Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. jJi'äTtffurter fäfräifStflilQdf. jjfflnttMeJiitati. (aeite 3. luu die Arbeiter bas g a n j e Ergebnis ihrer Arbeit erhalten. Das dritte Stadium nenne ich „Selbständige Ansiedlungsgenossenschaft"; es tritt nur in dem Falle ein, wenn der Nationalsonds von der Unternehmung zurücktritt, weil die Arbeitergenossenschaft den Boden auf sehr lange Zeit gepachtet hat und niit dem Boden tun kann, >vas sie will; nur ein Viertel wird dein Nationalsonds für neue Ansiedler bleiben. Ich: Wird dem einzelnen Arbeiter das Recht znstehen, aus der Genossenschaft anszutreten und als selbständiger Kolonist in der Kolonie zu verbleiben? Er: Gewiß. Ich bitte Sie sogar, über diesen Punkt zu schreiben, denn wie ich mich überzeugt habe, herrschen in Palästina falsche Vorstellungen und Meinungen darüber. Man denkt, daß jedes Mitglied der „Arbeitergenossenschaft" ewig an die Arbeitergenossenschaft gebunden ist und niemals eine selbständige Wirtschaft wird führen können; darum haben viele Bedenken über das Gelingen des Planes, dcmc es widerspricht dem individualistischen Charakter des jüdischen Volkes. In Wirklichkeit habe ich von vornherein mein Augenmerk auf diesen jüdischen Charakterzng gerichtet, und ich habe Bestimmungen getroffen, daß der einzelne Arbeiter aus der Genossenschaft austreten und trotzdem ein selbständiger Kolonist wird bleiben können. Wiinscht das ein Arbeiter, so muß ihm die Genossenschaft 40—50 Dunam Land verpachten, das er bearbeiten kann. Erreicht er größere Einnahmen als die Genossenschaft, so wird das für diese als Muster gelten. Die Einschränkung besteht jedoch, daß höchstens ans 25 Jahre verpachtet werden darf. Ich: Nach welchen Bedingungen wird ein Arbeiter in die Genossenschaft ausgenommen? Er: Außer der Grundbedingung, daß er ein redlicher, gesunder und tüchtiger Mensch sein muß, muß der Arbeiter ledig sein, da wir jetzt noch nicht die Verantwortung übernehmen können, die Kolonien mit Familienvätern zu besetzen; jedoch später, wenn alles geordnet seiir wird, mag er heiraten. Alsdann bekommt er 8—10 Dunani Land nebst einer gewissen Summe Geld, das die „Genossenschaft" ihm leiht. Er baut sich dort ein Haus, und auf dem Rest des Bodens kann er selbst pflanzen oder säen, was er will, oder er kann von der Genossenschaft verlangen, daß sie den Boden bebaut. Selbstverständlich muß er die S e l b st k o st e n dieser Arbeit, welche die Genossenschaft^ für ihn macht, entrichten. Ich: Stellt man ihm auch spezielle Bedingungen? Er: Gewiß, aber nur solche, die gesellschaftlichen Nutzeic haben, wie z. B.: er muß sich verpflichten, weder in seinem Hause ein Schandhans ztt öffne» noch Alkoholgetränke zu verkaufen, ferner muß er Bäume neben seinem Hause pflanzen, damit die Kolonie schön aussehe, und sich die Architektur des Hauses''genehmigen lassen. I ch: Werdeir sich Nicht - Erdarbeiter in der Kolonie ansiedeln können? Er: Produkivc Elemente werden mit Vergnügen ansgenomine» werden. Zum Beispiel: Handwerker oder diejenigen, welche die Bezalel-Schulc beendet haben. Jeder voir ihnen wird imstande sein, 70 Francs pro Monat zu verdienen. Mit diesem Verdienst ist es fast ltninöglich, in einer Stadt zu leben, aber in der Kolonie reicht es vollständig aus. Die „Genossenschaft", wird ihm gleich ihren Mitgliedern ungefähr 10 Dunani Land geben, um darauf ein Hans init einem Garten zu bauen. Die Genossenschaft wird aber von ihm Nutzen haben, weil er ein Abnehmer ihrer Produkte sein wird, sein Dünger wird uns nützen, und endlich mit der Zeit wird er mithelfen können, wenii viel .Arbeit im Felde sein wird. Und die Genossenschaft ist gezwungen, auch fremde Arbeiter zu beschäftigen. Ich: Ist schon der Platz bestimint, wo man die Kolonie gründen wird? Er: Nein. Es waren .schon verschiedene in Aussicht. Ich: Welchen Eindruck hat auf Sie die jüdische Stadtbevölkerung gemacht? Er: Die Jerusalems—einen schrecklichen. Diese Armut! Und ihre Schnorrerei! Sie sind nicht arm, weil sie Schnorrer sind, sondern da sie Schnorrer sind, sind sie arm. Besser ist die Lage in .Jaffa. Und ani sympathischsten ist die jüdische Bevölkerung in Haifa. Ich habe mich auch für die Jemminiten interessiert. Es ist das' ein interessantes Element, das den iüd. Tagelöhner, der einstweilen noch nicht vorhanden, bilden wird. Ich: Ist die Nachricht einiger Zeitungen richtig, daß sie Amerika besuchen werden, uni für ihren Plan zu agitieren? — Er: Ich habe es beabsichtigt, aber es ist unmöglich. Ich bin zu sehr beschäftigt. M. F. Seidniann, Berlin. Die Judenausweisungen in Rußland. Kiew. 'Von ca. 1000 Berufungen gegen die verfügte Ausweisung wurden nur 150 als hinreichend begründet anerkannt; die übrigen Petenten haben die Stadt — einerlei ob sie dadurch an den Bettelstab kommen oder nicht — im Lause der n ä ch st e n W o ch e n zu verlassen. Taschkent. Hier sind sämtliche Juden, dreitausend an der Zahl, angewiesen worden, innerhalb dreier Tage die Stadt zu verlassen. D einjuw ka. Die Aus treib ung der hiesigen Inden ist mit aller Strenge erfolgt. Libau. Zahlreiche jüdische Handwerker wurden ausgewiesen. T u r b o w (Kr. Berditschew). In unserem Fabrikorte sind 22 jüdische Familien ausgewiesen worden. Kiew, 20. Mai. Die Ausweisungen der jüd. Familien werden jetzt mit Gewalt durchgeführt und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden v o n Schutzmannskordons in die Mitte genoinmen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von 2 Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesenen 'wird per Schub weggebracht. Moskau. Es verlautet, daß die hiesigen Behörden von höchster Stelle den 'Auftrag hätten, unter allen Umständen die Zahl der jüdischen Einwohner Moskaus^» vermindern. London. D. L. Alexander, Präsident des Jewish Board of Deputies, und Claude S. M o n t e f i o r e, Präsident der Anglo Jewish Association, sprachen wegen der der Kiewer Ausweisungen beim a n s w ä r t i ge n Amte vor. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Karlsruhe i. B. Bei Behandlung des neuen Schulgesetzes kanr im Landtag auch die Petition der gesetzestreuen Juden mit ihrer Beschwerde über den Zwang zur Teilnahme am öffentliche» Religionsunterricht und über die rigorose Vorführung von Schulkindern durch die Polizei ausführlich zur Sprache. Sämtliche Parteien stimmte» in der Verurteilung der Verwaltungspraxis des badischen Oberrats der Israeliten überein, und der Herr Staatsminister konstatierte, daß bei den christlichen Konfessionen infolge der von den zuständigen Behörten geübten Praxis solche unangenehme Erscheinungen nicht zutage getreten sind. Eine Reihe von Abgeordneten haben der Hoffnung nachdrücklichst Ansdruck verliehen, daß der Oberrat der Israeliten den deutlichen Wink der Regierung und die Mahnungen der Volksvertreter nicht unbeachtet lassen wird. — Es war eine S t u n d e d e r Schmach, als im Bad. Landtag den Nichtjuden gezeigt wurde, wie Juden, die sich liberal nennen, zur Vergewaltigung einer andersdenkenden Minderheit n a ch der Polizei rufen. Das sind eben die Folgen der Herrschaft von kleinen plutokratischen K l i q u e n, — und deshalb hat auch das liberale Judentum das größte Interesse an einer demokratischen jüdischen Gemeindeorganisahion. Grade aus liberalen Kreisen -müßten die eifrigsten Kämpfer gegen die Herrschaft der Plutokratie im jüdischen Gemeindeleben und gegen deren Bestreben, das jüd. Gemeindeleben in einer staatlichen Zwangsjacke zu erhalten und — soweit es noch nicht darin steckt — zu bringen, erstehen. München. Den folgenden Zeilen ist am besten die Ueberschrift Preußisches aus Bayern vorangesetzt, denn einige Vorfälle der letzten Zeit beweisen, daß jetzt auch Bayern nach preußischem Muster gegen seine jüdischen Bürger zu verfahren beginnt. Zuerst ein Bildchen aus dem Landtag! — Abg. JButtmann Üi&J verlangt eine Antwort daraus, ob Staatsrat o. Schätz gesägt habe, nach der Verfassung hätten die Juden gleiches Recht, aber sie würden doch nicht angestellt. — Abg. Lerno (Ztr.) glaubt, daß Staatsrat v. Schätz die ihm untergeschobene Aeußerungen unmöglich getan haben könne; sie würden jedenfalls mit. der Praxis des Ministeriums (in direktem Widerspruch stehen. Im Mittelschuldienst sind 23 israelitische Lehrer — allerdings ausnahmslos an den Realgymnasien — angestellt. Wir verfügen nicht über anstellungsfähige Kandidaten israelitischer Konfession für die klassische Philologie. Was Lehrbefähigung und Handhabung der Schuldisziplin anlangt, so haben wir mit den Israeliten im Verhältnis zu ihrer Zahl keine besonders günstigen Erfahrungen gemacht. — Abg. Dr. Müller stellt fest, daß der Minister einer prinzipiellen Antwort jn der Frage der Anstellung jüdischer Lehramtskandidaten ausgewichen ist. Nicht die Frage krach der Qualifikation, sondern nach der Konfession ist bei der 'Anstellung der Gymnasiallehrer ausschlaggebend. lind dann ein Bildchen aus der Armee! — Dem Bizefeldwcbel Otto Groß beim 18. Inf.-Regt, in Landau wurde die Qualifikation zum Reserveoffizier ohne irgend eine Begründung verweigert, trotzdem er sämtlichen Voraussetzungen entspricht, bis dahin als sehr tüchtiger und in jeder Hinsicht zur Beförderung zum Rescroffizier geeigneter Soldat von seinen sämtlichen Vorgesetzten beurteilt wurde. Man hat sich erst jetzt daran erinnert, daß G. Jude ist. Oesterreich-Ungar«. Krakau. Am 15. Mai wurde hier die II. Konferenz der ö st e r r c ich i s ch - j ü d i i chic a t i o n a l e n P a r t e i eröffnet. Die Versammlung war von Delegierten aus Galizien, der Bnkowina und aus Wien besucht, die das zionistische Zentralkomitee Galiziens, de» Wiener Jüdischen Rationalvcrein und die jüdischnationale Partei der Bukowina vertraten. Es waren auch alle vier Mitglieder des rcichsrätlichen jüdische» Klubs anwesend. Reichsratsnbg. Dr. Gabel referierte über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs im Reichsrat, soivieüber d i c z n schassende Organisation der jüd i sch en R ati onalpart ei in Oesterreich. Dieser Organisation sollen alle Vereine gngehören, die auf jüdischnationalem Boden stehen. Die einzelnen Kronländer sollen sich im Rahmen der Reichspartei autononi betätigen. Es soll eine Reichsexekutive und eine Reichskonferenz ins Leben gerufen werden, die dem Jüdischen Klub im Parlament Direktiven erteilen soll. Schriftsteller Jabotinsky hielt ein jnteressantes Referat über die Lage des Zionismus in der Türkei. Zum ersten Vorsitzenden der R e ich s exeknt i v e wurde Dr. A. Salz (Tarnvw) und zu stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Frucht und Dr. S ch a l l i t gewählt. — Im Anschlüsse an die Konferenz fand abends eine große Volksversammlung statt, in der sämtliche vier Reichsratsabgeordnete Reden hielten. Die Versammlung nahm einen .glänzenden Verlauf. Es herrschte große Begeisterung. 'Man erwartet von der Tätigkeit der neugegründeten Reichsexekutive bedeutende Erfolge für..die Ausbreitung des jüdisch-nationalen Gedankens in Oesterreich. Rußland. Petersburg. Bei der Beratung der Gesetzesvorlage über „normale Ruhe" brachten die konstitutionellen Demokraten das Amendement ein, daß es den Juden und Muselmannen gestattet sein sollte, anstatt des Sonntags am Sanistag bezw. am Freitag zu ruhen. Dieses Iraenbcmcnt wnrde abgelehnt. Im Namen der muselmännischen Fraktion erklärte Abgeordneter Syrtlauow, daß die Duma mit diesem Beschlüsse die religiösen und nationalen Interessen der Muselniannen verletzt hat, weshalb seine Fraktion zum Zeichen des Protestes gegen den an ihrer Religionslehre begangenen Gewaltakt den Sitzungssaal verläßt. — St. Petersburg. Verschiedenes. — Das Ministerium des Innern hat beschlossen, eine Norm für die Aufnahme von Juden in die Konservatorien einzuführen. — Der Dumapräsident Gutschkow teilte mit, daß der Antrag, den Ausiedluugsrayou abzuschaffen, in die Duma schon eiugebracht worden sei. Die Möglichkeit, daß der Alltrag angenommen wird, ist Wohl sehr gering. Die Rechten, die Nationalisten und ein Teil der Oktobristeu werden natürlich dagegen stimmen. Ob diese Parteien die Majorität darstellen werden, hängt davon ab, wieviele Oktobristeu gegen den 'Antrag sein werden.— Der jüdische Dumadeputierte F r i e d m a u n erhielt aus Ljesnitschnikowo (Gouv. Jekatcrinoslaiv) eine Depesche mit der Bitte, Stolyptu zu ersuchen, den Befehl, der 8 jüdische Familien aus Ljesnitschnikowo ausweist, zurückznne hm en. Friedmann hat sich an den Ministerpräsidenten gewandt. — Die Kommission, die die Rechte der 1200 jüdischen Familien, die Kiew verlassen sollten, zu untersuchen hatte, hat nunmehr ihre Arbeite» beendet. Und welch ein trauriges Resultat! 400 Juden dürfen in der Stadt bleiben, 2500 m ü s j e u Kiew spätestens in einem Monat verlassen. Die Kömiuissio» hat sonnt der städtischen Verwaltung von Kiew ihren Herzenswunsch erfüllt. Damit die Sache nicht gar zu auffällig aussieht, hat sie einen kleinen Rest, etwa ein Siebentel, aus der Liste der Unglücklichen, die ihr Heim verlassen müssen, gestrichen. — Die Regierung sucht in die Verfolgung der Juden etwas Abwechslung zu bringen. Sie hat jetzt begonnen, jüdische Kinder auszuweisen. Erst vor kurzem war es, daß 3 kleine Kinder, deren Eltern zwar das Wohnungsrecht in Moskau hatten, die Stadt verlassen sollten; und die Sache mußte im Senat zur Sprache kommeic, damit die Ausweisung wenigstens aus einige Zeit