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Neue jüdische Presse · 1910-06-03 · Heft 21 (3.6.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 21 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. baten gegenüber allgemeine Gesichtspunkte hervorgehoben und, was für die Schüler besonders anziehend ist, Resultate der Ausgrabungen erwähnt werden, die früher weitverbreitete Anschauungen der Bibelgegner unbestreitbar als Jrrtümer enthüllen. Bei den exegetischen Vorlesungen der Rabbinerschulen ist daran festzuhalten, daß der Student erst nach gründlichem Bibelstudium, das durch einsamen oder, durch den Nachweis mehrjährigen Besuchs eines solchen Unterrichts sicher gestellt erscheint, zum Studium der Bibelkritik und Apologetik zugelassen wird. Man muß möglichst zu vermeiden .suchen, daß dem Schüler eine ihm früher unbekannte.wichtige Bibelstelle bei Gelegenheit der Zurückweisung eines destruktiven Auslegungsversuchs ihm zum ersten Male in solch falscher Beleuchtung entgegentritt. Unabweisbare pädagogische Gründe gebieten auch, daß der Lehrer der Exegese von den < vorzüglichen altjüdischen Bibelerklarungen ausgehe, daß die modernen nichtjüdischen Exegeten erst in zweiter Linie genannt werden und daß man .nicht in den Fehler verfalle, bei den Bemühungen der Zurückweisung radikaler Angriffe den Schüler darüber vergessen zu lassen, daß auch unter den Alttestamentlern der Universitäten eine starke, Wohl zu berücksichtigende konservative Partei existiert. Bei der schriftlichen und mündlichen Apologetik .ans diesem Gebiete muß klar unterschieden werden, ob einerseits sich von selbst darbietende Schwierigkeiten gelöst werden sollen, oder man andererseits bei unbewiesenen Hypothesen die bloße Möglichkeit einer solchen Auffassung bestreiten will. Kei der Bekämpfung der unter Wellhausens Namen gehenden Evolutionstheorie muß darauf hingewiesen werden, daß die Wurzeln der Lehren dieser Art in dem doppellem Streben zu suchen sind, zunächst die Bedeutung des Judentums zu verkleinern, um dann auf seine Kosten die christliche Religion zu glorifizieren, die als das Ziel der Entwickelung erscheinen soll. Der Lehrer der Exegese muß mit Konzessionen an die moderne Bibelkritik sehr zurückhaltend sein, selbst da, wo nach seiner festen Ueberzengung dadurch kein Glaubenssatz irgendwie berührt wird. Es ist zu bedenken, daß häufig solche Konzessionen der Lehrer den Schüler zu weitergehenden Zugeständnissen veranlassen, da dieser, seine Unreife unbewußt, sich für befähigt hält, darüber zu urtellen, was erlaubt oder was religionswidrig ist. Dem Lehrer wird cs dann schwer werden, seinem Zuhörer ein wirkungsvolles Halt zuzurufen. Die Diskussion über das letzte Referat mußte wegen der vorgerückten Stunde bis auf weiteres vertagt werden. Mit einigen Worten schloß der Vorsitzende die Versammlung. Aus aller Weü. Deutsches Reich. Berlin. Nachdem auf Anregung und mit Unterstützung der „Großloge" und .des „Zentralvercins Deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens", am 30. Mai v. I. der.„Verband der jüdischen Fugcndvereine Deutschlands" begründet und arbeitsfähig gemacht worden war, glaubte die Aroßloge ihr Augenmerk nunmehr der weiblichen Jugend zuwenden zu können, deren Organisation sie ebenfalls sell einer Reihe von Jahren beschäftigt. Zu diesem Zwecke wandte sie sich im August v. I. mit einem Rundschreiben zunächst an die Logen und die bereits bestehenden Jungfrauenvereinc in Deutschland um Ueberlasfung von Material zum Studium dieser Frage. Einige Monate später (14. Nov. 1909) hielt Herr Dr. E. Finkcl als Referent in dieser Angelegenheit im engeren Kreise hervorragender Vertreter der Großloge ein Referat, das dann im Logenorgan abgedruckt und in den einzelnen Logen diskutiert wurde; der Referent selbst sprach in verschiedenen Logen über dieses Thema. Nun wird dieses Referat über die Organisation der weiblichen Jugend auch Nichtlogenkreisen zugängig gemacht, und wir bringen daher nachfolgend seine Leitsätze: 1. Infolge der veränderten sozialen Verhältnisse ist. es unbedingt nötig, daß die jüdische» Töchter besitzender Eltern für soziale Hilfsarbeit gewonnen und ausgebildet werden. 2. Für die erwerbstätige weibliche Jugend ist die Errichtung von .Heimathäusern anzustreben, in denen die Mädchen gegen geringe Bezahlung Wohnung und Kost erhallen. Mll diesen Heimen sollen Herbergen für von außerhalb ankommende und stellungslos gewordene Mädchen, sowie WohnungsNachweise und Stellenvermittlungen verbnnden werden. 3. Die Heimathäuser bilden den Sammel- und Mittelpunkt auch für die anderen am Orte gewerblich-tätigen Mädchen, die nicht im Heim wohnen. An den Geselligkeits- und Vortrags - abenden und gemeinsamen Spaziergängen sollen dieselben teilnehmen können. 4. Zur Deckung der Kosten soll die Großloge einen großen „Verein der Freundinnen jüdischer Mädchen" ins Leben rufen, der an geeignet erscheinenden Plätzen Mädchen- und Frauenklubs gründet, sowie' Heime errichtet. Frankfurter Israelitisches Familiendlatt. Anfragen in dieser Angelegenheit beantwortet das Büro der Großloge U. O. B. B., Berlin IV. 62, Kleiststratze 12. Berlin. Sehr besorgniserregend ist das starke Auschwellen der jüd.-ch r istlich en Eheschließungen. Während .noch im Jahre 1900 der Prozentsatz der jüd.-christl. Eheschließungen 18,58 ausmachte, ist er 1908 auf 28,28 gestiegen. 1908 wurden nämlich in Preußen neben 2623 rein jüdischen Ehe 742 jüd.- christl. Ehe geschlossen. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält fortgesetzt Nachrichten über neue Ausweisungen von Juden aus den verschiedensten Gegenden Rußlands. Ein heutiges Telegramm aus Petersburg lautet: „In Torobez (Gouv. Pleskau) werden hunderte v o n I u d e n, die über 30 und 40 Jahre dort wohnen und denen wegen langjähriger Ansässigkeit selbst von Plchwe das Wohnrecht gewährt worden w-r, jetzt ausgewiescn. Die Ausweisung erfolgt auf Anregung des Polizeichess Dominski, obgleich die Vertreter aller Gesellschaftsklassen, der Adelsmarschall, der Stadtrichter, der Landrichter und die Geistlichkeit bei dem Ministerium. für die Rechtschaffenheit der zur Ausweisung bestimmten Personen eintraten und die Rücknahme 'der Ausweisung erbeten haben. Auch die Kinder-Ausweisungen aus Moskau nehmen ihren Fortgang. Preßprvteste gegen diese Grausamkeiten werden hart bestraft. Das Wochenblatt „Jüdische Welt" z. B. ist unterdrückt worden, weil es in einem Artikel ausführte, daß, wenn solche Gesetze wirklich existieren, doch das Vorgehen der Behörde unzulässig sei, da sich keine Regierung auf kannibalische Gesetze, die bestiminen, daß Kinder aus den Armen der Mütter gerissen werden, stützen könnte. Charakteristisch ist auch folgende Nachricht: Zum Geburtstag des Zaren sandte der bekannte Millionär und Philanthrop Leo Brodski im Nanien der Jüdischen. Gemeinde in Kiew ein Huldigungstelegramin an den Zaren mit der untertänigsten Bitte, der Zar .möge an diesem Tage in Gnaden der aus Kiew ausgewiesenen Juden gedenken und ihnen das Verbleiben in Kiew gestatten. Auf dieses Telegramm ist eine Antwort nicht erfolgt. Dagegen dauern die Massenausweisungcn fort. Die Zahl der Ausgcwiescnen wächst von Tag zu Tag. Auch eine Reihe von Juden, die bisher nicht auf der Liste der Auszuweisenden standen, mutzten Kiew verlassen. In Privatwohnungen werden nächtliche Haussuchuirgen vorgenommen, um festzustellen, ob Juden, denen man das Wohnrecht verweigert, im Hause sind. Angesichts der bedrohlichen Lage der Juden in Rußland, die großes tvirtschaftliches Elend und starke Auswanderung im Gefolge hat, niuß sich der Hilfsverein zu einer größeren Hilfs-Aktion vorbereiten, für die die Commerz- und Diskonto- Bank, Berlin IV., Charlottenstraße 47, Beträge entgegennimmt. Oesterreich-Ungar«. Wien. Da§ Initiativkomitee zur Einberufung eines Emigrationskougresses versendet ein Expose an die jüdischen Organisatiouen, die sich für die Emigration interessieren, und an mehrere jüdische Gemeinden. Die Denkschrift begründet die Notwendigkeit her Regelung der jüdischen Aus-, Durch- und Einivanderung und beantragt die Einberufung eines Allgemeinen jüdischen Emigrationskongresscs für Mitte September nach hier. Wien. Der Beschluß des Budgetauss chuss.es, bei der Volkszählung neben der Umgangssprache die Nationalität fcststelle» zu lassen, hat eine für die Juden Oesterreichs schwerwiegende Bedeutung. Durch diesen Beschluß, dessen Annahme im Plenum des Abgeordnetenhauses — wie es scheint — gesichert ist. wird ein Ziel, das die nationale Judenschast seit langem verfolgt, in greifbare Nähe gerückt: die Anerkennmrg der jüdischen Nationalität in Staat und Schule. Die Organisierung der für die Volkszählung von sellen der neuen jüdischen Reichsexekutive nötigen Vorarbeiten ist, wie wir hören, in vollstem Gange. Budapest. Der Monat März d. I. hat einen traurigen Rekord erlangt, denn 62 jüdisch-christliche Ehen sind in diesem Monate in Ungarn geschlossen worden. Czernowitz. Abg. Dr. Strauch er hat in der Propinationsfrage an den Landespräsidenten ein offenes Schreiben gerichtet. In diesem Schreiben heißt es: „Mit dem Erlöschen der Propinationen verschwinden Propinatoren und Schanker — und werden nun selbständige Konzessionäre auf Grund der Gewerbeordnung erstehen, welche dieses Gewerbe betreiben sollen. Nr. 21. Nun wird bedauerlicherweise auch diese wirtchaftliche und gewerbliche Konzessionsangclegenheit zum politischen Kampfobjekte im Lande. Auf der einen Seite stehen die bisherigen jüdischen Schänker, die durch das Erlöschen der Propinationen ihren Erwerb verlieren müßten, wenn ihnen keine Schank, und Gastgewerbe-Konzession verliehen würde, — auf der anderen Seite aber bemächtigen sich die politischen Parteien dieser mehr oder minder einträglichen Konzessionen unter dem Vorwände, solche angeblich auch der bäuerlichen Bevölkerung zugänglich zu machen ... Auch da spitzt sich die Frage dahin zu, daß an Stelle jüdischer Schänker andere, darunter namentlich privilegierte Gemeindcschänker, mit Gast- und Schankkonzessionen bedacht werden sollen. Die rettenden Politiker des Landes machen sich da nicht die geringsten Skrupel, daß durch die Entrechtung der bisherigen jüdischen Schänker etwa 3000 Familien, also etwa 18000 b is 20000 Menschen, völlig brotlos würden und daß eine unaufhaltsame Proletarisieruug breiter Volksschichten und ein Massenelend heraufbcschworen werden müßte." Lemberg. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die polnische national-demokratischo . Partei antisemitisch ist, so ist dieser Beweis anläßlich ihrer am 22. und 23. Mai hier stattgehabten Konferenz erbracht worden. Zu dieser Konferenz war nicht ein Jude — nicht einmal die beiden jüd. Abgeordneten Gold und G a l l, ivclche der Partei angehören — zugelassen worden, und Pater Stojal o w s k i und Dobia, zivei ausgesprochene Antisemiten, führten das Hauptwort. Türkei. Konstantinopel. Ein angesehener hiesiger Jude hatte dieser Tage eine Unterredung mit Faraggi E f f e n d i. dem jüd. Deputierten von Konstautin o p e l. Sie unterhielten sich eingangs über das Einwan d e r u n g s g e s^ tz, das nach Faraggis Meinung erst im Winterhalbjahr vor das Parlament kommen dürfte. Auf die Frage, ob er und die andern jüdischen Deputierten in dieser Frage Stellung nehmen würden, erwiderte Faraggi, daß sie selbstverständlich energisch die Sache der Einwanderuugsfreiheit in alle Gebiete der Türkei verteidigen würden. Vielleicht wäre . es aber opportun, daß er als Jude gar nicht persönlich das Wort ergreife; in diesem Falle glaube er aber versichern zu dürfen, daß 50—60 seiner muselmanischen Freunde, davon wohl die Hälfte Chodschas (Priester), entschieden für den freien Zutritt der jüdischen Emigranten plädieren tvürden. Im weitern Laufe der Unterhaltung drückte Faraggi seine Bewunderung für den Zionismus aus. Was er an dieser Bewegung aus taktischen Gründen mißbillige, das sei der Mißdeutungen zugängliche Name, der vielen Attacken ausgesetzt sei, und die Hauptschlagworte, die bei Verbreitung der Idee in die Massen geivorfen würden. „Ich will genau dasselbe wie sie," meinte er „werde aber andere Wege einschlagen, um zu dein gleichen Ziele zu - kommen. Es muß nicht immer gerade eine einzige Tür sein, durch die mau .irgendwo hineintvill." Was er aber am Zionismus schätze und nicht genug rühmen könne, das sei die k u l t u r e l l e L e i st u n g d e s s c l b e n. Es sei geradezu unglaublich, welche wunderbare» Erfolge die Bewegung auf diesem Gebiete zeitige. Die Wandlung des jüdischen Lebens in Konstantinopel seit dem Eindringen der zionistischen Idee sei geradezu erstaunlich. Wo früher Stagnation. Gleichgültigkeit herrschte, sei jetzt Leben und tatkräftiger Enthusiasmus. In dieser Richtung habe der „Makkabi" geradezu bahnbrechend gewirkt. Dieselbe Jugend, die zuvor in nichtigen und unmoralischem Zeitvertreib anfgegangen sei, bringe jetzt ihre ganze freie Zeit mit körperlicher und geistiger Selbstzucht hin, lerne und' verbreite die hebräische Sprache und die Liebe zur jüdischen Kultur. Das sei die Wirkung des Zionismus. Er iväre daher viel eher dafür, daß die Träger solcher Bestrebungen in der Türkei ihnen etwa d.en Namen „Jungjüdische Renaissance" beilegen. Dagegen würde niemand Front machen. Ginge eine solche Bewegung mit der zunehmenden Einwanderung von Juden Hand in Hand, so würde sich als Kernpunkt dieser Kulturbestrebungen ganz von selber Palästina ergeben, das allen Juden teuer sei. Das zionistische Ziel eines palästinensischen. Kulturzentrunis würde sich also ohne politische Taktiken ganz von selber ergeben, ohne irgendwelchen Gegnerschaften ansgesetzt sein zu müssen. Rußland. St. Petersburg. Verschiedenes. — Zum vierten Mal wurde im Senat über das Zirkular Stolypins verhandelt, welches den Juden, die nur innerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, den Aufenthalt außerhalb der Städte während des Sommersuntersagt. Der Vertreter des Ministeriums bat den

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