Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. nicht zu Herzen gehen. Man kann ja nicht dafür, das; man sich verliebt, ob man auch weiß daß eine Welt von Unheil daraus entstehen wird." Dann aber fuhr er mit Ernst fort: „Eigentlich trifft Dich gar keine Schuld für das Mißlingen Deines Planes, sondern mich. — Es Ivar gar nicht anders zn erwarten. Ich war Dein Teilhaber bei diesem Unternehmen, — und da konnte cs nicht gut enden. Der Fluch lastet auf meinem Leben, aus allen' meinen Taten, und der Flrrch des Mißerfolges überträgt sich auf alle, die sich mit mir verbinden. .— Ist aber der Mißerfolg nicin Verschulden, so laß auch Deinen Zorn nur mir gehören!" „Dir incinst es gut mit mir," sprach Baruch gerührt, da er Niman gar nicht verstand. Jetzt da die Gesahr der Abrechnung scheinbar vorüber war, erkannte er, wie groß diese gewesen war: Nu» aber ivar nichts mehr zu fürchten. Niman war zufrieden, — er hatte sogar darauf verzichtet, irgend einen ander» Nacheplan vorzuschlagen. — Dennoch spürte Baruch in seinem Innern, daß cs ihm lieber gewesen lväre, wenn Niman — etwas weniger seine Znsriedenheit gezeigt hätte. „Ich meine, was ich sage," fuhr Niman fort, da er seine Leidenschaft nicht länger bemcistcrn konnte; „laß den Zorn über das'Mißlingen mir ganz allein gehören. Ich habe ja auch genügend Raum dafür; Du hingegen — nicht! Du bist ja von Koratows Tochter voll! Wie ich Dir schon sagte, mein Herz ist groß und weit, wie dieser Strom da, und wenn Dil jemand begegnest, der eine bittere Enttäuschung, eine unheilbare Wunde empfangen, dann schicke ihn nur zn mir; bei mir kann er seine Last ablagern." „Rimau!" rief Baruch, nahe an ihn hcrautretend. „So darfst Du Dich nicht aufgebcn! Du bist noch lange kein wurmzerfrcssener Stamm, der bald in Stücke zcrsallcn Willi!" „Sich aufgcben — in Stücke zerfallen, nennst Du es, wenn ein Mensch seine Kraft probieren will, um zu sehen, was er zu ertragen vermag? Baruch Volkmann, Du täuschst Dich ganz und gar in mir! Du hast meine wahre Natur noch nicht erkannt! Vielleicht interessiert es Dich zn erfahren, daß auch ich in dieser Stunde meine Lebcnsanschauung geändert habe. Bisher pflegte auch ich jeden Tag einen neuen Stoß zu erwarten, zu fürchten, aufs neue zn Boden geschmettert zu werden. — Allein dieses' war mir nicht bekömmlich; es »rächt feig, cs erschlafft die Akuskcln, und die Leute im Fährbot fluchten, daß ich sie nicht schnell genug übersetzte. — Jetzt aber ist die Reaktion bei mir zum Durchbruch gekommen, und ich werde fortan ein Riese sein. Jeder Schicksalsschlag soll eine frische Kraft des Widerstandes in mir Hervorbringen, jeder Stoß einen Gegenstoß erzeugen. — Baruch Volkmann, wie bedauere ich Dich als Schwächling, dessen Sehnen und Planen durch ein falsches Lächeln Fvrtnnas wie Wachs in der Sonne zerschmilzt! Ich aber habe kein Sehnen, kein Begehren mehr in dieser Welt, darum wird jede Wunde nur eine neue Kraft in mir auslöscn. Baruch, ich sage Dir, nur »och eure oder zwei solcher Katastrophen, und ich bin der stärkste Mensch auf Erden!" „Auf eine Katastrophe wenigstens wirst Du nicht lange mehr zu warten brauchen." „Wirklich? Das ist eine freudige Botschaft für mich! Ich sehe. Du bist doch noch mein Freund! Um was handelt es sich?" ,stkoratow ist Ivieder bei der Arbeit, und die Vorgänge von damals sollen wieder eine neue Auflage erhalten. Nur sollen sie diesmal eingehender und durchschlagender ins Werk gesetzt werden. Die Muschiks sollen wissen, daß ihnen kein Hindernis in de» Weg gelegt werden Ivird, daß sie ungestört sich die Taschen mit dem Gelbe der Juden füllen dürfen, und wenn dabei auch wieder Blut fließen sollte." „Ich ahnte, daß er etwas im Schilde sührt." „Wieso?" „Er hat mir sagen lassen, daß ich die Fähre den ganzen Tag nur zu seiner Verfügung halten soll." „So schnell?" rief Volkmann bestürzt. „So schnell?" wiederholte Niman verächtlich. „Mich wundert, daß er noch so lange gewartet hat. Aber er ist ein guter Sportsmann. Der Herr Gouverneur weiß, was sich gebührt. Er gibt uns Zeit, wieder etwas Kräfte zu sammeln, ehe er eine neue Hetzjagd veranstaltet." „Niman ich -bitte Dich, laß ab von Deinem Cynismus und sage-mir, „wie das Entsetzliche abgewcndct werden kann. Ich bin vertrauensvoll und mit Offenheit zu Dir gekommen, damit wir gemeinsam beraten, was geschehen soll. Noch ist nichts verloren, daruni laß uns mit Ruhe und Ueberlegung handeln/ Wir wissen, was geplant wird, und das ist doch schon etwas. Koratow hat keine Ahnung, daß seine Absichten bekannt sind. Er hat mich zn seinem Vertrauten gemacht und weiß nicht, daß ich ihn verraten werde. Aber wir müssen auch sehr vorsichtig sein; denn wenn unsere Feinde sehen, daß die Opfer gewarnt sind, dann werden sie sich mit doppelter Raubgier aus die Wehrlosen stürzen, wie oer Tiger, wenn er Frankfuckr Israelitisches Familienblatt. sieht, daß die Beute ihm wieder abgejagt werden soll. Niman, in der Gemeinde sind doch gewiß einige entschlossene, kühndcnkeude Männer vorhanden, die ivir mit ins Vertrauen ziehen könnten, und mit vereinter Kraft wird cs uns sicherlich gelingen, eine Abwehr zu schaffen. Ich selbst stelle mich zu Eurer Verfügung, will jede Gefahr und Arbeit mit Euch teilen." Niman verharrte schweigend und uachdeukend, als wollte er erst jedes Wort besonders aus sich einwirken lassen. Dann aber schüttelte er abwehrend den Kopf und erwiderte langsam: „Entschlossene Männer werden schon genug vorhanden sein. Allein alle ihre Entschlossenheit und Weisheit wird nicht ausreichcn, um einem Koratow für die Dauer erfolgreich cntgegcntrctcn zu können. Dann, Banuh, glaube ich, daß Du dem Judentum noch nicht so ganz entfremdet bist, um nicht zu wisse», daß wir Juden lieber das eigene Leben lassen', ehe wir uns entschließen, Menschenblnt zu vergießen. Was sie mir antworten werden, Iveiß ich jetzt schon: sie werden ihr Geschick der Vorsehung auheimgeben und keinen Finger zu ihrer Verteidigung krumm machen. — Wenn aber uns Hilfe werden soll," seine Augen sprühten Feuer, und wuchtig sank seine Faust aufs "Knie nieder, „wenn uns Hilfe kommen soll, dann muß sic von Dir kommen! Du willst uns Deine Hand zur Verteidigung leihen. Du willst uns zur Seite stehcu, das allein genügt aber nicht; damit gibts Du uns ja nur wieder, was eigentlich uns gehört. Deinen Geist, Drän ganzes Können, alles was Deine Größe bildet, hast Du ja nur von unserem Stamm; cs ist ohnedies unser Eigentum; darum haben wir ein Recht, von Dir einen Ersatz zu erwarten. Du muht un§ cnischädigen für das, was Du von uns erhalten." „Du hast recht, Niman," rief Volkmann, ängstlich bemüht, de» Zornigen zn beschwichtigen. „Es ist auch meine Ansicht, daß es mir überlassen bleiben mutz, die Rettung zu bewirken und auch die Verantwortung zu tragen. Ich habe schon mein Gehirn zermartert, um einen Auslveg zu finden, — und ich habe einen gefunden. Und ist der Ausgang auch zweifelhaft und verzweifelt, so ist es doch nicht unmöglich, daß er zum Erfolg sührt. — Zumal kein anderer Ausweg vorhanden ist. — Niman, daraus kannst Du schon ersehen, daß mein Herz dennoch noch warm für mein Volk schlägt; denn die Hilfe, die ich jetzt plane, bedeutet für mich das Schrecklichste auf Erden!" „Nun?" fragte Mman gespannt. „Daß ich Koratow „Vater" nennen soll!" „Was willst Dir ihn nennen?" „Bitte, bleibe ruhig und warte, bis ich geendet," fuhr Volkmann schnell fort; „ich liebe seine Tochter und sie liebt mich wieder." „Sie liebt Dich wieder, — wirklich?" Volkmann schien diese Bemerkung zn überhören. „Bei ihrer Liebe für mich, wird sie ihre Bitten mit den meinigen vereinen, und cs gibt nichts, was Koratow seiner Tochter abschlagen könnte. Ich toerde ihm natürlich auch bald zu verstehen geben, daß ich auf die Mitgift seiner Tochter verzichte, die er, nebenbei bemerkt, im Kartenspiel vergeudet hat. Dazu kommt noch eine Urkundenfälschung, die er begangen, und von der ich Kenntnis habe; dieses alles will ich für sein Versprechen einsetzen, fortan und für alle Zukunft unsere Stanrmesgcnossen nicht mehr zu verfolgen. Bei seiner Feigheit wird dieses schwer ins Gewicht falle», und er Ivird cintvilligen.- Ja, Niman, das tvill ich tiut, damit der Todesfchrci der Ermordeten, das Wimmern der Sterbenden mir nicht mehr in die Ohren gelle , und wachend und träumend in meinem Geiste hcrumspucke." Eine Weile herrschte ein tiefes, unheimliches Schlveigen, dann aber stieß Niman einen Wutschrei ans und sprang wie rasend auf. „Du plumper Wortklauber, Du niederträchtiger Hypokrit! Hältst 'Du mich .tvirklich für so einfältig, daß ich Deine Schliche nicht durchschaue? Täusche Dich nicht, mein Freund, wie erbärmlich Du mich bisher den schwerfälligen Niman gcnasführt hast — Dein jetziger Plan ist durchsichtig genug, um Dich und Deine Schcinheiligkeit zu crkeune». Ich kann es.mir ja denken, wie der Wurm in Deinem Herzen nagt — ich weiß zwar nicht, ist cs Gewissenspein, ist es Aberglaube — genug, er läßt es Dir ratsam erscheinen. Dein selbstsüchtiges, verwerfliches Begehren, als ein selbstloses Opfer zu stempeln, als eine Tat voller Hingebung für eine große Sache. — Aber ich kenne Dich besser; Du bist viel zu feig, für Deine Gewalttaten offen einzustehen und für Deine Verbrechen die Verantwortung zu tragen, darum möchtest Du unsere Not mißbrauchen, indem Dü Dich als Märtyrer hinstcllst, auf daß wir dem Abtrünnigen Absolution erteilen, auf daß wir ihn gar noch als Helden preisen, lvährend seine eigentliche Triebkraft nur die ist, seine Liebesleidenschaft befriedigen zn können. — Nein, nein, mein Freundchen, diesmal wird es Dir schon nicht gelingenmich zu einem Deiner Mithelfer zu überlisten, um noch Deine Schandtat gutzuheißen; so tief bin ich doch noch nicht gesunken. Heirate Koratows Tochter, heirate wen Du willst, nur Nr. 25. sollen unsere Leiden nicht als Deckmantel Deiuer Erbärmlichkeiten dienen!" Auch Volkmann war aufgesprungen, lange, ehe Niman mit seinem vnlkanartigen Ausbruch zu Ende war. Auch seine Stimme klang jetzt metallisch hart, als er sprach: „Du hast keine Einweuduugen gemacht, daß ich im Hause der Todfeinde wohnte, solange Du glaubtest, dadurch Deine eigenen Zwecke fördern zu könucu." „Ich wußte cs noch nicht, daß Du es Dir zur Aufgabe machtest, ein zwiefacher Verräter zn werden: ein Verräter gegen uns, und ei» Verräter auch gegen sie," war Murans schneller Gegcnschlag. „Seit wann ist es denn Deine Aufgabe, gegen die Verräter unserer Feinde zu Felde zu ziehen?" „Seitdem Du Dich unwürdig gezeigt, für uns zn kämpfen." „Vergiß nicht, daß ich nicht Deiner Genehmigung bedarf, um mciucn Plan auf eigene Faust auSzuführen." „Und Du vergiß nicht, daß wir keinerlei Gunstbczcugnng annehmeu werden von einem Menschen, tvie Du dist!" „Bon einem Menschen wie ich bin!" Die Worte hatten Volkmann wie ein Peitschenhieb getroffen, und er tviederhvltc sic mit keuchender Stimme. „Niman, soll dieses das letzte Wort unserer Freundschaft sei»?" „Soweit cs mich betrifft, das letzte; doch beruhige Dich, bald wird Dein Gewisse'! mit Dir ein anderes Wörtchen reden und Dir. eine würdige Nachrede halten; wie Du cs tausendfach verdienst." (Fortsetzung folgt.) Eine Frühlingsnacht. Von M. S. F c i c r b c r g. (Aus dem Hebräische» übertragen von Beu-David.) Meine Schulter» sind gebeugt, meine Haare gebleicht, und meine Jugcndkräfte geschwunden. Und doch, — nicht satt an Tagen bin ich, sondern satt an Kummer; nicht die Last der Jahre hat meine Schultern gebeugt, sondern die Last meiner Trübsal und der Lebcnswidrigkeiten. Ich kann weder weinen noch lachen, meiner Tränen Born ist versiegt, meine Gefühle sind versteinert .!. der ganze Fluch des Strafgerichts haftet au mir, und ich seufze nicht. Aber eines Abends gedenke ich, da lvar ich noch ein Jüngling voll Leben und Empfinden. Es war eine der ersten Frühlingsnächtc. Mein kleines Zimmer von dem trüben Schein einer Ocllampe matt beleuchtet, vor mir aus dem Tische meine Bücher ordnnngslos durcheinander: Traktat „Baba Kaum.", der „Knsari", „Jore Dea", I. Teil, „More Rebuchim", „Rcschith Chachma" und die Heilige Schrift und unterm Kissen auf dem Bette einige „Haskala" - Werke versteckt. Traurige Regungen bedrückten mir heftig das Herz, der matte Lichtschein stimmte mich trübe, und der Anblick der über den Tisch verstreuten Bücher verwirrte meine Sinne. Da trat ich ans Fenster und machte es ans. Draußen ist es still. Die Jndengasse schläft, die Holzläden an den niedrigen Fenstern sind zugcmacht. Mitunter dringt ein winziger Lichtstrahl durch irgend eine Ladenspalte, und dies bekundet, daß ein armer Handwerker noch bei seiner Arbeit ist oder ein Buchknndiger beim „Lernen" verweilt. „Ein Haus, in dem nicht des Nachts Worte der Thora vernommen werden, wird der Zerstörung anheimsallen", und wie erquickend ist doch des Nachts die Thora für einen Juden! > Der klare Mond, mit seinem vollen, weißen Antlitz, schwimmt im blauen Aether und erhellt die Gasse mit seinem weißen, zarten Lichte. Er ergießt einen Lichtstrom über mein Fenster und mich, der ich zn ihm hinaufblicke; Miriardeu Sterne blinken und funkeln am lauteren Himmelsfirmament; zarte Lichtwellen schwimmen durch den endlosen Raum, der schwebende Wind trägt auf seinen Flügeln von fernher all' die Frühlingsdüfte in die Gasse. Die Natur ist voller Frische, Leben und Ruhe; das ganze Weltall ist eine herrliche Melodie. Die Luft ist voll beseligender Stimmen: Preiset Gott, denn er ist gütig und ewiglich währet seine Gnade! Mlerheiligst! Und hier im Heiligtum gibt es keine Bücher und Schristrollen, keine Gedanken und Philosophie, keine grüblerischen Hirne und gedankengefurchtcn Stirne, — Gott hat hier alles grade und heilig gemacht! Mit der ganzen Kraft »reiner Seele atme ich die erquickende Lust ein, — welche Wonne! Es weitet sich die Brust, das Herz schlägt schneller. . . Ich schaue aufwärts zn den fchönen Sternen, dem Monde und dem tiefblauen Aether. . . O, mein Gott, mein Gott! Wie schön ist doch deine Welt! Welch eine Fülle von Frieden, Reiz und Gnade hat -eine Güte über sie ergossen! Wie süß ist doch das Leben in der schönen Welt, die du erschaffen hast! Wie schön ist dieser Abend, und welche-Wonne .ist es, an einem solchen Abend unter Gottes Himmel zn leben und sich zn freuen! ... Und. hier in de.r Gasse.?