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Neue jüdische Presse · 1910-06-24 · Heft 24 (24.6.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 24 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Israrrkfrtrke? Istlielitislhe» fmiliralilatt. ( —■ — -"I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4. , .... ....- edaKttorr ir«d Hefchäftsstell Srankfurl a. m., vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Getefon 10507. srauKgeber: K alg <$> e is r-1 -. — '' Jnsertionspreise: Die viergefpaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . . 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 8. Jahrgang. Freitag, den 17. 81^vuii 567V (24. Juni 191V). Rr. 24. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die jüdische.Sage. — Randglossen. — Bäter und Kinder im Osten. — Ein Nachmittag bei dem Dumaabgeordneten Nisselowitsch. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Bunte Ehronik. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die jüdische Sage. Von Ben K o h e l e t h. (Schluß). Bildet das Tragische in der jüdischen Sage. ihre äußere Eigenart, d. h. die Eigenart, die ihr durch das Milieu, durch die Lebensschicksale des Volkes verliehen wurde, so ist ihre i n n e r e Eigentümlichkeit in ihrem Hinneigen zum Ethischen zu finden. Die natürliche Anlage des jüdischen Volkes gerade zum Ethischen ist eine altbekannte Tatsache. Man wird aber vielleicht keinen zwingenderen Beweis dafür finden können als gerade in der jüdischen Sage. Man bedenke: auf einem Gebiete, wo für geivöhnlich sich die Triebe und Instinkte des Volkes auszuleben pflegen, auf einem Gebiete, wo wir gar nicht einen ethischen Maßstab anzulegen gewohnt sind, auch hier ist alles, was das Volk schafft, durchaus ethisch und ideal. Man wird diese Eigentümlichkeit besonders au unseren Heldensagen wahrnehmen können. Fast nirgends sind hier Helden zu finden, die Taten und Abenteuer unternehmen, einzig und allein um ihre Kraft zu betätigen oder gar um ihren Lüsten zu fröhnen, sondern immer verfolgen sie einen guten und idealen Zweck. Ich wähle beispielsweise die Gestalt Davids. David ist gewiß der größte Heldenkönig in unserer Geschichte. Was wäre natürlicher, als daß die Sage in David, von dem sie doch so viel zu erzählen weiß, in erster Reihe die Verkörperung des Starken, Heldenhaften erblickte. Nichts von alledem! David ist für die Sage vor allem das Symbol des Guten, Schlichten u. Idealen, die Verkörperung der Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Und weis David in sich die Verkörperung des Guten u. Ethischen darstellt, ist David mit Elijah die populärste Gestalt der jüdischen Geschichte geworden. Für den Juden des Ghettos war und ist David die hehrste Idealgestalt, die er kennt. So hatte die Sage fiir unser Volk eine zwiefache Bedeutung: vor allem spendete sie ihm den T r o st in seinen Leiden, sodann aber gab sie ihm jene Ideale, deren ein jedes Volk — das jüdische im Goluth noch ganz besonders — zu seiner Existenz bedarf. Und dadurch wurde die Sage zu einem bedeutsamen Faktor in der Geschichte des jüdischen Volkes, sie war eine jener Stützen, die das Volk noch im Goluth aufrecht erhielten. Noch vor wenigen Jahrzehnten — - und in manchen Orten Rußlands sogar noch, heute — versammelte man sich öfters in. den Gebethäusern und las da gemeinsam den ,>EnJakob"; das Volk richtete sich an diesen Sagen auf und schöpfte neue Kraft..-So verwuchs. nach und nach die jüdische Sage unzertrennbar mit dem jüdischen Volke und ward eins mit seinem Wesen. Deswegen kann man nicht die Eigenart des Juden erfassen, ohne seine Sage zu kennen. Allerdings, diese jüdische Sage liest sich nicht so leicht wie die griechische, sondern sie will erfaßt werden; man muß sich in sie versenken, muß sie auch erleben, muß sie voll und ganz in sich ausuehmen, um sie zu verstehen. Gewiß eine schwierige Arbeit. Aber es verlohnt sich! Denn eine neue, ungekannte Welt wird sich dem Leser eröffnen, eine Welt, die bis in ihre verstecktesten Winkel urjüdisch ist. Wollt ihr also den Juden kennen, so lernt seine Sage kennen! * * * Bisher war nun das Studium der jüdischen Sage fiir den, der nicht das Aramäische beherrschte, eine Unmöglichkeit, und selbst fiir den Kenner der Talmudsprache bestanden viele Schwierigkeiten. Denn in der einzigen Sammlung der jüdischen Sagen, dem „En-Jakob", waren die einzelnen Sagen nicht systematisch und ihrem Inhalte nach, geordnet, sondern einzig und allein, nach den Talmudabschnitten, in denen sie sich befanden, ohne jeden inneren Zusammenhang. Da folgte nach einer geschichtlichen Sage ein moralischer Spruch, und nach einer geistreichen Auslegung eines Bibelwortes irgend ein merkwürdiges Reiseabenteuer. Durch diese Zusammenhanglosigkeit war natürlich ein tieferes Versenken in die Sage erschwert, denn es bedurfte ja einer langen, mühseligen Arbeit, um überhaupt alle .Sagen über einen bestimmten Gegenstand beisammen zu haben. Daher ist es auch zu erklären, daß das Studium der jüdischen Sage von der jüdischen Intelligenz in den letzten Jahrzehnten sehr vernachlässigt worden ist, sicherlich zum Schaden ihrer nationalen Empfindungen. All diesen Schäden und Mängeln haben nun Rawnitzki und Bialik ein Ende gemacht durch ihr „S e f e r h o a g o d o h". In diesem Buche haben sie alle nur einigermaßen wichtigen Sagen zusammengestellt und zwar — was die Hauptsache ist — den Gegenständen nach, die sic behandeln, geordnet, und sodann haben die beiden Verfasser die aramäischen Ausdrücke in den Sagen durch hebräische ersetzt und haben zudem noch die schwierigen Worte mit Erklärungen versehen. Diese scheinbar nicht allzu bedeutsame Arbeit, die Rawnitzki und Bialik geleistet haben, bedeutet in der Tat ein jüd. Kulturwerk. Denn durch dieses „Sefer hoagadah" ist die jüdische Sage in ein modernes, zeitgemäßes Gewand gekleidet und dadurch erst der größeren Masse zugänglich gemacht worden. Diese Popularisierung der jüdischen Sage kann aber nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn die Sage ist nun einmal für ein Volk ein nie versiegender Born neuer Energie, die naturgemäße Quelle - aller: nationalen Begeisterung. So kann man auch in der Tat wahrnehmen, daß, sobald nur in einem Volke die nattonale Begeisterung erwacht ist, es auch immer zu seinen alten Sagen gegriffen hat. 2lls sich am Beginne des 19. Jahrhunderts im deutschen Volke seiir Nationalgefühl zu regen begann, da veröffentlichte Arnim seine Sammlung der alten deutschen Volkslieder und einige Zeit darauf Grimm seine „Deutsche Sagen". So war eine sachgemäße Sammlung der jüdischen Sagen eigentlich ein Zeitbedürfnis, eine notwendige Forderung der nationalen Bewegung. Nun ist dieses Werk, und zwar in einer Form, wie man es besser gar nicht wünschen kann, uns geschenkt worden. Drum wünschen und hoffen wir, daß dieses Werk der beiden Dichter auch den Erfolg haben wird, den sie erwarten, und den man erwarten darf: eine Stärkung und Nenbelebung des nationalen Gefühls innerhalb der jüdischen 'M assen, besonders der jüdischen Jugend. Dies wird auch gleichzeitig der beste Dank sein, den das jüdische Volk den beiden Autoren für ihr glänzendes Werk bezeugen kann und bezeugen muß. Randglossen. Eine interessante, jedoch unwichttge Episode hat in den letzten Tagen viel Staub aufgewirbelt und Anlaß gegeben zu vielen Zeitungsartikeln, loie auch zu einer Jnterpellatton in einem der' größten Parlamente. Die Sache ist folgende: Ein reiches Ehepaar aus Galizien namens Kluger hat zwei nicht ganz unbegabte-Töchter, die eine 19, die zweite 17 Jahre alt. Das 19 jährige Mädel Anna wollte studieren, die 17 jährige Leonore ebenfalls, — und welches einigermaßen begabte jüdische Mädchen des Ostens will es nicht? Die Eltern sind fromm und wollten nicht, daß ihre Töchter studieren sollen — nichtfromme Eltern, auch Nichtjuden und Nichtgalizianer, wollen dies ebenfalls nicht und zwar deshalb nicht, weil das Studieren für Mädchen keinen praktischen Zweck hat und manche Gefahren nach sich ziehen kann —; doch die Mädels Kluger zählen nicht unter diejenigen Mädchen, die auf die Stimme ihrer gut meinenden Eltern etwas geben, und es lag die Vermutung nahe, daß sie ihr Vorhaben auch gegen den Willen der Eltern in die Tat umsetzen. Was taten die geängstigten Eltern? In ihrer Not griffen sie zu dem gar häufig angewandten, da bewährten Mittel der Verheiratung; sie verheirateten ihre älteste Tochter und verlobten die zweite, beides, Verheiratung sowie Verlobung natürlich gegen den Willen der Töchter. Und das Resultat? Die 19 jährige Anna verweigerte die Ehepflicht an ihren Gatten und floh ein Jahr nach der -tzochzett, nach der Schweiz, natürlich, die 17 jährige tat desgleichen. In ihrer großen Not griffen die Eltern zur Klage, damü sie mit Hilfe des Gerichts ihrer fliehenden Töchter habhaft werden können, Das Gericht stellte sich auf

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