Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 21 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JinitKfitrker Sfrnrlitil'itirs fnmilirnlilutt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1.02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— HledaKtion und Geschäftsstelle: Frankfurt a. IN.. vUbclerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße IcTcfon 10507. Aerau.sgeber: AalZ Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Neklainezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _ 1 8. Jahrgang. Freitag, den 25. Ijar 5670 (8. Juni 1910). Nr. 21. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das europäische Gewissen. — Orthodoxie und Zionismus. — ljuo rwgus landein? — Generalversammlung des „Verbandes orthodoxer Rabbiner Deutschlands". — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen- Kalender. — Familienachrichten. Das europäische Gewissen. Kiew und> Finnland . . . . Von Dr. S. M. Mslamed - London. . Mein Glaube an das europäische Gewissen ist unerschütterlich. Ich habe meine guten Gründe und Beweise dafür. Erster Beweis: Der marokkanische Sultan ließ vor kurzem seinen Rebellen ein paar Gliedmaßen abschneiden. Die Sache wurde ruchbar. 'Ein Geschrei der Empörung ging durch Europa. Mit Recht. Tortur ist uneuropäisch, unmenschlich, kulturwidrig. Und die Vertreter der Mächte am Hose des exotischen Sultans überreichten seiner scherifischen Majestät eine Note, in welcher feierlich und bestimmt gegen die von seinen Beamten begangene Grausamkeit protestiert wurde. Zweiter Beweis: Im Jahre 1905 ließ die russische Regierung ein paar tausend Juden verstümmeln, nicht weil sie Rebellen, sondern, weil sie Juden waren. Die ganze europäische Presse brachte einige Depeschen des Wolffschen Telegraphenbureaus über in Rußland stattgefnndene „Ausschreitungen" gegen Juden. Als Protest gegen die Pogrome 'überreichte Europa, Las gesittete Westeuropa, der russischen Regierung ein Schriftstück, das einen Scheck auf zwei Milliarden Mark enthielt .... Und Europa war beruhigt, denn die Besitzer russischer Papiere waren sicher, daß sie ihre Coupons nach wie vor werden schneiden und einlösen können. Das europäische Gewissen .... Dritter Beweis. Finnland war vor der „Konstitution" ein Nest der russischen Revolutionäre. Es ist begreiflich, daß, nachdem die Schwarzen Hundert Sieger geblieben sind, sie Finnland für seine Frevel büßen lassen wollen. Rußland schickt sich an, Finnlands Konstitution „zu beschneiden". Rußland macht gegen die Finnen keinen Pogrom, treibt sie nicht aus, gibt sie nicht dem Hunger und dem Elend preis, sondern es sucht seine Herrschaft in Finnland auszudehnen. Man kann zwar einwenden, imß das unrecht, kulturwidrig ist, aber es ist begreiflich, daß der siegende Feind dem schwächeren.Besiegten am Zeuge flickt. Auch existiert eine Theorie des Völkerrechts, die besagt, daß kein Staat das Recht habe, sich in die Angelegenheit eines anderen Staates einzumischen. Diese löbliche völkerrechtliche Norm wird genau beachtet, wenn es sich um Pogrome gegen Juden handelt. Aber da das europäische Gewissen stark ist, konnte es der „Beschneidung" der finnischen Autonomie nicht ruhig zufehen. Seit einem Monat regnet auf den armen Nicolaus II. eine Flut von Protesten und Kundgebungen europäischer Parlamente, Gesellschaften und Gclehrtenvereinigungen gegen die beabsichtigte Freveltat. Die deutschen Rechtsprofessoren protestierten im Namen des Rechts, die englischen Parlamentarier im Namen der Freiheit, die französischen Protektoren der Menschenrechte im Namen der Menschenrechte, Künstlergesellschaften im Namen der Kunst, Handelskammern im Namen des Handels und ganz Europa ün Namen der Kultur. Ich glaube an das europäische Gewissen . . Vierter Beweis: An einein kalten russischen Aprilmorgen umzingeln russische Gendarmen und Polizisten ein paar Straßen in Kiew, in welchen Juden wohnen, "treiben die Männer und Frauen und Kinder in Trupps zusammen und eskortieren sie bei geladenem Gewehr und blankem Säbel zur 'Bahn. Hunderte Familien, die bis jetzt ruhig gelebt, gegen die Gesetze des Landes nicht verstoßen, ihr Vaterland nicht verraten und keinem etwas zu Leid getan, werden plötzlich einem ungewissen Schicksal, dem Hunger und dem Elend preisgegeben. Die europäische Presse berichtet kurz: „Die Juden von Kiew ausgewiesen," und nur einige liberale Blätter machen ein paar gelinde Bemerkungen. Die Parlamentarier schweigen, die französische Liga für Menschenrechte schweigt, die deutschen Rechtsprofessoren, der Theorie der Nicht- Intervention gemäß, schweigen ebenfalls. Das europäische Gewissen. Mit Recht .... Die Finnländer, das ist etwas anderes. Sie sind nicht Juden und haben auch Geld. Beweis: die Proteste der englischen Handelskammern. Aber die Kiewer Exilanten sind Juden und haben kein Geld. Handelt es sich um Juden und um Geld, dann sind die Vertreter des europäischen Gewissens sehr vorsichtig. Bor einem Jahre wollte die russische Regierung auch die Moskauer Juden ausweifen. Denn auch die Moskauer Juden sind nur Juden. Aber ihnen erging es besser als ihren Kiewer Stammesgenossen, denn sie, die Moskauer, haben Geld; und wenn einer Geld hat, verzeiht man ihm eher sein Judentum. Ein Vertreter der russischen Anleihen in London, ein englischer, nichtjüdischer Lord, telegraphierte einfach an die russische Regierung, und die Moskauer Juden blieben unbehelligt. (So erzählte mir vor kurzem eine Lord Rothschild nahestehende Persönlichkeit.) Für die Kiewer Juden konnte sich keiner verwenden, denn sie sind Juden und haben kein Geld. Das nenne ich europäisches Gewissen und europäische Gerechtigkeit. Diese vier Beweise sprechen Bände. — — — . Ich habe noch mehrere Beweise, so z. B. die Türkei. Man wird noch einmal erfahren, wer den Albanesen Geld und Munition gelieftrt und wer die Kretenser zur offenen Verschwörung gegen die junge Türkei, die das „Unglück" hat, nicht christlich zu fein, angestachelt hat . . . Das ist europäisch und christlich. Solange Japan nicht durch "Kruppsche Kanonen „zivilisier t" war, war Korea ein selbständiger Staat, und solange Persien nicht zivilisiert sein wird, — d. h. solange es nicht genügend Kanonen haben wird, werden russische und englische Reginienter in Persien stehen. Aber der schlagendste Beweis für die sittliche Integrität Europas und ftir das europäische Gewissen sind Finnland und Kiew. * ' * * Ein System der Weltpolitik, das sich auf Lüge, Niedertracht, Faustrecht und Gemeinheit aufbaut, kann sich nicht verewigen. Rom ist dafür ein lebendiges Beispiel. Den Römern hat das Schicksal mit einer Barbareninvasion vergolten, und die europäische Politik, die nur auf Treulosigkeit und schamloser Lüge beruht, wird kein besseres Ende nehmen . . Die vierhundert Millionen Chinesen haben eine gute Zukunft . > . Sie werden auch schon das „europäische Gewissen" rächen, Kiew und Finnland inbegriffen. Die Weltgeschichte ist ein Weltgericht.- Orthodoxie und Zionismus. Von Dr. Daniel Pasmanik-Genf. Ich will da die ganze Frage von dem Verhältnis zwischen der Orthodoxie und dem Zionismus nicht auftollen. Ich rechne mit den bestehenden Tatsachen,- die ja dahin charakterisiert werden können, daß die orthodoxen Juden im großen und ganzen sich für den Zionismus nicht besonders erwärmen. Wer und was daran schuld ist, lassen wir hier unbeantwortet. Die Frage ist auch nicht einfach zu beantworten, denn sie ist sehr kompliziert und ist nur aus der geschichtlichen Entwickelung des Judentums heraus zu erklären. Mer trotz alle dem bleibt ein Punkt, wo die Orthodoxie mit dem Zionismus Zusammengehen muß, resp. wo sie eine selbständige Tätigkeit entwickeln muß, die aber ihrem Wesen nach die Grundforderung des Zionismus ist: wir meinen die praktische Kolonisatio ns tätig keit in Palästina. Der assimilierteste Jude, umsomehr der orthodoxe Jude kann sicher nicht gegen die praktische Kolonisation von Juden in Palästina irgend etwas einwenden. Noch mehr: es ist die heiligste Pflicht jedes orthod. Juden, dem die jüdische Religion nicht bloß formale Aeußerlichkeit, sondern innig gefühlter Inhalt ist, dafür zu wirken, daß womöglich mehr Juden im heiligen Lande sich besetzen. Tatsächlich helfen ja die frommen Juden der ganzen Welt durch die Chaluka vielen armen Juden, die in Jerusalem leben. Die Chaluka sammelt jedes Jahr viel größere Summen, als alle anderen jüdischen Organisationen^ die in Palästina wirken, zusammengenommen. Mer jeher vernünftige Jude muß doch zugeben.