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Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 23. chailowitsch (soll wohl heißen: Konstantin Michailowitsch) die Herausgabe einer Sammlung von Grabsteininschriften der jüdischen Friedhöfe Rußlands in Angriff genommen, die in Bälde erscheinen dürfte. Er will damit die Rolle beleuchten, welche russische Juden in der Vergangenheit Rußlands gespielt haben, und den Schatz jüdischer Poesie und Moral zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, welcher in den Inschriften verwahrt wird. Großes -Interesse bietet dabei die Tatsache, daß Großfürst Nikolai sich als Kenner der hebräischen Sprache erweist. Paris. Der Bataillonschcf Luclan Levh wurde zum Oberstleutnant befördert. Paris. Alfred Dennerh wurde zum Generalinspcktor für Post- und Telegraph cnwesen ernannt. Äoustantinopel. Dr. S. Rar, Chirurg des hiesigen italien. Hospitals, wurde mit dem Offizierskreuz des italien. Kronenordens ausgezeichnet. Wasdingtou. Professor Alexander S. Langsdorf ist zum Dekan der hiesigen Universität gewählt worden.. Auge um Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). XVI. Erst in der Einsainkcit seines Zimmers kam Bolkmann das Gräßliche seiner Lage zum vollen Bewußtsein. Er vergrub sein Gesicht in beide Hände, als wollte er den Blick der furchtbaren Gegenwart verschließen. Ihm war nur noch der eine Gedanke klar, daß beide Probleme, die seinen Geist beschäftigten, seine persönliche Rache und die Rettung seines Stammes, in ein und derselben Person wurzelten — in Alma. Durch sie konnte er sein Volk retten, wenn Koratow lebt; — durch sie konnte er seine Eltern rächen, wenn Koratow stirbt. . . Er erkannte, daß beide Ziele so mit einander verwachsen und verwickelt waren, daß er sie nicht mehr auseinanderzubringen wußte. Wollte er die Rettung seines Volkes als Hauptaufgabe im Auge behalten, dann mußte der Racheplan vollständig fallen — nein, er mußte noch weiter gehen und dem Manne die Hand als Sohn reichen, der bereits zweimal jeder menschlichen Empfindung bar sich gezeigt, der den Tod seiner Eltern aus dem Gewissen hatte. . . Ja, ja; dem Mörder die Hand reiche», den Racheplan begraben, weil die Rettung seiner lebenden Genossen ihm näher am Herzen lag. Grimmig ballte er die Fäuste und schüttelte abwehrend den Kopf, als weigere er sich, die falsche Fährte noch weiter zu verfolgen, auf die er jetzt geraten war. Gott im Himmel! War er denn schon so ties gesunken, daß er auch gegen sich selbst nicht mehr wahr sein durfte? Hat die Hinterlist, die Schein- Helligkeit, die er anfänglich - als Schoßkind gehätschelt, schon seuic Denkkraft so entnervt, daß er auch schon die Fähigkeit eingebüßt hatte, sich selbst die Wahrheit einzugestehen? Nein, nein! Es ist eine Lüge, daß die drohende Gefahr seines Kolkes der einzige Grund für das Aufgeben seines Racheplaues sein sollte! — Nein! Es war etwas ganz anderes, das jetzt in seinem Innern lauerte, das sein ganzes Wesen beherrschte und der Sachlage eine ganz neue Gestaltung gab. Er wiederholte sich dieses, mit der Beharrlichkeit des Geißlers, der bei jedem Peitschenhieb, bei jedem Blutspritzer mtt Mollust aufjauchzt. — Ach, sein herrlsther Racheplan, dem er mit solcher süßer Grausamkett Form und Gestalt gegeben! Wie schaurig-schön hat es doch geklungen, als sic damals ihren Traum in Worte gekleidet, und wie gräßlichwonnig wäre erst die Wirklichkeit geworden? Und doch — alles, alles umsonst. > War denn aber dieser Plan wirklich seinem eigenen Wesen entsprungen und auch mtt seiner sonstigen Anschauung vereinbar? Konnte er wirklich der Vater solcher teuslichen Gedanken sein? War er denn mit Tigerblut gesäugt, mit Höllengift gesättigt worden, um das für sie heraufbeschwören zu wollen? — Nimmermehr! Dieses häßliche Phantom wurde ihm von außen ausgedrängt; es hat sich unter der Hülle der Nacht in sein Gehirn eingeschlichen, darum muß es im Lichte des Tages, scheu und bedrückt, von ihm weichen. > Er ging zum Schreibtisch, aus dessen Geheimfach er einen Zettel entnahm, den Alma ihm vorhin zngestcckt. „Karol hat mir heute wieder einen Antrag gemacht, mithin ist die größte Vorsicht noch immer am Platze." Dieser Zettel, ohne Datum und Unterschrift, enthält eigentlich nichts; es könnte ttgend ein Blättchen aus einem Tagebuche sein; aber für Bolkmann war es klar, daß die Sorge für seine Sicherhett sie keinen Augenblick verließ. Er verschloß den Zettel und nahm seinen Sturmlauf im Zimmer wieder auf. Doch, was er nicht verschließen, von dem er nichts entrinnen konnte, war noch immer die schwerwiegende Frage, ob Karols Lüge, ' wie er es Malta gegenübermit voller Entrüstung bezeichnet, auch wirklich eine — Lüge war! Die Ironie der Wiedervergeltimg, von welcher er dem Präfekten gesprochen, schien auch hier wieder esme neue Bestätigung zu finden. «Feine Absicht war es gewesen, das Mädchen sllavisch, hündisch an .sich zu ketten, um dadurch' in ihrer Vernichtung zu schwelgen — statthessen lag er vernichtet, mit gebrochenem Herzen vor ihr. Der Pfeil war auf den Schützen zurückgcprällt und hat ihm selbst eine tiefe Wunde beigcbracht. Er blieb stehen und rang verzweifelt die Hände, sein Blick war starr, ausdruckslos nach außen, um so schärfer und hellsehender aber nach innen gerichtet. Und er sah, daß er schrittweise, aber unaufhaltsam dahin gekommen war, die Tochter des Mannes zu liebe», dessen Untergang er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Es fing schon damals in Odessa an, als sie noch wie ein Schmetterling von Blume zu Blume slatterte, und es wuchs und nahm zu, mit jeder Minute, die er in ihrer Nähe verbrachte. Und ihre Hand sollte dem eigenen Vater den Todesstoß versetzen! Er schauerte innerlich bei dem Gedanken zusammen, daß er nahe dran war, eine Vatermörderin aus ihr zu machen, während sie doch würdig war, unter den Heiligen genannt zu werden. i Schweratmend richtete er sich jetzt auf, wie jemand, der verschmachtet zu einer Quelle kommt und bald wahrnimmt, daß er über den Durst getrunken. Bolkmann empfand jetzt das Bedürfnis, sich zu bescheiden und seine Gefühle etwas kritischer herabzustimnien. Es war nicht gut, zwischen Extremen sich zu bewegen. Und das war bisher geschehe»; nachdem er mit einem bodenlosen Haß gegen sie und einer überschwänglichen Selbstgerechtigkeit gegen sich angefangen, verfiel er jetzt in verhimmelnde Lobpreisungen für sie und zerknirschende Reue für sich selbst. Beides war nicht förderlich. Er muß sich vor gewaltsamen Gefühlsumwälzungen hüten, um klar denken und urteilen zu können. Kindisch wie sein erster haßvoller Ausbruch, wäre es noch viel kindischer, sie durch blinde Liebe zu entschädigen. Denn um ihr für den Verrat, den er gegen sie geplant, Ersatz zu bieten, stand er im Begriff, den schnödesten Verrat gegen die toten Eltern imd gegen den lebenden Freund zu begehen. Noch lange wälzte er seine Gedanken hin und her, die aber, als wären sie mit besonderer Elastizität ausgerüstet, immer wieder zu dem einen Punkt zurückschnellten: zu der Liebe, die auch hier wieder Siegerin blieb. — Wer so fragte er sich wieder, ist sie denn einer solchen großen und heiligen Liebe auch fähig und würdig? War es denn gänzlich, ausgeschlossen, daß sie ihm mit seiner eigenen falschen Münze heimzahlt? Gehört sie denn nicht der Klasse an, deren Lebenselement die Phrase und die Heuchelei bttden, die hinter dem süßen Lächeln der Höflichkeit den bittersten Neid verbarg? Uebrigens, was hatte sie denn gar Großes getan, daß er sich veranlaßt fühlen sollte, alle seme ursprünglichen Pläne aufzugeben? Wie denn, wenn das bischen menschliches Empfinden, das sie hier und da gezeigt, der Idealismus, den sie zuweilen bekundet, gar nicht echt war? Sollte dieses alles znsammengenommen schon genügen, um einen klardenkenden Menschen zum Aufgcbcn seines Lcbenswcrkes zu bewegen, das vor allen andern den 'Vorrang haben sollte? — Wohlan, er war entschlossen, sich nicht länger gegen seine Liebe zu sträuben; zuvor aber — es war das letzte Zugeständnis seinen ehemaligen finstern Plänen — zuvor muß sie ihin den Beweis liefern — klar und untrüglich wie das Sonnenlicht — daß sie einer solchen Liebe auch wert sei. Und er ivird über eine solche Probe Nachdenken, bei Tag und Nacht, wachend und träumend, bis er sie gefunden. Er hat ja Zett! jetzt soll nichts mehr überstürzt werden. Warum auch? Nimm: wartet ja geduldig am Sttom, und seine Eltern, ach, noch viel geduldiger im Grabe. — Darum hat es mit der Probe keine Elle. Sein Ohr vernahm jetzt ein leises Rascheln, und sein Auge sah einen lleinen Zettel, der zwischen Tür und Fußboden hereingcschoben wurde. Er griff hastig nach ihm, und schon der erste Blick zeigte ihm, daß er in großer Eile geschrieben war. . „Ich mntz Sie notwendig sprechen und bin im Gartenhaus," lautete er. Er war bald bei ihr und fand sie über eine Handarbeit gebeugt; allein ihr flammendes Gesicht und der Glanz ihrer Augen verrieten ihm, daß es nicht alis Begeisterung für die Stickerei war. „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, und hoffe, daß Sie bereit sein werden, mir einen lleinen Dienst zu erweisen," fing sie an. Er nickte schweigend und sah sie voller Erwartung an. „Es betrifft eine Geldangelegenheit," fuhr sie fort; „Sie verstehen doch sicherlich, mit Pfandbriefen Md Wertpapieren umzngehen?"; „Wollen Sie unter die Börsenspekulanten gehen?" fragte er mtt geheucheltem Scherz. „Ich weiß nicht, ob es das ist, was ich von Ihnen wünsche. Ich brauche nämlich Geld, viel ^eld, aber ich besitze keinen Groschen; hingegen habe ich ein Wertpapier, das meine Großmutter mir hinterlassen, das von großem Wert sein soll. Dieses sollen Sie für mich verkaufen. Hier ist es imd, bitte, schreiben Sie den Leuten, daß sie mir das .Geld sofort herschicken." Mechanisch nahm er das Papier aus ihrer Hand, ohne es aber zu entfalten. Er war wie versteinert und kaum fähig, eine Bewegung zu machen. Vor wenigen Minuten erst hat er nach einem Beweis ihrer Menschlichkeit, ihrer Hochherzigkeit begehrt, Himmel und Erde wollte er in Bewegung setzen, um von ihrer Würdigkeit sich zu überzeugen, — und hier saß sie nun, in aller Unbefangenheit und gab ihm einen solchen, augenscheinlich, unzweifelhaft. Wie gelähmt ließ er die Arme sinken. Sie bemerkte seine Bewegung und hielt sie für eine Wlehnung. „Ist es zu schwer für Sic zu besorgen?" fragte sie bestürzt. „Durchaus nicht, und ich glaube auch zu wissen, zu welchem Zwecke Sie das Geld gebrauchen." Sie lächelte ungläubig. „Sind Sie denn auch ein Prophet?" „Das gerade nicht," sprach er mit einem leisen Seufzer; „aber das Geld ist für die Landleute bestimmt, die gestern bei Ihrem Vater waren." Sie blickte bewundernd zu ihm auf. Sie konnte es nicht fassen, warum seine Stimme dabei einen solchen feierlichen Klang bekommen und seine Augen voller Tränen waren. „Sie haben es erraten," sprach sie einfach; „doch möchte ich Sie noch bitten, daß die Sache unter uns bleibt, um mich nicht der Gefahr auszusetzen, für einen Nachkommen des Don Quixote gehalten zu werden. Mein Vater wird ja selbstverständlich nach Petersburg schreiben; allein das wird zu viel Zeit in Anspruch nehmen, und dann ist es noch fraglich, ob es auch Erfolg haben wird. Inzwischen aber müssen die armen Leute hungern. Lieber will ich den letzten Groschen hingeben, um nicht noch länger von diesem traurigen Anblick verfolgt zn werden. Das Geld ist mein ausschließliches Eigentum," plauderte sie Wetter; „und sollte einst meine Mitgift bilden; — aber, ich denke," schloß sie mit einem schelmischen Augenblinzeln, „wenn mich überhaupt jemand heiraten will, dann tut er es auch ohne diese Mitgift." (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeü der Redallion.) Es muß einem jeden rechtdcnkenden und edelgesinnten Juden wehmütig ums Herz sein, verfolgt er den Artikel des Herrn Professor M a r g n l i e s in Ihrem geschätzten Blatte, vo des Elends in einem Lände, wo die Kultur, wenn auch nicht auf blühender Höhe, so auch nicht in diesem Maße finster ist, wie es nach dem genannten Artikel zu sein scheint. Der ausländische, bez. der galizische Jilde wird in Deutschland nicht verwöhnt, er darf sich vielmehr einer großen Antipathie rühmen. Die Gründe dieser Mißachtung will ich — da nicht zur Sache gehörend — hier nicht näher erörtern, da ich mich nur mit einer Aeußcrung in den: erwähnten Artikel zn beschäftigen habe. Mtt welchem Rechte behauptet Herr Professor Margulies, der galizische Jude verkaufe zuweilen seine Tochter? Wie viele solcher Elenientc, die wahrlich den Namen Jude zu tragen nicht verdienen, 'befinden sich unter der galizische» Judenschaft? Giebt es nicht auch anderswo verabschcuungswürdige Subjekte, denen ein menschliches' Regen ein unbekanntes Etwas ist? In jedem Lande, in jeder Konfession befinden sich würdige und unwürdige, gute und schlechte Menschen, und sollte man doch sehr vorsichtig sein, Alle in eine Wagschale zn legen, wo es sich darum handelt, gute und böse Eigenschafteil der Ocffentlichkeit preisgeben zu müssen. Es soll damit nicht gesagt sein, daß die Motive der Bloßlegung jener armseligen Verhältnisse unedle wären, iin Gegenteil ist Herr Prof. Margulies bestrebt, den Unglücklichen ein menschenwürdigeres Dasein zu verschaffen, indem er die deutschen Juden anregt, Industrie ins Land zn bringen, damit die Verhältnisse in andere Bahnen gelenkt und das materielle Elend der niederen Klassen gelindert werden kann. Eines jedoch scheint Herr Professor Margulies außer acht gelassen zn haben, nämlich, daß seine Ausführungen, in diesem Sinne geschrieben, gänzlich ihren Zweck verfehlen müssen. Kein Mensch wird ein wegen Mordes an.gellagt gewesenes und begnadigtes Kindermädchen für seine eigene Kinder in Dienst nehmen, und ebenso wird der deutsche Jude voll Ekel und Abscheu einem Lande den Rücken kehren, wo eine Bevölkerung lebt, deren Väter (nach Ansicht des Herrn Professor Margulies) an ihren Kindern die größten Schandtaten begehen. Gibt es nicht Unzählige, die in unermüdlicher, angestrengter Tätigkeit ihr Leben fristen, welche ohne Klagelaut die größten Strapazen hungernd, wie Herr Professor Margulies richtig bemerkte, ertragen, ihre Familie auf anständige

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