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Neue jüdische Presse · 1910-06-24 · Heft 24 (24.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 24 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Aamilienblatt. Rr. 24 seiten der Eltern. Und die Töchter? Tie zwei Töchter Kluger blieben verborgen, und von ihrem Versteck richteten sie Giftpfeile gegen ihre Eltern, indem sie dieselben beim obersten Gerichtshof anklagten und die Aufhebung der väterlichen Gewalt, sowie eine monatlichje 200 Kronen betragende elterliche Unterstützung für die ganze Z e i t des anzutretenden Studiums beantragten. Die Presse schlug Alarm; die einen schrien: „Geknechtete Frauen!", die anderen: „Galizische Barbarei!", andere wiederum „Finsterer Chassidismus!", „Klerikale Vergewaltigung" usw. Teo sozialistische jüdischer Abgeordnete Diamant, ein begeisterter Judentums-Gegner, benutzte die günstige Gelegenheit, in einer Interpellation vor dem österreichischen Parlament das Judentum zu verdammen und die Kassierung des Ausliefcrungsgerichtsurteils zu verlangen. Soweit die Affäre Kluger! Eine tragikomische Episode, die an und für sich von geringer Bedeutung gewesen wäre, wenn sie nicht allzu grelles Licht auf die galizischen jüdischen Zustände geworfen hätte. Gewiß passieren auch anderswo, sogar in den höchsten Schichten, Fälle von Zwangsheiraten; jedoch nicht etwa aus der Sucht zum Studium, sondern aus „Standesgemäßigkeit" oder - rein praktischen Gründen. Allein das Benehmen der Töchter Kluger ihren Eltern gegenüber ist es, was uns bei dieser Affäre frappiert! Dieses wiederwärtige Benehmen der beiden Töchter ist symptomatisch für die tiefe Kluft zwischen Eltern und Kindern, und diese Kluft ist in erster Linie auf die Unwissenheit und Unbildung der Eltern, in zweiter Linie aber auf die große Misere des Landes, die zu Verwirrungsbcgriffen und zu anarchistichen Anschauungen führen und führen müssen, zurüötzuführen. Wird dieser unselige Fall Kluger der galizischen Orthodoxie als ernster Mahnruf dienen? Leider müssen wir es bezweifeln, denn Fällle ähnlicher Natur werden wohl in Galizien nicht zum . ersten Male stattgefunden haben, nur sind sie nicht an die Oeffentlichkeit gedrungen. Die galizischen Wunderrabbis, die doch als allwissend und allheilbringend alles zu bestimmen haben, werden wohl einstweilen dieselben bleiben. Jedoch die Zeit fragt nach niemand, auch nicht nach Wunderrabbis; die Frage ist nur, wer sich ihrer bemächtigen und sie nach eigenem Geschmack und Tendenz zu bestimmen suchen wird. Etwa die Nationaljuden?! 4- * * Es war die Zeit der Hold hei ms und der Geigers einerseits, der Barn ah s und Kirschs anderseits, damals war die Konfession im Judentum auf die Spitze getrieben, —' in einer solchen Zeit wurde der Zionismus geboren. Was wunder, daß das Nationale im Judentum ebenfalls auf die Spitze getrieben wurde! Man ging von einem Extrem zum anderen über; dort Kvnfessionalismus und nicht mehr, hier Nationalismus und nicht mehr. Und noch eins! Der Zionismus entstand im Schoß der Haskala, und daher waren seine ersten Träger Rationalisten. Jahrzehnte hindurch bewegte 'sich der Zionismus in rein nationalen Bahnen, bis er sich endlich auf sich selbst besann und Halt machte. An einem klaren Morgen bemüßigte sich der Zionismus, die Bilanz seiner langjährigen Tätigkeit zu ziehen, — und siehe da! er mußte die Wahrnehmung machen, daß der nationale Gedanke noch lange nicht die Zahl von Anhängern um sich geschart hatte, die er eigentlich scharen sollte und mußte, — und er erkannte, daß das Nationale nur einen Bruchteil, wenn auch einen wesentlichen, des Judentums ausmache, die anderen Teile aber, insbesondere die religiösen, völlig außer acht gelassen wurden. Um aber das Volk in seiner großen Mehrheit zu gewinnen, müssen auch noch die anderen Telle hcrangezogen werden, das ganze Judentum muß den Juden dargeboten werden. Zu solch« Einsicht konnte die Erfahrung einerseits und Ernüchterung von dem Haskala du sel anderseits fuhren. Es ist also eine Tatsache, daß der Zionismus sich gegenwärtig auf der richtigen Bahn bewegt; das religiöse Problem bewegt die Gemüter im zionistischen Lager außerordentlich, ein jeder sucht dieses Problem nach seiner individuellen Anschauung und Temperament, — der eine int Sinne der Tradition, der andere im entgegettgesetzten Sinne — zu lösen, kurzum, alle Welt weiß es. — Weiß es aber auch der jüdische Abgeordnete Dr. A. Mahler? Anscheinend nicht! Herr Dr. Mahler besitzt nämlich eine eigenartige Schwäche, sich stets zu entschuldigen, wenn er auf die Religion zu sprechen kommt und irgend _ eine religiöse Einrichtung notgedrungen zu verteidigen hat. Der wackere Abgeordnete fürchtet anscheinend, sich dem Rufe eines Klerikalen auszusetzen, wenn er die Religion in Schutz nimmt. In seiner Rede, gehalten in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. Mai, als er auf die großen Schäden des Sonntagsruhegesetzes für die Juden Galiziens zu sprechen kam und die Notwendigkeit der Beseitigung des eben erwähnten Gesetzes zu beweisen suchte, da entschuldigte sich der wackere Herr wiederum folgendermaßen: „Ich möchte wieder nicht mißverstanden werden; ich glaube, durch das, was ich einleitend gesagt habe, mich vor dem Verdachte des Klerikalismus geschützt zu haben". „Man hat leicht sagen", meinte er weiter, „gehet hin und kläret die Leute auf. Wenn sie sich die religiöse Enge und formalistische Zähigkeit vor Augen halten, wie. sie so entsetzlich kraß sich in dem von Herrn Diamond geschilderten Falle zeigt, dann wird mir jeder zugestehen, daß mit Reden nicht zu helfen ist. Dann kann nur eines helfen: Schulen und immer mehr Schulen". Also die Beseitigung des Sabbats ist gewiß kulturell gedacht sehr erwünscht und erstrebenswert, nur ist die gute Sache einstweilen dank der „religiösen Enge und formalistischen Zähigkeit" nicht zu erreichen, dies soll durch Schulen zu bewerkstelligen sein; also Schulen und immer mehr Schulen, — und die Beseitigung des Sabbats ist geschehene Tatsache. Geschehene Tatsache?! O nein! Es sei denn, daß Herr Mahler den Auftrag bekommt, die Schulen in seinem Sinne zu gründen; doch damit hat cs noch gute Weile. Es ist geradezu unbegreiflich, wie ein Zionist von der Stellung eines Mahler sich zu einer solchen fulminanten Begriffsverwirrung verstcigen kann. Wiedarf ein nationaler Jude ein durich die Gesetze geheiligtes Religiöses und Nationales, wie cs der S a b b a t ist, mit Enge und Formalismus bezeichnen? Herr Mahler mag sich wohl in dem guten Glauben befinden, die Werbekraft des Zionismus im Lande des Klerikalismus und des Chauvinismus durch einen grenzenlosen Radikalismus zu vermehren; allein das ist sicher, daß ein wirkliches Heil fiir das jüdische Volk von ganz andern Männern zu erwarten ist. Vielleicht werden, wenn wir einmal so weit sind, auch die Chassidim mit sich reden lassen Wenn wir nur so weit wären! S. H. ,Gn. Väter und Kinder int Osten! Bon Prof. Marek Margulies (Krakau). Vater und Kind! Das ist im Lebe» des osteuropäischen Juden ein schwerwiegendes Problem. Es steckt darin ein Stück Judenfrage! Ein gewaltiges Stück! Gar keine Volkspädagogik, kein vernünftiges Hcranerziehen des Nachwuchses fürs Leben! Eine Verworrenheit, ein Chaos, ein Tohuwabohu! Alles Zufall, alles Augenblick, alles. Wind und blindes Schicksal! Kindersegen steht im verkehrten Verhältnisse zur Kindererziehung! Außerdent ist für den Osten noch ein Umstand typisch! Oft verstehen Kinder und Eltern einander nicht, trachten nicht einander näher zu kommen, und so wird die Kluft eine unüberbrückbare, das Hand in Handgehen eine Unmöglichkell. Ja! Der. Osten Europas ist' das Land der unberechenbarsten Zufälle, und der Ostjude der Mensch der fast unverständlichen Extreme. Extremist er in allen seinen Lebensbeziehungen, extrem bis zur Selbstvernichtung! Der Vater — ein stockfrommer Chassid, ein mystischer Kabbalist und blinder Anhänger irgend eines Wunderrabbis, der Sohn ein „Studierter" mit naturalistischer Weltanschauung, ein Atheist, wie er im Büche steht, wie es nur ein Jude sein kann! Der Vater ein Talmudist, der Sohn ein Nietzscheaner, der Vater ein praktischer Kaufmann, der Sohn ein träumerischer Idealist. Und so geht es fort und fort! — Und die Töchter?? Will der Chassid seinen Sohn nicht in die Schule schicken, so läßt er seine Tochter viel lernen. So viel, daß sie allzubald ihrem Hause fremd wird! Und lvie soll sie dann einen Mann nehmen, den ihr die Eltern geben, einen Mann, der in seiner Bildung viel unter ihr steht, den sie nicht nur nicht liebgewinnen, den sie geradezu hassen muß? Daher oft das Durchgehen, Taufen, daher Mißehen! — Was tut so ein Mädchen? Sie maturiert und geht auf die Hochschule mit erzwungenem oder' auch gegen den Willen der Eltern! Im Notfälle darbt sie und hungert und verzichtet auf. die Hilfe ihres Hauses. Und darin sind. die Judenmädchen wieder extrem, wie der ganze Osten! Hier gab cs ja schon Studentinnen zur 'Zeit, wo im kulturellen Westen die Mädchen noch tief, in der eng geschnürten Zwangsjacke einer zum Hausgebrauch zugeschnittenen „höheren Töchterschule" gesteckt haben. Das barbarische Rußland hat seit langer Zeit viel freier denkende Mädchen, als der Westen. Es ist auch in Anbetracht der dortigen Verhältnisse nach dem Gesetze der einander bedingenden Kontraste leicht erklärlich!. Wie es dann uin die trationellen festen Familienbande des Ostjuden steht, ist nicht schwer herauszufinden. Uebrigens hat uns die letzte Zeit ein eklatantes Beispiel gegeben, das die ganze öffentliche Meinung in Oesterreich und die Tagespresse stark beschäftigt, Gerichtsverhandlungen und Reichsratsinterpcllationen hervorruft, Stndentenvcrsammlungen, Demonstrationen, Resolutionen und Geldsammlungen verursacht. Es ist d e r F a l l Kluger! — Familie Kluger in Podgorc bei Krakau, nichtssagend wie die Schulze oder Mayers in Deuschland! Das Familienhaupt — ein Ultrachassid, ein reicher Kaufmann und Kleinstadtbürger. Seine Frau — eine galizische Rabbinerstochter, die, dem Manne treu und gehorsam, ihre zahlreichen Kinder in besten Erziehungsabsichtcn tüchtig mit Faust und Prügelstock belegt hat. Sonst lebte die zahlreiche Familie mehr oder minder zuftieden wie. alle anderen Familieit. Die beiden ältesten Töchter ließ man Schulen besuchen,. französisch lernen und Kurse anhörcn. Und eng und immer enger wurde es den aufgeklärten Mädchen in ihrem Elternhause. Aeußerlich war aber alles in Ordnung, bis eines Tages die Eltern ihrer gebildeten Tochter einen jungen 17jährigen Knaben zum Manne bcstimmen. Die Tochter will nicht, hat aber wenig Wiederstandskraft und wird gegen ihren Willen, verheiratet. Sie nutzt einstweilen die Zeit aus, um privat zu lernen und zu maturieren und versagt ihrem knabenhaften Gemahl die ehelichen Pflichten. Die Eltern vergreifen sich an ihr und der jüngeren Schwester oft tätlich und wollen an der Hand aller möglichen Mittel die Ehepflicht ihrer Tochter erpressen. Bon einem ernsten Studieren der Kinder ist überhaupt mit ihnen nicht zu sprechen. Da nimmt eines schönen Tages die jungftäuliche Ehe-- frau ihre Brillanten in die Tasche und flieht mit der Schwester nach der Schweiz. Nun beginnt eine Hetzjagd. Verwandte suchen mit Hilfe von Geheimagenten nach den Flüchtlingen, und ein gerichtliches Urteil spricht ddn Eltern das Recht zu, über die Ehe ihrer Kinder, über ihre geistige und moralische Erziehung nach Gutdünken zu verfügen, weil sie unmündig sind. Sie dürfen auch mll Polizeigewalt die Mädchen nach Hause bringen lassen. Aber die Gesuchten sind auf neutralem. Schweizerboden und dazu gut versteckt und-nicht

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