Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 19 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692665-2692684--05427-2700335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 1Ö. Ar. 1Ö Ein Jahr ist seit seinem Tode verflossen, doch die Trauer um ihn bei den russischen Juden ist ebenso lebhaft wie am Tage seines Todes, was sich am Tage seines „Fahrzeit" in vielen jüdischen Gemeinden kundgab. Nicht nur ein Jahr, Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte werde» vorübcrgehen, und das Andenken Baron Ginzbnrgs Ivird, bei den russischen Inden wenigstens, nicht erlöschen. Er wird im Bewußtsein des Volkes als jüdischer Volksheld fortlebcn und gewiß den Mittelpunkt eines Sagenkreises bilden. Der künftige Geschichtsschreiber der russischen Judenhcit wird sich ani Grabe dieses seltenen Mannes lange aufhalten müssen, denn dieses Grab birgt nicht nur einen der edelsten Söhne Israels, cs schließt in sich zugleich ein großes und interessantes Stück russisch-jüdischer Geschichte. Für Perez- Von Dr. S. M. Mökamed, London. Zunächst ein Bekenntnis. Ich gehöre nicht zu den Perez - Enthusiasten, denn ich gehöre zum Kreis Wilna, d. h. zum Misnagdismus. Ich verstehe nicht die Chassidim, und ich kann nicht sagen, das; ich den Chassidismus liebe. Perez gehört zum Kreis Warschau, d. h. zum chassidischen Kulturmilieu. Die Bürger des Kreises Wilna sind Rationalisten, wackere Vcrnunftmcnschen. Sie studieren den Talmud und nicht den So har. Unser geistiger Mittelpunkt ist d,ie! Erscheinung des Wilnacr Gaon. Pcjrez ist ein Chossid. In seinem Kreise studiert man weniger Talmud, desto mehr den Sohar, oder man „lernt" überhaupt nicht. . . Die Bürger des Kreises Wilna denken und denken nüchtern, die Bürger des Kreises Warschau „fühlen", sind verzückte Enthusiasten, Schwärmer, Mystiker, Chassidim. Diese bewußte organische Gegensätzlichkeit schließt bei mir eine besondere Vorliebe für Perez aus. Meine Leute sind Bjalik, Mendele und Kahn. Wenn ich also für Perez cinspringv, so ist es nicht, ilveik ich ein Perez - Enthuiast bin, — im Gegenteil, ich „lehne Perez ab", denn ich finde nichts in (ihm, was mir zusagt. Er ist mir fremder als Herrn Speicr. Nein, mit Herrn Speier ist er sogar verwandt, denn Herr Speier gehört auch eher zu den Bürgern des Kreises Warschau, als zu meinen Landsleuten. — Ich kann mir denken, daß Herr Speier, obgleich er Perez ablchnt, doch, manche schöne Chassidimgcschichtc von Perez mit Freude und Zustimmung gelesen und den Warschauer Dichter licbgewounen hat. Das kann ich leider von mir nicht sogen. Ich „lehne den ganzen Perez ab", wie ich etwa den ganzen (S. A>. T. Hosfmann,;dc» ganzen Edgar Poe und den ganzen Paul Verlaine äblchne. Man kann einen große» Dichter ablehnen; fragt sich nur, warum man ihn ablehnt. Ein phlegmatisches Temperament muß einen „sanguinisch" veranlagten Dichter ablchncn und umgekehrt. Die Ablehnung kann nur „natnrgeschichtlich" motivicrt werden. So war es immer, und so ivird rs immer sein. Sv ist nun einmal die „moralische Wcltordnung". Wenn aber ein Mensch, der ernst genommen werden will iuid der literarische Prätension hat, aufsteht «iutf> erklärt: „Diesen Dichter lehne ich ab, weil er nicht fromm ist, d. h. weil er jeine Beziehungen zu Gott anders regelt, als ich, oder weil er bestimmte Glaubensartikel, die mir teuer und heilig sind, nicht achtet, so hat dieser Mann jeden Anspruch auf literarische Urteilsfähigkeit verloren, weil er mit seinem Urteil den Verlust seiner Logik dokumentiert hat. Denn was hat Literatur, d. h. dichterisches und künstlerisches Können mit Religion gemein? Was habe» Musik, Bildhauerei, Architektur mit Religion gemein? Die Religion stellt oft die Kunst in ihren Dienst, cs gibt eine Religiöse Musik, eine religiöse Lyrik usw. Es gibt doch aber keine musikalische oder lyrische Religion. Andererseits gibt cs auch eine politische Lyrik (Herwegh, Börangcr), eine politische Musik (patriotische Hymnen, Märsche, revolutionäre Lieder) ustv. Daraus folgt aber doch, daß die Kunst in alle Sphären des Lebens eindringt, weil sic nur (mit Ausnahme des Genius) der rythmischc Niederschlag der verworrenen Bewegung des Lebens ist. Wie die Energien der Natur aus den; Chaos formenfcstc Körper treiben, so die Energien des Geistes aus dem Chaos des Lebens. . . Das Verhältnis zwischen Kunst und Religion ist kein anderes als das Verhältnis zwischen Religion und Mustk oder Malerei. Wird Herr Speicr Chopin „ablehnen", iveil er nicht „fromm" war, wird Herr Speicr Böcklin ablehnen, weil er nicht dieselben Beziehungen zu Gott unterhielt wie unsere rigorosen „Perczablchner"? Wenn Sie alle Dichter ablehnen wollten, die nicht Ihre religiöse Weltanschauung teilen, dann müßten Sic nur einige wenige Dichter in Ihre Literaturgeschichte aufnehmen, wenn Sic alle jü- ZrsMtÄtt MEDeS FanrilieMati. bischen Schriftsteller ablehnen wollten, dann könnten Sie nicht einmal die Propheten zu den Jhrigeil zähle», schon gar nicht zu reden von Dichtern Ivie Ebn Esra, Sic müßten notwendigerweise die ganze hebräische Literatur mit Ausnahme der Psalmen und des Rabbi Jchnda-bcn Halevi streichen. — Selbst wir Juden haben und hatten nur wenige Dichter, deren dichterische Muse und religiöse Weihe eine unzertrennbare organische Einheit bilden. Solche Dichter sind seltene Vögel und werde» einmal in dreitausend Jahren geboren, wie z. B. der Psalmendichter .... Der Dichter des Tages oder selbst des Jahrhunderts hat wenig oder garnichts mit Religion zu tun, d. h. sein Dichtcrgemüt wird von andern Erscheinungen ergriffen, sein Dichtcrblick, erspäht andere Erscheinungen. Das schließt natürlich nicht aus, daß er als ^Privatmann" religiös ist. Da die Juden nicht nur eine Glaubens-, sondern noch eine nationale und Knlturgemeinschaft bilden, so kann diese an Geistesintcrcsscn reiche Gemeinschaft den Geist ihrer Glieder nicht einem Punkt zutreibeu, wie die katholische Glaubensgemeinschast z. B., die die ganze neuere Kicktur seit Luther sablehut und Goethe ebenso verdammt wie Kant. Nein, Herr Speicr: Wie Sie unfern Lewandowsky nicht ablehnen dürfen, nur weil er nicht ihre speziellen religiösen Ucberzcuguiigeu teilte, wie Sie nicht aus diesem Grunde Sulzer ablehnen dürfen, so dürfen Sie auch nicht aus diesem Grunde Perez verwerfen. Sie dürfen Perez bekämpfen, wenn er als lehrend e r M o r a l i st auftritt, w e n n er antireligiöse Philosophcme vors trägt — sie dürfen und müssen ihn da als Moralisten und Philosophen-bekämpfen, nicht aber als Dichter. Sie können ihn mir als Dichter ablehnen, d. h. ,ihn nicht besonders lieben, wenn er gegen die Natur Ihres Temperaments ist. Und jetzt nur noch ein Wort über Perez selbst. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen sage, daß Sie Perez Bedeutung überschätzen. Als einer mit den russischen Verhältnissen Vertrauter kann ich Ihnen sagen, daß Perez weniger gelesen ivird, als Sic glauben. Für die breiter» Massen ist er zu tief, das Volk versteht weder seine chassidische Inbrunst, noch seine gewiß anfechtbaren Anschaunngen über Liebe, Ehe, Gesellschaftslebcn usw. Die ihn lesen, die .genießen ihn nur ästhetisch und lassen sich wenig von seiner Soziologie und Moral beeinslussen. Perez ist so wenig Volksdichter, wie etwa Bruno Wille . . . Bruno Wille ist aber der deutsche Perez, wenn man in Deutschland eine Analogie suchen will. Was man von Perez als Privatmann weiß, läßt nicht darauf schließen, daß er ein uiimoralischer und unreligiöscr Teufel ist. Er lebt jüdisch,' ist guter Vater und Großvater, er interessiert sich für die Wissenschaft des Judentums usw. Perez ist aber ein Bürger des Kreises Warschau, ein Chossidtemperamcilt; morgens freudig jauchzend, abends zu Tode betrübt, morgens in Gedanken ein Asket, abends ein tanzender Chossid. Dasselbe werden Sie auch in seinem künstlerischen Schaffen finden. Ich liebe nicht solche Exzentrizitäten, deshalb lehne ich Perez ab und nur deshalb. Ich bin ein Bürger des Kreises Wilna, ein Misnaged, ein Rationalist, und deshalb habe ich für Perez, weil er nur ein Gefühlsmensch ist, wenig Sympathie. Sie aber, Herr Speicr, der selbst gerne „schaut", gehören tveniger zum Kreise Wilna und haben keinen Grnnd, Perez abznlehncn, es sei denn. Sie nehmen dieselbe Stellung zur Kultur ein, wie die Katholiken. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Zwei Posten sind gefallen auf dem Felde des Todes. Der eine, Ai o s e s Schwab, war wund schon geraume Zeit. Und doch traf's ihn schließlich unerwartet — ihn und die Seinen. Der andere, Julius Obernzenner, war noch kriegstüchtig. Und er war — ach! — eilt einsamer Posten. Aus altem Adel stammte der erste, aus guter Wurzel empor witchs der zweite. Eiiie Welt trennte sie — und Bestes aus dieser Welt kettete sie doch wieder aneinander. Der eine, Moses Schwab, lvar Jude mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Er hielt sein Wappenschild, wie's ihm Gott am Sinai gegeben hatte. Den anderen, Julius O b e r n z e n n c r, zog ein Leben regster Arbeitsamkert in den Bann, und diefes Leben machte ihn sich tributpflichtig. Aber, mochte sie auch in diesem Betracht ihr Weg weit auseinander führen — in anderem Betracht gingen sie doch ein großes und feines" Stück Wegs miteinander, waren sie doch Waffenbrüder. Sie kämpften beide gegen das Leid der Armut. Sie hatten beide reiche Herzen. Sie .trugen sie nicht zn Markte, diese reichen Herzen. Sie zogen nicht mit klingendem Spiel und fliegctrden Fahnen auf, wenn sie den Bedrückten Wohltaten. Sie waren stille Gemüter und wirkten im Stillen unendlich viel. Das Zehntbuch' von Moses Schwab ist sein Lebensbuch. Hier liegt seines Lebens reichster Inhalt verborgen und beschlossen. Gänze Familien unterhielt er— nur unter Eines Allgcs Strahl. Unterhielt er so, daß ' sic ehrbar und achtbar dastanden. Und er selbst wandelte unscheinbar dahin. Der Mann, der Großtaten der Nächstenliebe vollbrachte, vollbrachte die schier noch größere Tat, sie einzukapscln unter schlichtem Wesen. Auch Julius Obernzenner war ein tapferer Genosse auf diesem wahrhaften Felde der Ehre. Auch ihm rann's weich vom Herzen, begegnete er gepeinigter Armut. Auch ihm floß es stets rcicki von der Hand, nach seincin schwer und üppig erarbeiteten Reichtum, um den Wuitdcn der Ae mut Verbände anzulcgen. Und auch ihn füllte wie jenen Demut. Zwei gute Posten sind gefallen ans dem Felde des Todes. Zwei Vorposten auf dem Wege zur Erlösung. Denn „Zions Gefangene werden erlöst werden durch Zedokoh." M. Sp. Berlin. Im 63. Lebensjahre verschied Emil Holländer, ehemaliger Direktor der Dresdner Bank, und im öl. Lebenssahrc Sally Schweitzer, der in mehreren Wohltäligkeitsverciiien chreuaintlich wirkte. In den L a n d c s e i s e n b a h n r a t lvurdc berufen: Geh. 5tommcrzieiirat Arnhold, Geh. Kommerzienrat Dr. iug. L o e w e, Direktor Dr. Oppenh c i m und Dr. Max Weigert, letztere beide als Stellvertreter. Mannheim. Rechtsanwalt Dr. Abraham Staadeckcr, Vorsitzender des Syiiagogcnrats der israel. Gemciiidc, eine hoch angesehene Persönlichkeit, ist verschiede n. (L.) Posen, 16. Mai. Seitens der Gemeinde fand heute in der Neuen Shiiagogc eine ergreifende Tra Heran dacht für den verstorbenen ersten Vorsteher S a in n e l S ch ö n l a n k statt. _ -t. Stratzbnrg. Oberlandcsgerichtsrat Geh. Justizrat F r e n d e n t h a l in Colmar wurde znm Mitglied der P r ü f u n g s k o m m i f f i o u für das Gerichtsschreiberamt, den Assistcntciidienst und das Gcrichtsvollzicheramt in Elsas^Lothringen ernannt. GrauSenz. Frau Hedwig Belgard. .Mutter des Kommerzienrats Heinrich Belgard, feierte in Rüstigkeit ihren 00. Geburtstag. . Wien. Im 56. Lebensjahre verschied plötzlich kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, langjähriges Vorstandsmitglied der Israelit. Kultiisgcmcindc und zahlreicher israelit. Vereine, Mitglied des Handelskammerratcs, des Staatseisenbahiirates, Kasscnverwaltcr der kaiserl. königl. Laiidivirtschaftsgesellschaft ic. Gegen Universitäts-Professor Hofrat Dr. Ern st F u ch s hatte der Tempeldiener M o s c s B i l l e t die M-cleidigiiiigsklage eingercicht, weil jener zu ihm gesagt hatte, er könne p o kni sch e Inden nicht leiden (Billet lvar im Kastan in die Sprechstunde gekommen, was dem Herrn Professor nnßsiel). Im Termin erschien Dr. Fuchs nicht und beantragte wegen Krankheit durch seinen Rechtsanwalt Vertagung, welchem Anträge stattgegeben wurde. Wien. Dr. Theobald Pollak, Sektionsrat im Eisenbahn-Ministerium, wurde zum M inistcr i a k r a t ernannt. — Markus Wcißmann -- Chajcs, einer der besten Kenner der rabbinisch - midraschischen Agada, feierte seinen 80. Geb u r t s t a g. Budapest. Der bekannte Komponist Karl G o l d m a r k ist anläßlich seines 80. Geburtstages von der hiesigen philosophischen Fakultät zum Ehrendoktor ernannt worden. — Keßthely, die Gebnrtsstadt Karl Goldmarks, trifft große Vorbereitungen für den 21. Mai, an welchem Tage Goldmark dorten cintreffcii wird. — I Jacques S. Simon, Vizepräsident der Börse, und Direktor Karl Weiß wurden durch den Titel Hofrat und Börsenrat Armin Saud o r durch den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse ausgezeichnet. Petersburg. Am 1. Mai n. St. verschied hier einer der größten riissischeu, ja überhaupt europäischen Advokaten, Alexander P a s s o w c r. Passowcr wurde als Sohn eines jüdischen Militärarztes im Jahre 1840 in Ilman (Südrußlaud) geboren, besuchte das Gymnasium in Odessa und studierte Jura in Moskau. Durch seine glänzende Begabung lenkte er die Aufmerksamkeit der Professoren ans sich, und nachdem er sein Stndinm beendet hatte, waren seine Aussichten, Professor a» der Nniversität Moskau zu werden, sehr groß. Drei Jahre verbrachte er im ßluslande, wo er seine Studien fortsetztc. Inzwischen war in Rußland die Zeit der Reaktion eiiigetrcteu, und Passowcr sah ein, daß er nunmehr als Jude nicht Professor werden konnte. Jetzt gab es für ihn zwei Lösungen: ans die Professur verzichten oder sich taufen lassen. Aber Passowcr blieb Jude. Er, der stets ein bewußter Jude gewesen war, beschloß, die Leiden seines Volkes würdig zu ertragen, und weil er Jude blieb, wurden ihm die Türen der Universität verschlossen. Er trat darauf in den Gerichtsdicnst ein und Ivurde Sekretär. Auch diesen Posten mußte er bald verlassen, weil er Jude war und weil er Jude bleiben wollte. So blieb denn Passowcr nichts übrig, als Advokat zu werden. Von 1809—1873 lebte er als Rechtsanwalt in Odessa. Damals begannen die Pogrome gegen die Juden, und Pasfower wurde beauftragt, die Ursachen der Pogrome zu ergründen. Er erfüllte den Auftrag glänzend. Dann