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Neue jüdische Presse · 1910-07-01 · Heft 25 (1.7.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 25 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 Deik 2 AvaÄkfurker ZfraMiWes Fcrmilienblatt. sic wieder dieselbe Antwort: „Die Inden haben cs nicht nötig." Das ist ihre Politik. Das heutige Meeting soll belvcisen, lvie weit das Volk hinter ihnen ficht. Wenn das Volk hinter ihnen steht, warum hat cs ihnen kein Geld gegeben, als der Ausruf erschien? Wir haben für ein jüdisches Spital bereits 80,000 Mark, die Granden für eine König Eduard-Stiftung kaum viertausend Mark. Wenn das Volk tvill, kann cs also den Kampf mit unseren Millionären aufnehmcn." Stürmischer, minutenlanger Beifall begleitete die Rede dieses gemütsgewaltigcn Tribuns. Es war eine Genugtuung für Jedermann, als der Präsident, Herr Dr. Gastcr, der Bruder des Haham, von der an diesem Tage eingelaufcnen Spende von 750 Mark für das jüdische Spital Mitteilung machen konnte. Die Leiter der Spitalbelvegung sind die beste Garantie für die Verwirklichung des Planes, umsomehr, als die ganze Presse m i t E i n sch l u ß der „Times" der Bewegung günstig gegenübersteht und ausführliche Berichte über ihren Umfang und ihre Erfolge bringt — zum Acrger der „Engländer mosaischer Konfession" . . . . Seit einiger Zeit grassiert hier eine neue Krankheit, die jüdische Christomanic. Jede Woche erscheinen in der englisch-jüdischen Presse Lobhymnen auf „ihren" Erlöser, und Reformrabbis sind gcdanken- und ehrlos genug, öffentlich zu lehren und zu predigen, das; das Christentum höher stehe als das Judentum. Diese Diskussion in der englisch-jüdischen Presse wirst ein grelles Licht auf -ie ganze moralische Situation der englischen Juden und zeugt für den Bankerott seiner bisherigen religiösen Leitung. M. Die Pariser jüdische Gemeinde. P a r i s, im Juni. Wer in dem Jahresberichte der Pariser jüdischen Gemeinde die zahlreichen Kommissionen auf-- gezeichnet sieht, ist unwillkürlich geblendet. In Wirklichkeit arbeitet aber an der großen, aus so vielen Rädern und Rädchen zusammengesetzten Riesenmaschine nur ein einziges kleines Rädchen, das Sekretariat. Hieran erkennt man das Modell, welchem das Konsistorium nachahmt, die französische Organisation — eine allgemeine Zentralisation. In Frankreich, klagen die Scharfsichtigen darüber, das; diese Organisation das Ucbcl des Landes sei; aber ein großer Staat hat genug Kräfte, um die daraus entstehenden Fehler zu ertragen, während dadurch in der jüdischen Gesellschaft, die in allen Winkeln einen durchaus jüdischen Geist erheischt, alles zugrunde gerichtet wird. In dem diesjährigen Bericht mußte bereits bestätigt werden, das; die Einkünfte der „großen Pariser Gemeinde" von Jahr zu Jahr geringer werden. Es erregt unwillkürlich ein ironisches Lächeln, wenn sowohl der Präsident als auch der Kassierer stets das stolze Wort: „die große Pariser Gemeinde" im Munde führen, denn kann; 4000 Mitglieder zählt dieselbe. Ja, früher, als das Konsistorium noch Vorstand der Inden von ganz Frankreich war, da hatte cs sich niit Recht so nennen können, denn damals stand ganz Frankreich unter seinem Wink; aber heute ist Paris nicht mehr wie ein anderes kleines französisches Städtchen. Die Einnahmen dieses Jahres betrugen 797 098 Frs., 181,421 Frs. weniger als das vorhergehende Jahr und 53,683 Frs. weniger als die Ausgaben. Diese Einnahmen stellen inimer noch eine ganze hübsche Summe dar; ivir müssen aber wissen, das; den größten Teil davon das alte Konsistorium, welches nach dem neuen Gesetz aufgelöst wurde, der jetzigen Association übergeben hat, und tvenn wir dabei bedenken, daß der Beitrag der Mitglieder, welcher die Grundlage einer jeden Organisation ist, da doch die anderen Einkünfte einmal ein Ende nehmen, sich von Jahr zu Jahr verringert, so ist wohl das Alarmgeschrei der Vorsteher zu verstehen, welches sie beim Lesen dieses Berichtes erhoben. Aber ihre nur zu gerechte Entrüstung müssen die Spitzen des hiesigen Judentums gegen sich selbst kehren, denn, oblvohl mit gutem Willen versehen, sind sie doch zu weit vom Judentum selbst entfernt; sic wissen nichts vom Judentum Smb sind daher zu schlechte Mediziner, nni die richtige Arznei, die ihre Kranken brauchen, verschreiben zu können. Das ganze Streben des Konsistoriums geht dahin, die Außenseite des Kultus so prächtig wie möglich z u g e st a l t c n, und um dieses zu erreichen, werden alle Mittel angewcndet. Das Innenleben des Judentums aber wird vollständig vernachlässigt. Man betrete nur einmal eine Synagoge. Wir sehen einen prächtigen Raum, der wohl würdig ist, das; man darin den Gottesdienst abhält, hören einen tadellosen, ans 30—40 Jungen bestehenden Chor, welcher in Konzerten, Theatern und in der Kirche sich hören läßt, alle in die Tracht der Geistlichen gekleidet, ferner einen Chase», welcher seine herrliche Stimme vor — sage und schreibe 5—6 Kaddischsagern hören läßt; und diese Kaddischsager kommen auch mir zufällig in die Synagoge, eben weil sie Kaddisch sagen Nlüssen, sonst Ivürden sie sich dieser Mühe vielleicht nicht unterziehen. Diesen 5—6 Tempclbesuchern zuliebe bringt nun das französische Judentum die größten Opfer, zahlt seinem Rabbiner 12—15,000 Frs. pro Jahr, damit jeden Samstag der Republik ein Mischeberach gemacht tvird, macht große Spesen für seine vielen Chasanim, für seinen zahlreichen Chor, danlit diese den Synagogenwänden etlvas Vorsingen, die die einzigen Zuhörer sind. Eine der größten Kommissionen ist die Komnlission „Administration der. Tempel". Diese Kommission besteht aus 30—40 der reichsten Gemeindcmitglieder, denen man dieses Amt verleiht, hoffend, sie dadurch für das Judentum zu interessieren. Vor Zeiten hieß man 'solche Leute kurzweg „Parneß"; dieser wohnte inmitten seiner Gemeinde, kannte das Leben der Gemeindemitglieder, wußte ihre Bedürfnisse, konnte dadurch gewisse Initiativen ergreifen, sah zu, was in der Synagoge nötig war, usw. nsw. Der heutige „Administrateur" jedoch findet eine derartige Beschäftigung unter seiner Würde. Da er in den entfernten, reichen Quartieren wohnt, kommt er, wenn er Samstags Dienst hat, in die Synagoge „gefahren", tvohnt dem Gottesdienste bei, verteilt die Alies (da solche hier nicht verkauft werden) und bekommt dafiir die Hand gedrückt. Ferner hat er dem Konsistorium Bericht zu erstatten, wann der Gottesdienst begonnen und wann er geendigt hat, ob alle Schammosim anwesend ivaren, ob ihre Ketten, welche sie hier tragen, eine gerade Linie auf den; Obcrrock bildeten und ob ihre Mützen auch richtig saßen. Hat er diese schtvere Arbeit getan, so hat er redlich seine Pflicht erfüllt und die Jahresversammlung spricht ihm gerührt ihren Dank für seine Mühe aus. Der einzige wahre Jude, welcher wirklich am Judentum hängt, ist der Baron, nämlich Baron E d m u n d v o n Rothschild. Er leidet darunter, das; sich die französischen Juden so indifferent zeigen, und um diesem Uebel abzuhelfcn, wendet er alle Mühe auf. So versucht er es damit, daß er alle Mitglieder in die Komitees aufnimmt, uni so den Ehrgeiz, die Liebe zum Judentum zu erwecken. Und gerne tritt jeder in eine Kommission ein; hat man doch dadurch Gelegenheit, mit dem Baron an einen; Tisch zu sitzen und ihm beim Komme» pnd Gehen die Hand zu drücken. Aber das Judentuin selbst ist und bleibt ihnen frcnid! 8. 8. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Donnerstag fand eine öffentliche Sitzung des Ausschusses der Israelit. Gemeinde statt. Es lag nur Geringfügiges vor. 11. a. wurde für die Renovierung der Mazzebäckerei 1000 Jk bewilligt und beschlossen, den Vorstand zu ersuchen, die Subvention für die Jüd. Bibliothek und Lesehalle auf '1000 JL zu erhöhen, nachdem Dr. Hanauer und Eli Michael unter Hinweis auf die gleichen Institutionen in anderen Großgemeindcn über die Notwendigkeit einer der Frankfurter Gemeinde entsprechenden jüd. Bibliothek und Lesehalle gesprochen hatte;;. Berlin. Gey. Justizrat B. Timendorfer erläßt folgende Erklärung: „In verschiedenen Zeitungen wurde die Nachricht verbreitet, daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle beabsichtige, sich von der Zentrale in Paris lvsznlösen und eine selbständige deutsche Alliance zu schaffen. Ich erkläre hiermit, wie ich dies auch in der außerordentlichen Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft von; 29. Mai getan habe, daß das Präsidium und der Geschäftsführer der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft nicht daran denken und anch nie daran gedacht haben, sich von Paris zu trennen, um die deutsche Abteilung selbständig zu machen und gewissermaßen eine deutsche Alliance Jsraelite Universelle, unabhängig von Paris zu schaffen. Ich habe damals erklärt und bin auch noch der Meinung, daß neben den; Hilssverein der deutschen Juden in Deutschland absolut kein Platz für eine solche selbständige Organisation ist, und daß ich als stellvertretender Vorsitzender des Hilfsvcreins der deutschen Juden mein Anrt als Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft sofort niederlcgen nrüßte, falls ein solcher Plan auch nur in; entferntesten von irgend einer Seite propagiert werden würde. Daß ich die Absicht hatte zu demissionieren, entspricht den Tatsachen, ebenso wie eS wahr ist, daß der Geschäftsführer Herr M. A. Klausner*) seine Demission gegeben hat. ^Die von mir beabsichtigte Demission ist einstweilen unterblieben, weil die zwischen Paris und Berlin schwebenden sachlichen Differenzen einer allseitig befriedigenden Lösung sich nähern. Berlin. Das Arbeitsamt für jüd. Akademiker (Adresse: An der Spandancr Brücke 151 veranstaltete unter dein Vorsitz des Geh. Sanitätsrats Dr. Mare'tzki eine Versaminlung, in der Dr. Max Derlowitz über die wirtschaftliche Lage der jüd. Akademiker sprach. Er legte dar, daß der gesellschaftliche Antisemitismus die Erwerbs- und Fortkommensmöglichkeiten der jüdischen Akademiker in; höchsten Maße beeinträchtige; diesen; Notstände könne wirksan; nur durch organisierte Selbsthilfe entgegengctrctcn werden. Das auf die Initiative des Bundes jüdischer Korporationen durch eine Anzahl prominenter jüdischer Persönlichkeiten gegründete Arbeitsamt für jüdische Akademiker strebe danach, den jüdischen Akademikern in Deutschland vorübergehende Beschäftigungen, dauernde Stellungen sowie Niedcrlassungsmöglichkeiten zu vermitteln und über alle einschlägigen Fragen Auskünfte zu erteilen; schließlich werde es ein einwandfreies statistisches Material als Grundlage für etwaige Beschwerden;md Interpellationen beschaffen. — In der Diskussion, an der sich u. a. Prof. Philipplon, Justizrat Fedor Stern, Sanitätsrat Brauer, Stadtrat G im ki ew i c z und Dr. Art h u r K a h n beteiligten, wurde allgciuein betont, daß das junge 'Unternehmen eine langentbehrte Waffe im wirtschaftlichen Kanipfe darstcllc und die größte Sympathie verdiene. Es wurde auch beschlossen, zu Beginn des Winters an allen größer;; Orte;; Deutschlands eine niiifaiigrei'chc Propaganda für das Amt einzuleitcn. Berlin. Das deutsche Landeskomitee der Organisation für hebräische Sprache i und Kultur, dessen Vorsitzender Professor Dr. Engen Mittw o ch (Berlin N1V., Kirchstr. 23) ist, fordert in einem Aufrufe znm Beitritt (Mitgliedsbeitrag 2 Jk) und cvent. Gründung von Ortsgruppen, die hebräische Sprachkurse, Konversationszirkel und Literatnrkurse einrichten, auf. Es soll demnächst ein Kongreß einbernfen werden; derselbe wird sich mit folgenden Fragen zu befassen haben: 1. Schaffung eines nach den Verhältnissen der verschiedenen Länder nuancierte;; hebräischen Erziehnngs-, Schul- und Unterrichtsprogramms, 2. Organisierung des Zusammenhangs zwischen der Diaspora und Palästina als den; natürlichen Zentrum des lebendigen Hebraisnnis, 3. Kreierung einer kompetenten Behörde in sprachlichen Angelegenheiten (Fragen der Aussprache, Neubildungen usw.), 4. Begründung eines großen Fonds für hebräische Sprache und Klcktur, der die finanzielle Basis aller zu unternehmenden Arbeiten bilden soll. Mainz. Die Stadtverordneten bewilligten zmn Neubau einer Synagoge 50 000 Jk an Stelle eines Barchlatzes. Die jüdische Gemeinde beabsichtigt, das "Huinannsche Terrain auf dem Karmelitenplatz zu erwerbe;;. *) Klausner soll für die Loslösung der deutschen Abteilung der Alliance von der Pariser Mutterorganisation gearbeitet haben. . 5D. Redakt.

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