Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 2 Ufcr. 20 daß die okzidentale Judenheit ihre Pflichten gegen ihre Glaubensgenossen verabsäumt und ein Moment von außerordentlicher Wichtigkeit verpaßt, wenn sie nicht mit größter Beschleunigung zur Eröffnung neuer Bildungsstätten wenigstens in Saloniki, Konstantinopel, Smyrna, Damaskus und Aleppo schreitet. Um unerschwingliche Summen handelt es sich bei der Durchführung dieser Pläne in keiner Weise, — Pläne, die vor allem die Erwerbsmöglichkeiten der jungen Generation gewährleisten würden. Dann freilich müßte auch auf rein geschäftlicher Basis eine Gesellschaft gegründet werden zum Erwerb nnd zur Verwertung von Land im ottomanischen Reiche für unsere Glaubensgenossen. Vielleicht ist der Augenblick für eine derartige Gründung zur Stunde noch nicht da. Aber in kürzester Zeit wird die Zeit hierfür gekommen sein. Und dann sollte das Judentum der zivilisierten Welt darauf vorbereitet sein, gemeinsam mit der türkischen Regierung diese Ansiedelungsfrage in die Hand zu nehmen. Um an meine einleitenden Ausführungen anzuknüpfen, möchte ich hervorheben, daß zur Zeit das moderne Regiment in der Türkei seine festeste Stütze in der Armee hat. Die Reform der Zivilverwaltung schreitet, wie nicht anders möglich, nur langsamer fort. Daß auch diese Reform den führenden Männern in der Türkei glücken nröge, müssen wir Juden wünschen. Und wir können alsdann erwarten, daß unseren Glaubensgenossen ein Feld friedlicher Tätigkeit und gesicherter 'Existenz in dem ausblühenden ottomanischen Reiche beschert sein wird. Die Vorbedingungen, die schon unter dem alten Regime in der Türkei vorhanden waren, sind heute unvergleichlich bessere. An uns europäischen und amerikanischen Juden wird es sein, Fehler zu vermeiden und die Stunde zu nützen. In gemeinsamer Arbeit mit der türkischen Regierung kann alsdann, wie ich fest glaube, das Unglück unserer osteuropäischen Glaubensgenossen erheblich gemildert werden." „Wir Engländer". Es ist sehr ausgefallen, daß die Königin Alexandra und König Georg keinen einzigen der jüdischen Freunde Eduards VII. zur Trauerfeier eingeladen haben. Die Safsoon's waren bekanntlich die intimsten Freunde des Königs; er pflegte mehrere Wochen im Jahre in ihrem Palast in Brighton zuzubringen. Das gleiche gilt von Leopold de Rothschild (nicht zu verwechseln mit Lord Rothschild). Kaum hat Eduard VII. die Augen geschlossen, — und die Beziehungen der reichen Engländer mosaischer Konfession aus Bagdad und Frankfurt haben ein unerwartetes, schnelles Ende erfahren. Die Hosiuden waren natürlich unendlich stolz auf ihren königlichen Freund, und die Freundschaft Eduards genießend, glaubten sie wirklich, daß sie echte englische Lords seien. Noch vor kurzem hielt ein Mitglied der Familie Sassoon eine Rede in einem jüdischen Frauenklub in London, in welcher er die jüdischen Frauen ausdrücklich vor der „gefährlichen zionistischen Bewegung" gewarnt hat, mit dem Hinweis auf „Wir Engländer"'. Und in der Tat: Was soll Engländern der Zionismus? Haben nicht die Engländer ein großes, mächtiges Reich? Nun, — alle englischen Freunde des alten Königs sind zur Trauerfeier eingeladen worden, nur „Wir Engländer" nicht. „Wir Engländer" sind kaltgestellt worden. Die englische Presse hat dieses Faktum nicht übersehen und stellt darüber allerlei Betrachtungen an. Von allen Freunden des alten Königs, die sich an dem Schmuck des Trauersarges beteiligt haben, hat nur ein „Engländer", Sir Beerboum- Till und ehemals Oscher Birnbaum, ein silbernes Kreuz geschickt. Die Engländer ohne Anführungszeichen begnügten sich mit Kränzen. Auch das hat die Londoner Presse nicht ohne leise ironische Andeutungen auf die Stammes- und Frankfurter JsraüitiMes Familienblatt. Glaubenszugehörigkeit des Kreuzspenders registriert. Die Juden in Whitechapel trauern nach Eduard mehr als die Engländer. Tausende russische Juden standen die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag vor dem Westminster, um der Trauerfeierlichkeit von Freitag folgen zu rönnen. Seit dem Tode des Königs tragen sie schwarze Bänder oder Schärpen, und man kann jetzt keine Whitechapcler Jüdin ohne Trauergewänder sehen. In allen „Schulen^ fanden Hespedim statt und Jung und Alt, ohne Nnterschiick aller sozialen Position, füllten die mit Schwarz geschmückten Synagogen. Sie sagen nicht „Wir Engländer", aber sie trauern aufrichtig ob des Heimgangs eines Fürsten, dem nichts Menschliches fremd war. London, 22. Mai. Ick. Brief aus Konstantiuopel. Mit der Feier des 50jährig en I ubiläums der Alliance Jsraölite Universelle wurde hier vorigen Sonntag die der Einweihung der neuerbauten Allianceschule in Galata vereinigt. Ein großes Publikum füllte den weiten Saal der Schule aus. Unter den Anwesenden befanden sich Vertreter der türkischen Behörde wie des griechischen Patriarchen. Auch der sympathische amerikanische Botschafter Oskar Strauß, in dem ein warmes Herz für alles Jüdische pocht, war erschienen. Die Feier begann mft der türkischen Nationalhymne, welche von einem Chor junger Mädchen vortrefflich gesungen wurde. Alle Leistungen des Chores, die ftanzösischen Lieder wie das Schlußlied „Adon Olam", ernteten den größten Beifall. Der Großrabbincr Haim Nah um, Ivelchcr der Feier präsidierte, eröffnete die Reihe der Redner mit einer kurzen hebräischen Ansprache, die er in ein Gebet für Herrscher und Volk ausklingen ließ. In seiner meisterhaften französischen Rede hob er, nachdem er die Umstände, welche die Gründung der Alliance begleiteten, gestreift hatte, ganz besonders die kulturelle Bedeutung der Allianceschulen hervor. Die Umwandlung in der Lebensweise der Inden im Orient, in der Familie wie in der sozialen Stellung überhaupt, sei in erster Reihe den Schulen der Alliance zu verdanken. Am Schlnssc richtete er an die anwesenden Journalisten verschiedener Parteien einen Appell, daß sie sich nicht wie bis jetzt mit Gehäffigkeit bekämpfen. Auch sprach er den Wunsch aus, daß fortan zwischen der Alliance und den übrigen jüdischen Institutionen, besonders dem Hilfsverein der Deutschen Juden, Friede und Eintracht herrsche. Außer dem Großrabbiner sprach, Advokat R u s s o, ein ehemaliger Schüler der Alliance, in türkischer Sprache. Für den erkrankten Präsidenten des Schulkomitecs verlas Herr Direktor A. B e n v e n i st a einen Vortrag, der speziell der Einweihung des Schulgebäudes gewidmet war. In diesem Vortrage gelangte das der Schule vom Zentralkomitee in Paris vorgeschriebene Lehrprogramm zur Besprechung. Französisch bleibt Unterrichtssprache. Türkisch soll in Anbetracht der veränderten politischen Lage des Landes in großem Umfange gelehrt werden, und endlich soll auch die hebräische Sprache nicht vernachlässigt werden. Trotz dieser Annäherung können wir uns doch nicht darüber hinwegsetzen, daß der Alliance in erster Reihe daran liegt, die französische Sprache und Kultur zu verbreiten. In B u l g a r i e n, wo die Alliance in ihrem Kampfe mit den Zionisten das Feld hat zum größten Teil räumen müssen, sollen dennoch nach dem Beschluß des dortigen zionistischen Zentralkomitees Alliancefeiern überall stattfinden. Es sollen aber auch die Gegensätze Mischen 1860 und 1910, der Zeit der Gründung der Alliance, wo sie von echt jüdischen Gefühlen beseelt war, und ihren: jetzigen Stand mit ihren assimilatorischen Tendenzen aufs schärfste betont werden. Auch wollen die bulgarischen Zionisten 100 Oelbäume auf die Namen der Gründer der Alliance, Cremieux und Netter, sammeln. Die Alliance wird ihnen hoffentlich dafür recht dankbar sein. —.— Ein Interview mit dem ans Palästina zurückgekehrten Dr. Franz Oppenheimer. Ich: „Welchen Eindruck haben Sie von der ökonomischen Lage in den jüdischen Kolonien empfangen?" Er: „Die allgemeine ökonomische Lage ist eine solide, aber es ist möglich, sie noch zu verbessern. ,Boden haben die Kolonisten genug, und noch mehr als genug — z u v i e l. Darum wird der Boden nicht intensiv genüg bearbeitet. Die Mehrzahl der Kolonisten sind gute Erdarbeiter, aber schlechte Bane rn; es fehlen ihnen die Kenntnisse, die zu einer rationellen Bodenwirtschaft gehören. Es hat mich sehr überrascht, zu sehen, wie wenig, fast garnicht, man sich mit Viehzucht beschäftigt. Warum tun sie es nicht? Ich verstehe es nicht. Und weil sie es nicht tun, fehlt es ihnen auch an Dünger, ohne welchen eine Verbesserung des Bodens unmöglich sst. Ich: Wie haben Sie die Bedingungen für die genossenschaftliche Kolonisation gefunden? Er: Zwei Fragen haben mich interessiert, als ich Erez-Jisroel durchreiste. 1. In Bezug auf das Land. Ob der Boden zur Führungeiner intensiven Wirtschaft gut genug ist, und 2. In Bezug ans die dortigen Menschen. Ob - ich die nötige Anzahl tüchtiger, gesunder und verständiger Arbeiter finden werde, die nötig sind, wenn unser Unternehmen einen Erfolg .haben soll. Auf die erste kann ich antworten, daß das, was ich dort angetroffen habemeine Erwartungen übertraf. Der Boden ist vorzüglich, Wasser ist genug da. Manche Ländereien wären sogar in Europa eine Seltenheit. Es ist die vollständige Möglichkeit vorhanden, eine rationelle Wirtschaft zu führen. Auch Viehzucht kann mau da treiben. Es ist möglich, einen Absatzmarkt in den Städten für die Milcherzeugnisse zu finden, auch Dünger werden wir genug haben. Wenn es etwa nötig wäre, künstlichen Dünger zu benutzen, wird es jetzt nicht schwer fallen, zu versuchen, diesen Dijnger zu schaffen — durch die neuen Versuchsstationen von Ahronsohn. Auch die Menschen, ich meine die Arbeiter, haben mich mehr als befriedigt, besonders J>ie Arbeiter in Galliläa. ' Bessere Arbeiter irgendwo zu finden, ist unmöglich. Fast alles intelligente, kräftige, ehrliche Idealisten, ihrer Arbeit mit Leib und Seele ergeben. Seltene Menschen! Ja, die Bedingungen zur Ausführung.meines Kolonisationsplanes sind die denkbar besten. Ich erhoffen einen vollständigen Erfolg. Ich: Wie gedenken Sie den ganzen Plan zu verwirklichen? Er: Im ganzen wird die Kolonie drei Stadien erleben, bis der ganze Plan vollständig dnrchgesührt ist. Zuerst das Stadium der Gewinnbeteiligung, welches — seiner Form nach kapitalistisch — durch eine besondere Gesellschaft organisiert ist, aber in Wirklichkeit ein Betrieb ist, an dessen Erfolg jeder Beschäftigte direkt interessiert -ist. Drei (juristische Personen) sind jetzt an dem Unternehmen beteiligt: 1. der Nationalfonds, welcher die Ländereien gibt; 2. die Aktien-Gesellschast, die das Betriebskapital liefert und 3. dre Arbeiter- Genossenschaft, die die Arbeitskraft liefert. Das ganze Unternehmen wird durch eine Direktion geführt, zu .welcher alle drei Vertrauen haben. Um Ende jedes Jarhes? wird eine Bilanz ausgestellt. Der Nationalfonds bekommt nur Zinsen von dem Kapital, bas er hineingelegt hat. Die Betriebsgesellschaft 4% vom Gelde, das sie auf Inventar ausgegeben hat, und noch 250/a vom Gewinn. Die Arbeitergenossenschaft bekommt noch außer ihrem Arbeitslohn für ihre Arbeit 750/0 vom Gewinn. Die Betriebsgesellschaft aber verteilt ihren Gewinn den Aktionären, laut meiner bescheidener Rechnung wird cs schon im ersten Jahre möglich sein, Dividende in Höhe von 6—8°/» zu verteilen. Die Arbeitergenossenschaft bekommt ihren Anteil an Dividende von 75 0/0 ausgezahlt, und sie kann damit machen, was sie will; sie hat das Recht, das Geld unter ihren Mitgliedern zu verteilen, oder was noch wünschenswerter ist und was wir hoffen, sie sammelt das Geld, um das Inventar von der Betriebsgcsellschaft abzukaufen! Hat die Arbeitergenossenschaft genug Geld, um das Inventar abzukanfen, so scheidet die Aktiengesellschaft aus, und in der Unternehmung bleiben nur zwei Beteiligte, nämlich: der Nationalfonds und die Arbeitergenossenschaft. Der erste bekommt Zinsen von seinem Gelde, die zweite aber führt das Geschäft auf eigenes Risiko und bekommt von niemandem Lohn für ihre Arbeit, dagegen hat sie aber den ganzen Gewinn. Es ist das das zweite Stadium, welches ich „Landwirtschaftliche Produktiv-Gescllschaft" nenne, schon nicht mehr eine kapitalistische Unternehmung, sondern ein Betrieb.