Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 22 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 22 der Polizei: Er behauptet, daß er kein Wohnrecht in Kiew gehabt hat, da er in der letzten Zeit nicht die erste Gilde bezahlt hat, und die Polizei behauptet, daß er bis zum 6. Aug. 06 wohl hat wohnen dürfen, und deswegen will sie ihn jetzt ausweise». Als Bcweis dafür, daß dieser Jude ein Kiewer Bürger war, führt die Polizei die Tatsache an, daß er dom Pogrom gelitten hat; er jedoch bestreitet, daß er im Pogrom Schaden erlitten habe. To dauert der Prozeß fort, und inzwischen treibt man ihn weg. Das ganze Zirkular ist in der Tat nur eine Falle, eine Provokation. Etwas anderes kann cs gar nicht sein. Man bedenke: Ein Jude hat viele Jahre lang in einer russischen Ttadt auf Grund von „alten Rechten" geivohnt, d. h. indem er ab und zu dem Schutzmann einen Rubel schenkte. Niemand hat ihn gestört, niemand hat ihn belästigt. Ta schickt nun Stolypin plötzlich das Zirkular. Daraufhin eilen nun alle Juden, die bis jetzt ungcsetzlicherweise in diesen Städten gewohnt haben, zum Polizeiamt und geben an, daß sie bis zum 6. August ohne Erlaubnis dort gewohnt haben. Nun kennt die Regierung die Namen dieser ohne Erlaubnis dort wohnenden und — weist sie ans. Einen Grund zu finden ist nicht schwer. Das Zirkular gestattet ja nur denen, weiter zu wohnen, die sich innerhalb der Bevölkerung einer gewissen Gmrst erfreuen; will die Polizei einen Juden also ausweisen, so behauptet sie einfach, er sei für die Bevölkermig schädlich — und zum Beweis sammelt sie bei einigen Bauern Unterschriften, die die Ausweisung dieses Juden verlangen. Oder man macht es einfacher, indem der Polizeihanptmann selbst solche Unterschriften hcrstellt, wie cs ein Reviervorsteher in Toropetz (Gouv. Askow) getan hat. Er stellte einige Unterschriften her und wies daraufhin 150 Familien aus, weil sic dem Volke eben „s ch ä d l i ch" seien. So hat das Stolypin'sche Zirkular, welches die Lage der Juden ein wenig zu bessern schien, in Wahrheit ihre Lage tausendfach verschlimmert. Alle Juden, die seit Jahrzehnten außerhalb des Rayons unlegal gewohnt haben, und von denen die Regierung nichts gewußt hat, haben nun sämtlich ihre Namen der Polizei angemcldet, — und nun jagt man sie ohne Erbarmen von dannen. Und die Austreibungen geschehen dicsnial unbarmherziger und rücksichtsloser als je. Früher half zuweilen eine Intervention, die Regierung schämte sich noch zuweilen vor Europa. Jetzt ist davon keine Spur inehr da. Die Regierung ninnnt nur Rücksicht auf eine Partei: auf die „Schwarze Hundert", und die Führer dieser Partei sind gegenwärtig die faktischen Beherrscher Rußlands. I» Kiew haben sie sogar ein besonderes Büro eingerichtet, das die geiraue AusführnngderAustreibungen zu überwachen hat. So kontrollieren sic die Tätigkeit der Polizei, suchen in den verborgcndsten Winkeln jeden Juden auf, durchsuchen die Spitale, und sehr viele Juden werden noch aus dem Krankenbette herausgejagt. Und wohin? Sie überfüllen noch mehr die schon jetzt zu engen Großstädte, besonders die polnischen Städte wie Warschau und Lodz. Uitd es ist selbstverständlich, daß sic hier einen schlechten Empfang haben. Allepol nischenZeitun gen sind voll von Artikeln, die sich gegen den neuen Strom von Emigranten richten, welche das ganze Land „erobern". So wächst der antisemitische Geist in der polnischen Gesellschaft dank der Hetze der chauvinistischen polnischen Zeitungen. „Wohin wir kamen, ließ man uns nicht eintreten, nirgends gab man uns Einlaß und überall rief man uns zu: Geht fort! und wanderten wir von Ort zu Ort hungernd und durstend". Dieses schreckliche Bild, das Rabbi Jehuda den Jakob von der Austreibung in Portugal entwirft, spiegelt auch die Lage der Ausgetriebencn wieder. Niemals befand sich die j ü d. E m i g r a t i o n in einer solchen Krisis wie jetzt, niemals waren alle Tore so versperrt gewesen wie jetzt. In Amerika waltet Williams seines Amtes, in Kanada ist vor kurzem das .neue Einwanderungsgesetz eingeführt worden, in Afrika ist keine Unterhaltungsmöglichkeit, in A r g e n t i n i e n ist es sehr faul, und in den Städten innerhalb des Rayons ist die Konkurrenz furchtbar, ein Jude vernichtet die Existenz des zweiten, und der ökonomische Antisemitismus, meistens verbunden mit einem Boykott der jüd. Waren, wächst von Tag zn Tag... So überleben die russischen Juden eine Epoche wie die zur Zeit der Austreibung aus Moskau. (Zu Zeiten Alexanders UI. D. Red.) Ja, die Lage ist jetzt noch furchtbarer: Damals trieb man nur von einer Stadt aus, jetzt aber von Städten ohne Zahl, bon Städten, deren Erde nur für die „heiligen" Russen bestimmt ist. Und was wird das Ende sein? Wer wird uns helfen? Wer wird den Auswandcrnden Schutz, den Vertriebenen Hilfe leisten? Wer.wird cs vermögen, den Strom auszuhaüen, der sich unaufhörlich, ergießt? Wenn es überhaupt einen Augenblick gibt, wo wir russischen Juden der Hilfe des Auslandes bedürfen, so ist Frankfurter Israelitisches Familienblatt. cs der gegenwärtige, — denn w i r k ö nneu uns nicht mehr helfen! S. T s ch e r n o w i tz. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Nürnberg. Zur ordentl. Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, die hier am 5. Juni stattsand, waren 63 Delegierte, darunter zahlreiche Damen, erschienen. Justizrat Breslauer -Berlin leitete die Tagung, und Prof. Dr. M. Schäfer- Berlin erstattete den Geschäftsbericht, nach dem die Vereinigung an 234 Orten Deutschlands Mitglieder hat. Die Debatte zeigte, daß über die Tendenzen und über die Maßnahmen, die zur Ausgestaltung der Organisation getroffen werden sollen, allgemeine Ucbcrcinstimmung herrschte. Um 11 Uhr fand im großen Saale eine öffentliche Versammlung statt, die von etwa 600 Personen besucht war. Nach den formellen Begrüßungsworten Justizrats Breslauer -Berlin, Justizrats Held als Vorsitzenden der Nürnberger Israelit- Kultusgemeinde und . Stadtschuldirektors Gombrich als Vorsitzenden des Nürnberger Loralkomitees der Vereinigung ergriff Rabb. Dr. Freude n t h a l - Nürnberg das Wort zu seinem Vortrage ,§) i e Stellung des Rabbiners z u r liberalen Bewegung im Judentum." Er führte aus: Die liberale Bewegung habe zunächst ihre wissenschaftliche Gruirdlegung von den Rabbinern zu erwarten und zu fordern, hauptsächlich auch die Popularisierung des bereits gewonnenen wissenschaftlichen Materials. Was die praktische amtliche Tätigkeit des liberalen Rabbiners betreffe, so müsse vor allem das Vorurteil schwinden, als ob er nur zum Niederreißen berufen sei, auch er habe positive, religiöse Wirkungen zu erzielen. Auch auf der Kanzel habe der liberale Rabbiner das Judentum als eine Religion des Lebens zu predigen, die mit einem bestimmten, unveräußerliche» Schatz religiöser Anschauungen den Entwicklungsstufen des Lebens folgen müsse. Den Gottesdienst selber müsse er durch Rückgang aus die ursprünglichen schlichten Formen und die Einführung neuer, weihevoller Gebräuche zu einem lebendigen und eindrucksvollen gestalten. Für seine ganze scclsorgcrische Tätigkeit gelte das talmudische Wort: „Nimm es für dich persönlich schwer, aber erleichtere für die Gesamtheit." Freilich gelte dieses Wort auch für die persönliche religiöse Lebensführung des liberalen Rabbiners. Alle Mitglieder seiner Gemeinde müßten von ihm den Eindruck gewinnen, daß er den Mut liberaler Gesinnung und den Ernst religiöser Lebensführung in sich zu vereinigen wisse. Prof, tz i r s ch - Chicago sprach sodann über das liberale Judentum in Amerika, das im Sinn des deutschen. Liberalismus von David Einhorn begründet wurde. In Amerika sei die Saat des jüd. Liberalismus zur herrlichen Blüte aufgcgangcn, weil keine geschichtlichen Bedingungen, kein Zwang des Staates dem entgegengcstanden haben, wie im alten Europa. Aus der Geschichte des liberalen Judentums in Amerika könne die hiesige Bewegung die Waffen entnehmen, um Gegner zurückzuweisen, die da behaupten, der Liberalismus führe zur Vernichtung des Judentums und sei die Vorstufe der Taufe. Die Juden Amerikas hätten cs bequem gehabt, ohne Taufe das Judentum zu verlassen; niemand sei gezwungen, einer Religionsgemeinschaft anzugehörcn. Wenn trotzdem in Amerika die größten Opfer gebracht würden zur Errichtung prächtiger Synagogen und zur Erhaltung jüdischer Institutionen, so beweise das, daß der Liberalismus mehr sein müsse als eine rein negierende Bewegung. Amerika habe bereits die dritte Generation liberaler Juden und diese seien noch ebenso treu (— Und die ständigen Klagen der amerikanischen Resormrabbiner über das Leerstehen der Synagogen? —) wie die erste, die ans Deutschland eingewandert sei. Sei das Abfall? Es gibt keinen Brauch, der ursprünglich rein jüdisch ist. Darmn kann der Brauch auch nicht das Unterscheidende und Entscheidende im Judentum sein. In Gerechtigkeit wandeln und Liebe üben, wie die Propheten es verkünden — das ist das Wesen des Judentums. Dies zuerst ausgesprochen zu haben, ist das Verdienst des Judentums gegenüber anderen Völkern. Aber die Idee bedarf der Form. Soll sie jedoch dadurch zum Ausdruck gebracht werden, so muß sie auch deutlich sein. Eine Fdrm, zu der man erst lange Kommentare schreiben muß, um sie zu verstehen, hat sich überlebt. Das hat man in Amerika begriffen. Die Gebetssprache muß die Muttersprache, darf keine Kunstsprache sein, wie es das Hebräische heute selbst für diejenigen ist, die seiner kundig sind. Wäre die Gebetsprache nur Hebräisch, so gäbe es in Amerika kein Judentum mehr. So wie -man in Nürnberg den Forderungen der Neuzeit nach Licht und Luft hat Rechnung tragen müssen und nur einzelne Türme aus alter Zeit hat stehen lassen, so ist es ähnlich im amerikanischen Judentum geschehen. Zum Schlüsse sprach noch Justizrat Breslauer. Sein Thema lautete: „U n s e r e G e g n e r". „In Wahrheit treu", der Wahlspruch der liberalen Bewegung, heiße treu dem Judentum und treu sich selbst. Daher könne nicht der wahrhafte Orthodoxe Gegner sein. Erst dann, wenn er zum Liberalen sagt: „Du bist kein Jude", wird er Gegner. Ebenso verhält cs sich mit dem Indifferenten, der erst als Gegner zu betrachten ist, wenn er lehrt, daß Religion etwas Ueberwundenes, Ueberslüssiges sei. Zwischen den Orthodoxen und den Indifferenten gibt es aber eine Kategorie, die sich alle möglichen Namen beilegt, sagen wjr — Scheinorthodoxe. Das sind unsere eigentlichen Gegner, weil sic gegen den Grundsatz: „In Wahrheit treu" verstoßen. Gegen diesen Grundsatz vergehen sich auch die Zionisten, weil sie nicht aus innerster Ucberzeugung, sondern aus Politik und Diplomatie zu den Orthodoxen halten. Die letzten und schlimmsten Gegner sind schließlich die Liberalen selbst, diejenigen, die cs nicht wagen, mit ihrer liberalen Meinung hervorzutrete». Wir wollen uns nicht mit unserer Anschauung überheben, aber auch als Männer unseren Standpunkt vertreten und nicht kleinliche Rücksicht nehmen nach rechts und links. Wir suchen keinen Kampf. Doch wo er vonnöten ist, muß er energisch geführt werden: „In Wahrheit treu." Hamborn (Rhld.). Wie die industrielle Entwickelung der hiesigen Gegend so riesenhaft in dem letzten Jahrzehnt zugcnommeu hat, so die jüd. Gemeinde oder richtiger die Synagogen - Gemeinde Hamborn, die sich allmählich zuein erGroß gemeindeentwickelt. Es gehören hierzu die Orte Hamborn, Marxloh, Bruckhausen und Neumühl, die alle einen zusammenhängenden Komplex bilden. In den 20er Jahren waren hier 3 Familien ansässig, 1907 waren es schon 14, und heute zählt die Gemeinde über 100 jüd. Haushaltungen, meist jung verheiratete Geschäftsleute. Der Nationalität nach sind 7/s Deutsche, meist Rheinländer und Westfalen; auch ca. 10 galizisch - russische Familien sind hier ansässig, die sich durch Hausier- und dergl. Kleinhandel rechtschaffen ernähren. Das jüd. Leben fängt langsam an zu pulsieren; ein 'Männer- und Frauen-Vereiu ist gegründet, in denen zuweilen belehrende Vorträge gehalten werden. Der Religionsunterricht findet zweimal wöchentlich im Mittelpunkt der Synagogen-Gemeinde, in Marxloh, statt; hier befindet sich auch das Gotteshaus (früher eine evang. Kirche!). Aber schon wird die so aus- und umgebaute Synagoge zu klein, und die Gemeindevertretung denkt ernstlich daran, im Laufe eines Jahres das jetzige provisorische Gotteshaus durch einen Neubau zu ersetzen. Ebenso beabsichtigt die Gemeinde, bald ein eigenes Bes-hakworaus anzulegcn. M. Oesterreich-Ungar«. Sarajewo. Anläßlich dessen Anwesenheit erschienen auch die Vertreter der Judenschaft in Bosnien und der Herzegowina vor dem Kaiser, der aufs freundlichste jeden einzelnen der Herren ansprach. Zu Landtagsabg. Salo m, dem Sprecher der sephardischen israelitischen Kultnsgemeinde, sagte der Kaiser u. a.: „Ich bin überzeugt, daß Ihre G e - ineinde, die so viel Treue und Anhänglichkeit für ihre angestammte Sitte erwiesen hat, auch für Land und Herrscher stets Treue Md Liebe bewahren wird." Und ferner: „Sie sind Abgeordneter für die Juden. Ich, weiß, daß die Jin'den vierhundert Jahre im Lande s i n d u n d v i e l z u s e i n e m W o h l st a n d e u n d seiner Entwicklung beigetragen haben." Großbritannien. London. Der Gedanke, König Ed na rd von jüdischer Seite ein Denkmal im hiesigen Ostend zu errichten, wird allgemein sehr sympathisch ausgenommen. Gestern fand die erste Massenversammlung im Jewish Workingmen's Club statt, die die nötigen Schritte zur Realisierung dieses Plans unternehmen sollte. Den Vorsitz führte Stadtrat G o r d o n. Als Hauptredner fungierte der Chief Rabbi Dr. Adler, der die hier kursierenden Gerüchte über die Judenunfreundlichkeit des neuen Königs durch sehr interessante Beweise zerstreute. — Vor dem Lord Chief Justice of England, kam dieser Tage ein hochinteressanter.Prozeß zu Verhandlung. Der Prozeß hat folgende Vorgeschichte: Louis Friedland, ein litauischer Jude, der vor fünf Jahren nach England herübergekommen und nun mit seinen wohlhabenden Kindern in Whitechapel lebt, wohnte vor 20 Jahren in einem Dorfe bei Kowno. Als er eines Tages von einer Geschäftsreise heimkehrte, fand er sein Haus zerstört und seine junge Tochter verschwunden. Er erfuhr nachher, daß sie sich bei einem Bäuerin einem benachbarten Dorfe aufhielt; er .kam aber nie dazu, sie zu sehen, da die Bauern ihm mit dem Tode drohten, falls er es'täte.