Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Seite 11. ggattfaflet 8sr«M!M. MmMen«aL rühmte Thevlogicprofessor Strack den Autor der „Lüge," der „schauderhaften Verleumdung," der „tendenziös falschen Uebersetzung," der „Gewissenlosigkeit" geziehen hatte, und obwohl er sich nicht von der Beschuldigung „des vor Gericht abgelegten Falscheides und angebotencn Meineides" reinigen konnte. Trotzalledem konnte der Redakteur des „Westfälischen Courier" in einer Gerichtsverhandlung seststellen, daß von diesem Rohling'schen „Talmudjudcn" in Westfalen allein 38 000 Exemplare verteilt wurden und zwar gratis! Und wer zählt die verleumderischen Flugblätter, Broschüren, Kalender, Bilderbücher n. dgl., die damals bis ins entlegenste Dörflein kolportiert wurden? Ihre Zahl ist Legion! — Wir Juden sind schon von Rcligionswcgen nicht schadenfroh. Trotzalledem halten wir es für angebracht, jene Kreise, die damals gegen uns gehetzt haben, heute, da sie am eigenem Leibe die Folge der Verhetzungen und Verleumdungen spüren, auf ihr damaliges Treiben uns Juden gegenüber hinznweisen. M. Kunst und Literatur. Die Entdeckungsreise des Herrn D r. Theodor Lessing zu den O st j u d e n. Von Benjamin Segel. 74 Seiten. 1 «/£ Lemberg, Verlag „Hatikwah", Mickiewiczgasse 5. Das Geistesprodukt Lessings bildet eine widerliche Episode, die nicht wert ist, die Entrüstung zu überdauern, die sie bei jedem normal und anständig Dclnkendcn hervorgerufen hat. Man tut Lessing wahrlich zu viel Ehre an, wenn man sich mit ihm und seiner Mißgeburt beschäftigt. Segel hat seine Erwiderung in der ersten Erregung geschrieben, und heute würde er wohl auch nur ein verächtliches Lächeln für die phantastische Ausgeburt eines antisemitischen Inden übrig haben. Trotzdem freuen wir uns mit seinem Buche, denn es gibt uns zweierlei: die Bekanntschaft mit Herrn Segel, einem Manne mit jüdischem Wissen und jüdischem Geist, und den galizischen Inden, mit denen man sich ja grade in der letzten Zeit außerhalb Galiziens start beschäftigt hat. Zur Würdigung des Segcl'schen Buches lassen wir es am besten selber sprechen. Schlagen wir z. B. Seite l3 ans; dort heißt cs: „Und wieder ein andermal staunt er über den Widerspruch zwischen „dieser ganz einseitigen Einstellung auf die momentane Sicherheit des Lebens und zwischen (!) einer abstrakten Phantastik und Rabulistit, wie sie ähnlich nirgends (!) einem Volke eignet." Es ist die Gewohnheit aller sogenannten „Gebildeten", über die Nüchternheit und Trockenheit, über den glatten Materialismus und die praktische Engherzigkeit des Volkes vornehm zu staunen, wenn sie z. B. gelegentlich des Aufenthaltes in der Sommerfrische oder bei einem Aussluge in flüchtige Berührung mit den Bauern kommen oder bei Wohltätigkeitsveranstaltungen sich der Interessen der niederen Stände gnädigst annehmcn. Da ist der Bauer stumpf, weil er nicht gleich ihnen über jeden Sonnenuntergang und jede weidende Kuh in schwärmerische Verzückung gerät, und das Weib aus dem Volke ist roh, weil es nicht über jedes sentimentale Volkslied Tränen vergießt, wie eine romantische höhere Tochter. Und die armen Gebildeten merken nicht, daß die Leute ans dem Volke, die täglich und stündlich mit der härtesten Notdurft des Lebens kämpfen müssen, deren geistige Organisation „auf das unmittelbar Praktische und augenblicklich Nützliche eingestellt sein" muß, wenn sie nicht elendiglich zugrunde gehen sollen, nicht in der Lage sind, gleich den gebildeten Herren und Damen einen Vorrat von Poesie und Romantik für den geselligen Gebrauch stets in Bereitschaft bei sich zu tragen. Das bleibt in den verborgensten Tiefen eingejchlossen, wie frisches Qüellwasser in rauhem, hartem Gestein. Der gemeine Mann empfindet cs als unkensche Zudringlichkeit, als verletzende Indiskretion von Seiten eines Fremden, der an diese Seite seines Seelenlebens rührt, zumal, wenn er in dein Fremden einen übelwollenden Ausforscher, einen höhnischen Lauerer wittert. Und was sür einen feinen Instinkt hat der gemeine Mann hierfür! Darum wird wohl Lessing, der Psychologe, nur die Prosa, das alltäglich Banale, Trockene und Nüchterne des jüdischen Wesens gesehen haben. Wer aber tiefer zu graben versteht, wer das Vertrauen des Volkes erringt, und in gesammelter Ehrfurcht seiner Seele lauscht, dem eröffnet sie ihre Schätze, die sich in Strömen von Volksliedern, Märchen, Sage», Melodien und Uebcrliesernngcn ergießen, und der Dichter wkc der Forscher findet sich reichlich belohnt. Freilich, wenn der polnische Jude dem Propheten Eliah beim Seder mit einem Weinpokal auflvartet, ivenn die polnische Jüdin die Erzmütter beim Lichterbenschen am Freitag Abend um ihren Tisch herum sitzen weiß, oder wenn die Kinder sich vom König David erzählen, der ewig lebt, so ist das „unsinnigster Aberglaube und mystisch-sinsterer . Fanatismus" oder ist es „abstrakteste Phantastik und Rabulistik". Aber wenn die aristokratische Damenwelt von Berlin der „Christian science" huldigt, wenn die Frau Gehcimrat vor der Nummer 13 zu Tode erschrickt und der Herr Kommerzienrat am Montag und Freitag kein Geschäft eingeht, oder wenn im Hotel Bristol und im Kaiserhof kein Zimmer 13 vorhanden ist, und in Berlin W., wo Bildung und Besitz „thronen", stets das Haus Nr. 14 an >das Nr. 12 lehnt, so ist das — etwas anderes, aber auch ganz etwas anderes! Natürlich!" Jolvan Halevi, l. Teil (Traktat Berachoth und Ordnung Moed), von Joel Horowitz, London, 5670. Die halachische Literatur ist in den letzten zehn Jahren sehr arm an neuen Werken. Sogar in Rußland, wo sie noch vor wenigen Jahren So produktiv gewesen war, befassen sich die Rabiner eher mit Predigten. Die Drusch-Literatur (über die Qualität der neuen Produktionen aus diesem Gebiete ziehe ich vor, jetzt kein Wort zu verlieren) beherrscht jetzt ganz den religiösen hebräischen Büchermarkt. TW’ comme chez nous. Man merkt eben, daß das Judentum immer mehr modern wird. Vielleicht komme ich noch einmal dazu, dieses testimonium xanpsrtatin näher zu behandeln. Das obengenannte Buch verdient aus drei Gründen hervorgehoben zu werden. Erstens, weil es ein streng halachisch gehaltenes Werk ist, eine grüne Oase im Sandmeere der Predigtenliteratur, eine rara avis besonders in West - Europa. Zweitens, weil es nicht das Werk eines Rabbiners ist, sondern das eines einfachen Baal-Habais. Der Verfasser, ein reicher Kaufmann in Antwerpen, ist, leider, einer der letzten Mohikaner des alten Jndentuins, einer jener in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts so zahlreichen Baalebatim, die inmitten des Kampfes um das Dasein kmgerakltes Actienkapital 54 Millionen Mark. Frankfurt a. II., Nene Mainzerstrasse 32. Berlin. — Nürnberg. — Fürth. — Essen. — Wiesbaden. — Giessen. — Hanau. Ansführnng sämtlicherbankgeschäftlicherTransaktionen. Uebernahme von Wertpapieren aller Art — auch Hypothekenurkunden — in Offenen Depots zur vollständigen Verwahrung und Verwaltung. Gebühr */s °/oo jährlich, Minimum Mk. 10.— per Jahr. Verwahrung nebst Zinsentgegennahme von Hypotheken nach Vereinbarung. Annahme von Baardepositen mit ganzjähriger, halbjähriger, vierteljähriger und kürzerer Kündigungsfrist. Stahlkammer zur Vermietung von verschliessbaren Schrankfächern (Safes). Scheckverkehr provisionsfrei unter coulanten Bedingungen. 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