Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1910-06-10 · Heft 22 (10.6.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 22 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692665-2692687--05469-2700385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. graitTfutfer AsraeMsOeS FamWenVlatt. - Nr. 22 Der 2. Verhandlungstag beschäftigte sich mit Kassen- und Bereinsangelegenheiten. In seiner Bezirkskonferenz in Münster i. Wests, beschlost der Verein, beim Verbands-Ausschuß um gewisse Separatrechte einzukommen, weil der „Verein ist. Lehrer Rheinlands und Westfalens" als .größter Verein solche verlangen könne. Steintzardt- Magdeburg bat dringend, im Interesse des Verbandsfriedens joche Sonderrechte fallen zu lassen. Eine erregte Diskussion schloß sich hieran, bis das Vorstandsmitglied Licpmannssoh n-Minden erklärte, daß der s. Zt. gefaßte Konferenzbcschluß seinen Weg .gehen soll, ganz gleich, ob er angenommen oder abgelehnt werden würde. Damit gab sich die Versammlung zufrieden. Als Delegierter zum nächsten Verbandstage in Frankfurt um Atain wurde Seminardircktor Dr. Spanier-Münster i. Wests, bestimmt, als nächster Tagungsort wurde Bochum in Vorschlag gebracht. Konstantiaopel. Ein prächtiges Werk ist mit dem durch ein Jca-Anlehen bewerkstelligten Bau der neuen Knabenschule vollendet worden. Hinter dem nicht allzu geräumigen, nach der Straße hin abschließenden Hrfe erhebt sich das scheinbar vierstöckige, nach hinten aber sechs Etagen darbietende Gebäude, in solidem Material ausgeführt, Licht und Luft in ausgiebigstem Maße bietend. Die beiden Souterrains mit ihrem eigenen nach hinten gelegenen Hofe sind einer der Schule als Unterbau dienenden Talmud Thora gewidmet, die auch eine eigene große Küche und eigenen Speisesaal Mit einschließt. Die nächsten drei Etagen umfassen die wundervoll geräumigen Klassen der eigentlichen Schule, acht an der Zahl, Speiscsaal, Bibliothekzimmer usw., während ganz oben sich die Direktorialwohnung anschlicßt. Gedeckte Hallen an den Hauseingängen auf der Hosseitc bieten Schutz gegen ungünstiges Wetter. Eine schöne, nach den Angaben und Plänen des jüdischen Turnvereins „Maccabi" konstruierte Turnhalle wird auch die körperliche Ausbildung der Jugend fördern können. Me Details' des Baues sind sorgfältigst ausgeführt und in bestem Sinne modern. Das Ganze, inklusive Kindergarten und Talmud Thora, bietet für 800 Kinder Raum; die Kosten des Baues und des Terrains beliefen sich auf 200 000 Frcs. New-Uork. 81 Jahre alt. verschied Dr. Jos. Shoninger, ehemals Rabbiner in Boston. Der eine seiner Söhne ist Präsident der Handelskammer in Paris. Auge uw Auge. Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. sFortsetzung). Er brach ab und blickte seine Zuhörer erwartungsvoll und durchdringend an, als müßte er erst das Terrain sondieren. Als aber keinerlei Antwort erfolgte, fuhr er entschlossen fort: „Da ich also von Petersburg nichts zu erwarten habe, muß, ich den armen Leuten Gelegenheit verschaffen, ihre Bedürfnisse aus der Hilfsquelle zu decken, die hier bei oer Hand ist." .^Hilfsquellen — hier bei der Hand!" wiederholte der Präfekt gedankenvoll und erstaunt. .Loratow, was meinst Du eigentlich damit? Hast Du etwa Goldfelder oder Petroleumqnellcn hier entdeckt?" ,F8ie mans nimmt," war seine trockene Antwort; „meine Hilfsquellen sind sogar noch weniger beschwerlich und weniger kostspielig als jene. — Es sind die natürlichen, die althergebrachten des russischen Volkes, — es sind — die Juden!" Der Baron sprang auf und warf einen besorgten Blick zu Volkmann; dieser aber saß ruhig da, und seine Miene -zeigte keinerlei Veränderung. „Ja, die Juden," wiederholte Kvratow, der in' der Bewegung des Barons einen Widerspruch zu sehen glaubte. „Es ist Zeit, daß das gepeinigte russische Volk wieder einmal Gelegenheit findet, den Spieß umzudrehen und gegen die Teufel zu richten, die ihm die Erde zur Hölle gemacht haben. Sagen Sie, Volkmann," wendete er sich zu diesem, da der Baron zum Fenster gegangen und dort nachdenklich stehen geblieben war, „wer anders ist für die traurigen Folgen veranttvortlich, die unser Land durchzumachen hat, als diese Parasiten, die jede Energie, alle Lebenskraft aus uns herauspressen, die alle unsere gesetzlichen Einrichtungen über den Haufen werfen, die uns zu Verwickelungen mit dem Auslande führen, als die wucherischen Juden?" „Gewiß, Exzellenz," sprach Volkmann, ohne mit der Wimper zu zucken; „jener Volksstamm greift mächtig ein in unser Wirtschaftsleben und ist ein tonangebender Faktor bei allen Erwerbsunternchmungen unseres Landes." „Nicht wahr?" fuhr Koratow grimmig fort, nicht wissend, wie er Äolkmanns Aeußerung auffassen sollte. „Dabei kennen Sie das Lumpengesindel nicht halb so gut wie ich, der sich seit Jahrzehnten mit ihm abplagen muß. Sie dürfen es mir daher schon glauben, wenn ich Ihnen sage, daß kein Betrug, keine Hinterlist vorhanden ist, die der Teufel nicht diesen! Volke beigebracht hat. — Es ist gleichsam, als wäre ein tückischer Magnetismus in diesem Volke, der den Wohlstand des Landes au sich heranzieht, so daß die Reichen zu Bettlern und die Bettler zu rasenden Bestien werden, die sich um einen halbangefanltcn Apfel in der Gosse halbtot prügeln. Aber, sie sollen sich nur vor dem Ungeheuer in acht nehmen, das sie selbst großgezogen!" Der Präfekt hatte diesen leidenschaftlichen Ausbruch nrit innerer Unruhe angehört, bis Volkmanns unerschütterliche Gleichmut ihn überzeugte, daß seinerseits keinerlei unliebsame Erörterungen zu befürchten seien. Das ermutigte ihn auch, seine Ansicht zu äußern. „Weißt Du, Koratow," warf er beschwichtigend ein, „wenn ich Dir die Wahrheit gestehen soll, habe ich noch keinen übermäßigen Reichtum bei den Juden ivahrgcnommcn. Es mögen wobl einige ein Vermögen erworben haben, doch die Mehrzahl besteht aus armen, schwerarbeitenden Wichten, die froh sind, wenn sie nicht vom Pöbel mit Steinen beworfen und von den Hunden gehetzt werden. Hat aber der Reichtum der erstern mit dem jüdischen Standpunkte gar nichts gemein, so ist aber die Armut der letztem sicherlich nur die Folge der konfessionellen Verhetzung und Verfolgung. Meiner Ansicht nach werden aber weder die erstern noch die letzter» dem Staate besonders gefährlch werden." „Weil Du zu kurzsichtig oder zu gutmütig bist, lieber Sergi. Alle, ohne Ausnahme sind sie reich, nur sind sic schlau wie die Füchse und geheimnisvoll wie die Maulwürfe, um ihre Reichtümer zu verbergen." „Sind nicht auch vor zwei Jahren einige Ruhestörungen hier vorgekommen?" fragte Volkmann, scheinbar ganz unbefangen. „Wie kommen Sie darauf?" fragte Koratow mißtrauisch. „Ich habe zufällig davon gehört. Sind denn auch Menschenleben dabei vernichtet worden? Gewiß ist die ganze Sache übertrieben worden." „Ja—a—a," sprach Koratow etwas verlegen; „ein altes Ehepaar soll im Wald umgekommen sein. Aber die Sache ivar mehr wie ein Sturm im Glase Wasser. Es gingalles verkehrt; die Juden liefen nach einer Richtung und die Muschiks nach der andern." „Die Aufrührer liefen davon?" fragte Volkmann verwundert. „Ja; durch irgend ein Mißverständnis; das Militär erschien nämlich zu früh auf der Bildflächc. Sicherlich wollte irgend ein Dummkopf von einem Offizier seinen Uebereifer zeigen, um irgend eine Auszeichnung zu erlangen und hat dadurch den ganzen Putsch verdorben." — — „Das ist wirklich schade," sägte Volkmann mit bitterer Ironie, die aber bei Koratows Fanatismus diesem ganz und gar verloren ging. „Der Mann verdient nach Sibirien verschickt zu werden. — Und welche Maßregeln gedenken Exzellenz diesmal zu treffen, uin ein unliebsaines Zwischentreten eines übereifrigen Offiziers zu verhindern?" „Diesmal wird das Militär gar nicht in der Garnison bleiben; es soll an diesem Tage fünf Meilen von hier manövrieren, und die Polizei wird ihre Lanz bestimmte Instruktion erhalten. Aber auch die Muschiks werden wissen, daß sie keine Störung zu befürchte» haben." „Wenn ich recht verstehe, wollen die Behörden gemeinsame Sache mit den Muschiks machen?" „Ganz recht." Bisher hatte der Baron mit gerunzelter Stirn schlveigend zugehört. Jetzt richtete er einen verwunderten Blick auf Volkmann, während er fragte: ,Koratow, gibt cs denn gar keinen andern Ausweg?" „Warum erst nach andern suchen, wenn dieser schon so oft und gut sich bewährt hat?" „In jedem Falle solltest Du Dir die Sache nochmals reiflich überlegen. Du hast mich doch sicherlich nur deshalb in Dein Vertrauen gezogen, damit ich auch meine Meinung sage, daher will ich Dir entschieden davon abraten. Es wird sicherlich zu Mord und Totschlag kommen, und da könnte die Sache für Dich einen Übeln Ausgang nehmen." „Du hast falsch geraten, Sergi," lächelte Ko> ratow schlau; „nicht um mir zu raten, habe ich Dich in ineine Pläne eingeweiht, sondern weil Du Dich dabei beteiligen sollst." „Da sei Gott vor!" rief dieser einen Schritt zurückweichend. „Nie und nimmer werde ich meine Hand zu so etwas bieten." Kvratow biß sich die Unterlippe wund, gab aber sonst kein Zeichen seiner inneren Erregung. „Du mißverstehst mich, mein Freund," suchte er den Baron zu beschwichtigen; „ich erwarte keineswegs, daß Du dabei persönlich mit eingreifen oder auch nur irgend eine Verantwortung tragen sollst; dennoch aber kannst Du mir in anderer Hinsicht sehr nützlich sein. Sieh' mal, Sergi. Die Sache wird natürlich viel Staub aufwirbeln. Die Juden brüllen ja schon wie besessen, wenn ein Schoßhündchen sie anbellt. Notgedrungen wird die Regierung eine Untersuchung anordnen müssen, und da wird es für mich von großem Nutzen sein, wenn ich auf Deine moralische Unterstützung rechnen kann." „Moralische Unterstützung, wenn Menschenblut vergossen wird!" wiederholte der Präfekt bitter. „Nur Deine Bestätigung als Augenzeuge. Sergi," fuhr Koratow init einem häßlichen Lächeln fort; „Du warst gerade mit Deinem vortrefflichen Sekretär hier, als das Ereignis eintrat, und Du hättest genügend Zeit, um die Verhältnisse dieses Distrikts kennen zu lernen, die durch die Raubgier und durch die Betrügereien der Inden für die ganze Bevölkerung unerträglich geworden sind. Du hast Dich sogar von einigen ihrer Schwindeleien persönlich überzeugt, daruni mußte, nach Deiner festen Ueberzeugung, die langangesammelte Erbitterung endlich einmal zum Ausbruch kominen. Hörst Du, Sergi?" Es war Volkmann, der ihm antwortete. „Exzellenz wünschen; daß der Herr Präfekt dieses bestätigen und' daß ich cs noch besonders bezeugen soll?" „So ist es, mein lieber Volkmann," rief Koratow, und seine Züge hatten sich wieder aufgehellt; „doch in Ihrem Falle, würde ich mich mit Ihrer einfachen Zeugenschaft nicht begnügen, vielmehr >vill ich Sie bitten, mit all Ihrer Klugheit und Fähigkeit einen Bericht in diesen! Sinne für mich abzusassen, und seien Sie versichert, ich werde nicht ermangeln, mich Ihnen in jeder Mise erkenntlich zu zeigen." ,Wiq kam es nur, daß Exzellenz bei dem letzten Aufruhr nicht an solche Vorsichtsmaßregeln gedacht hatte?" fragte Volkmann, ohne auf die Versprechung, oder auf die gespendete Schmeichelei weiter einzügehen. .^Damals war ich nicht persönlich dabei beteiligt; aus gewissen Gründen, aus verschiedenen Differenzen mit dem Polizeimeister mußte ich im Hintergründe bleiben und durfte mich nicht aktiv betätigen; doch diesmal hindert mich nichts, die Sache selbst .in die Hand zu nehmen, und ich selbst will die Rädelsführer genau unterrichten, daß sie jetzt keine Gefahr laufen und keine Nachteile zu fürchten haben." „Mit anderen Worten, es soll diesmal ein ungehindertes Blutvergießen stattfinden?" Koratow zuckte die Achseln. „Und wenn schon? Man kann keine Omeletts backen, ohne dabei die Eier zu zerbrechen. — Nun, Sergi, was meinst Du?" Dieser fuhr heftig zusammen. Er war Koratows Erläuterungen nur mit halbem Ohre gefolgt, weil er sich Volkmanns scheinbare Ruhe und Einverständnis durchaus nicht erklären konnte. Seine Antwort kam daher nur zögernd und zurückhaltend. „Es mag ja alles sein, wie Du sagst; dennoch aber will mir Dein Plan durchaus nicht gefallen. Das Heilmittel dürfte schlimmere Folgen zeitigen, als die Krankheit selbst. Ich fürchte, ist die Bestie erst entfesselt, dann wird es schwer halten, sie wieder zu zügeln. Indessen sollte es nötig werden, dann werde ich es natürlich an den „esprit äs eorps" meinem Jugendfreunde gegenüber nicht fehlen lassen." „Ich danke Dir." Er erhob sich und ging zur Türe, von Volkmann begleitet. „Ihr Herr Chef scheint etwas schwierig zu sein," flüsterte Koratow ihm zu; „aber ich verlasse mich auf Ihre Klugheit, daß Sie ihn noch weiter in meinem Sinne bearbeiten werden." Volkmann verbeugte sich schweigend und ging wieder zum Präfekten. „Ich muß gestehen, Volkmann," sprach dieser, „daß mir Ihr Benehmen vollständig unbegreiflich ist. Haben Sie denn wirklich die Absicht, den Gouverneur bei seinem gräßlichen Vorhaben gegen — gegen — die Juden zu unterstützen?" „Nein," war die inüde und abgespannte Antwort; „doch was sollte ich machen? Durch einfache Vernunftgründc war er ja von seinem Vorhaben nicht abzubringen, und nur auf diese Weise konnte ich erfahren, wie weit er zu gehen entschlossen ist." „Aber Sie kommen doch dadurch in eine furchtbare Lage," sprach der Präsekt, seinen Sekretär durchdringend ansehend. Volkmann richtete sich energisch auf. „Jawohl, Exzellenz. Doch nicht furchtbarer, als ich es' von diesem Manne erwarten durfte." „Das verstehe ich wiederum nicht. Sie kennen doch den Gouverneur kaum." „Die Antwort darauf würde mich zu einer langen Auseinandersetzung zwingen, die ich aber gern vernieiden möchte." Er griff nach der Feder, um damit höflich anzudeuten, daß er das Gespräch nicht fortsetzen möchte. Doch der Baron hielt ihn am Arm fest. „Volkmann, ich glaube. Ihnen genug Beweise gegeben zu haben, daß ich Sie nicht als Untergebenen betrachte und wie sehr mich Ihr Schicksal interessiert," sprach er vorwurfsvoll. „Davon bin ich auch vollkommen überzeugt, und ich bin Eurer Exzellenz auch aus der Tiefe meines Herzens dafür dankbar. Allein diese Angelegenheit übersteigt fast jede menschliche Fassungskraft. Eins aber will ich Exzellenz sagen, durch die ganze Geschichte meines Stammes zieht sich, wie ein roter Faden, der Geist der Wiedervergeltung mit einer beispiellosen Ironie ffir alle, die sich absichtlich, aus nichtigen Gründen von ihm abgesondert haben. Ich bitte Sie, Exzellenz, mißverstehen Sie mich nicht; denn ich muß es Ihnen be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.