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Neue jüdische Presse · 1910-07-01 · Heft 25 (1.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 25 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25. Seite 3. München. In der großen Kunstausstellung im Glaspalast befand sich ein Bild des Malers Stanislaus F a b i a n s k y aus Krakau, welches „<S t n P ogro in i n 5k' i e w" darstellte und welchem die Bezeichnung „ü)lns de in 'R e i ch des Z are n" beigcgeben war. Nach einer Mitteilung der „M. N. N." Ivnrde das Bild entfernt, nachdem die r n s s i s ch c G c s a n d t s ch a f t bei der daher. Regierung interveniert hatte. Es ist merkwürdig, wie eine Negierung, welche kalteil Bluts tausende von Menschen körperlich und mvralisch ruiniert, so empfindlich ist, wenn Ereignisse, die sich in ihrem Lande ja tatsächlich abspielen, und die alle Welt kennt, der Mitwelt künstlerisch vor Auge» geführt iverden .Noch merkwürdiger aber ist es/ Das; die pnyrische Regierung solche Vorstellungen berücksichtigt. Die Gemeinschaft der polnischen K ü n st l e r hat i n Krakau einen Beschluß gefaßt, gegen das Vorgehen der bayrischen Regierung, die die P o l i t i k in das Gebiet der K n n st hineinträgt, zu protestieren. (L.) Schrimm. Magistrats-Assessor Abraham Jaffe, ein siebzigjähriger Greis, hatte im Aufträge der Stadtbchörde eine Generalversammlung der Schützengilde zu leiten. Als derselbe die Anordnungen in betreff von Wahlen verlas, ivnrde er von einer Anzahl wütender Polen „verfluchter Jude" re. tituliert. Es handelte sich nämlich um Differenzen zwischen Deutschen und Polen. In einer Bersamintnng genau acht Tage früher hatten ihm die Polen ein Koch ansgebracht. Dieses Vorkommnis zeigt deutlich, in ivelch schiefer Lage sich die Juden in der Ostmark befinden. Ueberall, wo Deutsche und Polen sich bekämpfen, steht C der Jude zwische n z iv e i Feuern. Kein Wunder, daß die Juden, geschäftlich und sozial ruiniert, in westlichen Gegenden ihre Heimstätten aufsuchcn. Oesterreich-ttngan;. Wien. Der Magistrat publiziert eine Kundmachung, die an folgenden Tagen eine V e r l ä n g e r n n g des Ladenschlusses bis 8 iihr und beim Lebensmittelhandel bis 10 Uhr festsetzt: 1. vier Tage vor den .jüdischen Pfingsten, 2. sechs Tage vor Beginn der Schulsaison, 3. drei Tage vor dem jüdischen Neujahr, 4. drei Tage vor dem jüdischen Lanbhüttenfest und 5. sieben Tage vor Weihnachten. — Der Rcsolntivnsantrag Kramarz, bei der bevorstehenden Volkszählung neben der Umgangssprache auch die Nationalität feststcllen zu lassen und jede unberechtigte Beeinflussung, namentlich der nationalen Minoritäten, zu verhindern, lvnrdc in der Sitzung des Parlaments vom 23. Juni z n m Beschlüsse erhöbe n. Diese Reueinführnng ist für die A n e r k e n n n n g der jüdischen N a t i o n ei f i t ä t hochbedcutend. In nationaljüdischcn Kreisen hofft man, daß sich hunderttausende österreichische Inden, namentlich in Galizien und der Bukowina, bei der im Dezember d. I. stattsindenden Volkszählung zur jüdischen Nationalität bekennen iverden. Budapest. Die Ernennung Ludwig Nekam's znm vrdentl. Professor der Dermatologie erregt lebhaftes Aufsehen, denn der Sitz hätte Ludwig .Török, einem Gelehrten, der in seinem Fache einen Weltrns hat, gehört, — aber Török jst Jude. Rußland. Kiew. Die Pogrom Propaganda nimmt hier wiederum bedrohliche Formen an. Ein Mönch verteilt auf den Straßenbahnen aufwieglerische Proklamationen, die von dem von allen Gläubigen verehrten Lawrakloster herausgegeben sind. Gestern begannen sogar zwei Hooligans im Mittelpunkt der Stadt alle vorübergehenden Inden zu prügeln, aber die Sache hatte keine weitern Folgen. Jedenfalls häuft sichrer Zündstoff in gefährlichem Maße. Wilna. Uever 100 jüdische Großkaufleute in Wilna haben dieser Tage einen telegraphischen Protest gegen die geplante E i n f ii h r u n g der vollständigen Sonntagsruhe an die Reichsduma gerichtet. In dem Protest wird darauf hingewiesen, daß die betreffende Gesetzesvorlage nicht nur die Interessen des jüdischen Kaufmaiinstandes, sondern die allgemeinen Interessen des Handels und der Industrie bedrohe. Die Annahme des Entwurfs würde überdies die nachteiligsten Folgen sür die religiös-sittliche Charakterbildung der jüdischen Jugend zeitigen. Wenn die kaufmännische Jugend in die Zwangslage gerät, die Gebote der Religion zu übertreten, so wird der größte Teil derselben jeden sittlichen Halt überhaupt verlieren. Die Wilnaer jüdischen Kanfleute fordern daher die Aufnahme einer Bestimmung in den Gesetzesentwurf, wonach den jüdischen Geschäftsinhabern, die sich verpflichten, ihre Läden am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen geschlossen zu halten, ge¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. stattet werden soll, Sonntags und an den christlichen Feiertagen fünf Stunden hindurch ihr Personal zu beschäftigen und ihre Läden zu öffnen. Eine zahlreiche Gruppe jüdischer Haudelsangcstellten in Wilna hat einen ähnlichen Protest an die Duma abgesandt. Auch anS G r o d n o ist dieser Tage ein von vielen hundert Personen Unterzeichneter Protest nach Petersburg abgegangen. „Heed Hasman" regt in einer seiner letzten Nummern an, daß sämtliche jüdischen Gemeinden derartige Protesterklärungen an die Reichsdnma richten sollten. Minsk. Der Sommer hat gewöhnlich für die armen Inden, welche in den Städten und Städtchen des Ansiedelungsrayons zusammengepfercht wohnen, seine traurige Begleiterscheinung — die Brandkat a st r v p h e n , welche in diesem Sommer infolge der großen Hitze und Dürre große Dimensionen anzunehmen scheinen. Ende Mai a. St. wurde die Stadt B o r i s o w (Gouv. Minsk) vom Feuer heimgesucht. 300 jüd. Häuser wurden eingeäschert und ca. 2000 jüd. Familien sind obdachlos geworden, von welchen viele an den Bettelstab gebracht wurden. Noch grausamer waltete das böse Element in der Stadt Mo hi low am Dniepr, wo es auch an Menschenopfern nicht fehlte. Zehn Menschenleben, über 1000 jüd. Häuser und 500 Läden sind Raub der Flammen geworden. I» einem Hause verbrannten eine Jüdin samt ihren sechs Kindern. Das Unglück geschah am Sonntag, den t>./19. Jnni in später Nachtstunde, was ' den wirtschaftlichen Ruin vieler Tausender jüdischer Familien zur Folge hatte. Sv verstärkt sich infolge dieser Fenersbrünste, von welchen außer den genannten noch andere kleine und größere jüdische Städte betroffen wurden, die ohnehin große Armut und wächst das Menschenmaterial für die Emigration. Großbritannien. London. Der König empfing letzten Mittwoch die Führer des Board os DepntieS und der A n g l o - I e w i s h A s s o c i a t i o n, der beiden größten Organisationen der Juden Englands, in Audienz. Ans die Adresse, die Leopold de Rothschild verlas, erwiderte der König: „Es ist mir eine aufrichtige Genugtuung, die ehrerbietige Adresse zweier solch' wichtigen und wohltätigen Gesellschaften zu empfangen und zu wissen, daß darin ausgesprochen sind die loyalen Gefühle meiner gesamten jüdischen Untertanen. Ihre Sympathie gewährt mir nicht wenig Trost in meiner Trauer, ebenso Ihr Bekenntnis, daß meines geliebten Vaters ständige Sorge für die .Wohlfahrt einer jeden Klasse und einer jeden Gemeinschaft die bleibende Dankbarkeit seines Volkes für sein Andenken verbürgt. Im Namen der Königin, wie in meinem danke ich Ihne» für Ihre guten Wünsche und die Versicherung Ihrer Treue." Türkei. Konstantinopek. Die von der I c a nach Mesopotamien a u s g e s a » d t e F o r s ch u n g s k v m m i s s i o u ist dieser Tage nach Konstantinvpel zurückgekehrt. Wie verlautet, soll die Jea auf Grund der Ergebnisse dieier Forschung bis auf weiteres noch von einer Kolonisierung der Gegend mit Juden A b st and -n e h m e n wollen. Man führt diesen Entschluß auf den plötzlich eingetretenen Stillstand in den Bewässernngsarbciten zurück. Bekanntlich waren die großen öffentlichen Bewässcrnngsarbeiten in Mesopotamien dem englischen Ingenieur Sir William Willcocks übertragen worden. Bor kurzem ist nun plötzlich ein Bericht des neuen Gouverneurs von Bagdad bei der Regierung eingelausen, der die von Willcocks bis jetzt ansgcführten Jrrigationsarbeiten als völlig verfehlt erklärt und die Annullierung des Kontraktes mit dem Engländer verlangt. Sir Willcocks ist vom ottomanischen Ministerium vorgeladcu worden, und seine bisherigen Konferenzen mit dem Großwesir haben zur Folge gehabt, daß die Bewässernngsarbeiten vorläufig gänzlich eingestellt wurden. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). XVII. Verschiedene Abhaltungen hinderten Barnch daran, sich sogleich zu Niman zu begeben. In der Zwischenzeit fiel ihm auch nichts ein, das seinen Widerwillen gegen Niman hätte abschwächen können. 'Er verfolgte seinen frühern Racheplan Schritt für Schritt rückwärts, bis zum Ursprung hin, um sich mehr und mehr in dem Glauben zn bestärken, daß' eigentlich doch nur Niman es gewesen, der ihn in diesen Wahn hineingehctzt. Hatte nicht dieser Ueberjchlanc selbst eiugestaiiden, daß auch er mit Koratow abznrechneu habe und daß er dem Sohne das Ereignis von dem Tode der Eltern nur mitteilte, um auf dessen Oiefühle einzuwirken und ihn dazu zu treiben, für ihn, Riman, die Kastanien aus dem Feuer zu holen? — Und fast 'wäre es ihm gelungen, Volkmann zu einem noch größern Verbrechen zu verleiten, das weder vor menschlichen noch göttlichen Satzungen hätte gerechtfertigt werden können! — Nnn itittf; er seine Seele .zermartern, um eine» Answeg zn sinden. während der 'Aufwiegler und eigentliche Urheber sich gemütlich die Hände reiben konnte. Aber er sollte sich doch täuschen; er soll bald erfahren, daß der Betrug des einen, durchaus nicht die Torheit des andern nach sich ziehen muß. Jetzt befand er sich ans dein Wege, um mit Niman eine gründliche Abrechnung zn halten. Er war jetzt bei der Biegung angclangt, von >vo er den bleifarbenen «trom überblicken konnte; er vernahm auch den Klang einer Rohrpfeise, schwach und traurig, wie das Wiininern eines kranken Kindes. Einen Augenblick glaubte Volkmani-, es sei irgend ein betrunkener Muschik; bald erkannte er aber, daß cs Niman war, der dieser sonderbaren Beschäftigung sich hingab. Blitzartig wanderteu seine Gedanken Jahrtausende in der Geschichte seines Stammes zurück, als seine Vorfahren an den Ufern des unsterblichen Euphrat gesessen und Trauergesäuge über den Fall der Gottesstadt anstiiiliuten. Auch hier, au den Ufern des Duieper, beweint ein Bruder die Zerstörung seiner LebenShoffuuug; — nur fehlt hier jede Spur freudiger Erwartung, aufrichtendcr Zuversicht, die die Vorfahren am Schlüsse des Psalinliedes bekundeten; hier war nichts als der Widerhall schmerzlicher Erinnerungen, Rückblicke einer vernichteteten Vergangenheit. In einer mitleidigen 'Aufwallung wollte Volkiuauu hinstürzeu und, wie eine zärtliche Mutter, die Hand aus das Haupt des betrübten Freundes legen. Aber er besann sich noch zur rechten Zeit. Welches Rcchr hatte er, der 'Abtrünnige, denn noch, einem trauerudeil Juden Trost und Mut zuzusprechen. durch deu Hinweis auf die Hvsfnuugssreude der jüdischen 'Ahnen, die er selbst verleugnet? „Du bist cs," sagte Riman gleichgültig, als er Bolkmanu erblickte. „Ja, ich bin es. Du hast mich gewiß schon früher erwartet." Niman verharrte noch immer in seiner starren Gleichgültigkeit und schien den Sinn dieser Worte .gar nicht' zu verstehen." „Ist denn etwas Bejouderes vorgefalleu, Barnch?" „'Nein," war BolkmauiiS befailgene 'Antlvvrt. „Gräme Dich deshalb nicht; uiium Dir mehr Zeit." Bolkmanu ließ sich ebenfalls ans einem Baumstumpf nieder und verhielt sich auch schweigend, während seine Auge» beständig den Boden suchten:-. Den ganzen' Tag über hatte der Unwille gegen Niman die Scham über den eigenen Wortbruch nicht anfkommeii lassen; jetzt aber lvnren die Wellen des Zornes doch ein lvenig abgeflant. »iid nichl ohne Bangen sali er der Stunde der 'Abrechnung entgegen, die durch Nimans knorrige, abstoßende Art nur noch schwieriger sich gestaltcte. 'Aber es muß sein, warum also noch lange zögern? Mit einem Gemisch von Trotz und Abwehr sprach er daher laut: „Es hat eigentlich gar feine» Zweck, noch mehr Zeit zn vertrödeln, Nimair. Mein Plan ist vollständig mißlungen." „Mißlungen! — Warum?" „Weil ich sie — liebe!!" Volkmann hatte zn diesem Bekeuiltnis Mut geivvilneii, weil er nicht mehr zurück konnke. „Du liebst sie? Wen denn?" „Koratows Tochter." „Das rosawciße Püpvcheu?" Rimans Berachtling war nnverleiinbar. „Nenne sie, wie Du lviiist — ich liebe sie!" Niinan schüttelte schweigend den Kopf. „Jetzt begreife ich erst, was Du meiiist, Barnch. Denn siehst Du, ich habe doch so wenig Gekegenheit, mit Menschen zu sprechen, darum bleiben all die Worte, die ich sagen möchte, sür die ich aber keineil Zuhörer finde, wie Bleikliimpen in »leiilem Gehirn stecke». Barnch, Du mußt daher zn mir, wie zn einem Kinde ganz deutlicki sprechen." ,-Noch deutlicher kann ich es Dir doch nicht sagen." Baruchs Atem ging kurz und hörbar. „Du iveißt doch, daß ich einen Plan hatte, um Rache an Koratow zu nehmen; er wäre mir auch gelungen, wenn ich sie hätte hassen können, — statt dessen aber muß ich sie lieben." Rimans gurgelndes Lachen unterbrach die ilun folgende Stille. „Es muß doch ein recht feiner, staatsmännischer Plan gewesen sein, wenn er schon durch ein glattes Lärvchen in die Brüche geht!" Er sah, wie Volkmann zusaminenzuckte, und fuhr daher mit verstärktem Hohn fort: „Nein, Barnch, vergiß, was ich eben sagte und laß Dir die Sache

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