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Neue jüdische Presse · 1910-05-27 · Heft 20 (27.5.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 20 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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grtanfilutUx fmrlitifilirs familirnblaft. ( Ti, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnemrntSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei tnS HauS. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (ein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen:! Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Sünder Mk. 2.— 4.- - .... PedaLtto« ntto H-fchLftsstelkc trankturt a. M., Vildetevstraße 4/6, tde Lleichßra-e Goref»« 10507. $**>«#$<***: KalU , - —: InsertionSpreis«: Die viergespaltene PetitzeUe. 25 ffg. Die Aeklamezeile. 100 ,. Platz- und Daten-Lorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberetnkunst. 8. Jahrgang. Freitag, den 18. Ijar 5670 <27. Mai 1910). Rr. 20. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Dr. Paul Nathan über seine jüngste Orientreise — „Wir Engländer." — Brief aus Konstantinopel. — Ein Interview mit dem aus Palästina zurückgekehrten Dr. Franz Oppenheimer. — DieJubenausweisungen in Rußland. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wo chen - Kalender. — Familiennachrichten. Dr. Paul Nathan über seine jüngste Orientreise. Dr. Paul Nathan äußerte sich in einem Jnterwiew, das der Berliner Korrespondent der New Iorker „Jewish DailyNews" mit ihm hatte, über seine jüngste Orientreise folgendermaßen: „Das vorletzte Mal war ich in der Türkei zur Zeit des alten Regimes, unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Herrschaft Abdul Hamids. Ich muß sagen, daß die Entwicklung seit damals in hohem Grade erfreulich ist. Am deutlichsten treten die neuen Verhältnisse in der Haltung und Ausstattung des Militärs dem Reisenden entgegen. Das Militär, das ftüher vielfach äußerlich einen verlumpten Eindruck machte, ist jetzt nicht nur in Konstantinopel, sondern in dem ganzen ottomanischen Orient, soweit ich es übersehen kann, gut gekleidet, tätig, und man gewinnt den Eindruck, daß das neue Regiment, das sich ans die Armee stützt, für die Armee sorgt und sich bestrebt, in der Armee ein brauchbares - Instrument für die Aufrechterhaltung der ottomanischen Herrschaft bereitzuhalten. Und noch eins: die Zivilbeamten werden bezahlt; ein gewaltiger Fortschritt, und daraus ergibt sich eine Stimmung der Bevölkerung voll Zuversicht in die Zukunft. Diese Tatsachen können die Hoffnung bekräftigen, daß die heute vorhandenen parlamentarischen Einrichtungen in der Türkei Bestand haben, und daß das jetzige Regiment vor ernsten Erschütterungen bewahrt bleibt. Hieran muß uns Juden außerordentlich viel gelegen sein. Die ruhige Entwicklung des Orients, die Bewachung des Orients vor neuer tiefer Zerrüttung liegt im Interesse unserer Glaubensgenossen, die heute bereits im türkischen Reiche wohnen. Und wenn wir an die Zukunft denken, so ist es, unter der Voraussetzung der Befestigung und der modernen Fortentwickelung der heutigen Verhältnisse in der Türkei, keineswegs ausgeschlossen, daß in Uebereinstimmung mit den maßgebenden Instanzen in Konstantinopel ein starker Strom . der osteuropäischen Juden nach dem Orient hingeleitet werden kann. Ich betone dabei auf das Nachdrücklichste, daß eine solche Einwanderung von osteuropäischen Juden in das ottomanische Reich nur nach Verständigung und in Uebereinstimmung mit den leitenden Instanzen in Konstantinopel stattfinden sollte. Ich glaube aber, daß eine solche Uebereinstimmung erzielt werden kann, weil die Interessen unserer Glaubensgenossen und des ottomanische» Reiches in keiner Beziehung in einem Gegensatz stehen. Schon zur Zeit des alten Regimes waren die Juden gute und loyale Untertanen. Sie sind es heute in Anerkennung der Freiheit, welche auch ihnen zugute kommt, an allen Orten, wo ich es beobachten konnte, im allerhöchsten Grade; und sie werden es bleiben. Gerade wir okzidentalen Juden aber, die ihnen zu Hilfe zu kommen wünschen, — wir haben das größte Interesse daran, diese Empfindung bei den Aschkenasim und Sephardim im Orient zu stärken und jede Einflußnahme fernzuhalten, die bei den in nationalen Fragen erklärlicherweise schr empfindlichen Jungtürken auch nur den Verdacht wagen könnten, als könnte das jüdische Element jemals für das ottomanische Reich von zersetzendem Einfluß tverden. Dieser unberechtigte Verdacht, der heute noch in einzelnen jnngtürkischen Kreisen vorhanden ist, wird allmählich schwinden, und dann kann die Türkei einen wesentlichen Nutzen davon ziehen, wenn sie durch die einwandernden osteuropäischen Juden die Zahl der arbeitsamen, loyalen Staatsbürger vermehrt. Die Voraussetzung für eine solche Entwickelung ist, wie ich noch einmal hervorheben möchte, daß sich das ottomanische Reich in seinem heutigen Bestände konsolidiert und daß die moderne Entwickelung in der Türkei ihren Fortgang nimmt. Was können aber wir Juden a u ß e r h a l b der Türkei tun, um die weitere günstige Entwickelung in der Türkei zu fördern? — Nach meiner Ansicht können wir dreierlei tun: Wir können, wenn es am Platze ist, unsere Sympathien mit der neuesten Entwickelung der Türkei nachdrücklich in der Oesfenllrchkeit zum Ausdruck bringen. Und die Sympathien von Millionen Juden aller Kulturländer sind kein bedeutungsloser Faktor für die Regierung in Konstantinopel. Die Juden außerhalb der Türkei sollten sich aber auch hüten, irgend etwas zu unternehmen, was die noch immer schwierige Lage der jetzt herrschenden Richtung in der Türkei weiter erschweren könnte. Wir müssen weiter gehen. Auch im Orient besitzen wir Gegner, die jede sich bietende Blöße gegen die Juden ansnützen. Und es wäre daher im höchsten Grade wünschenswert, daß wir nichtottomanischen Juden jede Erörterung nach Möglichkeit vermeiden, die bei unseren Gegnern auch nur als Vorwand dienen könnte, um die guten Dispositionen des heute bestehenden Regiments in Konstantinopel — ich will nicht sagen zu beseitigen, — aber um auch nicht eine Erschwerung bei der Ausführung dieser Dispositionen herbeizuführen. Die Richtschnur der nicht-ottomanischen Juden muß, wie gesagt, bleiben: Arbeit, eine intensive Arbeit, Hand in Hand mit der Regierung in Konstantinopel. Und nun komme ich zum dritten, was seitens der nicht-orientalischen Juden getan werden sollte» und — wenn sie ihrer Verantwortung in dieser entscheidenden Stunde bewußt sind — getan werden muß. Je unerträglicher die Lage sich in Rußland und Rumänien gestaltet, um so bedeutsamer wird es, neue Existenzmöglichkeiten für diese Unglücklichsten zu schaffen. Niemand kann höher veranschlagen als ich, was unsere amerikanischen Glaubensgenossen für die osteuropäischen Juden geleistet haben und, wie ich überzeugt bin, in Zukunft leisten werden. Das hindert aber nicht, nach Möglichkit dafür zu sorgen, daß auch der Orient aufnahmefähig wird für jene, die der russischen und rumänischen Barbarei bisher nicht entfliehen konnten. Schon rein ökonomisch betrachtet, wäre die Auswanderung nach dem Orient ein außerordentlicher Vorteil; sie läßt sich unter weit geringeren Kosten zu Wege bringen als die in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und Argentinien. Es kommt noch hinzu, daß wir mit den wirtschaftlichen Krisen in Llmerika rechnen müssen, wodurch die Auswanderung dorthin zum Stillstand komurr und unter Umständen einer starken Rückwanderung Platz macht. Es bedarf also nicht der weiteren Erläuterung, welche großen Vorteile es böte, wenn der menschenarme Orient für die Aufnahme jüdischer Einwanderer vorbereitet werden könnte. Diese Vorbereitung zu treffen, ist heute die Aufgabe aller jener Juden, die selbst in gesicherten Verhältnissen leben und in der Lage sind, ihren unglücklichen Glaubensgenossen helfen zu können. Dieser Aufgabe dienen die Bestrebungen des „Hilssvereins der deutschen Juden" und dient die „Gesellschaft für technische Erziehung in Palästina" — Bestrebungen, die mich diesmal wieder nach dem Orient geführt haben. Zu meiner Freude kann ich sagen, daß die Unternehmungen des Hilssvereins im Orient sich in gesunder, erfreulicher Weise fortentwickeln. Und der Augenblick ist nicht mehr zu fern, da die erste Bildungsstätte für Techniker in der Gesamttürkei, aus jüdischer Initiative herausgewachsen, wird eröffnet werden können. Die Pioniere für den technischen Fortschritt im Orient wird dann der Orient selbst bieten können. Und wir können stolz darauf sein, daß der Gedanke zu einer solchen Schöpfung in jüdischen Kreisen zuerst Wurzel geschlagen hat. Der Familie Wissotzky in Moskau und Jacob Schiff in New Jork verdanken wir es, daß die festen Fundamente für dieses Unternehmen gelegt werden konnten. Aber was bedeutet diese eine großangelegte Bildungsstätte gegenüber den Bedürfnissen, die das jüdische Problem im Orient aufweist? Gemeinsam mit meinem Freunde Schemarja Lewin, der in uneigennützigster und aufopferndsten Weise sich seit schon so lange in den Dienst der jüdischen Frage gestellt hat, habe ich diesmal die Möglichkeiten und Notwendigkeiten geprüft und bis in die Einzelheiten durchstudiert. Und es ist ganz unzweifelhaft, daß unsere Glaubensgenossen gegenüber den anderen Volkselementen im Grient ins Hintertreffen gelangen müssen, wenn nicht die Zahl der Bildungsstätten, unbeschadet dessen, was schon vorhanden ist, wesentlich vermehrt wird. Es ist unmöglich, in diesem Augenblick aus die Einzelheiten einzugehen. Aber darauf müßte die Oefsrntlichkeit aufmerksam gemacht werden, .

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