Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 19 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mage z» ilc. 19 des fatiftfnck jfmetitifriien FaMmKkaGs. Baron Horaz v. Ginzburg. (Zur Jahresfrist »ach feinem Tode.) Bou . Dr. B. S u l l e r. . (Schluß.) Barou Ginzburg ivar kein Millioiienfürst wie Baron Hirsch oder Baron Rotschild, der seiner Idee Millionen opfern könnte. Was ihm aber an Millionen fehlte, ersetzte er durch aktive Tätigkeit, durch seinen Eifer und seine grenzenlose Hingabe an das jüdische Volk. Er war viel mehr als jüdischer Philanthrop, er war der Wächter Israels, der Anwalt der russischen Judenheil. Und damit nähert er sich mehr dem Typus eines Moses Montefiore. Wenn er auch viel und überall nnd mehr, als sein Vermögen ihm erlaubte, spendete, seine Hauptrolle im Judentum ist — so möchte ich sie nennen — die Vermittlerrolle. Er vermittelte 1. zivischcu armen und reichen Inden, 2. zivischen den russischen und westeuropäischen Juden und schließlich 3. zwischen den Inden und der russischen Regierung. 1. Tie Vermittlung zwischen armen nnd reiche n I u d e n. Auch i» Rußland gibt cs eine gewisse Anzahl begüterter und reicher Juden, welche ihrem Volke entfremdet sind nnd von seinen Leiden nichts wissen wollen. Baron G. stellte sich zur Ausgabe, diese Kreise dem Volke näher zu bringen, und wenn cs ihm nicht immer gelang, auf ihre Ucbcrzengung zu wirken, so gelang es ihm doch immer, etwas von ihrem Gelde für die notleidenden Juden flüssig zu machen. Seine Autorität in diesen Kreisen war groß, und ein Wort von ihm genügte, daß diese Leute seinem vornehmen Beispiel folgten und ihren Gcldsack ausschnürten. Das Volk seinerseits lveudete sich immer in allen Notfällen, lvie auch um Befriedigung seines gewöhnliche» Brot- und Kultur-Hungers an ihn. Ist eine Judcnhetze irgendwo ausgcbrochen und jüdisches Gut Raub der Hooligans geworden, ist ein jüdisches Städtchen eingeäschert worden, wurden die jüdischen -Obstbaukolonien von Mißernte betroffen oder brach eine sonstige Not plötzlich über eine jüdische Gemeinde ein; sind durch irgend einen Zufall oder Maßnahmen der Regierung viele jüdische Familien brotlos geworden, fehlten einer Gemeinde die Mittel zur Deckung des Budgets ihrer Wohltätigkeitsanstalten, sollte irgendwo eine jüdische Schule oder Lesehalle erössnet iverdcn, ivozu die nötigen Geldmittel oder dje Erlaubnis der Regierung fehlte, — so war es Tradition, sich in allen solchen Fällen an Baron G. zu tuenden. Nnd er eilte inimer und brachte in den meisten Fällen Hilfe. Er spendete eigenes Geld, rief Versammlungen ein, bemühte sich bei der Regierung, klopfte an die Türen der Minister und sammelte bei den Reichen. Sehr oft ging er selbst, tvenn cs nötig war, an den Oxt der Katastrophe hin. Ans dem Gebsete der reinen Wohltätigkeit leistete er ganz Außerordentliches, namentlich für die Petersburger Gemeinde. Fast alle jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in Petersburg — örtliche wie allgemein-jüdische, die jüdischen Elementarschulen und die Handwerkerschule, das schön ausgestattete jüdische Waisenhaus, der jüdische Tempel — sind von ihm oder hauptsächlich auf seine Initiative gegründet worden. Sein Hauptwerk aber. Man kann sagen sein Lebenswerk, das größte geistige Denkmal, das er sich gesetzt hat, ist — die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden". Wenn diese Gesellschaft heutzutage, wo der Drang nach europäischer Bildung unter den russischen Juden enorm groß ist und nur Hemmnisse seitens der Regierung findet, mehr eine Untcrstützungsanstalt für bestehende jüdische Schulen, Lesehallen und unbemittelte jüdische Schüler, Studenten und Literaten ist, so war sie doch zur Zeit ihrer Gründung, im Jahre 1869, von eminenter Wichtigkeit, geradezu ein epochales Ereignis am Wendepunkte der russisch-jüdischen Geschichte. Die Gründung von Elementarschulen, Fachschulen, Rabbinerseminaren, Unterstützungen im großen Stile der jüdischen Studierenden an den Lehranstalten der Regierung rc. — das war die Tätigkeit, mit der diese Gesellschaft begann. Und man muß zugestehen, daß, wenn i>ie Juden in Rußland sich so rasch der europäischen Gesittung zugewendet und dieselbe sich in hohem Maße angeeignet haben, wenn die Zahl der Gebildeten und Inhaber der liberalen Berufe in der russischen Judcnhcit schnell und hoch gewachsen ist, wenn ans ihrem Schoße viele wichtige Männer auf allen Gebieten der Kultnrtätigkeit hervorgegangen siiid, dies nicht in letzter Linie ein Verdienst dieser Gesellschaft ist. Der Hauptgründer aber dieser Gesellschaft und ihr permanenter Vorsitzender während einer Reihe von 40 Jahren war — Baron G. Indem er selbst von der Notivendigkeit der Aufklärung für die russischen Inden an und jitr sich, wie auch zum Zwecke der Erlangung von Gleichberechtigung — wie man zu jener Zeit glaubte — überzeugt war, widmete er sich dieser Gesellschaft mit einem Eifer, mit einer Selbstlosigkeit, die nur ihin eigen waren. Später gründete er auch die „Gesellschaft zur Verbreitung von Handlverk und Ackerbau unter den russischen Juden", der er auch präsidierte und deren Tätigkeit, hauptsächlich durch Gründung und Subventionierung von Fachschulen, den armen ackerbauenden und Handwerk treibenden Juden viel Segen brachte, und wenn die großen Ziele, die er dieser Gesellschaft bei ihrer Gründung gesteckt hatte, nicht verwirklicht wurden, so ist esden äußeren Hindernissen zuzuschreiben. Diese Kultur und Bildung fördernde Tätigkeit erstreckte sich aber nicht bloß ans die genannten Gesellschaften, sondern wurde von ihm in unermüdlicher Weise auch privatim ausgeübt. Auf seine Koste» besuchten viele Schüler die verschiedenen Hochschulen, die Akademie der Künste rc. Er liebte die Kunst und die Literatur, insbesondere die jüdische, welche er mit Vorliebe unterstützte. Er >var Mäcen in großem Stile und vollenc Sinne dieses Wortes, und nicht nur Juden, auch Richtjuden erfreuten sich seiner Gönnerschaft. Der letztere Umstand machte chn besonders beliebt in der russischen Gesellschaft. Biele Schriftsteller und Künstler, abgesehen von einer Menge Aerzte, Juristen, Techniker usiv., verdanken ihre Laufbahn der direkten Unterstützung Baron G.'s oder seinen Bemühungen. Unter anderen kein Geringerer als der berühmte jüdische Bildhauer M a r c A n t o k o l s k i, wie auch dessen Schüler, der bekannte Petersburger Bildhauer I. Ginzburg. 2. Die Vermittelung z w i s ch e n d e n russischen und w e st e u r o p ä i s ch e n I n d e n. Baron Ginzburg war in den höheren jüdischen Kreisen in Deutschland und Frankreich wohlbekannt u nd hochgeachtet. Auch diese Tatsache nützte er zum Frommen der russischen Juden aus. In allen Unglücksfällen, wie Judenhetzen, Fenersbrünsten rc., wandte er sichimmer an die besser situierten westeuropäischen Stammesgenossen. Seit 1893 stand er der Petersburger Ab? teilung der von Baron Hirsch für die östlichen Inden gestifteten Gesellschaft Jewish Colonisation Association (Jca) vor, der er eine emsige Tätigkeit widmete und welche unter seiner Leitung eine gewisse Selbständigkeit gewann. Ferner gewann er den Baron Hirsch für einen Plan der Ansiedelung von russischen Juden am Kaukasus, in Sibirien und der Amurgegend, welcher eine partielle Lösung der so arge» Judenfrage in Rußland gewesen wäre, der aber am Widerstande der russischen Regierung, welche unannehmbare Bedingungen stellte, scheiterte. 3. Vermittelung zwischen den Juden und der russischen Regierung. Ebenso lvie die Juden sah die russische Regierung in der Person des Baron G. den Repräsentanten der Judenheit, und in allen wichtigen Angelegenheiten und Beratungen, wo es sich um das Los der Juden handelte, zog sie ihn zu Rate. Er war immer von der Regierung bestimmt, den sogenannten Rabbinerkommissioncn vorzustchcn. Es sind die Koinmissionen, ans Rabbinern und gebildeten Juden bestehend, welche die Regierung von Zeit zu Zeit zusammenrnft, um über das religiöse Leben und Gemeindewesen der Juden zu beraten, deren Beschlüsse von Wichtigkeit sind, da sie einen gewissen Anhaltspunkt zur Ausarbeitung diesbezüglicher Gesetze für die Regierung bilden.*) Jin Jahre 1863, zur Zeit der Regierung Alexander II.» verwandte er sich bei der Regierung um Aufbesserung der Lage der Juden. Und da damals ein liberalerer Wind in Bezug auf die Inden wehte, so wirkten seine Bitten dahin, daß die Regierung eine Erlveiterung des Ansiedelnngsrechtes der Juden beschloß, ivonach es Großkauslenten, Handlverkern und Absolventen einer Hochschule erlaubt wurde, sich überall niederzulassen. Im Jahre 1870 nahm er regen Anteil an der Regicrungskommission, welche damals über das Schicksal der Juden in Rußland beriet, und seinen! Einflüsse ist es zuzuschreiben, wenn diese Kommission zu einigen Beschlüssen kam, welche für die Juden günstig waren, lvie die Erstreckung des Ansiedelnngsrechtes auch auf jüd. Zahnärzte, Apothekergehilfen und Hebammen. Als im Jahre 1893 die bekannte Kommission unter dem Vorsitz von Gras Pahlen zur Lösung der Judensrage von der Regierung eingesetzt wurde, war auch Baron Ginzburg zur Teilnahme an derselben cingeladen. Und er hat viel dazu beigetragen, daß diese Konlmission, welche gleich Bileam berufen war, den Juden zu fluchen, am Ende Israel segnete, indem sie die Gleichberechtigung aller Juden anerkannte. Natürlich ist es nicht ihre Schuld und noch lvcniger die Schuld des Baron G., wenn die Erfüllung ihres Beschlusses noch heute auf sich warten läßt. Nach den ersten Judenhetzen in den achtziger Jahren des vor. Jahrhunderts zur Regierungszeit Alexander III. verlvandte er sich wieder bei der Regierung um Erleichterungen für die Juden. Aber es lochte dann schon ein anderer Wind, der Antisemitismus brach mit seiner ganzen brutalen Gelvalt ein, und die Richtung der Judenverfolgungen war zu stark, als daß seine Bitten an ihr etwas ändern konnten. Die Lage seiner armen Stammesgenossen, welche sich seit dieser Aera inmier weiter verschlinimerte, nagte ihm am Herzen und trübte seinen Lebensabend. Die Judenverfolgungen nahmen jmnier größere Dimensionen an, die Ausnahmegesetze häuften sich, die Willkür der Behörden wuchs, die materielle Lage der Juden verschlimmerte sich, die überseeische Ausivanderung derselben verstärkte sich von Tag zu Tag. Schließlich lvurde er Zeuge jenes konzentrierten Judenhasses, welcher zuerst in Kischinew und Homel in Form blutiger Judenhetzcn zutage trat, um in den grausamen Jndenmetzelejen des Herbstes 1905 seinen Höhepunkt zu erreichen. Er niußtc es auch erleben, daß all die Hoffnungen, welche die Juden auf das „erneute Rußland" gesetzt hatten, zu nichte wurden, daß sogar die Lage der Juden viel schlimmer und trostloser wurde, als in der „vorkonstitutionellen" Aera. Diese traurige Lage gab ihm Gelegenheit, eine rührige Tätigkeit in allen Richtungen zur Schaffung von Abhilfe zu entfalten. Und nijt der Rüstigkeit eines Jünglings war er immer am Platze da, wo cs zu helfen gab. . Und was brachte chm das arme jüdische Volk als Lohn für seine selbstlose Tätigkeit, die fast ein halbes Jahrhundert dauerte? Nichts konnte es chm geben als seine Liebe. Und es liebte ihn wirklich mit einer ganz besonderen Liebe. Und cs liebten ihn alle, ohne Ausnahme, ohne Unterschied des Alters, des Standes, der Bildung, der politischen und religiösen Ueberzeugung. *) Nebenbei bemerkt, tagte in den letzten Wochen eine solche Kommission in St. Petersburg. Vorsitzender war der seines Vaters würdige Sohn, der bekannte Gelehrte Baron David v. Ginzbnrg.