Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 21 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692686--05450-2700364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21. Srorftlfutfet JftaEW« MkmMnMaL Seite 3. tief in seinem Blute und macht ihn zuin reichen Hungerleider, zum König in Luftregionen, zum Auserwähltesten der Auserwählten. In Galizien haben wir lauter wunde Punkte am Leben des einheimischen Inden. Alle sozialen Fragen, die schon bekannten urck> auch nagelneue, sind hier zum Spottpreise zu haben! Lauter Fragen ohne Antworten! In erster Linie ist ja überhaupt alles, das einen Juden betrifft, schon dadurch eine Frage, weil es eines Juden Sache ist!! Das weiß jeder, auch wenn er selbst kein Jude sein will! Dann kommen: die Propinationsfrage, Hausierhandel, Sonntagsruhe, Kleinhairdel, Volksbildung, jüd. Ncberbevölkerung, Emigration, Befähigungsnachweis und weitere, ebenso würdige Ringe in dieser unendlichen und bunten Fragenkette. Alle diese Fragen werden bis an den heutigen Tag nur höchst ungenügend, ja überhaupt nicht beantwortet. Alles, was geschehen ist und geschieht, marschiert ins Galizierland unter dem großtuenden Banner der Wohltätigkeit und erzieht die nicht sehr verzogenen Juden zu — Bettlern. Es müßte jeinand ziemlich schlecht im Kopfe haben, wenn er auf ausgiebige Selbsthülfe im Lande selbst rechnen wollte! Solange am galizischen Juden mit Palliativen herumkuriert wird, konimt es nur auf mildtätige Gaben an. An ihn mit gesund und groß angelegter Wirtschafts- und Volkspolitik heranzutretcn, sind im Großen und Ganze» bisher — spanische Dörfer oder böhmische Wälder. Und doch! Und doch kann's und wird's anders nicht gehen! Nicht in-undausländische Wohltätigkeitsvereine gründen, sondern Gesellschaften insLeben rufen, die Fabriken bauen und Gewerbe bilden, nicht Reise karten einzelnen Emigrierenden plan- und ziellws verschaffen, sondern Emigratis n s - undJmmigrationspolitiknach fixierten Grundsätzen und festgesetzten Zwecken treiben, die Jugend zu kulturellen Europäern, tüchtigen, arbeitsfrohe »Bürgern erziehen, siean gesunde Arbeit im Felde, in Garten, in der Fabrik, in der Werkstätte, im Kleinhandel heranzichen und nicht zu Luft men scheu, Gelegen heits Haschern heran wachsen lassen! Volksbildung, Sinn für physische Arbeit, Lebensfreude und Kanipfeslust müssen sich die Hände reichen, wenn es gilt, ernst zu wollen und fest zu bauen! Gestählt müssen ' die Massen werden, nicht daß sie mit Lammesgeduld leiden und das unbeholfene, aus Passivität geborene und historisch bis zum Ueberdruß wiederholte Seufzen und Flennen „crescendo" fortpflanzen! Das können sie für jeden Fall schon ziemlich meisterhaft! Es wäre sonst auch die höchste Zeit, daß im XX. Jahrhundert der geschichtlichen Seufzerallee ein Ende gemacht wird! Lernen müssen sie, auf jedes Hindernis selbstbewußt und muskelfest losschlagen und überrumpeln oder auch mit Ehre niedergerumpelt werden! Kraft muß gezüchtet werden, daß sie sich selbst hilft! Daß nicht noch so gut gemeinte, im Grunde aber nichts vollbringen könnende einzelne Hilfsaktionen eingreifen, wo Elerrd, Niedergang, Jn-den-Tag-hineinleben noch größere Not gebären und auf Krücken und Stützen um die alten Götzen der jüdischen Massenverelrndung blutleer und lebensunfähig nach alten Weisen hcrumtänzeln! Solange der Nagel nicht richtig und fest auf den Kopf getroffen wird, solange bleiben alle Fragen nichts mehr als Fragen! Man dreht sich im Kreise herum und kommt nicht vorwärts! Wenn es weiter nach Urvätergebrauch geht, werden noch künftige Generationen auf das Thema des müden Ahasvers ohne Aufhör pathetisch, aber nutzlos deklamieren und die Vernünftigen fragen: tzuo usque tandem . . . .?? Generalversammlung des„Berba«des orthodoxerRabbiuer Deutschlands". Unter reger Beteiligung der Mitglieder fand am 16. und 17. Mai zu Frankfurt a. M. die Generalversammlung statt. Dr. Breuer (Frankfurt a. M.), der Vorsitzende, begrüßte die Erschienenen. Sodann erstattete Dr. Breuer (Aschaffenburg) den Bericht, dem wir folgendes entnehnien: Der Verband hat in der verhältnismäßig kurzen Zeit feines Bestehens bereits auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen jüdischen Levens eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Zn bedeutsamen aktuellen Fragen, wie Gesamtorganisation der jüdischen Religionsgesellschaft in Preußen, Sonntagsruhe, badisches Gebetbuch, französische Rabbinerversammlnng nsw., hat er durch Eingaben und Erklärungen Stellung genommen. In der Angelegenheit der Schochtim-Aus- und Fortbildung hat die aus Dr. Bamb e r g e r - Hanau, B o n d i - Mainz und C a h n - Fulda bestehende Kommission in Bezug auf die grundlegenden Fragen ihre Arbeiten bereits vollendet/ Es steht zu erwarten, daß der Verband in der Folgezeit in immer weiter sich erhöhendem Matze seinen mannigfachen Ausgaben gerecht werden und sich so immer mehr zu einem ebenso unentwegten, lvie unentbehrlichen Vertreter der Anschauungen und der Grundsätze entwickeln wird, die gerade in unserer Zeit umsoweniger ohne berufene Annehmer bleiben dürfen, je zerfahrener und begriffsverwirrter sie ist. Auch die Zahl der Mitglieder hat sich in erfreulicher Weise erhöht, und bedenkt man, daß die Grundsätze des Verbandes — int Sinne der Vorbemerkung seiner Satzungen — es ihm unmöglich machen, Mitglieder des allgemeinen Rabbiner-Verbandes aufzunehmen, so wird man die Anzahl von 56 Mitgliedern als eine recht stattliche bezeichnen und als. einen Beweis dafür ansehen können, daß ein treues, entschiedenes, durch keine Rücksichten falscher Opportunität beirrbares Festhalten an den Grundsätzen der Orthodoxie, wenigstens im Kreise der geistigen Vertreter des deutschen Judentums die ihm gebührende Würdigung findet. Dem Berichte schloß sich eine sehr angeregte Diskussion an. Nach Beendigung der Diskussion ergriff der Vorsitzende das Wort zur Abhaltung eines halachischen Vortrages über ein talmudisches Thema (B. Mezia 27). Unter gespaimter Aufmerksamkeit der Anwesenden unterzog sich der Vortragende seiner Ausgabe in ebenso sachkundiger, lvie scharfsinniger und lichtvoller Weise. Ein auch durch geistige Darbietungen gewürztes Mahl beschloß den ersten Vormittag der Verhandlungen. Zur Abhaltung seines Referates über „die Lage der Orthodoxie" war Dr. Biberfeld-Berlin leider verhindert, persönlich zu erscheinen. Es mußte darum seitens 'des Vorstandes zur Verlesung gebracht werden. Der Referent schickte seinen Darlegungen eine Abgrenzung des Terrains der Orthodoxie voraus. Sie hat die Prätention, das Judentum zu sein. Das System des liberalen Judentums ist ein Konglomerat negativer Qualitäten. Seine Göttesanschauung ist nicht monotheistisch, sondern nur antipolytheistisch. Nur eine dünne Oberschicht der jüdischen Gesellschaft bekennt sich, zu diesem System. Gerade in den Großstädten, diesen Zentren des praktischen Abfalls, hat .die Bevölkerung mit der Neologie innerlich nichts gemein. Nichtdestoweniger muß die letztere, weil sie die Rückkehr erschwert, energisch bekämpft L werden. Der erste Teil des Referates«wirft einen kurzen Rückblick auf die Momente,, die in den fünfziger bis siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ' den Rückgang der Orthodoxie begünstigten, und schildert in warmen Worten, wie , schmerzensreich die Geburtsstunde der deutschen Orthodoxie, ^daneben aber und noch mehr doch .auch, wie freudenreich sie war. Im zweiten Teile.kommt der Referent auf das Austrittsgesetz vom 28. Juli 1876 zu sprechen und betont er, wie dieses bedeutsame Gesetz nicht nur im Verhalten der Reform zur Orthodoxie eine Wandlung herbeigeführt, sondern in, den Religionsgesellschaften den alten reinen «Begriff der jüdischen Gemeinde wieder hergestellt . habe und wie die ausgetretenen Gemeinden gegenüber.den Versuchen der Zwangsorganisation die berufenen Vorkämpfer seien. Die vom Austrittsgesetz so erfolgreich angebahnte Scheidung der Geister wurde durch die anfangs der achtziger Jahre einsetzende antisemitische Bewegung wesentlich gehemmt. Man bedurfte oer Orthodoxie in ihrer Sachverständigkeit gegenüber den literarischen Verunglimpfungen, die das Judentum Vonseiten des Antisemitismus über sich ergehen lassen mußte und schloß sich zusammen. Bon der Abwehr kam man zur gemeinsamen Arbeit in sozialen Bestrebungen. Es folgten die Logen, die Geschichtsvereine und schließlich der Verband deutscher Juden. Trotz anhaltender Intoleranz der Reform, trotz Organisationsprojekt usw. griff eine mildere Beurteilung der Reform Platz, bis die Gründung der „Liberalen Vereinigung" die Situation fanalgleich erhellte. Pflicht der Orthodoxie in der Gegenwart sei, nicht in der bloßen Mwehr ihre Genüge zu finden, nicht in einem Wettlauf mit den gegnerischen Organisationen um die Gunst der öffentlichen Meinung ihren Stolz zu setzen, sondern in der Erkenntnis des eigenen Könnens, in richtiger Einschätzung ihrer Fähigkeiten und in treffender Distanziierung ihrer Bedürfnisse positive Arbeit im Innern und nach innen zu leisten. In seinem Korreferate verbreitete sich Dr. C a h n - Fulda über den Begriff, der,O>rthod o x i e" als einer zwar unzutreffenden, doch einzig unterscheidenden Bezeichnung. Redner betonte besonders, daß die „Freie jüdische Vereinigung" alles aufbiete, um den Schein zu erwecken, als gehörte sie nicht zu den Gegnern > der Orthodoxie. Nachdem er zum Schluß den Mangel an Offenheit und durchgreifender Schärfe, mit der so oft im eigenen Lager, z. B. gelegentlich der Aufnahme von Berliners Randglossen zum Gebetbuch (die vom badischen Oberrat bereits weidlich ausgebeutet wurden) vorgegangen werde, als eine schwere Unterlassungs- Sünde bargelegt hatte, ging die Versammlung zur Besprechung der beiden Referate über. Es folgte sodann das Referat des Rabbinatsassessors P o s e n - Frankfurt a. M. über „Rahrungs- und Genußmittel." Redner besprach in ebenso sachverständiger, wie gründlicher und übersichtlicher Weise die rituelle Zuverlässigkeit einer großen Anzahl von Nahrungs- und Genußmitteln, und seine Ausführungen veranlaßten eine lebhafte Diskussion. In ihr behandelte u. a. Dr. Meyer - Regensburg Schäden des Restaurations-Wesens, indem selbst solche Betriebe, die auch an gesunde Gäste am Sabbath gekochte Speisen verabreichten, für rituell zuverlässig erklärt würden, und beantragte, den Hamburger Speiseverein dieserthalben anzufragen: der Antrag wurde angenommen. Ferner wurde auf Grund eines Antrages Dr. M annes-Schwabach die Einrichtung einer Zentral-Auskunftsstelle für die Zulässigkeit von Nahrungs- und Genußmitteln in Aussicht genommen. * Die Tagung des 17. Mai begann mit einem außerordentlich instruktiven Bortrage Dr. Hirschfeld 's-Gießen über „Schaatnes." Der Redner ging von der Tatsache aus, daß es bei der heutigen Fabrikation und Verarbeitung der.Stoffe dem Nichtfachmann' einfach unmöglich sei, zwischen Leinen, Jute, Hanf, Baumwolle, Wolle usw. zu unterscheiden. Noch schwerer ist .ein Weg zu finden, ein Gemischtgewebe aus beispielsweise Hanf und Leinen zugleich nach seinen qualitativen Bestandteilen zu prüfen. Die mechanische Behandlung von Flachs, Hanf usw. ist genau die gleiche. Hierzu kommt noch, daß in den letzten Ja^zehnten zahlreiche andere ausländische Faserstoffe gls Stellvertreter des Hanfes und Flachses in die europäische Industrie eingeführt worden sind, daß ferner verschiedene Pflanzenfasern miteinander verwebt werden, sodaß bei einem Gewebe die Kette von einer anderen.Art ist, als der Schuh. Die Möglichkeit einer Untersuchung durch chemische Säuremittel wird von der modernen Wissenschaft verneint. Auch auf dem Weg des Verbrennungsprozesses gelangt man hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Leinen und Hemf zu keinem Resultat. Aus dieser Schaatnes-Misere vermag nur die mikroskopische Untersuchung der rohen Pflanzenfaser zu befreien: eine Methode, die auch der unter Aufsicht des Referenten stehenden Fabrikation von Koscherwattierleinen zu Grunde liegt. Mit überzeugender Klarheit schilderte Redner die Zuverlässigkeit dieser Methode und den Gang der von ihm beaufsichtigten Fabrikation und schloß seine Ausführungen mit dem Wunsche, daß die Erkenntnis der Bedeutsamkeit des Schaatnesverbotes jeden einzelnen anspornen möge, sich von Uebertretung dieser göttlichen Vorschrift fern zu halten. — Das Referat wurde eingehend besprochen, und eine aus Dr. Hirsch feld -Gießen, Dr. Schiffer- Karlsruhe und P o s en-Frankfurt a. M. bestehende Kommission wurde mit der Aufgabe betraut, die zweckentsprechenden Maßregeln in die Wege zu leiten. Es folgte nun das Referat Dr. B o n d i' s - Mainz über das Thema: „Wie weit ist die moderne Bibelkritik beim Unterricht zu berücksichtigen?", in welchem der Redner das Verhältnis des orthod. Judentums zur Bibelkritik besprach. Der Redner führte ungefähr folgendes aus: Seit geraumer Zeit wiederholen sich die Versuche, weite Volkskreise mit den Ergebnissen der destruktiven Bibelkritik vertraut zu machen (Regenbogen-Bibel, Schriften Cornills, BolMbibliotheken, Zeitungen). Zeigt nun auch die Erfahrung, daß man trotz allem der Bibelkritik nicht das erwartete Interesse entgegenbringt, so dürfen wir doch den großen Gefahren gegenüber, die gerade dieser Zweig des Wissens, in sich trägt, beim Religions-Unterricht nicht untätig und sorglos sein. Verbietet sich nun eine eingehende Beschäftigung mit der modernen Bibelexegese an Schulen und Lehrerbildungsanstalten schon deshalb, weil die Schüler meist nicht über die genügende Bibelkenntnis verfügen, so müssen doch den Besuchern des Obergymnasiums und Lehramtskandi-