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Neue jüdische Presse · 1910-05-20 · Heft 19 (20.5.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 19 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. FranTfurker UraelitiWcS FcüEeMatt. Nr. 19. Wilhelm Hackenbroch und Adolf-Stern- Frankfurt a. M. wicdergewählt. Es folgte alsdann die Beschlußfassung über eine von Vorstand und Ausschuß vorgeschlagenc Satzungsänderung, die zum Zwecke hat, den Vcreinstag alle 2 Jahre, anstatt alljährlich, zu veranstalten. Die Satzungsänderung wurde ciiistiiumig angenommen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Am 5. Juni, vormittags 8V* Uhr, beginnend, hält die Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, in Nürnberg (Hotel Goldner Adler) ihre dicsjährcge v r d c n t l. Versammlung ab. Ansprachen werden halten: Rabb. Dr. Freudenthal-Nürnbcrg über „Aufgaben und Tätigkeit des liberalen Rabbiners" und Justizrat Bernh. Brcslauer-Berlin über „Unsere Gegner." Berlin. Die Jugendschriften-Kommission der Großloge für Deutschland VIII 11. O. B. B. erläßt eüt Preisausschreiben für eine Erzählung oder Novelle, die jüd. Leben oder jüd. Gestalten derart schildert, daß die jüd. Sittenlehre für Juden und Christen anschaulich hervortritt, ohne daß die Tendenz aufdringlich sich bemerkbar macht. Erster Preis: 600 JL, zweiter Preis: 400 JL Einreichungstermin: 31. Januar 1911 an D. Wolfs, Berlin W. 62, Kleiststr. 12.. Die Arbeiten sind mit einem Kennwort zu versehen; dasselbe hat auf dem verschlossenen Briefumschlag wiederzukehren, der eine Karte mit dem Namen des Verfassers enthält. Die preisgekrönten Arbeiten bleiben Eigentum der Großloge. Neuenahr. Montag fand unter großer Beteiligung die Einweihung des neuen israelitischen K r a n k e n h e i m s statt. Der Vorstand und viele Mitglieder des Vereins hatten sich eingefunden. Außerdem waren Bürgermeister Faul Haber, Kurdirektor Bütte» und viele Kurgäste erschienen. Kommerzienrat H. Wahl-Barmen, der Vorsitzende des Vorstandes, eröffnetc die Feier mit einer Begrüßungsansprache und erstattete sodann Bericht über Gründung - und Enttvicklung des Vereins. Dr. W e i d e n b a u m, der Anstaltsarzt, gab einen statistischen Bericht über die bisher — in den 11 Jahren seit Bestehen des Vereins — verpflegten und behandelten Kranken und crläilterte die Grundsätze, nach denen bei Ausnahme und Behandlung derselben verfahren wird. Rabbiner Dr. Frank-Cöln hielt die Weihe- Xä>e, in der er über Krankenpflege im Judentum und die Entstehung der Krankenhäuser bei Len Juden sich, aussprach. Die gehaltvolle, ergreifende RcLe schloß er, indem er den Segen Gottes über die Anstalt erslehte. Bürgermeister F a u l h a b e r sprach in durchaus wohlwollender Weise über die Anstalt und versprach, in jeder Weise das Werk zu fördern. In gleicher Weise gab Knrdircktor Bütten seinem Wohlwollen Ausdruck mit der Versicherung, das Entgegenkommen, welches er bis jetzt den Bestrebungen des Vereins entgcgengcbracht habe, auch fejrnerhin möglichst zu betätigen. — Die Feier ließ bei allen Teilnehmern eine» erhebenden Eindruck zurück. Großbritannien London. Das infolge eines Legats von zwei Millionen Mark des verstorbenen Millionärs Sam Levis in Walton-on-the-Nazc errichtete jüd. Erholungsheim wurde gestern cingcweiht. London. Auf der letzten monatlichen Versammlung des Jewish Board vf Guardians wurde ein Pries von Mr. C h u r ch i l l, dem Minister des Innern, verlesen, in dem mitgcteilt wird, daß die Regierung beschlossen habe, im Hafen von London ein Unterkunftshcim für Emigranten zu errichten, deren Zulassungsgesuche geprüft werden müssen. Die Errichtung eines solchen Heims ist von großer Bedeutung für die jüdischen cmigricrenden Massen, da diejenigen, die zurückgewicsen werden, ihren Aufenthalt in demselben dazu ausnützen werden können, um Beweise für ihre Erwerbsfähigkeit usw. zu erbringen, was bis jetzt wegen der Kürze der ihnen gewährten Frist unmöglich gewesen war. Es ist zu erwarten, das; dadurch die Zahl der Zurückgewiesenen bedeutend vermindert werden wird. Der Jewish Board of Guardians wird auch in diesem Briefe aufgefordert, Vertreter zu einer von der Regierung eingesetzten Kommission zu entsenden, die die Ausführung dieses Planes näher behandeln soll. Rußland. Petersburg. Verschiedenes. — In Smolensk verbot die Polizei die Ausnahine von auswärtigen Juden in die Krankenhäuser. — In Ljnbaschcwka bei Odessa überfielen junge Leute auf dem Markte die jüd. Händler. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her. — Vierzig jüd. Fainilien müssen binnen drei Tagen Taschkent verlassen, weil sie nach den Behauptungen der Polizei daselbst kein Wohnrecht haben. Von den 1200 jüd. Familien, die aus Kiew ausgcwicsen sind, dürfen nur etwa 10°/o dort bleiben; die übrigen müssen cs wahrscheinlich in den nächsten Wochen verlassen. . L. K. Palästina. Jerusalem. Dr. Paul Nathan hat seinen jüngsten Aufenthalt in Jerusalem dazu benutzt, eine N a b b i n e r s ch u l c, in der besonders sefardische Jünglinge nach den Forderungen der jüdischen Tradition und der modernen Zeit ausgcbildct werden sollen, zu begründen. Die Hauptlchrcr sind die Chachamim Ben Zion K o i n k a h und U s i a l, Dr. G r ü n h u t und der Gelehrte I. Ak. P i n e s. Sämtliche Gegenstände werden im Hebräischen vorgctragcn, jedoch werden auch die arabische und die türkische Sprache unterrichtet werden. — Es scheint, daß die R e ch o w o t h c r P e s a ch s p i c l e sich endgültig eingebürgert haben. Zum drittenmal haben sic im letzten Chol-Hamoed stattgefnnden und wieder ein großes Publikum aus Stadt und Land hcrbcigclockt. Besonders machte sich der neue Rechowothcr Arzt Dr. M o s c o v i tz um das Fest verdient, der zusanimc» mit dem Turnlehrer O r - low das Arrangement in Händen hatte und für Aufrcchterhaltung einer musterhaften Ordnung zu sorgen verstand. Ans dem Programm sind hervorzuhcben die Turnübungen und die Ringkäinpsc, an denen sich auch der Jaffaer Turnverein und die Schüler des Hebräischen Gymnasiums beteiligten, und das Pferdeivcttrcnncn, bei dem sich einige junge Kolonisten aus Chcderah hervorragend auszeichneten. Amerika. New-Aork. Das Büro der Jüd. Ackerbauu n d I n d n st r i e - G e s e l l s ch a j t (2. Avenue 174) hat im vergangenen Jahre 338 jüd. jungen Leuten als Landarbeiter re. Stellen auf Farmen verschafft. Dieses Jahr ist der Zuspruch jüd. junger Leute noch bedeutend größer. New-Nork. Das Hebräische ist zum vollwertigen U n t e r r i ch t s g e g e n st a n d für die Mittel- und Hochschulen erhoben und damit den jüd.' Bürgern gegenüber eine Forderung der Gleichberechtigung erfüllt tvordcn. Die Anhänglichkeit der jüd. Bevölkerung an die hebräische Sprache hat sich in B r o o k l y n .in besonders deutlicher Weise gezeigt. Ein Philanthrop errichtete dort einige Volksschulen für jüd. Mädchen und glaubte den Bedürfnissen der jüd. Volksmassen damit zu entsprechen, indem er als Unterrichtssprache in diesen Schulen das sog. Jiddisch, den von den Juden in den osteuropäischen Ländern gebrauchten „Jargon", bestimmte. Der gntmcinende Wohltäter mußte sich jedoch bald von seinem Irrtum überzeugen, denn die von ihm begründeten Schulen blieben leer. Darauf führte er Hebräisch als Untcrrichts- und Umgangssprache in die Schulen ein, — und da haben sich in kurzer Zeit über zwölshnudert, Mädchen zum Besuch der Schulen gemeldet. Montreal. Die neuen Emwandcrungsbestimmniigcn Kanadas bedeuten eine große E i n tv a n d c r u n g s c r s ch w c r n n g f ü r die osteuropäischen Inden. Es wird in der Zeit vom 1. März bis 30. Oktober der Besitz von mindestens 25 Dollars und in der übrigen Zeit von mindestens 50 Dollars Bargeld für jedes Familienmitglied über 18' Jahren und per halbe Betrag für jedes Kind von 5—18 Jahren gefordert. Ausnahmen sind nur bei Einwanderern aus westeuropäische» Ländern statthaft, die Nachweisen, daß sie ai» Ziele ihrer Reise sichere Arbeit oder eine Stelle haben werden. 0 MtFefon. 0 Auge «m Auge. . Roman von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). „Vielleicht liegt cs im weiblichen Empfinden, drohende Gefahren schon vorher zu empfinden. Und Sie tragen oft eine Miene zur Schau, als wollten Sie mir eine tötliche Wunde beibringcn, wobei Sie aber bemüht sind, dieses so schonend als möglich zu tun." ' „Aber dieses haben Sie mir doch schon einmal bereits früher gesagt," warf er grimmig ein. „Das weis; ich; ich wiederhole es aber dennoch, um die Frage daran zu knüpfen: Herr Volkmann, wodurch habe ich Ihren Haß heraufbeschworcn?" Sie hatte diese Frage so unvermittelt gestellt, daß er, trotz seiner gewaltigen Anstrengung, fast seinen Gleichmut verlor. „Nichts," erwiderte er, schnell gefaßt; „doch haben Sic mir jetzt die Ucbcrzengung bcigcbracht, daß Sic keine längere Unterhaltung mit mir wünschen. — —" „Wenn ich das zngebe, dann geschieht es nur, Iveil ich mich selbst nicht mehr verstehe, weil diese 'Idee mich nicht mehr verläßt und wie ein Alp mich bedrückt. Wollen Sie cs mir glauben," ein bleiches Lächeln huschte für einen Augenblick über ihre Lippen, „wollen Sie es mir glauben, ich fange auch schon an, davon.zu träumen. Es war dieses in den beiden letzten Nächten bereits der Fall. Ich sah meinen Vater mit einer tiefen Wunde im Herzen, bald mich verfluchend, bald wieder mit gebrochenen Augen mitleidig mich anblickcnd; ich selbst fühlte mich grenzenlos elend, scclenmatt. Sie aber-Ihre Gesichtszüge konnte ich zwar nicht deutlich sehen, aber ich wußte, daß Sie cs sind-Sic betrachteten uns irgendwo aus der Ferne, mit einem Hohngelächtcr, so gräßlich, so grausam, das mir noch lange in den Ohren gellte. War das nicht ein eigentümlicher Traum, Herr Volkmann?" „Jeder Traum ist mehr oder weniger eigentümlich," erwiderte er gedankenvoll. Diesmal hatte sie ihn vollständig überwältigt, und - er fühlte sich außerstande, mit ihr noch weiter zu rechten. Durch welche unerklärliche Hellseherei, durch welche magische Einbildungskraft mag sich wohl das Bild haarscharf in ihrem Gehirn kopiert haben, das er so tief in seinem Geiste sich ausgemalt? Diese geistlose Puppe, die er kaum seiner mäiullichen Anstrengung wert gehalten, hat sich zu einer unheimlichen Sibylle entwickelt, die seine geheimsten Gedanken erriet; mit einer Zauberkraft ausgerüstet, die das ohnmächtige Planen der Erdenkiuder spöttisch belächelt.- Aber sie war weder Sibylle noch Hellseherin, und darum konnte sic seine plötzliche Niedergeschlagenheit nicht bcgreisen. Mit bebender Stimme fragte sie daher: „Herr Volkmann, habe ich Ihre Gefühle verletzt?" „Wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie es ja annehmen." ® „Mit andern Worten, Sie legen wenig Wert darauf, was ich denke oder fühle, und nichts, was von mir kommt, vermag Ihren Gleichmut zu erschüttern." Inzwischen war es ihm doch gelungen, seine eiserne Selbstbeherrschung wieder zu erlangen, die er in diesem kritischen Augenblick so nötig hatte. „In dieser Annahme täuschen Sie sich doch gnädiges Fräulein. Ihre Ansichten sind für mich von unschätzbarem Wert. Ich Ivill Ihnen auch gleich einen Beweis davon geben, indem ich Ihnen einen Vorschlag mache." „Wenn er annehmbar ist . . ." sprach sie zweifelnd. „Wir haben bereits zwei Versuche gemacht, eine Freundschast zwischen uns anzubahnen," unterbrach er sic; „beide sind mißlungen. Wollen Sie daher nicht noch einen dritten und letzten mit mir versuchen?" „Ich — ich — iqürde es gern tun," war-ihre zögernde Antwort, die ihre innere Unruhe erkennen ließ, „wenn ich! . . Er ließ sie auch jetzt nicht vollenden. „Ich kenne Ihren Einwand, noch che Sie ihn aussprcchen. Aber lasse» Sie uns einen ehrlichen Handel schließen. Sie sürchtcn die Torheiten Ihres Vetters; nun, ich verspreche Ihnen, mich vor seinem Schicßunterricht in acht zu nehmen, dagegen sollen Sic mir versprechen, sich selbst vor — mir in acht zu nehmen." „Dann tvärcn meine Ahnungen doch nicht ganz unbegründet?" flüsterte sie mit tränenfeuchten Augen. „Die Höflichkeit gegen Dame» verbietet cs mir. Ihnen zu widersprechen," sprach er gezwungen. „Das ist wieder eine Zurücksetzung für das Weib, immer wie ei» uninüiidigcs Kind behandelt zu werden," seufzte sie leise. Er überhörte diese Bemerkung und fuhr fort: „Sie müssen mir aber zngcben, daß ich mich Ihren Verdächtigungen gegenüber mit großer Geduld wappnen mußte." „Ja, ich gestehe, Ihren Unmut oft heransgefordert zu haben." „Daß ich mich aber von diesem Unmut nicht Hinreißen ließ, geschah deshalb, weil ich mir die ganze Zeit über schon-klar war, daß Sie sich auf einem Irrwege befanden. Vielleicht haben wir beide zu großes Gewicht ans die Art unseres Beisammenseins gelegt; zumal wir doch wissen mußten, daß dieses bald zu einem Ende kommen wird. Durch ein Ungefähr, durch einen alltäglichen Zufall sind wir an einander geraten, und darum werden wir," er punktierte dieses Wort mit einem Achselzucken, dem man verschiedene, gegensätzliche

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