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Neue jüdische Presse · 1910-06-03 · Heft 21 (3.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 21 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. daß die Chaluka in ihrer jetzigen Form*) keine Lauernden Folgen zeitigen kann, daß sie kein gesundes jüdisches Leben in Jerusalem schafft. Denn sie bewirkt nicht die allmähliche Selbständigkeit der Unterstützten. Es bleibt bei der fortwährenden Philanthropie, die auf die Dauer unangenehme Folgen Hervorrufen muß. Mer die Chaluka in ihrer jetzigen Form ist nicht nur aus sozial-ökonomischen Ursachen zu verwerfen, sondern auch vom Standpunkte der Orthodoxie selber. Es ist Uar, daß das fortschreitende Leben auch in Jerusalem mit der Zeit Neues schaffen wird. Und dann wird das Jerusalemer Judentum notgedrungen dem Einflüsse derjenigen verfallen, die ihm dazu verhelfen werden, eine normale Lebensexistenz zu erwerben. Kenner der Verhältnisse weisen schon jetzt auf drohende Symptome der inneren 'Zersetzung unter den Chaluka- Juden hin. Nun ist es eine altbekannte Tatsache, die durch das geschichtliche Leben vieler Völker unzählige Male bewiesen wurde, daß die einzige Klasse, die die geschichtliche Kultur und Religion festhält und konserviert — die Bauernklasse ist. Mich Juda selber hat sich am längsten gegen Rom behaupten können, weil es am spätesten die Klasse der selbständigen Bauern bewahrt hat. Und sogar das babylonische Judentum hat so viele jüdische Kulturschätze ansammeln können, weil es am längsten beim Ackerbau blieb. Und wie gesagt, bei allen Völkern sind es die Bauern, die die nationale Kultur durch alle Stürme hindurch hinübergerettet haben. Und unseren großen Lehrern der Mischna-Zeit und der Talmud-Epoche war diese Idee so llar, daß sie sich nicht ermüden, in Hunderten von Variationen die Bedeutung des Ackerbaues hervorzuheben. Da eröffnet sich für unsere gegenwärtige Orthodoxie ein fruchtbares Tätigkeitsgebiet. Ich meine gar nicht, daß sie das zionistische Programm annehmen soll, daß' sie unbedingt zusammen mit der zionistischen -Organisation arbeiten soll, obwohl ich von meinem Standpunkte dies als das Natürlichste und Konsequente ansehen muß. Wer ich gehe nicht so weit und trage den — mehr theoretisch konstruierten — Befürchtungen der wirklich -frommen Juden Rechnung. Aber nun sollen unsere Orthodoxen, denen unsere täglichen Gebete aus dem Herzinneren fließen, ihre eigene Organisation begründen, die einen einzigen Zweck verfolgen soll: vor allem so viel als möglich Jerusalemer Juden — besonders die Jugend — zum Ackerbau überzuführcn und auf diese Weise einen neuen agrikolen' Kolonisationsstrom in Palästina zu schassen. Ich glaube noch an die Macht der jüdischen Orthodoxie. Rur fehlen ihr der Wille und der Plan zur systematischen Tätigkeit. Wollte die Orthodoxie die kolonisatorische Tätigkeit in Erez-Jsrael verfolgen, sie' könnte die ganze Volksseele aufrütteln und wirklich Großes leisten. Und sic bekäme sicher auch große materielle Mittel. Daran ist gar kein Zweifel 'für denjenigen, der die Psychologie des breiten Judentums einigermaßen kennt. Es handelt sich da nicht darum, schon jetzt praktische Pläne zu entwickeln, aber kurz möchten wir auf ein Tätigkeitsgebiet Hinweisen, das am leichtesten zu bewältigen ist: die Schaffung von Gartenkolonien rings um Jerusalem, herum. 'Jerusalem ist eine.Stadt mit einer hundcrttausendköpfigen Einwohnerschaft, die ein reichliches Absatzgebiet für die verschiedensten Gemüse und Milchprodukte darstellt. Die Einrichtung von Gartenwirtschaften ist nicht so umständlich und nicht so kostspielig, wie die der Ackerbauwirtschaft. Cs ist auch leichter, die Gartcnagrikultur zu erlernen, als den Ackerbau überhaupt. Beginne man mit diesem Versuch, uud die Zukunft wird schon das Weitere von selbst entwickeln. Später würden diese von der Gartenwirtschaft lebenden Juden schon selbst zu intensiveren Wirtschaftsformen übergehen — zu Baum- *) Es scheint, daß der geschätzte Schreiber nicht genau über das von der Freien Vereinigung unternommene Reorganisationswerk unterrichtet ist. Die Redak. Frankfurter JsraelLifches FckmAiknblati. 9fr. 21 Pflanzungen oder zum Anbau von Kulturpflanzen. Mit einem Worte, auf diese Weise könnte man allmählich einen Teil der Jerusalemer Juden zur Agrikultur überführen. Und das können die orthod. Juden selber unternehmen, indem sie zu diesen! Zwecke eine eigene Organisation bilden und einen Teil der Chaluka- Gelder benützen, wenn sie nicht sofort einen neuen Fonds schaffen können. Tatsächlich betrachten wir dies nur als einen Anfang. Denn die ersten Erfolge werden zur Iveiteren Tätigkeit anspornen, und mit der Zeit wird die neugeschaffene Organisation der orthodoxen Juden zur selbständigen Kolonisation übergehen können und müssen. Mer der Anfang muß gemacht kberden. Es muß dabei von: Prinzipe ausgegangen werden, daß mit der Zeit die ganze Jerusalemer Judenschaft selbständig werde und nicht mehr von Almosen leben soll. Es ist ja auch in dieser Beziehung einiges unternommen worden: man bemüht sich, das Handwerk unter den Jerusalemer Juden zu verbreiten. Es ist das recht schön, nur vergesse man nicht, daß der Handwerker auf den Markt angewiesen ist und daß Palästina mit einer in ihrer Majorität iwch in der Naturalwirtschaft lebenden Bevölkerung keinen großen Markt für den Handwerker bietet. Wollen wir die Zukunft des Handwerkers sichern, müssen wir die Landwirtschaft entwickeln. Dann wird ein natürlicher Warenaustausch zwischen Dorf und Stadt sich ausbilden. *■ * * Hier und da hörte man, daß dieser oder jener orthod. Rabbiner — besonders in Deutschland — sich mit dem Gedanken herumträgt, eine neue Organisation zu schaffen, um sich mit der Kolonisierung von Juden in Palästina zu befassen, — aber jedesmal sollte die Spitze des ganzen Planes gegen den Zionismus gerichtet sein. Und in Wirklichkit kam dabei nichts heraus, denn was nur auf Streit und Kampf abziett, kann keine positiven Resultate zeitigen. Jedesmal endigte der Plan mit nichts. Und wenn die orthod. Juden dabei bleiben werden, verlieren sie den letzten Rest ihrer Autorität. Vom Standpunkte der Orthodoxie ausgehend, müßte man umgekehrt mit der positiven Arbeit beginnen. Das Leben wird schon zeigen, auf welcher Seite die Kraft ist, zu wem die Volksmasse mehr Zutrauen haben wird. Aber vor allem positive Arbeit, von einem konsequent durchgeführten Prinzip geleitet, nach einem bestimmten Ziele strebend. Besser wäre, wenn das geeinigte und geeinte Israel sich der Aufgabe der Mischen Kolonisation in Erez-Jsrael unterziehen würde. Ist es unmöglich, sind wir dank dem Golus so zerbröckelt und zerspalten, daß Ibir nicht Zusammenarbeiten können, so müssen wir wenigstens neben einander arbeiten. Die Zionisten mögen ihrerseits arbeiten, der Deutsche Hilfsverein möge seine Aufgaben erfüllen, die neu gegründete Gesellschaft A. I. K. O. mag eine andere Tätigkeit entfalten, und sollen auch die orthodoxen Juden, soweit sie an den anderen Organisationen nicht teilnehmen, eigene positive Arbeit auf dem Gebiete 'der palästinensischen Kolonisation entwickeln. Eins von zwei: oder später wird dieses Nebeneinanderarbeiten in ein Mitcinanderarbeiten übergehen — wie wir es glauben und wünschen, — oder aber eine der Organisationen wird mehr und mehr auf Kosten der anderen wachsen, aber zum Nutzen Israel. Will also die Orthodoxie ihren Einfluß bewahren, muß sie ihre eigene Initiative entfalten, muß sie zeigen, daß sie die Interessen des Volkes auch in materieller Hinsicht wahrnimmt. Und als erste praktische Aufgabe müßte sie sich stellen — die Ueberleitung der Jerusalemer Juden zur Landwirtschaft, und gerade um Jerusalem herum. Ein ökonomisch gesundes Judentum in Jerusalem wird mehr für die Ehre und Größe der ewigen Wahrheiten der jüdischen Religion wirken, .als die armen Bettler, deren Anblick wohl Mitleid, aber keine Achtung Hervorrufen kann. Quo usque tandem...... Prof. M, Margulies (Krakau). Motto: „Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern must" — Goethe. — „Hie Arier — hie Juden" ist die historisch gewordene Völkermusik, bei deren Klängen oft Geschichte gemacht wurde. Vor Zeiten war sie Hallelujamusik des religiösen Fanatismus im Kampfe der europäischen Völkcrgemeinde, heute ist sie Kanonendonner im ökonomischen Wettbelverbe aller gegen alle. Bellum omnium contra omnes, wie weiland Hugo Grotius vorausgesehen hat. Die Rechnung zahlt oft der Jude! Gott sei Dank, daß nicht immer! Er müßte sich dann selbst mit Leib und Seele verkaufen, denn auch die „großen Gelder der Juden" würden in der Zeft, wo mit Milliarden wie mit Spielbällcn herumgewürfelt wird, nicht genügen, die Rechnungen zu quittieren. Ucbrigens gibt es auch Surrogate für bare, klingende Münze, wie z. B. ein blutiger Aderlaß und Ausweisungen in Rußland, zur ewigen Migration gewordene Emigrationen, Sonderstellungen, ökonomischer Boykott! Solche Wechsel sind „gut" auf dem Markte ^nationaler Konsolidierung" so manchen Volkes der Neuzeit und bringen — Superdividende. Der Kredit auch bei jüdischen Bankiers wird nicht im mindesten geschwächt! Kennst Du das Land, das Galizien heißt? — Es ist nicht geradezu die Perle der österreichischen Krone! Eine polnisch-ruthenisch-jüdische Provinz der deutschen Habsburgerdynastie! Ein Land, wo die Unterernährung stolz sich behauptet und Massenelend nackt und schamlos in den Gassen herumschleicht. Ein Land, dessen Edellente genug edel dazu waren, ihr Geld im Auslände zu verbummeln, dessen Bauer selten Fleisch ißt, dafür seinen Gram in der „Wodka" ertränkt, dessen Jude das Ideal eines Lustmenschen und Lumpenproletairers zur vollkommensten Verwirklichung gebracht hat. Ein Land, das auf 7 Millionen Einwohner fast eine Million Juden, mehr als 4 Millionen Analphabeten, Millionen brillante Existenzmöglichkeiten, sonst aber keine anderen Millionen hat. Ja einst! — Einst, zur Zeit, wo die polnische Republik noch nicht gerade felsenfest dastand, der Bauer ein Sklave war und jeder Edelmann König werden konnte! . . . Das war auch das „goldene Zeitalter" des polnischen Juden. Der Pole verstand wenig von Handel, wollte ihn auch nicht verstehen. Der Jude war Kaufmann, Makler, Propinateur, Finanzpächter, Steuereinnehmer. Er diente auch von Zeit zu Zeit zur Belustigung des edlen „Puriz". Er ließ sich die Locken wichsen, sang „Majoses" jiub' ward dafür mit Geld und Gunst gezahlet. Doch heute! Heute ist Polen längst nicht mehr da, der edle Herr hat kein Gefallen für „Majofes", „keinen Sack voll Moneten" für Vergnügen, keine Propination zum Verpachten. Seine Hausjuden müssen sich seit langem nach anderen Geschäften umsehen, er selbst hat nach schwerem Entschluß zur Elle und Wage gegriffen. Arlch mit der Freundschaft ist es aus! Geschäft ist Geschäft! Und am Ende ist „Mosches doch ein Fremder! Ja! Ja! Wo sind die Zeiten der friedlichen Liebe zwischen dem Polen und dem Juden? Der Pole ist selbst Kaufmann, selbst Vermittler, will selbst Gewerbe treiben, Fabriken bauen und denkt so mit Ausschluß des jüdischen Elements an den polnischen Zuknnstsstaat. Und der Jude kämpft, emigriert, tauft sich zuweilen, treibt national-jüdische Politik, verkauft zuweilen seine Tochter einem Mädchenhändler. und hungert. Im Hungern hat er es zur Meisterschaft gerächt! Er hungert sorglos in den Tag hinein und wartet auf ein aus dem Himmel gefallenes Geschäftchen. Er hungert mit dem Frohmut eines Rentners „in xartibus inkickelium" und macht aus der Not eine Tugend. Vielleicht denkt er an seine Vorfahren in der Wüste, denen Manna die Sorge: ums alltägliche Brot vertrat. Undwenn er nicht daran denkt, so steckt doch diese Ueberlieferung

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