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Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Seite 3. -Dr. Rudolf - Breitscheid's und v. Gerlach ' s folgende Resolution an: „Die von der Demokratischen Vereinigung nach der Viktoriabranerei einbernfenc, unter freiem Himmel tagende, überfüllte öffentliche Versammlung erhebt schärfsten Protest gegen die brutale Untcrdrückungspolitik des knlturwidrigcn Zarismus. Sic richtet an alle rechtlich Denkenden den Appell, den Finnländern und den russischen Juden in ihrem Rcchtskampse beizustehcn. Als besonders wirksames Mittel der moralischen Unterstützung erscheint ihr der Boykott der russischen Staatspapiere, bei dem die große freiheitliche Presse führend vorangehcn sollte." Aus v. G e r l a ch ' s Rede sei folgende Stelle hervorgehoben: Rußland stützt seine Gewalt ans die Gelder, die es vom Ausland erhält. Leider gebe» sich in Deutschland sogar Glaubens- und Volksgenossen der unterdrückten russischen Inden dazu her, durch die Unterbringung russischer Papiere die russische Gewaltpolitik zu stützen. Ein solches Verhalten muß vor allen anständigen Menschen als unehrenhaft gebrandmarkt werden. Dessau. In einem recht erbaulichen Lichte zeigte Oberbürg-rm. Dr. Ebeling eine Prozeß-Verhandlung vor dem Schöffengericht. Angeklagt war Landtagsabg. Dr. Hermann Cohn, der sich in einem im „Anhaltischen Staats-Anzeiger" veröffentlichten „Eingesanot" der Beleidigung von zehn städtischen Beamten schuldig gemacht haben sollte. In diesem „Eingesandt" teilte Dr. Cohn mit, daß der Oberbürgermeister in einer Neujahrsansprache an die zehn städtischen Bureauchefs die Stadtverordneten . „Banausen" und später „Schafsköpfe" genannt habe, und daß er zwar die betreffenden Beamten eine von ihm verfaßte Erklärung, daß sie die Bezeichnung „Banause" nicht gehört hätten, unterschreiben ließ, aber was von einer Erklärung dieser Art der Beamten, solange sie nicht unter ihrem Eid aussagen, gehalten werden könne, mag der Beurteilung der breiten Oeffentlichkeit überlassen bleiben. Des weiteren teilte Herr Dr. Cohn mit. daß der Obcrbürger m e i st e r i h n wiederholt in Gegenwart anderer P e rsonen „I ud en lümm e l" gen an n t Hab e. Die Beamten fühlten sich durch die Behauptung, daß ihnen nur unter ihrem Eid zu glauben sei, beleidigt und stellten Strafantrag. Die Gerichtsverhandlung ergab eine geradezu glänzende Rechtfertigung des Angeklagten. Es wurde festgestellt, daß der Oberbürgermeister die -Stadtverordneten tatsächlich „Banausen" geschimpft und Dr. Cohn „Judenlümmel" und „Judenjnngc" genannt hat. In der. Verhandlung vor dem Schöffengericht wurde festgcstcllt, daß der Oberbürgermeister in einem Schreiben an den Angeklagten zugegeben hatte, ihn mit einer .ähnlichen Aenßerung wie „Judenlümmel" beschimpft zu haben, drei Beamte, die die Beschimpfung gehört hatten, aber veranlaßt hatte, eine von ihm verfaßte Erklärung zu unterschreiben, daß nie das Wort „Judenlümmcl" gefallen sei. Unter dem Eide wurde aber doch ei» Beamter, ein Bauassistent, schwankend, und gab zu, daß der Oberbürgermeister den Angeklagten „Judenlllmmel" beschimpft hatte. Das Gericht sprach Dr. Cohn in allen Punkte» frei. München. Das Amtsblatt veröffcnt icht das neue O r t s st a t u t über die Sonntagsruhe, in dem ein Paragraph lautet: ,,Denjenigen Geschäftsinhabern israelitischer Konfcsswn, welche ihren Geschäftsbetrieb am Sabbate (Sonnabend) und an israelitischen Festtagen vollständig ruhen lassen, ist es gestattet, ihre Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter israelitischen Glaubens an Sonntagen, mit Ausnahme des ersten Oster- und Pfingsttages, sowie des ersten Weihnachtstages, wenn dieser ans einen Sonntag fällt, von 10 bis 12 Uhr vormittags mit der Maßgabe zu beschäftigen, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben und in ihnen Lärm und Aergernis erregende Arbeiten nicht vorgenommcn werden." Oesterreich-Ungar«. Wien. Hier hat sich ein Verband der östlichen Juden mit folgenden Aufgaben gebildet: 1. Errichtung einer jüd. Bolkslesehalle; 2. Veranstaltung von CNqneten über die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden; 3. Gewährung unentgeltlicher Rechtshilfe an unbemittelte Juden; 4. Förderung aller auf die wirtschaftliche Hebung der Juden im Osten Oesterreichs abzielenden Bestrebungen; 5. Studium und Ueberwachung des jüd. Emigrationswesens. Wien. Der polnische Sozialdemokrat Dr. Diamant, ein Jude, hat sich das zweifelhafte Verdienst erworben, eine Angelegenheit, die in Wirklichkeit nur eine rein private ist, vor das Fornni der Oeffentlichkeit gezerrt und damit die Ehre der galizischen In den heit geschädigt zu haben. Ein Ehepaar Kluger hatte seine beiden Töchter in: Alter von 20 und 18 Jahren gegen deren Willen verheiratet, denn die Töchter hatten Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nur den einen Willen, zu studieren und damit, wie dje Erfahrung bei den Studentinnen des Ostens lehrt, dein Jndentum Valet zu sagen. Dr. Diam a n t hat gewußt, aus welchen Gcivissensnötcn heraus die frommen chassidischen Eltern gewaltsam cingegrisfcn haben, und es ist daher unverzeihlich, daß er diese Angelegenheit vor das Parlament gebracht hat. Er hat ivohl ein Problem berührt, — doch dieses Problem ist eine interne jüdische Frage. Sehr richtig schreibt die „Nene National-Ztg.": „Für Dr. Diamant war cs eine längst ersehnte Gelegenheit, sich und seine Partei ans die Kulturförderer in „Halbasien" heransznspielen. Natürlich hat diese Gesellschaft für das jüd. Proletariat bisher keinen Finger gerührt, auch nicht in geistiger und kultcreller Beziehung. Handelt es sich aber darum, die jüdische Bevölkerung Galiziens als fanatisch blosznstellen, dann ist ein „jüdischer" Abgeordneter gleich zur Hand, um sich wichtig zu machen." Czernowitz. Großgrundbesitzer Josef Blum hat zur Erbauung des von der Kultusgemeinde ans Anlaß des Regiernngsjubiläums unseres Kaisers gestiftete Jnbilänms- Alte rs v erso r g u n g s hau ses den namhaften Beitrag von 50.000 K., zahlbar in fünf Jahresraten vori je 10.000 K., gespendet. Diese bedeutende Spende ivird es ermöglichen, den Bau des Altersversorgungshanses, zu welchem bereits der Grundstein gelegt worden ist, sofort in Angriff zu nehmen. Rußland. Petersburg. In der Duma brachten 168 Abgeordnete, bestehend ans der Linken und 25 Oktobristen, einen Antrag ans Aufhebung des Ansässigkeitsrayons sür die Inden ein. Radomisel. Mit den Jahreszeiten wechseln die Sorgen und die Kümmernisse für uns Inden hier in Rußland. Im Winter leiden die Unbemittelten unter uns — und das ist die bei weitem überwiegende Mehrheit — in schrecklicher Weise durch den Mangel an Heizmaterial. Hnnderttauscnde von armen Inden müssen beim größten Frost in kalten Räumen wohnen. Die leider knappe hiesige Wohltätigkeit kann diesem Elend auch nicht annähernd Abhilfe leisten. Run ist die strenge Wintcrkälte vorüber. — doch jetzt kommen die „Sommermotivc" in gräßlicher Gestalt und die Zirkulare mit dem gegen die Juden gerichteten Verbot, sich i m S o in m e r ans d e m Lande zur Erholung a u f z n h a l t c n. Da nützen auch nichts die Proteste der christlichen Bevölkerung in den Sommerfrischen, die auf die jüdischen Sommergäste angewiesen sind. Gestern war ich in Kiew und sah eine der schrecklichen Answeisungss z c n e n an. klm 3 Uhr nachmittags begegnete ich nämlich ans der Hauptstraße „Kreschczatik" einem Zug von 280 Juden, darunter Frauen und Kinder, die Frauen trugen die Säuglinge in den Händen, und die Männer Säcke mit ihren Habseligkeiten aus den Schultern. Zahlreiche bewaffnete Schutzleute eskortierten diese schar, die man nach dem Hauptpolizciamt führte, uin von dort einen jeden nach seinem Wohnorte per Schub zu befördern. Das waren dse vertriebenen Juden ans Dimejewno nahe Kiews. I. I. Brau n. Türkei. Konstantinopel. Wie „L'Aurori" berichtet, erhielten 200 jüd. Familien ans Bessarabien (Rußland) ans ihr Ersuchen von der Regierung die Erlaubnis, sich in Anatolien anzu - siedeln. Aus de« Bereiue«. Frankfurt a. M. Der ,Montefiore"-Berein plant, wie man uns initteilt, für die allernächste Zeit folgende Veranstaltungen: Am Mittwoch, den 29. Juni, soll ans der „Gerbermühle" ein größeres Sommer fest für die Mitglieder und ihre Angehörigen stattfinden. Ein abwechslungsreiches Programm bestehend in Orchester-Vorträgen, gesanglichen Darbietungen eines mehrfach besetzten Quartetts und einer kleinen theatralischen Aufführung im Freien sind in Vorbereitung, so daß ein außerordentliche genuß- und anregnngsreicher Abends zu erwarten ist. Näheres wird den Mitgliedern noch durch Rundschreiben bekannt gegeben. Des weiteren soll den Mitgliedern die Betricbseinrichtung der „Frankf n r t e r Zeitung" gezeigt werden, wozu die Adininistration dieses Weltblattes bereits ihre Genehmigung gegeben hat. Als Tag der ersten Besichtigung ist Moiltag, der 27. Juni, vorgesehen. Anmeldung zur Beteiligung werden auf dem Büro des Vereins (Seilerstr. 22) entgegengenommen. Berlin. Am 22. Mai wurde die diesjährige Generalversammlung der Chebrath Mohalim (Verein znr Unterstützung armer Wöchnerinnen) abgehalten. Der seit fast 200 Jahren bestehende Verein war ursprünglich eine Bereinigung der Mohalim zum Zwecke, bie Beschneidung bedürftiger und auswärtiger Glaubensgenossen leichter zugänglich zu.machen. Jetzt umfaßt er außer den Mohalim als ordentlichen Mitgliedern auch Freunde der Sache als außerordentliche Mitglieder und gewährt armen Wöchnerinnen Unterstützung. In gegenwärtiger Zeit, in der mit dem Unterlassen der Beschneidung der Abfall vom Jndentum immer weiter um sich greift, verdient der Verein ganz besonders die Unterstützung aller guten Juden. Carl Knoller, Linienstr. 127, wurde zum Vorsitzenden, Samuel Engel, Cöpenickerstr. 114. zum Schriftführer wiedergeivählt; zum Rendanten wurde an Stelle des nach dreißigjähriger Tätigkeit ausscheidenden Kommerzienrat Emil Heymann, Bezirksvorsteher Gideon Heymann, NW. 40, In den Zelten 9, an welchen Beitrittserklärungen zu richten sind, bestellt. Das Bankhaus A. H. Heymann & Co. NW. 7, Unter den Linden 59 nimmt Beiträge und Spenden entgegen und zahlt die Un - terstütznngen aus. Charlottenburg. Das .Jaffa'sche Fürsorge- und Waise »heim der Großloge sür Deutschland VIII. U. Q. B. B." (Leibnizstratze 106) hat sich nach noch nicht dreijährigein Bestehen aus bescheidenen Anfängen zu einem stattlichen Institut ausgewachsen, das neben den anderen großen Anstalten derselben Art seinen Platz ansfüllt. Ja, in der weiten Fassung seiner Statuten tritt es ihnen ergänzend und ebenbürtig an die Seite, indem es, unabhängig von Herkunft und Geburtsort, nicht blos Waisenkinder, sondern — wie schon sein Name sagt — infolge von Not und Unglück der Eltern dringend der Fürsorge bedürftige Kinder aufnimmt und so eine bisher nur allzuempfindlich gewesene Lücke in der jüdischen sozialen Fürsorge auszufüllen berufen scheint. — Da die gegenwärtigen Räumlichkeiten nicht mehr ausreichen und eine iveitere Aufnahme von Zöglingen ausschließen, ist die Errichtung eines eigenen Heims als nächstes Ziel ins Auge gefaßt. Das Heini untersteht der Leitung des Herrn M. Weiß, eines erfahrenen Pädagogen, und seiner Gattin. Dem Kurarorium gehören an die Herren: Max Jaffa, Justizrat Timendorfer, Isidor Cohn, Rabb. Dr. Eschelbach er, Maximilian Stein, Adolph Levy, Dr. Ignaz Cohn, L. Kreslawsky, Justizrat Dr. Stern. Siegfried Sachs, Prof. Dr. Binmenthal, Rabb. Dr. G all iner, Frau Dr. Eschelbacher und Frau Minna Schwarz. Budapest. Orthodoxe Juden Lder Komitate Nhitra, Bars, Hont und Komadom gründeten auf Anregung des Lberrabbiners der Nyitraer orthodoxen Gemeinde, S. Katz, zur Förderung aller internen und externen Interessen des jüd. Lebens eineic Verein, der den Namen Machsike Hadaß trägt. Am 8. Juni fand eine Plenarversammlung in Ny itra statt. Die Zahl der Erschienenen betrug ungefähr 400. Die Versammlung bot ein überaus festliches und einheitliches Bild. Perso«alie» «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Hofjuwelier Louis Koch erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Berlin. Als Opfer seines Berufes verschied der Assistenzarzt Dr. L u d >v i g R o s e n b e r g, der sich bei einer Leichenöffnung eine kleine Verletzung zugezogen hatte. Bamberg. Zu der Adelserhebung der Familie Wassermann sei mitgeteilt, daß Geh. Medizinalrat Prof. Dr. August Wassermann, einer der hervorragendsten Schüler Robert Kochs, und Kommerzienrat Max Wassermann in Berlin, Söhne des geadelten Hofbankiers A n g e l o Wasserni ann sind. Die Familie hat ihren Stammsitz in Fürth und gehört ihr auch der bekannte Schriftsteller Jacob Wassermann an. Angelo Wassermann ist nicht der erste jüdische Hofbankier, der in Bayern geadelt wurde. 1814 verlieh König Max Joseph seinem Hofbankier Aron Elias Seligmann den Titel eines Freiherr» von Eichtal, die heute ein weitverzweigtes Geschlecht sind. Stuttgart. Rechtsanwalt Dr. Karl Nördlinger wurde zum Oberkirchenvorsteher bei der i sr aelit. -Oberkirchenbehörde ernannt. Stuttgart. Rechtsanwalt Nathan Levi. Mitglied des Vorstandes der württembergischen Anwaltskammcr, feierte sein 50jähriges Jubiläum als Rechtsanwalt. -i. Saarunion. Ein schrecklicher Unglücksfall ereignete sich heute Morgen in der Familie des Kaufmanns Nathan D r e y f n ß. Die 14 Jahre alte Tochter, welche aus dem Uhrkasten einen hineingefallenen Ball holen wollte, bekam das Uebergewicht und blieb eingeklemmt im Kasten stecken. Der herbeigerufene Arzt konnte nur mehr den Tod durch Ersticken feststellen. Budapest. Wie dem .Pester Lloyd aus Petersburg gemeldet wird, hat der bekannte Historiker und Altertumsforscher Großfürst Nikolai Mi-

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