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Neue jüdische Presse · 1910-06-17 · Heft 23 (17.6.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 23 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrankfrtrter IfrnrUtifdirü fnnilirililalt. i ~ ... " Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streisband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I ■■ - '-* K-daKttoil wb Geschäftsstelle: Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße Tekefo« 10507. -WiH— H-sraitsgeber: Kal/g Gels. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _ 8. Jahrgang. Freitag, den 10. Siwan 5670 (17. Juni 1910). Nr. 23. Inhalt des Hauptvlattes. Artikel: Die jüdische Sage. — Briefe aus Nordafrika. — Brief aus New-Dork. — Die „Hottentottenmoral" Stolypins. — Noch ein Wort zur zionistischen Jahreskonferenz. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Personalien u Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: Auge um Auge. — Sprechsaal.— Allgemein Mitteilungen. — Wochen-Kalender. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. Die jüdische Sage. Von Ben Koheleth. Es gibt kein Gebiet in den Geisteserzeuguissen eines Volkes, auf dem man die Eigenart und Veranlagung dieses Volkes so gut erkennen kann, als in seiner Sage. Sicherlich weist auch die Literatur eines Volkes gewisse Erkennungsmerkmale der nationalen Eigenart arlf. Aber während in der Dichtung diese nationalen Charakterzeichen mit der individuellen Besonderheit der einzelnen Dichter eng vermischt erscheinen, ist die Sage einzig und allein ein Erzeugnis des Volkes. Mit dieser Entstehungsart der Sage ist auch ihre Eigenart bestimmt. Denn es ist klar, daß eine Schöpfung der breiten Volksmassen nicht so schr ihrem Verstände als ihrem Gefühle und ihrer Phantasie entspringen wird. So ist denn auch die Sage immer das Gebiet gewesen, auf dem die Phantasie des Volkes und sein Mythos unumschränkt gewaltet haben. Hier konnte das Volk seine Kriegslust durch die Vorstellung von Schlachten und Morden stillen, hier konnte die Bestie im Menschen durch die Borzauberung von Verbrechen aller Art befriedigt werden, hier konnte endlich das Volk sich in seine Erinnerungen an die Vorzeit versenken, und so sehen wir denn, wie, an historische Begebnisse und Persönlichkeiten anknüpsend, die Phantasie in der Sage manchmal die furchtbarsten und unglaublichsten Bilder geschaffen hat, die aber, wie grotesk sie auch sein mögen, doch immer interessant bleiben, weil sie eben die Eigenart des Volkes widerspiegeln. $ - * * Ganz anders ist die jüdische Sage. Da findet man nichts von Kriegen und Schlachten, von Raub und Mord, von Liebesschmerz und Eifersucht, von Wahnsinn und Raserei, nichts was die Phantasie ausregen könnte und die Pulse höher schlagen ließe, sondern still, leise, lautlos fließt die jüd. Sage dahin. Wenn man unter Sage nur das Wilde und Schauerliche versteht, dann sind wir Juden das einzige Volk der Weltgeschichte, das überhaupt keine Sage hat. Faßt man aber unter diesem Namen nur das gemeinsame Erzeugnis des ganzen Volkes zusammen, dann haben wir Juden wohl eine Sage, sogar eine sehr reiche Sage. Warum jedoch weicht unsere Sage in der .Eigenart so sehr von allen anderen Sagen ab? Haben wir Juden vielleicht nie eine Phantasie besessen, die mächtig genug gewesen wäre. Sagen gleich denen der übrigen Völker zu schaffen? Sicherlich war unsere Phantasie niemals so wild, so ausschweifend und so grotsek gewesen Ivie etwa die der Griechen. Aber alle Phantasie wird man uns nicht absprechen können; haben unsere Propheten nicht Zukunftsbilder wie das jesaianische oder Visionen wie die des Ezechiel geschaffen? Der Grund ist in einem anderen Umstande zu suchen. Unsere Sage ist nämlich eine Goluthsage; sie ist nicht im Lande der Väter zu einer Zeit entstanden, da diese frei und gUicklich lebten. Erst als Las Volk sein Land verlassen mußte, als es in alle Winde zerstreut wurde, als das Leben immer furchtbarer und furchtbarer wurde, als die Wirklichkeit dem Volke nichts mehr bot, da lechzte es nach Trost und fand ihn in den Erinnerungen an die Vorzeit. Diese aber schmückte es aus, fornite sic nach seinem Geiste, und so entstand die jüdische Volkssage. Das Goluth aber konnte keine wilden, jauchzenden Phantasien erzeugen, das Goluth lehrte das Volk nur zu klagen, und so schuf dieses auch eine klagende Sage. Tragisch ist die jüdische Sage, und das ist ihre Eigenart. Als das Volk sich vom Leben seiner Ahnen und Helden erzählte, griff es keine Momente der Freude und des Glückes heraus; etwa wie die Ahnen den Moment besangen, da Moses sein Volk durch das Rote Meer hindurchgeführt hatte. Solches konnte nur ein freies, ein glückliches Volk schaffen. Das Volk des Goluth wählte lieber den Augenblick, da Moses sterben sollte. Gerade diese Sage von dem Tode Moses ist ungemein charakteristisch für die ganze jüdische Volkssage. Es ist der Moment, da Gott Moses verkündet, daß er sterben müsse. Er aber will nicht sterben, denn in ihm tobt noch unverbrauchte Kraft, gewaltige Lebensenergie. Ereilt zu Himmel, Sonne, Mond, zu den Sternen, zum Gebirge, er bittet sie, Fürsprecher zu sein bei Gott, er will sich erniedrigen und Schüler des Josua sein, will zum Tier, zum Vogel werden, aber sterben will er nicht. Denn er liebt das Leben; cs ist die e ch t j ü d i s ch e Liebe zum Leben, die uns hier entgegentritt. Nur ein einziges Gefühl ist noch stärker als dieser Hang zum Leben: die Liebe zum Volke. Als man ihn vor die Wahl stellt: 'Dein Wohl oder das deines Volkes? da kennt er keine Zweifel, und er antwortet: „Es mögen Moses und tausende gleich ihm zugrunde gehen, und es werde nicht der Nagel irgend eines in Israel gekrümmt." Dies ist die Sage. Kurz, scheinbar nichtssagend, und doch, welche Tragik liegt darin! Ich kenne kine andere Sage, die dieser an Macht der Tragik gleichkommt. Anfangs der furchtbare Kampf zwischen Gehorsam gegen Gott und dem Triebe zum Leben, und dann der noch grausamere Konflikt zwischen der Liebe zum Leben und der Liebe zum Volke. Kann man sich Größeres an inneren Schmerzen vorstellen? Und so ist die -Kanze jüdische Sage voll von Schmerz. Allerdings es ist nicht die Tragik, wie sie uns in der griechischen Sage entgegentritt, eine lärmende, plastische Tragik. Die jüdische ist ganz anders. Sie ist echt goluthartig. Still, leise, verborgen, fast das Licht des Tages scheuend, ftießt sic leise dahin, eine keusche Tragik, gleich ihrem Schöpfer, gleich dem Juden, der auch alles erdulden und hinnehmen mußte, ohne aufschreien und wehklagen zu können. Eben diesen Klageruf, den das Volk nicht offen vor aller Welt ausstoßen konnte, hat es hier in seiner Sage niedergelegt und verewigt. Jeden Peitschenhieb, den es erhielt, können wir in seiner Sage wiedererkennen. Und seine Klagen übertrug es auf seine Zlhnen, auf die Helden, die es inbrünstig liebte und verehrte. Es glaubte zu hören, wie die Erzväter mit ihm klagten um den Fall Jerusalems, es glaubte Rahels zitternde Stimme zu vernehmen, wie sie um ihre Kinder weinte, cs war überzeugt, daß seine Älhnen droben für es baten und sürsprachen, ja der VolEgenius ging sogar so weit und meinte, daß selbst Gott und seine Heerscharen um den Fall Zions wehklagten. Dies ist einzig dastehend in der Geschichte, daß ein Volk Gott um sein Schicksal wehNagen läßt. So tröstete sich das Volk in den Qualen des Exils, und gleich den Kindern, die in der Nacht um Schutz suchend zu der Mutter eilen, flüchtete das Volk unter die Fittiche seiner Väter, die vom Himmel herab es beschützten. . (Schluß folgt.) Briese ans Nordafrika. Die Frauen. Sie finden es wenig galant, daß ich zuerst von den Männern spreche und die Frauen an zweite Stelle setze. Ganz im Gegenteil, die Männer habe ich en passant geschildert, aber den Frauen habe ich einen speziellen Brief reserviert. Begegnen sich unterwegs zwei Araber, die - sich kennen, so entwickelt sich folgender Dialog: „Wie geht es Dir?" — „Dank sei dem Propheten, gut." — „Und Deinen Kindern?" — „Ebenfalls gut." — „Und Deinen Kamelen?" — „Sic werden zahlreich." — „Deine Pferde?" — „Sie sind schnell gleich demj Wind." — Und zum Schluffe: „Wie geht es Deiner Frau?" Es ist klar, daß die Umgebung eines Wirtsvolkes wie die Araber, bei denen die Frau zweifellos eine untergeordnete Rolle spielt, auch aus die Stellnug der jüdischen Frauen im Lande einwirken mußte. Daher ist unter den konservativen Elementen der Juden von „Emanzipation" noch wenig zu bemerken. Die Frau schuldet dem Manne unbedingten Gehorsam. Wenn er es für gut befindet, seine Frau zu Hause zu halten, ihr das Ausgehen oder andere Dinge zu verbieten, so muß sie gehorchen und hat^ kein Mittel, sich gegen die Willkür oder Ungerechtigkeit ihres Mannes zu schützen. Im Gegensatz zu den Arabern gehen die jüdischen Frauen unverschleiert, und man sieht unter den jungen Mädchen viele schöne Gesichter. Besonders merkwürdig ist nun der Umstand,

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