Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-07-01 · Heft 25 (1.7.1910) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 25 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692690--05512-2700440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 25 (0 Gott, deine Welt, ist schön und weihevoll! O, wie schön ist doch der Mond, der dort hoch oben langsam hinschw imint, wie schön sein friedliches und liebevolles Antli^ . . . Ich vernehme das Echo der wunderbaren Töne, die sich dort in den Schatten des göttlichen Geheimnis ergießen. Ich schane die wunderbaren Zauber der grenzenlosen Weite . . . Da ist eine große und weite Welt! Da ist Wonne und Zartheit und weihevolle Seligkeit! . . . Und hier in der Gasse?! Außer Kaufläden und Schenken, außer Lehrhänsern und Shuagogcn, außer den Chcdarim und dem Markte — gibt es bei Gott noch eine Welt; eine Welt von Mond und Sternen, von Luft und Licht, von Himmelsblau und Frnhlingsnächten, von singenden Vögeln und lobpreisendem Grün,. von heißen Gefühlen und seelischem Entzücken . . . Und hier in der Gasse?! Nie habe ich diese Herrlichkeiten genossen, da „sich die Fluren mit Schasen kleiden und sich die Täler in Getreide hüllen und man jauchzet und singet". Talmud, Moralbücher und Gesctzcsschriften waren mir die Logik im Leben: ich sah sie so, wie ich die Gasse und den Markt sehe; und die Psalmen, die Bücher der Bildung und des Wissens wurden die Poesie meines Lebens. Ich wußte, daß es „in Getreide gehüllte Täler" gibt und „Quellen, die in den Tälern zwischen dem Berge fließen, das Wild des Feldes tränken und den Waldescln den Durst stillen." Aber die Täler selbst, das Getreide, die Quellen und die.Berge habe ich nie gesehen . . . Ruhe liegt ringsum. Es summt mir etwas in f)cii Ohre», mein Herz ist bedrückt, cs ist mir so eng . . . Warum möchte ich denn weinen? Was sollen die Tränen? ... Es ist mir so wehe! Wo ist meine Jugend? Was ist meine Welt? O, Gott! t Habe ich denn je gewußt, was Jungsein und Leben bedeuten? Habe ich in meinem Lenz das empfunden, was jetzt im Frühling jeder Baum, jedes Gräschcu, jede Blume, jede Pflanze, jede Fliege, jedes Würmchen, jeder Vogel fühlt? . . . Und wie gut und schön ist doch die Jugendzeit?! Tausende von Menschen blühen in ihrem Lenze, so wie jetzt die Natur erblüht, — und ich bin hier in der Gasse?! Jenseits der Gasse blüht Natur, blüht Jngcndkraft, grünt der Baum und rötet sich die Wange. Und hier?! Das Leben in deiner Welt, o Gott, ist schön und voll Glück, Wonne und Unschuld! Wieviel Tausende von Menschenkindern freuen sich jetzt an der Wonne und Köstlichkeit, die du ihnen geschenkt hast! Wieviel Tausende von Herzen sind jetzt voll Frieden und Ruhe, Glauben und Zuversicht, Lob, Gebet und Dank! Wieviel Tausende jugendliche Nerven sind jetzt heiß durchströmt von Liebe und Sehnsucht, Lebenslust und Daseinssreude! Leben! Leben! Leben! Leben, o mein Gott! Und hier in der Gasse?! Hier in der Gasse, hier, in diesem Ameisenhaufen scheint nicht die Sonne, leuchtet nicht der Mond und funkeln nicht die Sterne; blüht nicht Natur, und Leben lebt nicht . . . Hier im Ameisenhaufen ist ein erbitterter und furchtbarer Kampf . . . Hier kämpft das Leben gegen das Leben um das Leben. Hier ist man besorgt, wie jenes schreckliche Ding, das Leben heißt, am schnellsten zu vergeuden sei. Augen und Herrz, des Lebens Schmuck und Pracht, sind hier gänzlich überflüssig und gelten'als „Verführer zur Sünde" . . . Unglücklicher! Dein Auge soll nicht sehen und dein Herz darf nicht begehren! Aber was sichst und begehrst du denn hier in der Gasse?! Da sehe ich den gebeugten Rücken, das bleiche Gesicht, die eingefallenen Wangen, den spitzeil Bart und die gefurchte Stirn, und aus der Ruine leuchten Augen hervor, und die Angen wollen sehen und können sehen. . . Hier , pocht auch ein begehrendes Herz. . . Aber wißt ihr denn, Mönche, was die große Welt jenseits' eueres Klosters sieht und begehrt? . . . Fühlt das Würmchen im Schoße der Erde, daß oben ein schönes Leben und eine Welt voll Licht ist? Da sind in der Ferne grüne Lindenalleen, — wie schön doch diese Bäume sind! Wie anmutig ihre grünen Blätter! Und wie gerne schaue ich zu ihnen aus der Ferne hinüber. . . Ich gedenke ihres traulichen Schattens an den heißen Sommertagen . . . mein Herz preßt sich zusammen, meine Gefühle wallen auf . . . Ich will hinausgehen. . . Einsam iind allein mit dem Monde in de» Lindenalleen wandeln. . . Ich ging hinaus. . . In der Gasse herrscht Stille, ringsherum. Mir wird noch beklommener zu Mute . . . Das Leben, die Natur, die Alleen liegen jenseits von mir, außerhalb meiner, jenseits der Gasse. . . Da vernahm ich Hundegebell aus der Ferne jenseits der Gasse. . . Und ich bin in der Gasse. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.- Seitdem Theodor Herzl s. A. in seinem „Judenstaat" den ersten Anstoß zur zionistischen Bewegung gegeben hat, ist das Thema: „Zionismus und Orthodoxie" nicht mehr von der Bildflüche verschwunden. Zahllose Vorträge, Broschüren und Zeitungsartikel mußten dazu herhalten, entweder die natürliche Zusammengehörigkeit von „Zionismus und Orthodoxie" zu beweisen oder die Unmöglichkeit, ein „orthodoxer Zionist" zu sein, zu dokumentieren. Es hat zwar in den 13 Jahren seit dem 1. Zionistenkongrcß Ruhepausen gegeben, wo man von orthodoxer Seite dem Zionismus eine Art Gottessrieden oder Waffenstillstand gönnte; das war besonders da der Fall, wo die Orthodoxie an den Zionisten eine warme Stütze für ihre Bestrebungen fand. Allein kaum war aber diese Wafsenbrüderschaft nicht mehr nötig, da war die alte Kampfstimmung wieder zum Durchbruch gekommen. Ganz besonders, wenn einmal ein Iveniger gläubiger Zionist in einer Zeitschrift eine Anschauung äußert, welche vom offiziellen Zionismus weder gebilligt noch irgendlvie unterstützt lvird; da werden ganze Seiten Leitartikel geschrieben, der böse Zionismus in allen Tonarten als eine Ausgeburt der Hölle verschrieen und alle Gläubigen auf das dringendste vor einem Anschluß an diese Bewegung, welche noch „gefährlicher als die lendenlahme Reform" ist, gewarnt. Es soll nicht unsere Ausgabe sein, auf den Kampfruf orthodoxer Leitartikler gegen den Zionismus in gleicher Weise zu antworten; wer ein wahrhafter Zionist ist, wer dieser Bclvcgnng sich angcschlossen hat oder anschließt, der hat in reiflicher Ueberlegnng alles pro und conlrn erwogen und läßt sich nicht von einer Seite beeinflussen, welche ihr Rüstzeug und Kriegsschwcrt je nach den Verhältnissen hervor holt oder in die Kammer stellt. Während der Agitation für die bad. Synodalwahlen, als junge und alte Zionisten ihre Zeit und Kraft in deir Dienst des überlieferten. Judentums stellten, da freute man sich in den orthodoxen Kreisen der Bundesgenosscnschaft, und wenn, demnächst vielleicht schon, in Preußen und Bayern die Frage der Regelung der Judengesetze ans die Tagesordnung gesetzt lvird, da werden die Vertreter der Orthodoxie wohl nicht in den Ruf einstimmcn, der dieser Tage in einem orthodoxen Organ zu lesen war: „Wehe uns, wehe den Vertretern der Orthodoxie, wenn uns die kleinmütige Täuschung ergriffe, als Hütte» wir vor den Stürmen der Gegenwart Schutz zu suchen im Schatten der jungen zionistischen Baumkrone." In demselben Artikel, in dem vorstehender Satz steht, heißt es an anderer Stelle: „D i e Or th o doxi e als p o l itis ch c „P art e i" mag Bündnisse schließen, soviel sie will, sie mag mit voller Aufrichtigkeit die sympathischen Züge im öffentlichen Wirken des Zionismus würdigen und anerkennen, aber das alles nie und nimmer mehr um den Preis des Totschweigens oder Verschleiern der Wahrheit." Auf der einen Seite mag die Orthodoxie als politische Partei Bündnisse mit diesen entarteten Zionisten schließen, auf der andern Seite kann man sich vor denselben nicht genug in acht nehmen, — diesen Satz kann sicher nur der wirkliche „Politiker" in allen seinen Tiefen ergründen. Doch genug der Polemik. Vor zirka zwei Jahren hat einer unsrer Freunde einen Vortrag gehalten, worin der zionistische Rabbiner des Reformtempels „Emanuel" in Rewyork Dr. Magnes erwähnt tvird. Damals hatte Dr. M. in einer Predigt scharf gegen die Assimilation Partei ergriffen, und unser Freund betonte damals, daß dieser Dr. Magnes mit der Zeit sicher am Besten das Werk Herzls in die Wirklichkeit umsctzen würde: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland." Diese Prophezeiung hat sich nun teilweise schon erfüllt. Man kann nicht verlangen, daß ein in liberalstem System Großgewordener sich in so kurzer Zeit vollständig zum überlieferten Judentum durcharbeitet; allein das offene Bekenntnis des Mannes und sei» Rücktritt vom „sehr gut dotierten" Rabbinat zeigen, daß die Einkehr dieses Zionisten ehrlich ist. So >vie bei ihm, geht es bei vielen andren, allerdings nicht in dem Tempo, wie es sich viele ausmalen oder wünschen. In Dezennien, bei der nächsten Generation wird es sich zeigen, daß das Motto Herzls sich bewahrheitet, und daß das überlieferte Judentum mehr ducch das Einigende im Zionismus als durch das Trennende, das von anderer Seite betont wird, gefördert lvird. Ein orthodoxer Zionist. Seite 5. Kaiser ffrledrleh Quelle - Offenbach a. X. - Gegen Sicht und Bhenmatisiniis bewährt» Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 u. 71. Bad Harzbnrg. 1TO Pension Parkhaus, 53 Salons und Familien-Dependance, Scliloss Prinaenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häus*r I. Ranges unter Rabbinats- Aufsioht, an schönster Waldiage. Geöffnet April bis Oktober. Prospekt gratis. MaX HOChtm Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach vem Luaeli.j Samstag, den 2 Juli (= 25. Siwanh Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Min., in Berlin 9 Uhr 35 Min. Wochenabschuitt: Kor ach. — Korach verbindet sich mit Datan und Abiram und 250 angesehenen Männern gegen Moses und Ahron, denen sie Ucberhcbnng und Herrschsucht vorwerfen. Moses ermahnt die Empörer; die Leviten erinnert er an ihre ohnedies bevorzugte Rangstellung als „Diener des Stiftzeltcs."- Am andern Morgen soll ein von alten zu bringendes Räucherwerk dartun, wen Gott als Auserwählten loill oder nicht. Datan und Abiram zeigen sich besonders trotzig und überhäufen Moses mit noch andern schwerbcleidigcnden Borwürfen. Am andern Tag hatte sich die ganze Gemeinde anfwiegeln lassen. Gott will sie alle vernichten. Moscs betet für sie, Gott will Verzeihiung gewähren, wenn die Verführten sich von den Verführern absondern. Dies geschieht. Nur Korachs „Anhang" bleibt demselben. Moses verkündet, daß diese Empörer eines ungewöhnlichen Todes sterben werden zum Beweise seiner göttlichen Sendung. Darauf öffnet sich die Erde und verschlingt sie. Die 250 Mann, die das Räuchcrwerk gebracht, sterben durch Feuer. Die Räucherpfannen solle» als Erimierung zu Beschlägen an dem Altar verwendet werden. Demwch erhebt sich wieder die Gemeinde mit Murren und Vorwürfen, als hätten MosrS und Ahron den Tod der Bösewichte verschuldet. ES sterben hierauf 14 700 Alaun an einer Seuche. Gott will sie alle vernichten. Ahron bringt zur Sühne Räncherwerk dar. Zum zweiten Mal will Gott zeigen, das; Moses und Ahron göttliche Aufgabe haben. Moses läßt sich die Stäbe aller Stammfürsten geben, für den Stamm Levi Ahrons Stab. Er bringt sie in die Stiftshütte. Am andern Morgen ist der Stab Ahrons " in voller Blüte. Moses zeigt ihn der ganzen Gemeinde. Der Stab lvird zum dauernden Erinnerungszeichen im Heiligtum aufbewahrt. Den Schluß der Sidra bilden verschiedene Vorschriften über Priester- und Levitenabgaben. Ransch-Chandefch-Benschrn. (Rausch- Chaudesch: Donnerstag und Freitag). Offenbaebtr Druckluft-Unlage Telefon 123. Offsnbach 3. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährtest« Tapplehralnlgung. Briefkasten. R. Claude Montefiore ist ei» edler Mensch und meint es ehrlich; das ändert aber nichts daran, daß seine Bestrebungen, das Judentum dem Christentum anzupasscn, weitergehen, als es sich bisher die extremste Reform erlaubt hat. Prof. M a r g n l i c s. Wir liehmen davon Notiz» daß es in Ihrem 'Artikel „Väter und Kinder im Osten" richtig zu heißen hat: „der Sohn ein Studierter mit m a t e r i a l i st i s ch e r Weltanschauung" und „durch die Flucht zum profanen Studium sich emanzipieren wollen." Vereins-Kalender. Samstag, Verein „M e k o r C h a j i m", 4(4 Uhr, Schützeiistraße 2: Mikro - Vortrag (21. M. Schwarzschild). Mittwoch. „M o n t e f t o r e" - B e r e i n, 9 Uhr, Seilerstraße 22: lieber Heyermanns und seine Werke (Siegfried Oppenheimer). Familiennachrichten. Geburte«. Eine Tochter, Herrn Einil Fiebermann (Stein), Frankfurt, Hermesweg 43. Einen Sohn, Herrn Emil Baum (Levh), Höchst ain Main. Eine Tochter, Herrn David Ambach (Kohn), Nenmarkt. Eine Tochter, Herrn L. Marxsohn (Schlössinger), Groß-Gerau. verlebte. Selma Spieß, Gernsheim — Moritz Mayer, Walldorf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.