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Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Ente 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Str. 23 das; bei den jüdischen Männern in Tunis kin Algier kennt man dies nicht) eine korpulente Frau als schön gilt. Korpulente Frauen gibt es ja wohl überall, und ich habe auch in Europa viele Frauen gesehen, die eine stattliche Fülle aufweisen. Nur hatte nie einer meiner Bekannte» den Mut gehabt, dies als schön zu bezeichnen. Hier ist nun eine Frau desto schöner und angesehener, je dicker sie ist. Also ein Eldorado für .verschiedene europäische Damen. — Während sich in Europa die Frauen in enge, unbequeme Korsetts Pressen, wenig Kartoffeln essen, müssen die tunesischen Damen gerade eine entgegengesetzte Tortur durchmachen. In der Verlobungszeit wird dem jungen Mädchen von den Eltern das Ausgehen untersagt. Sie verbringt den größten Teil des Tages liegend und wird außerdem gezwungen, große Mengen nährender Speisen, besonders des Nationalgerichtes --Kuß-Kuß",, zu sich zu nehmen. Die Folgen dieser Lebensweise habe ich in meiner Jugend an Gänsen beobachtet. Das Gewicht nimmt intensiv zu, und bis der Tag der Hochzeit herannaht, können die beglückten Eltern dem Bräutigam eine „schöne" Frau übergeben, deren Umfang ihm Ehre macht. Der häßliche Eindruck dieser „fetten Schönen" wird noch durch die Kleidung unterstützt. Weite weiße Hosen, daran anschließend eine Art Mieder mit breiter farbiger oder Silber-Borte, dazu meistens ein großes weißes Tuch, das den ganzen Körper cinhüllt. Die Füße stecken in farbigen Strümpfen und die Strümpfe in einer Art Pantoffeln, die sehr klein und hinten offen sind. Um dieselben an den Füßen zu halten, müssen die Zehen beständig nach unten gedrückt werden. Ein richtiges Gehen ist dabei unmöglich. Tatsächlich watscheln denn auch die Frauen mit langsamen, schleppenden Schritten durch die Straße, und die dicken Körper mit den kleinen Pantöffelchen bilden bei den, übrigens seltenen Spaziergängen einen keineswegs erhebenden Anblick. Die alteren Frauen tragen überdies auf dem Kopfe eine Art Pierrotmütze, lang und spitz, mit Golliborten, wie man solche bei uns am Karneval trägt. Ich hatte Gelegenheit, reiche Natioualkostümc zu scheu, als ich einer Hochzeit beiwohnte. Darüber vielleicht im nächsten Brief. Sidi bou Said, Ende Mai. Brief ans New-Aork. Amerika ist noch immer das Land der nnbcgrenztcn Unmöglichkeiten. Und kommt man in dieses babylonische Turmbauerland mit der eisernen Vornahme, sich durch nichts in Staunen versetzen zu lassen: diese surrend kreisenden Menschenmaschinen mit dem unverwüstlich aushaltcnden Sturmtempo, diese Himmclsstürmcr im Laufschritt haben immer und immer einen neuen Bluff, der uns aus der cinstudicrtcn Blasiertheit hinausreißt und mtt Bewunderung erfüllt für dieses heißringend schaffende Menschengcwimmel, das die reale Wirklichkeitt ins Reich der kühnwilden Phantasie verlegt. In Amerika ist alles amerikanisch. Es mußte eine Million unserer Stammesgenossen auf diese Insel konzentriert werden, um dem hiesigen Judentum sein echt amerikanisches Gepräge aufzudrücken. Diese hundertmal zehntausend sind überall sichtbar, überall hörbar, allgcgemvärtig. Diese Million arbeüet auf den Gerüsten, bei den Fundamenten, auf den Docks, neben den Lifts, als Straßenkunstschuhputzer, Waggonbauingenieur, Kunstnialcr, Straßenkehrer, Geldwechsler, Börsenspekulant, Droschkenkutscher, Gipsfigurenzertrümmcrer, Schauspieler, Reverend und Schlepper. Letzterer ist eine echt amerikanisch-russische Spezies. Er ist weder Kaufmann noch Verkäufer — und doch beides in einer Person. Ohne Musik keine Chassene und ohne Schlepper im East Broadway kein Geschäft! Und wen das gute Glück aus den Fangarmen einiger Schlepper, die ihm Frack, Hemd, Kragen, Kinderwagen und echte Botticellis an den Hals binden wollten, errettet hat, er kann sicher sein, daß er mit fünf fettbauchigen, schicfrückigen Schmalzheringen sein Heini aufsuchcn wird. Ein Schlepper mit dem ciccronischen Pathos hat es ihm angetan. Und der East Broadway wimmelt von Kindern, die tanzen, springen, heulen, hüpfen, brüllen, spielen, turnen, „pctschen" und schreien wie tollgewordcnc Derivischschwadronc. Es ist das einzige Ghetto, das Luft hat; in dem die Kinder nicht bleich-verträumt in den Tag hineindunkeln. Da hört man aufblitzcndes Judeujugcndlachen wie nirgends und nie zuvor im Golus . . Das Merkmal dieses Ghetto ist die Amalgamierung der Kinder. Hier ist alles von zehn Jahren abwärts: angloamerikanisch, grüßt „All riglit", hat echt amerikanische „Chuzpo" — im besten Sinne des Wortes! — im freien Blick und macht Geld. Im alten Europa ist das nicht so, dort werden die Kinder früh alt. Hier sind auch die Alten kindisch. Und Rabbiner, Pscudorevercnden gibts wie Kaninchen. In den 830 Synagogen machen nochmal soviel Seelcnhirten das jüdische Leben — unsicher. Jeder, der den Beruf in sich verspürt, kein Geschäft machen zu können, ernennt sich eigenmächtig zum unbeschränkt absolut gottbegnadeten Reverend und geht auf's — Judentum los. Die Konfession ist natürlich Nebensache; die wird auf den Leib der Herde zngcstutzt. Leonard Levy in Pittsburg führt in seinem Konfirmanden - Katechismus seine Zuchthühnchen so weit, daß der Kirche fast nichts mehr zu tun übrig bleibt. Auf die Frage: „Wer ist.der Nazarener?" ist die vom Barmizwajungcn zu gebende Antwort: „Er ist geboren als Jude, hat gelebt als Jude, gewirkt als Jude und ist gestorben als Jude und war ein großer israelitischer Prophet—." Und der Vater sagt echt amerikanisch: Boruch shcpotrani. Freitag Abend führte mich mein Schicksal — in der Person eines amerikanisierten Kamtschatkiners — auf Wunsch in eine „strictly koscher" Synagoge. Vom Beten konnte für mich natürlich keine Rede sein, da ich vor Staunen Mund und Augen offen halten mußte. Männlein und Wciblein saßen eng zusammengepfercht bei dieser von der A. I. U. veranstalteten Gottesdienstlichkcit. Und als ich meinem Führer bittere Borwürfe über seine Verführung machen wollte, verwies er mich mit echt amerikanischer Naivität auf den Feminismus, der Kopf bei Kopf unter echt russischer 'Scheitelbedeckung — mitsang. Das ist das hiesige Judentum, wie cs sich in den ersten acht Tagen dem Fremden darbictet. Z i o n i. Die „Hottentottenmoral" Stolypins. Die russischen Antisemiten unter Anführung Stolypins . haben einen neuen Sieg erfochten: sie haben cs dnrchgcsctzt, daß bei der Einführung der Selb stv er w a ltun g (S cm st w o) in den 6 westlichen Gouvernements die Juden von der Beteiligung an derselben ausgeschlossen wurden. Die Regierung kann jetzt triumphieren, denn sie hat cs fertig gebracht, 2 Millionen Juden, die zahlreiche Güter und Fabriken besitzen und demgemäß hohe Steuern zu zahlen haben, auch das Recht der Beteiligung an der Selbstverwaltung zu rauben. Bon 'dem Judenfresser S t o l h p i u sind wir dies schon gewöhnt. Traurig ist jedoch, daß die D u m a ein solches ebenso ungerechtes wie verrücktes Gcsetzesprojekt ohne weiteres angenommen hat. Es .half nichts, daß eine Reihe von Kadetten und Sozialisten die Ungerechtigkeit dieses Antrags klarzulegen suchte. Vor der Abstimmung, die am Ende 'einer Sitzung stattfaitd, in welcher schon über viele andere Fragen verhandelt worden war, durfte nur ein Kontrarcdner sprechen, und selbst einem der jüdischen Deputierten wurde das Wort versagt. Stolypin hat in der Duma eine kräftige Stütze gefunden. Mit ihrer Hilfe war es ihm nicht schwer, dieses echtrussische Gesetz durchzuführen. Die Juden sind von der Beteiligung an der Selbstvcrivaltnug im übrigen Rußland schon seit 1890 ausgeschlossen. Eigentlich dürfte es uns nicht wundern, daß bei der Einführung der Selbstverwaltung in solchen Gouvernements, die dieselbe bisher nicht besaßen, gleichzeitig auch die Ausschließung der Juden von derselben erfolgte. Aber man könnte erwarten, daß ein Land in 20 Jahren in kultureller Hinsicht wenigstens einige Fortschritte macht. Freilich, von Rußland, dessen Kultur oft jahrhundertelang nicht fortgeschritten ist und das bis heute seine mittelalterlichen Zustände bewahrt hat, ist das schwerlich zu verlangen. Die 6 westlichcn Gouvernenients sind außerdem vielleicht am dichtesten mit Inden bevölkert. Doch was geht das die russische Regierung an? — Sie nimmt von den Inden Stenern nicht weniger als von Nichtjuden, das hindert sie aber nicht im geringsten, ihnen ihre Rechte zu entziehen. Es herrscht bei ihr der Grundsatz, der die russische Gerechtigkeit verkörpert: „Der Jude hat sein Geld herzugebcn, einerlei ob er von uns irgendwelche Rechte erhält oder nicht!" — Vergebens suchen wir nach einer Bezeichnung für eine solche Handlungsweise, die tieser steht als eine Handlungsweise der Regierung eines vollständig unzivilisiertcn Staates, und eine richtige Bezeichmmg gab der jüdische Dumadepntiertc Fried m a n n in seiner Rede, indem er sagte., die Regierung predige eine „Hottentottenmoral": was mein ist, ist mein, und was dein ist, ist auch mein! Ja, die zahlreichen Erlasse gegen die Inden, deren jeder ein höheres Maß von Ungerechtigkeit erreicht, haben bewiesen, daß Rußland tatsächlich auf keiner höheren Kulturstufe steht als der wilde afrikanische Stamm der Hottentotten. Und wenn Stolypin jetzt wieder ein solch edles Gesetz durchgeführt hat, so hat er damit den Rang eines Hottentottenministcrs erlangt. Bekanntlich haben die jüdischen Dumadeputierten in der Duma einen Antrag eingebracht, den Ansiedlungsrayon abznschasfen. Nachdem die Inden von der Beteiligung an der Selbstverwaltung ausgeschlossen worden find, kann die Hoffnung daß der Antrag durchgeht, wirklich „sehr groß" sein. Die judcnfreundliche Duma und der mit ihr verbündete Hottentottcnminister werden schon dafür sorgen, daß der Antrag „angenommen" wird. K. Noch ein Wort zur zionistischen Jahreskonserenz. Die Tage der Jahreskonferenz rücken immer näher heran. Eine ernste Arbeit harrt der Erledigung seitens der Delegierten der Jahreskvnfercnz, denn es handelt sich — wie wir bereits in unserem Artikel von voriger Woche ausgeführt haben — um die H e r st c l l u n g des Friedens innerhalb der Partei. Wie schon gesagt, ist der Kernpunkt des Streites ein rein persönlicher, cm Umstand, dessen sich die Männer der Tagung bei den Maßnahinen zur Abstellung des Nebels bewußt sein müssen. Der Vorschlag des Präsidenten betreffs Einsetzung eines 6 gliedrigen Ausschusses, der dem E. A. C. zur Seite gestellt werden soll, kann nur baun den Frieden herbeisühren, wenn in den Ausschuß einige von den führenden Männern der Opposition gewählt werden, nicht eher als bis dieses geschehen, wird wirkliche Friede in der Partei ein ziehen. Es wäre daher verfehlt, wollte man bei der Wahl des Ausschusses, die Führer der Opposition in Rußland u n b e r ü ck k,i ch t i g t lassen. Koalitions-Ministericn in Zeiten der Not aus allen und daher entgegensetzten Lagern sind auch bei andern Völkern eine gar häufige Erscheinung, — und daß die Lage der . zion. Partei eher auf Dornen als auf Rosen gebettet ist, Iver wollte es bestreiten! Die Führer können sich unmöglich den Luxus von persönlichen Streitigkeiten leisten; sie müssen sich angesichts der ohnehin bestehenden Schwierigkeiten zu vertragen lernen, wenn dies auch für den einzelnen noch so unangenehm sein sollte; sie müssen nrit ihrer Nachgiebigkeit untereinander der gesamten Partei vorbildlich sein. In unserer Unterredung mit dem Präsidenten sagte er ausdrücklich, daß er der Konferenz gar keine Vorschriften darüber zu machen gewillt sei, wen sie zu wählen habe, da es ihm ganz gleich ist, wer in den Ausschuß kommt. Mehr kann wahrlich vom Präsidenten nicht verlangt werden. Sache der Delegierten der Konferenz wird es nun sein, eine richtige Wahl M treffen, und zwar nur nach den oben vorgezcichneten Richtlinien! Wenn nicht alle Zeichen trügen, dann wird es der Konferenz gelingen, den Frieden endgültig und dauernd herzustellen. So rufen wir denn der Konferenz nochmals zu: Glückauf zum Frieden! Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Eine von der Demokratischen Vereinigung unter der Parole Wider den Zarismus cinberufene Protestversammlung nahm nach Reden

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