreich. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Allgemein «Mitteilung. — Barmizwohs. Die Stellung des Individuums im Griechentum und Judentum. Von Dr. R. Seligmann. Es genügt, einen flüchtigen Blick auf den Entwicklungsgang des griechischen Denkens zu werfen, um den Grundzug des griechischen Wesens, insofern nämlich dieses Wesens sozialpsychische Tendenz in den Gipfelpunkten des geistigen Schaffens sich historisch herauskristallisicrte, sich klar vor Augen zu führen. Das, was aus diesem Denken uns zunächst entgegcntritt, das ist eine gewisse Neigung, eine gewisse psychische Veranlagung, alles Persönliche als eine bloße Modifikation, eine bloße Ausgestaltung eines allgemeinen Naturganzen aufzufassen. Wir begegnen diesem Zuge schon an der Wiege des griechischen Denkens, bei den jonischen Naturphilosophen nämlich, wo ein bestimmtes Element aus dem Naturganzen herausgegrisfen und zu einen: allgemeinen, allumfassenden Prinzip erhoben wird, sodaß die' menschliche Persönlichkeit darin völlig untergeht. Wenn wir dann zu der großen eleatischen Schule übergehen, zu ParmenidesundMelissos, so stoßen wir auf den Begriff des starren, absoluten, in alle Ewigkeit unveränderlichen Seins, wo die bewegliche Willenskraft der. menschlichen Psyche notwendig sich zu einem bloßen Scheine verflüchtigen muß. Und wenn dann Hera kl eitos dem Begriffe des Seins den des Werdens substituiert, so bleibt doch die menschliche Psyche nur eine verschwindend kleine, unmerkliche Fluktuation im unermeßlichen Ozeane des Naturgeschehens, die von seinen rastlosen Wellen spurlos weggespült wird. Bei Pythagoras wird die Seele dem Begriffe der abstrakten Zahl untergeordnet, den A t o m i st e n ist die Seele ein bloßes Atom, und sogar bei Plato wird sie nur als ein matter Mklatsch einer in aller Pracht und Herrlichkeit über der Welt der Erscheinungen thronenden Idee hingestellt. Bei Aristoteles ist sie nur ein Moment in der gesaniten Naturentwicklung und bei den Stoikern eine gewisse Ausgestaltung des das Weltganze durchdringenden Logos. Kurz, überall treffen Ivir hier mit dem deutlichen Bestreben zusammen, der menschlichen Psyche ihre persönliche Färbung zu nehmen, die menschliche Willenskraft in den Wgrund eines abstrakten, apersonalen Seins oder Geschehens zu schlendern. Aus einem derartigen Verhalten dem Weltlauf gegenüber ergibt sich mit Notwendigkeit ein unerbitterlscher Fatalismus, dem die griechische Psyche unrettbar verfallen mußte. Wenn die persönliche Kraft der menschlichen Seele durch den Moloch der Natürlichkeit restlos verschlungen wird, wenn sie innerhalb des Weltganzen keine besondere, bevorzugte Stellung zu behaupten vermag, so bleibt ihr eben nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal in aller Ergebung zu fügen. Und so sehen wir auch, daß überall da, wo das griechische Denken sich der Lebenspraxis zuwendet, es entweder in einer verzweifelten Lebensflucht befangen bleibt, wie es in der K Y n o k und dem Stoizismus zum deutlichen Ausdruck gekommen ist, oder sich kopfüber in eine ebenso verzweifelte Jagd nach Lebensgenuß stürzt, wie es uns die H e d o n i k und der spätere E u d e Monismus zur Genüge zeigen. Wir lieben es, uns den Griechen als ein lebensfrohes Naturkind in unserer Phantasie auszumalen, unschuldig und liebenswürdig in seiner heiteren Genußsucht; vermeiden es aber geflissentlich, an die tiefe Depression der griechischen Stimmung zu denken. Und wiewohl wir sehr gut wissen, daß die griechische Phantasie die Vorstellung eines grausigen Schicksals, einer Moira, einer Ananke geschaffen hat, wollen wir doch nicht die weittragenden Konsequenzen derartiger Vorstellungen ausdenken, die in einer tiefen Resignation und Herabstimmung des gesamten griechischen Denkens gipfeln. Ist die griechische Denkweise mit starken unpersönlichen, naturalistischen Zügen überladen, so ist es gerade die entgegengesetzte psychische Tendenz, die uns aus allen Kundgebungen des jüdischen Geistes in prägnanter Weise entgegentritt. Im Mittelpunkte des jüdischen Denkens steht das persönliche Moment, wo die Vorgänge der Natur als ebensoviele Manifestationen eines überpersönlichen Willens gedeutet werden, und wo die höchste Konzentration dieser Willensenergien in einem Gottesbegriffe sich vollzieht. Dieser Anschauung gemäß erscheinen Nebel und Tod als ein provisorisches Stadium, das durch die menschliche Natur überwunden werden kann und muß. Trotz der äußeren Rigorosität, die der jüdischen Denkweise anzuhaften scheint, ist sie doch von einem lebhaften optimistischen Zuge getragen. Die jüdische Denkweise faßt das Leben nicht als Spiel, sondern als Kampf auf, — und gerade dieses Kampfbewußtsein, das einer oberflächlichen Betrachtungsweise als trüb erscheinen mag, ist es, das der jüdischen Stimmung einen gewissen Anstrich von Lebensfrendigkeit verleiht. Allein der strenge Monotheismus, von dem die jüdische Denkweise durchdrungen ist, hat innerhalb des Judentums eine gewisse pessimistis ch e Strömung insofern gezeitigt, als die .Frage nach der Möglichkeit des Uebels in der Welt und seiner Verträglichkeit mit dem göttlichen Prinzip die jüdische Seele unablässig beunruhigte und plagte. Das Problem des Bösen in der Welt hat unseren Großen zuweilen bittere Worte in den Mund gelegt. Man denke an Moses, wie er Gott zur Rechenschaft forderte, man denke Rr. 20. an die Propheten mit ihren leidenschaftlichen gegen Gott gerichteten Anklagen, man denke an das Buch Hiob und den Schrei der Entrüstung, der dieses Buch durchdringt. Diese pathetisch protestierende Stimmung verläßt den Juden nimmermehr. In einer späteren Periode, in der jüdischen Mystik, der Kabbala und dem Chassidismus, zeigt sie sich bereit, sich zu einem Dualismus zuzuspitzen. Es ist schon dort bereits die Rede von einem Satan, als einer feindlichen Macht, die sich dem göttlichen Prinzip entgegenstellt, wie die vielen Ausdrücke „Sihchinoschoh begoluso", „sitro achro", „maasch soton" zeigen. Indessen lassen diese Abweichungen den eigentlichen Kern der jüdischen Anschauung unberührt. Im Großen und Ganzen wird das Prinzip des Bösen von der jüdischen Denkweise in ähnlicher Weise gedeutet, wie es Goethe in dem Prolog zu seinem Faust tut: Der Satan ist dazu da, den Menschen aus seiner Trägheit aufzurütteln, ihn zu einem beständigen, immer von neuem aufgenommenen Kampfe anzuspornen. Das Bewußtsein des Bösen aber, das menschliche Leiden wird — mit lebhaften Anklängen an Leibnitz und Spinoza — als Beschränktheit des menschlichen Geistes interpretiert, als seine Unfähigkeit, in die verborgenen Wege 8er Vorsehung, die alles zum Guten lenkt, einzudringen. Brief aus Oesterreich. Die Krisis, die wir seit Monaten kommen sahen, nähert sich immer mehr. Die Existenz von 85,000 jüdischen Seelen in Galizien und in der Bukowina steht bei der Durchführung des neuen Propinationsgesetzes auf dem Spiele, und die Aussichten sind im allgemeinen keine günstigen. Warum? Darüber schreibt Tr. Diamant wie folgt: „Bisher war das Gastwirtsgewerbe in Galizien und in der Bukowina für den zu haben, der dafür dem Propinator gezahlt hat. Unternehmungslustige Leute, d. h. hier immer Juden, haben das Geschäft gemacht; das glänzende Geschäft, bei dem man sich eine kärgliche, elende, verachtete Existenz sichert. Nun wird derBezirkshauptmann dieses Geschäft zu vergeben haben. Ein Europäer würde meinen, daß doch keine Behörde den Leuten, die davon leben, diese Jammerexistenz streitig machen wird. Doch wir leben jenseits der mitteleuropäischen Wasserscheide. Hier hört jedes Verständnis für soziale Pflicht aus, wo Macht entscheiden kann. Die jüdischen Schenker üben dieses verrufene Gewerbe wohl seit Jahrhunderten aus. Sie haben all' diese Zeit ein wertvolles Kulturfermcnt in den Dörfern abgegeben und dem Bauer manches Stück wirtschaftlicher und kultureller Schulung gegeben. Doch das wird heute gestrichen. Herr Geßmann erlaubt solche Reden nicht, und die Behörden müssen ihrem Herrn gehorchen. Aber sie leben von der Schenke, sie, d. h. tausende Familien mit den Großvätern und den