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Neue jüdische Presse · 1910-06-24 · Heft 24 (24.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 24 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 24. ausfindig zu machen. Ueber das Urteil lvird der Justizminister im Parlament interpelliert, die Presse empört sich, Studentenversanrinlungen sprechen ihre Sympathien den „mutig Kämpfenden" aus und beschließen deren Unterstützung durch öffentliche Sammlungen. 'Das Urteil betritt den Instanzenweg nach Wien. — Soweit der Fall Kluger! Er ist kein Einzel¬ oder Ausnahmefall! Er ist typisch und charakteristisch fnreine neue Umwälzung im Fa milienlebender östlichen Judenschaft. Und gerade ihres ortodoxesten, chassidischen Teiles, da nur dort die Kinder aus der elterlichen Gewalt durch die Pflicht „zum profanen Studium" sich emanzipieren wollen. Prostitution ist nur ein sehr plumpes, ordinäres Mittel und ist ein Pförtchen ins Freie in den untersten Schichten. Taufe und Studium stehen höher in dem Range sozialer Qualifikationen. Und Hartnäckigkeit, Unverstand und Fanatismus der Eltern zwingen an der Hand des bürgerlichen Gesetzbuches so manches Mädchen zur Taufe nur deshalb, weit sie nur auf diesem Wege Schutz zu finden glaubt! Ein Nachmittag bei Vem Dnmaabgeordneten Nisselowitsch. Bon L. P e r l in u t t e r - Frankfurt a. M. Wir sitzen bei einem Glase Tee und plaudern. Bei schönstem Sommerwetter. Der Blick schweift von ungefähr vom blumengeschmückten Balkon der ruhigen, ziemlich am Weichbilde Wiesbadens gelegenen Billa hinab und trifft auf die gepflegten Parkanlagen, auf eine Umgebung, die dem Auge wohltut. Eine sanfte Stille ringsum. Man muß sich schon zwingen, um inmitten dieser Schönheitssülle einer hier besonders gesegneten Natur an das Thema zu denken, das uns bewegt. Denn schaut das Auge wieder in das markante Gesicht unseres liebenswürdigen Gegenübers mit den scharfen, stahlgrauen Augen, dann klingt dem Ohre, das eben noch der stillen Melodie eines traumhaft schönen Idylls gelauscht ein Lied, das uns jäh in die rauhe Wirklichkeit hineinreißt — das Lied vom Judenleid. „Es ist kein neu' Gedicht", was wir von dem Petersburger Rechtsanwalt über die Lage der Juden in Rußland erfahren. Aber es nimmt sich dies alles im Munde dieses berufensten Kenners der Verhältnisse und mit Daten belegt, besonders kraß aus. „Wir haben 6 Millionen Juden. 99°/o davon sind arm. Von einer Armut, wie man sie in Westeuropa unter den Juden kaum kennt. Wirkliche Reiche, wie in Deutschland, Frankreich und England, gibts mit vereinzelten Ausnahmen auch kaum. Meistens ist der Reichtum in Grundstücken festgelegt, die nur mit großen Verlusten zu Gelde gemacht werden können. Das Stigma unserer großen Not ist die Konkurrenz. Jetzt werden aus Kiew und vielen anderen Städten Juden in Massen ausgewiesen. Abgesehen von dem großen Jammer, den an sich eine solche Massenausweisung darstellt, hat die Medaille noch eine Kehrseite.- Man weiß wohl im allgemeinen nicht, wo die Vertriebenen hin sind. Es ist aber fast sicher, daß sehr viele in die von Juden bereits überfüllten Städte absließen werden, um die Lage der dortigen durch neue Konkurrenz zu einer unerträglichen zu gestalten. Sie fragen, wie es mit der Lage der Juden in ideeller Beziehung steht? _ Diese Frage aufwerfen, heißt sie beantworten. Wie kann es bei einer solchen materiellen Lage ulm die ideelle stehen. Dieser Druck, der über allen lagert, wirkt natürlich hemmend. Wir hatten etwas wie eine Bewegung. Die setzte sich zur Zeit der Revolution bei sehr vielen in einen Kampf üm die Gleichberechtigung um. Die Jugend war an der Spitze. Die Alten und die Masse sagten zu allem Ja und Amen. Heute ist es wie tot. Die streitbare Jugend: ihr Kamps gilt heute dem täglichen Brot. In den kleinen Städtchen, Flecken genannt, zumal, in welchen damals die Wogen besonders hochgingen, ists wie ausgestorben. Kirchhossstille. Wie ich zur zionistischen Bewegung stehe? Ich selbst bin wohl kein „professioneller" Zionist. Aber ich unterstütze gerne ihre praktische Arbeit. So habe ich mit Freuden die Gelegenheit wahrgenommen, anläßlich des Hamburger Kongresses eine kleine Summe zu spenden, Ich habe damit Nacheiferung zu wecken gehofft. Ich glaube andererseits, daß über Zion viele Zionisten geteilte Meinungen haben. Die einen denken wohl an einen Zukunftsstaat, den anderen ists der Ausdruck eines Ideals, den dritten gar wohl die messianische Zeit. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ' Aber eines erkenne ich an als allen Zionisten gemein, das Sehnen »ach einem Ideal, einen Idealismus. Sie wissen wohl, daß ich mich gegen die zionistischen Protestversammlungen ausgesprochen habe, solange und i n s o f e r n e sie zum Proteste gegen die russische Regierung dienen sollen. Sie wären in einem solchen Falle nur geeignet, Judenfeinden die Handhabe zu bieten, um die westeuropäische öffentliche Meinung als eine Judenagitation zu verschreien. Versammlungen jedoch, die geeignet sind, die j ü d. F i n a n z auf die Mittel und Wege hinzuweisen, wie man am praktischsten eine rationelle großzügige Hilfsaktion einleiten könnte, sind sehr zu begrüßen. Ich habe in Paris ebenfalls mit hervorragenden jüdischen Männern darüber gesprochen. Aber leider will man nichts Rechtes dort unternehmen, aus Furcht vor den Antisemiten, denen man die Handhabe zu geben fürchtet, den Patriotismus der französischen Juden zu verdächtigen. In Deutschland will man ja schon mehr tun, hier sind die Juden schon mehr „Rachmonim bne Rachmonim". Wir sprachen' dann des Näheren über die zu leistende Hilssarbeit, und Herr Nisselowitsch hatte die Freundlichkeit, des längeren seine auch hier weitschauendcn Pläne zu entwickeln und bereitwilligst seine Mitarbeit jeder diesbezüglichen Unternehmung zuzusichern. Es erübrigt sich, den in dieser Richtung bereits in die Wege geleiteten Schritten vorzugreifen. Auch über diePolitikinderJudenfrage hatte der Dumaabgeordnete die Freundlichkeit, uns einen längeren Bericht zu geben. Die in dieser Hinsicht gemachten Darlegungen, die darin gipfeln, den gordischen Knoten der Misöre der Lage der russ. Juden mit einem wuchtigen Schlage zu durchhauen, die beste Gelegenheit auszunutzen, um die Judenfrage in Rußland, die sich aus vielen kleineren und größeren Nebeln zusckmmensetzt, auf gesetzlichem Wege radikal zu lösen, wird inan am besten aus der Uebersetzung eines Artikels des Abgeordneten im Raswjet ersehen.*) Es ist besonders interessant, jm Zusammenhänge damit zu erfahren, daß der Abgeordnete gerade jetzt eine günstige Gelegenheit benutzt hat, um die Gesetzesvorlage betreffs Wschaffung des Ansiedlungsrayons einzubringen. Als wir nach mehrstündiger Unterhaltung von dem Abgeordneten wieder gingen, da hatten >oir das Gefühl, daß trotz der traurigen Lage in Rußland uns ein Trost geblieben ist. Die Judenheit Rußlands hat in Herrn Nisselowitsch den Vertreter, den sie in dieser schweren Zeit haben mußte. Einen Gegenwartspolitiker, der jede Gelegenheit zum Besten des jüdischen Volks in praktischer und intelligenter Weise auszunützen versteht und dessen ruhige, planmäßige, dabei aber energische Arbeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung für Gegenwart und Zukunft der russ. Judenheit ist.**) Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Die am 1. Oktober 1808 in Beelitz eröffnete Jsr. Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder versendet ihren zweiten Rechenschaftsbericht. Der Andrang Aufnahmesuchender hat angehalten, und obgleich mehrere Zöglinge als bildungsunfähig entlassen werden mußten, ist betreffs der Frequenz von Knaben die Maximalziffer von 26 erreicht, während die Zahl der Mädchen 16 beträgt, sodaß auch nur noch 4 Plätze vakant sind. Die Großloge U. O. B. B. ist grundbuchlich als Besitzerin der ideellen Hälfte des Anstaltsgrundstücks eingetragen. An einmaligen Beiträgen sind der Anstalt ca. 2000 Mark zugeflossen. Die Jahresbeiträge der Mitglieder Bleiben mit 8857 Mark um reichlich 1000 Mark hinter dem Vorjahre zurück. Die Pflegegelder betrugen 13 338 Mark. Berlin. In dem Jahresberichte der vom „Deutsch-Israelit. Gemeindebunde" und der „Großloge Bnei Brih" begründeten „Jsr. Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder" heißt es: „Das Verhältnis zur Stadt Beelitz ist ein durchaus günstiges. Bei festlichen Anlässen, wie bei der letzten Chanukafeier, kam das zum schönsten «lusdruck. Mitglieder des Kuratoriums aus Berlin und Potsdam, in Berlin ansässige Angehörige der Kinder vereinigten sich mit Freunden der Anstalt aus Beelitz. Die Damen des dienstlijch verhinderten Herrn Superindendenten, der Hausarzt und andere Bürger *) Auf diesen Artikel werden wir voraussichtlich demnächst zurückkommen. Die Redaktion. **) Wir würdigen wohl die Rücksichtnahme des Herrn Nisselowitsch der russischen Regierung gegenüber, damit ihr keine neuen Waffen gegen die Juden gegeben werden; doch sehen wir nicht ein, warum nicht gegen die jüd. Großfinanziers, die der russ. Regierung Geld vorschießen, lauter Protest erhoben werden soll. D. Redakt. Seite 3. von Beelitz, Jude» und Christen in schönster Eintracht, hatten sich eiugefunden, um die Kinder durch Geschenke zu erfreuen. Nach einer wohlgelungenen religiösen Feier, bei der die fortgeschrittenen Zöglinge die Chanukahymne deklamierten, fand im Turnsaal die E i n b e s ch e r u n g statt. Der Jubel beim Anblick des Gabentisches machte auf alle Anwesenden einen rührenden Eindruck." Diese Stelle in dein Jahresberichte gibt uns Veranlassung, auf den immer mehr zunehmenden M i ß st a n d aufmerksam zu machen, unser C h a n u k a analog dem christlichen Weihnachten zu gestalten. Wir meinen, daß unseren führenden Persönlichkeiten die traurigen Folgen dieser Anpassung endlich zum Bewußtsein gekommen und sie daher endlich mehr aus die Wahrung der jüdischen Eigenart bedacht sein sollten. Chanuka war nie ein Fest der Geschenke; dafür ist Purinr da und event. Simchasthora. Gerade Simchasthvra sollte Veranlassung geben, gute Bücher der jüd. Geschichte und Literatur zu verschenken, um so die Liebe zum Judentum zu verbreiten. Hannover. Der Bericht der Israel. Erziehungsanstalt zu Ahlem spricht eine beredte Sprache; beredt insofern, als er auffordert zur stärkeren Unterstützung einer Anstalt, die in hervorragender Weise für die Erziehung jüdischer junger Leute zu Gärtnern, Landwirten und Handwerker» tätig ist. Schließt doch die Bilanz bei 120 700 JL Einnahmen — darunter 45 600 Jk Jahresbeiträgen und 48100 Jk Erziehungsbciträgen — mit einem Fehlbetragvon 14 000 Jk ab! Die Anstalt verschlingt große Summen, denn sie hat ca. 150 Zöglinge (im Februar lvaren es im Knabenhaus 44 Lehrlinge und 57 Schüler und im Mädchenhaus 44 Mädchen). Wollte sie allen Anmeldungen entsprechen, so müßte sie jetzt bereits vergrößert werden. Oesterreich-Angarrr. Wie«. Der zionistische Abgeordnete Dr. G ab ei hielt im Ab geordneten Hause eine eindrucksvolle Rede über die Lage der Juden in Rußland und in Oesterreich- Er führte aus: „Die Geschichte der Juden in Rußland ist eine Kette der qualvollsten Martyrien. Schon in den achtziger Jahren sehen wir, daß in 224 Städten und Märkten Pogrome gegen die Juden veranstaltet wurden. Im Jahre 1905 wurden vom 18. bis 29. Oktober, das ist in zehn Tagen, glicht weniger als 690 Pogrome veranstaltet, in welchen es — nach amtlicher Statistik — 876 Tote uuds 1770 Verletzte gab- 325 jüdische Witwen, 166 ganze und 1197 halbe Waiseil sind zurückgeblieben. Im ganzen sind anläßlich dieser Pogrome 200 000 Juden zu Schaden gekominen. Der Wert dessen, was den Juden gestohlen und geraubt wurde, wird auf 62 Millionen Rubel fixiert." Der Redner gab dann ein Bild der damaligen bestialischen Greueltaten, behandelte die fortgesetzten gesetzlichen Maßnahmen der russ. Regierung gegen die Inden und schloß ' seine die russ. Juden betreffenden Ausführungen: „Angesichts dieser Tatsachen müssen wir vor der ganzen zivilisierten Welt einen scharfen P r o t e st gegen dieses erbarmungslose Vorgehen der russischen Regierung erheben. Wir appellieren an die Kulturwelt, daß sie> wie iin Falle der Finnländer, der unterdrückten Polen und Rnthenen in Rußland, sich anch der Inden a n n e h m e und in Publikationen und Manifestationen kundgeben möge, daß das offizielle Rußland alle Pflichten der Menschheit mit Füßen tritt. — Wir aber werden, solange diese Zustände anhalten, den Vertretern der panrussischen Jdee> ebenso den Vertretern des Neoslawismus, insoweit sie in Verbindung mit Ben offiziellen Kreiseck - Rußlands stehen, nur mit Mißtrauen entgegentreten und sie aus tiefster Seele verabscheuen." Redner ging nunmehr zur Besprechung der Verhältnisse der Juden in Oesterreich über und beleuchtete besonders die Aufhebung der Propination und die Einführung der konzessionierten Schenken, wodurch in Galizien und in der Bukowina 17 000 jüdische Familien — d. h. 85 000 jüdisch« Seelen — in ihrer kümmerlichen Existenz gefährdet werden, da die jüd. Schenker bei der VerteilungderKouzessionenhintenangesetzt werden. „Es ist eine Forderung der Humanität und der Gerechtigkeit, daß man nicht denjenigen, der sein Gewerbe bisher gehörig ausgeübt hat, plötzlich vor die Türe setzt und zum Bettler macht." Rußland. Petersburg. Eine Senatserklärung bestimmt, daß aus das Verlangen der Grenzzollbehörden ohne Hinzuziehung der Gerichtsbehörde die Ausweisung von Juden aus dem Umkreise von 50 Werst um den Grenzstrich erfolgen kann. — Die diesjährige Saison der Sommecbrände hat im Ansiedlungsrayon furchtbarer denn je begonnen. In Boris ow (Gouv. Minsk)

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