Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 24 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Radom 1× ep/1000823
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Seite 4. brannten 400 Häuser, in Bjalobrzeg (Gonv. Radom) 60 Häuser, in Irena (Gonv. Lublin) 60 Häuser und in Trijchki (Gonv. Kowno) und Kumariw (Gouv. Minsk) der größte Teil der Ortschaft nieder. In dem Landflecken Äodlawka (Kreis Kremenetz) hat eine große Feucrsbrunst an die hundert wohlhabende jüdische - Familien über Nacht in Proletarier verwandelt. Warschau. Aus P o t s ch i n o k, einem durch .bedeutenden Getreidehandel bekannten Landfleckcu im Gouvernement Smolensk, wird eine Hetzjagd auf jüdisches Wild gemeldet. Die Polizei hatte nach wohurcchtsloseu Juden gefahndet, und als sie erfuhr, daß sich viele Juden im benachbarten Wald versteckt hätten, umzingelte sie den Wald und scheuchte mit Signalrufen und Flintenschüssen die Juden — etwa 60 jüngere Handelsangestelltc — heraus. — In Kiew werden trotz der bereits ausgewicsenen 1150 jüdischen Faniilien noch ständig des Nachts Juden aus den Betten geholt und als wohnrechtslos per Schub weggeschickt. Die Moskauer Universität läßt jüdische Mediziner, die im Besitze eines ausländischen Aerztediploms sind, nicht mehr zum Staatsexamen zu. Diese neue Schikane dürfte wahrscheinlich auch in den anderen Universitäten zur Einführung gelangen. — Eine neue Verfügung des antisemitischen Ministers für Volksaufklärung Schwarz bedeutet die Schließung der Hochschulen für die Juden auf mehrere Jahre hinaus. Er hat nämlich bestimmt, daß die Prozentnorm nicht nach der Zahl der neuen Jmmatrikulanten, sondern nach der Gesamtzahl der Studierenden berechnet werden soll, — und in den Jahren 1905 bis 1907 war die Prozentnorm für die Aufnahme der Juden eine höhere, wodurch prozentualiter mehr Inden studierten, als die jetzige Prozentnorm gestattet. Kiew. Ein Jude namens Herrstein, der während des Pogroms in Odessa gänzlich ruiniert wurde, flüchtete damals nach hier. Infolge der erlebten schrecklichen Szenen wurde er wahnsinnig und verschied letzten Januar. Er nahm aber auch das Wohnrecht mit ins Grab, — und so kam es, daß die Polizei seine Witwe verhaftete und nach dem Ansiedlungsrayon abschob, ohne ihr Zeit zu lassen, ihre.beiden Kinder, ein dreijähriges Mädchen und einen fünfjährigen Knaben, mitzunehmcu. Die Kinder irrten in der Stadt umher und wurden schließlich in ein Waisenhaus gebracht. Man taufte sie und gab sie einem Bauern zur Erziehung. Die Mutter, die ihre Kinder lange Zeit gesucht hatte, hat sie jetzt endlich gefunden und bemüht sich bei den Behörden, sie zurückzucrhalten. D. Sch. Großbritannien. London. Am 22. Juni empfängt der König eine jüdische Huldigungsdeputation, bestehend aus den Vertretern der Anglo-Jcwish Association und des Jewish Board of Deputies. Palästina. Sichron-Jakob. Unsere Kolonie kann sich rühmen, daß sie die einzige ist, in der eine Spar- und Leihgenossenschaft . vorhanden ist. Während nämlich in allen übrigen Kolonien nur Leihkassen (kupoth milweh) bestehen, deren genossenschaftlicher Charakter sich hauptsächlich auf die Solidarhaft der Mitglieder beschränkt und die höchstens ein- bis zweimal im Jahre bei der Entnahme des Geldes von der Bank ihren Mitgliedern Geld leihen können, bietet unsere Genossenschaft „Halwaah" ihren Mitgliedern nicht nur die Gelegenheit, vorübergehend flüssiges Geld nutzbringend in die allgemeine Kasse abzusühren und ihr Sparpfennige für längere Zeit anznvertrauen, sondern gibt ihnen auch die Möglichkeit, Geld nur im Bedarfsfälle und nur in der Höhe des jeweiligen Bedarfs zu entleihen. Unsere „Halwaah" hatte anfänglich mit dem Jndifferentismus und dem Mißtrauen vieler zu kämpfen. Ihr heutiges Prosperieren ist hauptsächlich das Verdienst unseres Lehrers M. S. Schapira, der unermüdlich für sie arbeitet. Allerdings war uuch hier die Subvention der I. C. A. von großer Bedeutung, ebenso das Entgegenkommen der Anglo-Palestine Company, welche in unserer „Halwaah" eine leistungsfähige Expositur für ihre eigenen Bankgeschäfte erkannte.. Die deponierten Gelder betragen zurzeit über 8000 Frs. Die Darlehen an die Mitglieder werden mit 5ty2°/o verzinst, also zu einem für palästinische Verhältnisse sehr geringen Zinsfuß. Uebrigcns denkt auch die Verwaltung der „Halwaah" an den Jüdischen Nationalfonds. Für jedes Schriftstück, das an die Verwaltung gerichtet wird, ist eine Nationalfondsmarke erforderlich, und Schuldscheine müssen für rede 100 Frs. mft je einer Herzlmarke versehen werden. KrattffurLer KsraMiWes KamMenAaü. Amerika. New-Aork. Jüdische Versammlungen gibt es häufig genug, — selten sind jedoch die Versammlungen von Juden. Und eine solche Versammlung von Juden im besten Sinne des Wortes war die unter Anwesenheit von 1300 Delegierten und Leitung seines tüchtigen Präsidciitcu Bernhard Semmel stattgehabtc I a h r e s v c r s a m m l u n g des Verbandes der galizischcn und bukowinaer Juden in Amerika, denn hier wehte jüdischer Geist. Der Verband, dessen Hauptwerk bisher die Gründung des Har Hamoriah- Hospitals war, lenkt nunmehr sein Augenmerk auf die Erziehung der Jugend; er faßte auf der Jahresversammlung dahingehende Beschlüsse. Auch beschloß er die Gründung eines Arbeitsvermittlungsbüros für jüdische Immigranten aus Galizien. — Unter den Gästen befand sich Rabbiner Dr. M a g n e s, dem stürmische Ovationen dargebracht wurden. Auge um Auge. Roman von Sam. G.ordon. Frei übersetzt von M Pulvermann. (Fortsetzung). Volkmann preßte die Zähne zusammen, um nicht sein Entzücken in alle Welt hinausznjubcln. Wahrlich, er hat in ihr das gefunden, was er gesucht: Ein edles Weib, treu in ihrer Gesinnung, menschlich in ihrem Fühlen, vollkommen in jeder Hinsicht! Wegen einer solchen Frau war er berechtigt, alle irdischen Verpflichtungen von sich zu weisen, um an ihrer Seite schon die Freuden des Hinimels zu kosten! — Sein Schweigen beunruhigte sic aufs neue. „Wollen Sie auch nicht meine Absicht gutheißen? Dann geben Sie mir das Papier wieder zurück." Ja, das Papier, das Fundament seines Lebensglückes — er hat es noch nicht einmal entfaltet. Er tat es jetzt langsam, feierlich, gedankenvoll und warf einen neugierigen Blick darauf, um zu sehen, welche Summe es wohl repräsentiert. Sein Blick blieb aber lange darauf hasten, er wurde ganz starr und war schließlich wie augeleimt kleben geblieben. „Ist etwas nicht in Ordnung?" fragte sie, über sein Gebühren ganz entfremdet. „Wann haben Sie dieses Papier zuletzt gelesen?" gegenfragtc er.! «Ich habe cs überhaupt noch nicht gelesen)! weil ich nichts davon verstehe. Mein Vater aber sagte mir einmal, daß es viele tausend Rubel wert sei und daß man es zu jeder Zeit verkaufen kann." Volkmanu kämpfte schwer, um seinen empörcndeir Haß gegen Koratow zu unterdrücken. Was konnte» wohl Fremde von einem Menschen erwarten, der so gewissenlos, so niederträchtig gegen, das eigene Kind handelt? Das Papier, welches Volkmann noch immer in der Hand hielt, war nichts anderes, als eine Nachahinung eines Wertpapieres, eine buntfarbige Abschrift eines Originals, wie solche Geldinstitute zu tausenden als Reklame in die Welt hinaussenden, um das Publikum zum Kauf auzulocken und zu ködern. Volkmanu sah auf, und ihre Blicke begegneten sich. „'Herr Volkmanu, warum so zagend, so geheimnisvoll?" ' „Komtesse — Alma — dieses — dieses — Papier. . ." Er brach ab. Nein, er wollte es ihr nicht sagen. Er wollte nicht als derjenige in ihrer Erinnerung fortleben, durch den ihr Vertrauen zum Vater den Todesstoß bekommen. — ,Jch fürchte, daß Ihre gute Tat auf den guten Willen sich wird beschränken müssen. Dieser Anteilschein ist nämlich absolut wertlos. Es ist eine Aktie einer Silberbergwerksgesellschaft im Ural, deren Minen sich aber bald als leergebraunte Krater erwiesen." „Um des Himmels willen, Herr Volkmann, täuschen Sie ^ich auch nicht?" Und leise, wie zu sich selbst, fuhr sie fort: „Darum hat Papa auch schon seit längerer Zeit aufgehört, mich als reiche Erbin zu necken, was er in ftühern Jahren so oft getan." — Ihre unverhohlene Enttäuschung war herzbrechend, und Volkmann 'fühlte sich dabei mehr erschüttert, als vorhin, bei seiner Freude über ihre beabsichtigte gute Tat. Er vergaß alles um sich her und dachte nur daran, wie er diesem Engelslvesen Kummer und Schmerz ersparen könnte, „Mir selbst liegt ja wenig daran," murmelte sie traurig weiter; „mich peinigt nur der Gedanke an den achtundsiebzigjährigen Mann, der noch immer den Ackerpflug ziehen muß. Und ich fühle mich so klein, so winzig, da alle meine hochfliegenden Pläne wie Seifenblasen zerfließen: eine wichtigtuende Wohltäterin — mit einem leeren Geldbeutel! Ist das nicht lachhaft? Lachen Sie mich doch aus, Herr Volkmann!" Nr. 24. „Sie auslachen!" rief er leidenschaftlich, die eiserne Klammer seiner Selbstbeherrschung durchbrechend. „Wann habe ich Ihnen Veranlassung gegeben, mich für einen Menschen zu halten, der über die Heiligkeit des Lebens lachen könnte? Am liebsten möchte ich mit Ihnen weinen, bittere Tränen vergießen, wenn ich dadurch die Ungerechtigkeit der Menschen nur um einen Atom verringern könnte! Alma," er sah ihr Erröten, „es scheint heute ein Tag der Mißerfolge zu sein, beide haben wir mit schwachen Händen an das Menschenelend gerüttelt, ohne es beseitigen zu können. Denn auch ich habe heute einen Mißerfolg zu verzeichnen, auch mir ist heute ein längstgeplantes Vorhaben vereitelt worden. Darum möchte ich mich für diesen Mißerfolg durch den höchsten Erfolg entschädigen. Ja, durch den größten im Leben des Mannes! Alma, durch Dich!" „Ich — ich — habe Ihnen — kein Recht gegeben — so — so zu mir zu sprechen," stotterte sie in ihrer Verwirrung die ersten besten Worte, die ihr auf die Lippen kamen. „Nein, Du hast mir das Recht nicht gegeben, aber ich nehme es mir, weil ich dazu berechtigt bin! — Frage mich nicht weiter, Alma. Aber sch sage Dir, Du bist Dich mir schuldig! Es ist nicht mehr als billig, daß die Hände, die mir meine Lebensaufgabe geraubt, mir auch den größten Schutz wieder geben!" Sie stand zitternd vor ihm. „Ich soll nicht fragen, wo doch eine Welt von Bedeutung in Ihren Worten liegt! Sie stürzen mich dadurch in tausend Vermutungen, Einbildungen und Empsindungen. . . . Nein," sie unterbrach sich selbst; „nicht in tausend, nur in eine Empfindung — und diese ist — Furcht!" „So soll es ja auch sein, Alma," erwiderte er, mit gesenkter Stimme, aber mit mehr Nachdruck. ,Liebe ist ja die Gebärerin der Furcht, der zurückschreckenden Furcht, daß der Gegenstand der Liebe sich vielleicht doch nicht als übermenschlich erweisen, vielleicht doch nicht die Eigenschaften besitzen möchte, um ihn zum Halbgott zu stempeln! Auch Du hast ja mit der Furcht vor mir begonnen, und das war das sicherste Zeichen Deiner Liebe. Ist es nicht so, Alma?" „Ja, Boris," war ihre schlichte, herzige Antwort. Mit einein Ausbruch wilden Entzückens breitete er seine Arme aus, und aufjauchzend lag sie an seiner Brust. In demselben Augenblick schlug ein nervenzerreißendes Geheul an ihr Ohr, und in der nächsten Sekunde stürmte eine mächtige Dogge ins Gartenhaus und sprang schweifwedelnd auf Alma zu. „Es ist zwar nur Krax," sprach sie, mit einem gewisse» Bedauern; „doch ist nicht der Hund der Störenfried, sondern der Vorläufer eines solchen." Volkmann bemerkte ihre Enttäuschung und nickte. Auch er Ivnßte, daß der Bluthund nicht frei herumlaufen durfte. Wie auf Verabredung nahmen beide daher ihre früheren Stellungen ein und erwartetcn mit erzwungener Gleichgültigkeit den Begleiter des Hundes. Bald darauf kam auch Karol zum Vorschein, und sein Lächeln hatte etwas Bedrücktes an sich. „Ach so! Deshalb hast du mich hierher geschleppt, du kluges Tier," streichelte er den Hund, während er sich mit einer Entschlossenheit auf den Stuhl niederließ, als tönnten nicht zehn Pferde ihn wieder von dannen ziehen. Dann fuhr er spöttisch fort: „Es ist wirklich ein trauliches Nestchen hier, Cousinchen; und da ich weiß, welch ein gutes Mädchen Du bist, so bin ich überzeugt, daß Du bereit sein wirst, die gute'Sache auch in drei zu teilen." — „Wenn Du mit der guten Sache das Gartenhaus meinst, so soll Dir Dein Anteil nicht vorenthalten werden. Du kannst sogar das ganze haben; außer daß Herr Volkmann Dir Gesellschaft leisten will; ich selbst muß jetzt wieder ins Schloß." „Dann kouim ich mit," rief er, mit derselben Entschlossenheit wieder aufspringend; „übrigens Cousinchen," er deutete auf ihre Stickerei, „übrigens, wenn Du Dich allzu viel mit Herrn Volkmann unterhältst und allerlei metaphisische Probleme mit ihm zu lösen versuchst, da wird der alte St. Anastasius gänzlich vergessen. Und wenn Du weiter so fleißig bist, dann wird er wohl noch viele Jahre auf seinen Kaftan warten und auch im nächsten Winter noch in seinem alten frieren müssen. — Herr Volkmann, wer ist denn Ihr Heiliger? — Wenn Sie Cousine Alma schön bitten, dann wird sie auch diesem einen gestickten Rock machen." — Alle drei verließen sie das Gartenhaus. Volkmann war selbst bei dieser plumpen Verhöhnung ruhig und gelassen geblieben, denn sein Geist war jetzt mit heroischen Kämpfen und Entschlüssen beschäftigt, die er sich nicht durch den Geifer dieses Reptils verunglimpfen lassen wollte. Karols hektische Fröhlichkeit, seine nur schlecht verborgene Eifersucht spielten nur eine zwerghafte Rolle bei den gigantischen Plänen, mit denen Volkmann sich jetzt herumtrng. Dennoch aber, da auch das Unwesentliche für ihn eine gewisse Bedeutung hatte, entging es ihm nicht, wie eigenartig Karols Benehmen gerade heute war. Eine gewisse Unruhe schien sich seiner bemächtigt zu haben. Er stsirzte