Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 22 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZlraitkfHtrker Zstxelitislljks InmiUrublett. HedaKtio« und chefchäftsstelle: Zrankfurt a. M„ vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-refo« 10507. -S-3S-*- AevEgeVer: Aalg H>st-s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. --- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr.- In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i...... — — 9 8. Jahrgang. Freitag, den 3. Siwan 5670 (10. Juni 1910). Nr. 22. Inhalt des Hauplblattes. Artikel: Mahnruf in ernster Stunde. — Ein Notschrei. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Kunst und Literatur. — Wo ch en-Kalend er. Spenden. — Familiennachrichten. Mahnruf in ernster Stunde. Es war nach dem IX. Kongreß, als unsere nationale Presse in Lobhymnen einslimmtc über das kluge, mutige und taktvolle Verhalten des Präsidenten Wolfssohn in den Stürmen des Kongresses: man pries, man bewunderte seine Taktik. die es vermocht hatte, einer verlorenen Sache Herr zu werden, der cs gelungen >var, einer geschlossenen, festen Opposition ein Vertrauensvotum abzuringen und den gesamten Kongreß in eine beispiellose Begeisterung und Huldigung sür den Präsidenten zu versetzen. Damals — inmitten der Huldigung — erhoben wir unsere Stimme; ein ernster Mahnruf ging von uns an den Präsidenten aus, er möge seine Hand der Opposition zum Frieden reichen, und zwar möge er freiwillig einen Teil seiner Macht an die Opposition abtreten, indem er in das Engere Aktionskomitee einige von den Führern der russischen Landsmannschaft — einstweilen, bis der Kongreß am Organisationsstatut eine dahingehende Aenderung vorgenommen hat — kooptiere, die in allen wichtigen Aktionen mit zu entscheiden haben mögen. Sechs Monate sind seit jener Zeit verstrichen, sechs Monate der Fehde und des Haders in der breiten Oeffentlichkeit. Sechs Monate der Fehde, — und weshalb? Sind denn sachliche Differenzen zwischen den Streitenden? Stehen sich zwei Parteien von zweierlei Richtungen auf Grund von zweierlei Arbeitsprogrammen gegenüber? Keineswegs! Einst gab es sachliche Differenzen, damals existierten zwei entgegengesetzte Richtungen mit zweierlei entgegengesetzten Arbeitsprogrammen. Das war einst. Jetzt aber glücklicherweise nicht mehr. Gegenwärtig gibt es nur ein Programm sür die Arbeit in Palästina wie in der Türkei überhaupt, dem alle zustimmen, und gegenwärtig wird und muß ein jedes Aktionskomitee die gleiche Richtschnur verfolgen. Weshalb also der Streit? Einzig und allein um die Macht! Deshalb ist auch der Kampf unglücklicherweise ein persönlicher geworden; es gibt da Leute verschiedenerTempcramente, die sich miteinander nicht vertragen, und es fehlt ihnen der gute Wille, sich im Interesse der gemeinsamen Sache zu vertragen. Also der Streit, der da geführt wird, ist bei den Hauptbeteiligten rein persönlicher Natur, die übrigen sind größtenteils entweder streitsüchtige Leute oder Prinzipienreiter, die aus Worten Programme schmieden und Haare als Berge sehen,: die ihr Vertrauen bloß den ihnen nahestehenden Personen entgegenbringen, für alle anderen dagegen, nur Mißtrauen besitzen und während sie die einen in den Himmel heben, die anderen in den Kot zerren. Wir wollen hier nicht untersuchen, wer im Recht, wer verträglich und wer unverträglich ist; doch eins wissen wir sicher, daß der Zionismus den meisten Schaden davon hat; nicht nur leidet darunter die Arbeit, sondern auch das Ansehen der Partei in den Augen der übrigen Organisationen, deren Gunst und Wohlwollen der Zionismus zu einer gedeihlichen gemeinschaftlichen Arbeit benötigt. Aber was noch schlimmer: durch diesen kleinlichen, weil persönlichen Streit wird der Zionismus selbst in den Augen seiner ^Anhänger diskreditiert; es muß schon jemand überaus standhaft und urteilsfähig sein, um seinen Glauben und Mut nicht wanken zu lassen. Nicht zu sprechen von der Untergrabung der schon ohnehin bei uns mangelnden Disziplin und Unterordnung; denn nichts Gefährlicheres gibt es für den Soldaten als der persönliche Hader der führenden Generäle in der Oeffentlichkeit. Sechs Monate der persönlichen Fehde und kein Ende! Und so begaben wir uns zum Präsidenten, um zu erfahren, wie er den Frieden in der Bewegung herzustellcn gedenkt. Wir sind froh, hier feststellcn zu können, daß der Präsident im Interesse der uns heiligen Sache bereit ist, unseren Vorschlag der Kooptation von Oppositionellen in das Engere Aktionskomitee zu akzeptieren, und zwar folgendermaßen: zu den Beratungen sollen fortan noch weitere 6 Herren, 4 von der Opposition und die beiden Direktoren der Bank und des Nationalfonds, stimmberechtigt zugezogen werden. Der Weg zur Verständigung ist nunmehr gegeben, jetzt liegt es an den Führern der Opposition in Rußland, die zur Versöhnung gereichte Hand zu ergreifen und so den unumgänglich notwendigen Frieden dauernd in der Bewegung herzustellen und zu erhalten. Ende dieses Monats wird in Berlin die Jahreskonferenz zusammentreten. Die Beratungen finden in' ernster Stunde statt, die Lage unserer Brüder in Rußland gestaltet sich von Tag zu Tag furchtbarer, es müssen darum alle nationalen Kräfte angespannt werden, um wenigstens gewisse Teile der Gemarterten aus der Mördergrube zu befreien. Wir appellieren eindringlichst an die Führer der Oppositionellen in Rußland, den häßlichen Guerillakrieg einzustellen. Wir sind arm an tatkräftigen Männern, und die Organisation kann keinen einzigen von den an der Spitze stehenden bewährten Männern entbehren: auch die Opposition wird doch in der Tat zugeben müssen, daß die Wolffsohns in der Bewegung durchaus nicht vorrätig sind, — und wer ist so naiv, zu glauben, Wolffsohn an Klugheit, Erfahrung und Tatkraft überlegen zu sein? Die Konferenz wird zeigen, wie es mit der Verträglichkeit und dem guten Willen, den Frieden zu halten, bei uns bestellt ist, auf wessen Seite dieser Wille zu suchen ist, in Köln oder in Odessa oder, in keinem von beiden. Orten. Wir hoffen zuversichtlich, daß unser Appell, der gleichzeitig an die gesamte nationale Presse gerichtet ist, kein Ruf in der Wüste sein wird, — und so sehen wir bereits den Frieden im Anzuge. S. H. G—n. Ein Notschrei. — Brief aus Rußland. — Im Ausland kann inan sich nur schwer einen Begriff davon machen, was jetzt in Rußland vorgeA. All die kurzen Nachrichten, die in den deutschen Zeitungen erscheinen, geben nur ein unklares Bild von den wirklichen Verhältnissen. Aeltere Juden sogar können sich einer solchen Schreckenszeit nicht erinnern. Die Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons sind jetzt wie vertriebene Hunde, die Untersuchungen und Austreibungen haben sich wie eine finstere Wolke über die Judenheit gelagert, und die Juden lausen in der plötzlichen Finsternis umher, ohne zu wissen, wohin sich zu wenden. Was ist denn geschehen? Stolypin, der allmächtige Prenrier, hat sich in letzter Zeit immer mehr der Rechten genähert,, bis er ganz in dem Bereich der schwarzen Hundert angelangt ist. Stolypin kennt nämlich vor allem eine Aufgabe, in seinem Amte zu verweilen. Zur Zeit, da der Liberalismus am Hofe Einfluß besaß, hat er den Liberalen geschmeichelt. Früher hatte er sich sehr den Polen genähert gehabt, war auch auf Seiten der Finnländer gewesen und war im Kownoer Gouvernement — wo er früher Gouverneur war — mit dem Juden guter Bruder gewesen. Kaum aber hatten Dubrowin und seine Partei die Macht erlangt, — sofort mar Stolypin zu ihnen übergegangen und folgt ihnen nun durch dick und dünn. Da hatte Stolypin einen schwachen Augenblick gehabt, in dem er ein Zirkular ansgegeben hat, das bestimmte, daß alle Juden, die sich bis zum 6. 'August 1906 ungesetzlicherweise außerhalb des Rayons angesiedelt, dort aber Geschäfte gegründet hatten und von der Bevölkerung mit Wohlwollen ausgenommen worden waren, in ihren Städten verbleiben dürfen. Da haben aber Markow der Zweite und Paruschkewitz dagegen protestiert und in der Duma eine Interpellation eingebracht, da hat auch der famose Graf Konowzin protestiert, den sogar die „Schwarze Hundert" in Odessa aus ihrem Verband ausgeschlossen haben, — und die Folge davon war, daß Stolypin Furcht bekommen und einen Rückzug begonnen hat, indem er erklärte, daß genau revidiert werden wird, Wer bis zum August 1906 ungejetzlicherweise außerhalb des Rayons gewohnt hat. Jeder, der nur gesunden Menschenverstand besitzt, wird sich nun sagen, daß. wenn derjenige, der ungesetzlicherweise bis zum 6. August außerhalb des Rayons gewohnt hat, dort verbleiben darf, der Jude also, der bis zum 6. August das Recht hatte, dort zu wohnen, nun gewiß dort wird verbleiben dürfen. Das Ministerium und die Polizei folgern jedoch anders, und es kommt heraus, daß derjenige glücklich ist, der nach dem Gesetze bisher außerhalb des Rayons nicht hat wohnen dürfen, und wehe nun dem Inden, der dort hat wohnen dürfen, — denn er muß nun den Platz verlassen. Doch, wo ist dabei die Logik? Die russische Regierung hat eben eine solche Logik, da es ihr ja nur darauf ankommt, die Juden zu unterdrücken und Heldentaten zu vollbringen. Um das Ungeheuerliche der jetzigen Zustände besser zu illustrieren, will ich folgenden Fall, den ich selbst kenne, mitteilen: Ein Jude in Kiew, der dort eine große Zahl von Jahren gewohnt hat, da er 6 Jahre lang die erste Gilde, die übrige Zeit die zweite bezahlt hat, ist jetzt im Streite mit