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Neue jüdische Presse · 1910-06-10 · Heft 22 (10.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 22 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 22. Seüe 3. Das junge Mädchen wurde gezwungen, zum Katholizismus überzutretcn und sich ,mit dem Bauer Miuelga zu verheiraten, dem sie fünf Mädchen und einen Knaben gebar. Friedland scheint i» den letzten Jahren in brieflichem Verkehr mit seiner Tochter gestanden zu haben, die er, nachdem er sich in London niedergelassen hatte, überredete, ihn mit ihrer Familie hier aufzusuchen, was ihm auch gelang. Im Juni 1909 verließ die Familie Rußland aus ihrem Wege nach England. In Königsberg angelangt, verhinderte die preußische Polizei ihre Fahrt, da zwei Kinder augenkrank waren. Der Bauer kehrte darauf mit drei Kindern nach Rußland zurück. Die Frau erkrankte inzwischen und starb nach einiger Zeit in Königsberg infolge einer mißglückten Operation. Der H i l f s - verein der deutschen Inden nahm sich der Waisen an und beförderte sie nach England, Ivo sie. im Hause ihrer Verwandten die freundlichste Ausnahme gefunden haben und jüdisch erzogen wurden. Der Vater küinmerte sich nicht mehr um die Kinder, die er auch nicht imstande wäre, zu erziehen, da er ein armer Hirt ist. Im Hanse der Friedlandschen Familie .war ein katholisches Dienstmädchen, das die Vorgeschichte der Kiiwer erfahren zu haben scheint. Sie meldete dies bald einem katholischen Priester, der einen litauischen Amtsgcnossen namens Mutalaitis anfsuchte, und ihn beauftragte, die Kinder zu besuchen. Da letzterm der Eintritt. in das Hans verboten wurde, annoncierte er .in einer litauischen Zeitung, die in Kowno erscheint, um die Adresse des Vaters der Kinder, Miuelga, der auf die Annonce erwiderte, wurde bald überredet, die Auslieferung der Kinder zu verlangen, — und so kam die Sache vor das Gericht. Als.Anwalt der Kinder.fungierte der bekannte .jüdische Gelehrte .und Rechtsanwalt H. S. H e n r i q u e z. Rührend war die Aussage des ältesten Mädchens, das jetzt 15 Jahre alt ist. Sie erklärte, daß der Vater sich nie nm die Kinder kümmerte und die Mutter während ihrer Krankheit im Stich gelassen hatte. Sie erklärte auch, daß die Mutter stets als Jüdin gelebt und sie vor ihrem Tode aufgefordcrt hat, zusammen mit den übrigen Kindern znni Judentum znrückznkehren. Sie fühle sich glücklich als' Jüdin und wolle in keinem Falle Katholikin werden. Der Richter entschied für den Vater und erklärte, er sehe wohl ein, daß die Affäre von einer mächtigen katholischen Organisation geleitet werde; da aber die Kinder minderjährig sind und ihre Taufscheine vorlicgen, müsse er im Sinne des Gesetzes handeln und dem Vater sein Recht geben. Es stehe aber den Kindern frei, jüdisch zu werden, wenn sie mündig werden. Die Kinder weinten bitterlich, als sie gezwungen.wurden, von Friedland und seiner Familie Abschied zu nehmen, und es dauerte lange, bis es gelang, sie zu überreden, den Gerichtshof in Begleitung des Priesters und seines Rechtsanwalt zu verlassen. Rußland. Petersburg. Der Dumaabg. Fried mann erhielt aus Piatigorsk im Kaukasus vom Abgcordneten Jcltekow .ein Telegramm folgenden Inhalts: „Ans Verfügung der Ortsbehörden werden d i e I u d e n, d i e h i e r h e r z n r K u r k o m m e n, a n s g e w> i e s e n. Dies geschah; obwohl die Betreffenden mit Rücksicht auf die vorjährige allerhöchste Erlaubnis und mit Rücksicht aus die angebliche diesbezügliche Intervention des Statthalters glauben durften, daß sie unbehelligt bleiben würde». Eine Entscheidung im positiven oder negativen Sinne ist sofort notwendig, um zwecklose Martern und eine Verhöhnung kranker Leute zu verhindern." Unter den obwaltenden Umständen kann natürder angerufene Abgeordnete nichts Ausrichten. Höhnisch und ihrer Macht bewußt, verweisen jetzt die russischen Berwaltungsfaktoren mit Vorliebe auf den Satz: „dura lex, sed lex." Diese herzlosen Auguren wissen sehr wohl, daß das russische Gesetz gegen die Juden gller Menschlichkeit spottet und andererseits maßlos vieldeutig ist, sie machen aber nicht eilimal vor schwerleidenden Kranken halt. Uebcrhaupt ist in ganz Rußland der Sommeraufenthalt der Juden auf dem Lande und in den Kurorten ein Kapitel barbarischer Niedertracht. Das Genießen gesunder Luft niüssen eben jüdische Patienten niit schwerem Gold bezahlen, während die erpresserischen Beamten ihnen noch dazu die schwersten Plackereien bereiten. . Petersburg. Die antisemitische „Nowoje Wremja' schreibt: „Dieser Tage wurden in Wilna unterirdisch eWo hu räume ° entdeckt. Wie es sich heransstellt, gibt es im jüdischen Stadtteil, der einst das jüdische Ghetto bildete, unterirdische Gänge. In diesen .Gängen fristet nun die ärmste jüdische Bevölkernngsschicht ihr Dasein. Die unterirdischen Räume liegen eine Etage tiefer, als die Kellerräume. Wann und zu welchem Ende diese unterirdischen Räume ausgegraben wurden, — das ist zurzeit noch eine ununtersuchte Frage. Das.Tageslicht .gelangt dort nie., Mn> und die Bewohner dieser Räume bedienen.;' sich .künstlicher; Beleuchtung. Die russische MMpMr Jfr aMWeS AiklMmSlatk. geographische Gesellschaft beabsichtigt, diese unterirdischen Räume zu wissenschaftlichen Zwecken zu untersuchen." Soweit die Nowoje Wremja. Alan kann sich leicht denken, wie es nm die materiellen und sanitär-hygienischen Verhältnisse dieser modernen Höhlenmenschen bestellt ist. Sie sollen das Vergnügen erleben, daß ihre Wohnräume im Interesse der geographischen Wissenschaft untersucht werden. Ob sie auch ans eine Untersuchung dieser Räume im Interesse der Nächstenliebe und der beleidigten Menschenwürde rechnen dürfen? „N. I. K." Türkei. Konstantinopel. Die Regierung hat eine Gesctzesvorlage eingebracht bctr. die Aufnahme einer Anleihe von 1500000 Frs. für den Bau einer nach den Phosphatminen von Es-Salt (Palästina) führenden Zweiglinie der Hedschasbahn, sowie einer Hasen an läge in Haifa. Die Eisenbahn und die Hafenanlage sollen den Betrieb der Phosphatbergwerke ermöglichen, sür den die staatliche Bergwerks- und Forstverwaltung dem ottomaniichen Bürger Nazis Bey el _ Halidi und seinem Gesellschafter Arzem eine Konzession erteilt hat. Rumänien. Bukarest. In dem Orte T i r n o v i c e hielten jüdische Händler ans dem Kirchweihmarkte Waren seil. Gegen Mend fing das Publikum an, die Händler a n s z u r a u b e n. Die Juden setzten sich zur Wehr und es entstand eine wüste Schlägerei. Vier Juden wurden getötet, 21 verwundet. v. Palästina. Jaffa. Die aus Ungarn eingetroffene, ca. 70 Teilnehmer zählende orthodoxe Reisegesellschaft hat dem Ungar. Kolel in Palästina sür den Ban von 20 Musern ca. 40 000 F r c s. gespendet. Ein deutscher Teilnehmer überwies dem deutschen Kolel 8000 F r c s. Leider wird die Reisegesellschaft blos zwei Kolonien, Pcthach Tikwa und Rischvn le Zion, besuchen. — Der hiesige jüdische Juwelier Sokolska erhielt vom deutschen Kaiser eine goldene Adler nadcl sür die gute Ausführung des silbernen Schlüssels zum Hospiz der Kaiserin Angnsta Viktoria-Stiftung auf dem Oelberge. — In Hebron haben die Aschkenasim und Sefardim sich vereinigt, um ein jüdisches Krankenhaus zu bauen. .— In Jerusalem wurde am 25. Mai der Grundstein zu dem großen Hospital „Bikkur Chol im" gelegt. Zur Feier hatte sich ein großes Publikum eingefunden, Ansprachen hielten die Rabbiner .Salomo» und Berlin, der Bürgermeister von Jernsaleni, der Vertreter des deutschen Konsuls, Direktor Ephraim Kohn u. a. — Bor kurzem fand in Haifa die Jahresversammlung der aschkenasischen Gemeinde statt. Nach einer schwachen Verteidigung seitens der Anhänger des frühern Waad (Vorstands) wurden fast einstimmig die Kandidaten der Opposition gewählt, u. zw.: Dr. Auerbach, Kaisermann, Twersky, Lisschitz, Kaminitz. Als Stellvertreter wurden die Herren Hermann, Lewin und Zolotorow, als Kontrolleure die Herren Pewsner und Krol gewählt. Amerika. New-Bork. M. G. Gaynor, der neue Bürgernieister unserer Stadt, der sich jüngst durch sein Verbot der Abhaltung von Missionspredigten in der jüdischen Gegend — „da damit die Juden belästigt und mehr Schaden gestiftet, als Gutes getan werde" — die Zuneigung der hiesigen Judenheit erwarb, hat auf der Jahresversammlung des Unabhängigen Orden „Brith Awrohom", des größten jüdischen Ordens, vor 1100 Delegierten eine mitEnthnsiasmusaufgenommeneRede gehalten. Er sagte in dieser Rede u. a. folgendes: „Die Verfolgung der Juden ist für mich ein Rätsel in der Geschichte der Menschheit. Warum werden die Juden gehaßt und verfolgt? Alles Gute, was wir haben, stammt von ihnen. Sogar unser Gott ist von ihrem Fleisch und Blut geboren. Das alte und das neue Testament sind die Schöpfung jüdischer großer Männer. Und nachdem wir alles von ihnen empfangen haben, — können wir sie hassen und peinigen? Nehmt vom Christentum die Lehren, Traditionen und Abstamniung vom Judentum hinweg, — was wird uns da bleiben?" New-Bork. Dr. I. L. Magnes, Vizepräsident der Federation of Anierican Zionists, ist von seinem Amte als Rabbiner des Tempels Emanuel in Newyork, wo er seit 1906 tätig war, znrückgetreten. Dieser Schritt ist eine Folge der viel diskutierten Pessachpredigt, in der er vor den Folgen dev Reform beweg uu g gewart hatte. In einem ausführlichen Brief, den er an den Präsidenten und den Vorstand des Tempels gerichtet hat, erklärt Dr. Magnes, daß er bereit sei, in seinem Amte zu bleiben, falls die Gemeinde mit seinen Ansichten und Vorschlägen übereinstimnit; anderfalls sei er gezwungen, auf eine Wiederwahl zu verzichten. Der Vorstand erklärte, die Vorschläge des Herrn Dr. Magnes nicht annehmen zu können. Somit tritt Dr. Magnes am 1. Oktober d. I. von seinem Amte als Rabbiner zurück. Der Ausgang der freimütigen Aeußerung Dr. Magnes dient diesen: zur Ehre und dem Vorstand des Tempels Emanuel nicht znm Ruhme. Anstatt diese Herren Millionäre sich freuen sollten, einen ehrlichen Führer zu haben, dem die Zukunft des Judentums Sorge macht, tun sic das Gegenteil. Francis Bnrton Harrison, ein jüdischer Deputierter des amerikanischen Parlaments, brachte im Parlament eine Resolution ein, der Präsident der Bereinigten Staaten möge seinen Einfluß ans die russische Regierung dahin geltend machen, daß den Judenverfolgungen und den Progromen in Rußland ein Ende gemacht werde. Aus -er Lehrerwett. Berlin. Dem 9. Jahresbericht der PensionS-, Waisen- und Witwenkasse des Verbandes der jüd. Lehrervereine im Deutschen Reiche (Vorsitzender Lehrer Max Hanfs) sei folgendes entnommen: Die Kasse zeigt eine ersreuliche Entwickelung. Sie besteht aus der' Pensions-Rechtskassc mid der Pensions-Hilfskasse; hierzu kommt noch die 2lpolantstiftung und die Zentral-Hilfskasse, die zusammen ein Gesamtvermögeu von 217 300 JL besitzen. Die Mitgliederzahl der Pensions-Rechtskasse beträgt 16, die der Hilfskasse 15. Die Pensionskasse schließt mit den Mitgliedern durch die „Victoria" eine Lebensversicherung ab, zum größten Teil zahlt sie Präinien bis zum bestimmten Lebensalter und kann dadurch, daß ihr später die ganze Versicherungssumme zufällt, den Mitgliedern eine jährliche Pension in Höhe von 600 Ji, zahlen, der von der Kasse zur Polize zu zahlende Zuschuß beträgt 65,5°/», die Mitglieder selbst zahlen eine mäßige jährliche Sunime. M. Berlin. Der Beginn des Sommers, da viele sich rüsten, nm in Sommerfrischen und Kurorten Körper und Geist aufs neue zu kräftigen, ruft in mir lebhaft die Erinnerung an, das liebliche, im schönen Lahnthal gelegene, rings von Bergen umgebene Bad Ems wach. Durch Ueberanstrengung im Berufe veranlaßt, hatte ich als Lehrer während der Schulferien Aufnahme in dem dortigen Sanatorium für wenig bemittelte jüdische Kurbedürftige („Einser Heilquelle") uachgesucht und gefunden. Die Anstalt, in der Braubacherstr. am Waldesrande gelegen, nimmt während des Sommers ca. 40 Patienten auf, gegen ein geringes Entgelt von 3.— Ji p. d. werden reichliche kräftige Pension sowie ärztliche Behandlung und Knrmittel gewährt. Die Verpflegung ist streng rituell. Es empfiehlt sich, daß Kollegen, die eine Kur zur Stärkung ihrer Athmungsorgane bedürfen, nch schon jetzt melden, damit sie in den Ferien- Monaten Juli und August noch berücksichtigt werden. Gesuche mit ärztlichem Attest sind an den Schriftführer Herrn Dr. med. Samter in Ems einzusenden. Köln. Unter Leitung Rabbiners Dr. Wolf und Teilnahme von 10 Lehrern begann hier wieder ein Fortbildungskursus,in Religio ns Wissenschaften. Jungmann-Forbach wurde zum Lehrer und Prediger in Duisburg-Ruhrort gewählt. M. Duisburg. Am 16. und 17. Mai fand hier die Hauptversammlung des Vereins Israel. Lehrer Rheinlands und Westfalens statt: ca. 150 Kollegen und mehrere Kolleginnen wären erschienen. Hauptlehrer Graf-Essen, der Vorsitzende hes Vereins, eröffnete die Versammlung mit herzt. Begrüßungsworten. Dr. med. Wolf überbrachte Grüße namens der Inden Duisburgs, Rabb. Dr. Neumarck wünschte, daß die Verhandlungen auch der Schule und der jüd. Gesamtheit zum Segen gereichen mögen. Zuletzt sprach der Ortskollege N u ß b a u m. Er gab einen Ueberblick über die geschichtliche Entwickelung der jüd. Gemeinde Duisburgs und seiner Schule und gab unter Beifall bekannt, daß die Gemeinde dem Verein einen Beitrag von 200 Ji gespendet habe. Namens des Verbands-Vorstandes überbrachte Steinhardt- Magdeburg Grüße. Das Hauptthema hielt Kaiser-Mülheim Muhr) „Das Organisationsgesetz und die jüd. Lehrer." In einem großängelegten Bortrag kam der Referent zn dem Schluß, daß der Entwurf in der jetzigen Ausarbeitung für die Lehrer unannehmbar sei. Eine lange und oft erregte Debatte schloß sich an den Bortrag.

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