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Neue jüdische Presse · 1910-05-20 · Heft 19 (20.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 19 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. artigen Unternehmens nicht im voraus bestimmen, man darf aber hoffen, daß sie die Erwartungen noch übertreffen werden. Wie aber auch die Wirkungen fein mögen, der Verlag „Tuschijah" hat durch die Herausgabe der „Bibliotheko Gedauloh" eine silbische Kulturtat allerersten Ranges vollbracht. Drei Faktoren bestimmen heutzutage die Entwicklung einer Literatur: die Dichter, die Verleger, die Leser. Die Größe und die Schaffenskraft unserer Dichter wird die „Bibliotheko Gedauloh" allen vor Augen führen. Sie wird aber auch zeigen, tvie sehr jüdische Verleger für eine blühende Weiterentwicklung unserer Literatur sorgen und schaffen. Es ist nun eine Ehrenpflicht der jüdischen Leser, auch ihr Interesse an der Literatur unseres Volkes dadurch zu bekunden, daß sie mit allen Kräften den Verlag „Tuschijah" in seinem so sehr bedeutungsvollen und schwierigen Unternehmen stützen. Wir hoffen auch, daß die deutsche Juden heit cs als ihre Pflicht ansehen wird, mitzuhelfen an dem großen Werke, an diesem herrlichen Denkmal jüdischer Größe. * * * Im ersten Vierteljahr sind bereits 13 Lieferungen erschienen aus den verschiedensten Gebieten und Epochen, darunter auch einige originelle Schöpfungen, auf die wir noch näher zurückkommen werden. Der erste Band enthält den ersten Teil der G e d i ch t c v o n S a m u e l H anagid in der trefflichen Ausgabe von A. Brody, des größten lebenden Gelehrten auf dem Gebiete der jüdischen Dichtung im Mittelalter. Rühmend hervorzuheben ist, daß in dieser Ausgabe — im Gegensätze zu. dem gleichfalls von Brody herausgcgebencn Divan von Jchuda Halevi — die einzelnen Gedichte interpunktiert und vokalisiert sind. Die zweite und dritte Lieferung umfaßt den zweiten Teil der Werke des kürzlich verstorbenen Gelehrten Dr. S. Rubin, und zwar enchält dieser Teil das Werk: „Saun. I chudah wijeruscholaim", das die Kleidung der Juden zur Zeit d e r B i b e l behandelt. Das Werk bietet viel Neues und Originelles und gcht über manche schwierige Stellen in der Bibel interessante Aufklärung. Dem Werke geht eine wertvolle Einleitung von Dr. I. Klausner voran, die das Leben Dr. S. Rubins behandelt. Tie folgenden 2 Lieferungen enthalten den ersten Teil der Werke von M. D. B r a n d st ä t t c r. Die glänzenden Erzählungen dieses größten jüdischen Humoristen können an dieser Stelle nicht eingehend behandelt werden; wir behalten uns vor, auf sie zurückzukommen. Voran geht eine treffliche Abhandlung über Brandstättcr als Mensch und als Dichter von Dr. M. Rubinsohu. Tic 7. Lieferung bringt Rciscbilder von dem bekannten Schriftsteller P r o s. G. S e l i k o w i tz. Dieser war Dolmetscher bei den englischen Truppen in Abeffinien, die gegen die Eingeborenen kämpften, und erzählt nun in fesselnder Weise seine Erlcbnisse in jenem Lande. Es folgen in den Lieferungen 8—11 zwei originelle Werke: Gedichte von Kazenelnsohn und literarische Essay s von Berditschewski, auf die ivir noch zurückkommen werden. Die letzten 3 Lieferungen endlich enthalten den ersten Teil der letzten Werke des vor wenigen Jahren verstorbenen hebräischen Schriftstellers I. B c r s ch a d s k i. Man wird wahrnehmen können, daß diese kleineren Novellen uitd Erzählungen weit hinter den großen Romanen Berschadskis zurückstehen. Es fehlt ihnen die Kraft und' oft auch die Anschaulichkeit der realistischen Schilderung. Das Werk wird eingeleitct durch eine Biographie Berschadskis von P. Kaplan und durch eine inhaltsreiche Abhandlung von Bcn- Awigdor über „Berschadski als Mensch und als Schriftsteller. Wie man sieht, brachte das erste Vierteljahr größtenteils Werke moderner Schriftsteller, während die ältere Literatur nur wenig vertreten ist. Dies - hat — laut dem uns vorliegenden Prospekt — seinen Grund darin, daß die Bearbeitung dieser alten Werke durch die Gelehrten diel Zeit er¬ Frcmkfurckr Israelitisches Familienblatt. fordert. Das nächste Vierteljahr jedoch ivird eine große Anzahl von Werken aus der mittelalterlichen Literatur enthalten. Claude Montefiore, der neue Religionsstifter. Claude Montefiore hat in seinem letzten Buche „Synoptic Gospels" ein Judentum cnt- Ivickclt, von dem die Juden behaupten, es sei ein Christentum, da die Person Christi zuni Hauptinhalt seines Judentums wird, — die englischen Christen dagegen, die bekanntlich sehr konservativ sind, sagen in ihren theologischen Zeitschriften, daß das von Herrn Claude Montefiore in seinem letzten Buche entwickelte Judentum ein falsch verstandenes Christentum ist. Claude Montefiore ist aber Vorsteher mehrerer jüdischen Rcligionsschulen. Lord Swaythling, der Führer der englischen jüdischen Orthodoxie, forderte Herrn Montefiore öffentlich aus, in Anbetracht seiner antijüdischen, ja christlichen Lehren, von der Leitung dieser jüdisch-religiösen Institute zurückzutreten, was unserem neuesten Rcsormapostel sehr unangenehm ist. Er möchte allzugern den Religionsstifter spielen. Wenn man reich und einflußreich ist, glaubt Herr Montcsiore, dürfte cs nicht allzuschwcr sein. Aber Herr Montefiore hat falsch gerechnet. Noch ist Gott sei Dank das jüdische Volk nicht so verkommen und ehrlos, um ein solches Treiben stillschweigend zu dulden. Der wackere Veteran der englisch-jüdischen Orthodoxie, Lord Slvaythling, führt seit Jahren einen männlichen Kamps gegen diesen „Reformhelden", ein Kampf, der paralysierend und hemmend auf die Ausbreitung dieser „neuen" Lehre gewirkt hat. Und der Haham, Dr. Gaster, hat jüngst in einem langen Aufsatz in der größten englischen liberalen Zeitung, Daily News, die augenblicklich das Organ der Ministeriellen und der Regierung ist, mit Herrn Claude Montefiore abgerechnet. Der Haham, ein Polyhistor von Weltruf und ein geistesgewaltigcr Tribun, hat in überzeugenden und packenden Worten den Unterschied zwischen Judentum und Christentum und die Jrrtümcr Montefiores auseinandergesctzt, die hier einen gewaltigen Eindruck niachtcn. Denn cs ist keine gewöhnliche Erscheinung, daß ein Rabbiner hierzulande vor einer solchen Oeffcntlichkeit so gesinnungstief, selbstbewußt und überzeugend die Ehre des Judentums verteidigt und für die Existenzberechtigung der jüdischen Tradition und des jüdischen Volkstums kämpft. Die Engländer sind bekanntlich ein bibelfestes, konservatives Volk, und mau kann sich auf denc Kontinent kaum denken, welchen 'tiefen Eindruck diese Apologie des Judentums auf die Engländer machte. Unzählige Dank- und Sympathicbriese gingen dem Haham wegen seines wackren Auftretens von den angesehensten christlichen Kreisen zu. Die christliche Bevölkerung steht nämlich der Idee einer jüdischen Reform u n s y m p a t h i s ch gegenüber, und keine einzige christliche Zeitung hat bis jetzt für Montefiore Partei genommen. Von der großen „Times" bis zum verbreitetsten Volksblati „Evening Netvs" haben alle Zeitungen der englischen Metropole Claude Montefiores Unterfangen verdammt. Die Engländer sind eben ein gesundes Volk und wissen, daß dieTradition der Lebensnerv einer Kulturg c m e i n s ch a f t ist. Zudem sind sic, tvie gesagt, selbst bibelfest und konnten die Verunglimpfung unserer Propheten, die sich Herr Montefiore leistete, nicht ungerügt lassen. In England kommt keine jüdische Reform, d. h. E n t j u d u u g des Judentums zustande, nicht weil g c w i s s c jüdische Kreise zu wenig taufsüchtig sind, sondern weil es die christlichen Engländer nicht ivollen. Wie grotesk'? London. M. Nr. 19 Von der deutschen Palästina-Bank. Zu beut Aufsatze des Herrn Davis Trietsch unter obigem Titel schreibt uns Herr I. H. Kanu-Haag, Mitglied des Zionistischen Engeren Aktionskomitees: „In Ihrer Nummer vom 6. Mai war ein Artikel „Von der deutschen Palästina-Bank" zu lesen, die vom Verfasser, Herrn Davis Trietsch, als Beispiel für dir Anglo Palrstine Company hingestellt wird. Ich zweifle nicht daran, daß Herr Trieisch sich in Banksacheit für sehr kompetent betrachtet, halte es aber dennoch für notwendig, seinen Artikel mit den Mitteilungen der „Frankfurter Zeitung" vom 19. April d. I. zu vergleichen. Es heißt da u. a.: „Das Aktienkapital wurde im Jahre 1902 auf Mk. 800,000 erhöht, im Jahre 1.905 aber infolge von Verlusten, die das Institut damals in Jerusalem erlitten hat, auf Mk. 600,000 herabgesetzt" und ferner: „Wie weit durch den Anschluß an die Handelsvereinigung das Institut seinem ursprünglichen Zweck, als Vermittlungsstelle für den Verkehr mit Palästina und der Levante zu dienen, entfremdet wurde und seine Mittel für die deutschen Uniernehmungen der Handclsvereinigung verwendet, läßt sich von> außen nicht beurteilen. Jedenfalls scheint das in stärkere m M a ß e der Fall zu sein; so wurde erst dieser Tage gemeldet, daß sich die Deutsche Palästina-Bank die Majorität der Kuxe der Gewerkschaft A l w i n e gesichert Hab e." Wahrscheinlich waren diese Tatsachen Herrn Trietsch nicht bekannt, möglicherweise betrachtet er dieselben etwa als Details nebensächlicher Natur. Ich möchte indessen diesem Amateur in Finanz-Politik empfehlen, seine nächsten Bank-Artikel doch erst der Verwaltung der betresfcnden Gesellschaft zur Prüfung vorzulcgen, damit wenigstens die allergrößten Oberflächlichkeits-Fehler vermieden werden. Zu bedauern ist es, daß solche Artikel als Angriffsmaterial gegen die Verwaltung der Anglo Palestine Company dienen müssen. Man hat aus dem letzten Kongresse gesehen, wie gern manche Laien auf diesen Leim gehen. Die Leser sollten aber bedenken, daß, wo die Basis des Aussatzes sich als untauglich hcrausstellt, der Schlußfolgerung auch nicht der geringste Wert beiznmesscn ist." Eine schwere Anklage. Bon einer der Verwaltung der I. C. A. nahestehenden Persönlichkeit erhalten wir auf den Artikel „Eine schwere Anklage" folgende Erwiderung: „1. Die Kolonisten von Mauricio sind wohl seit nahezu 19 Jahren installiert; Verträge mit denselben wurden aber erst einige Jahre später abgeschlossen. In den ersten Jahren wurden verschiedene Experimente gemacht, und man hegte starke Zweifel an dem Gelingen der Kolonisation, konnte demnach keine Kontrakte abschließen. 2. Bei Abschluß der Verträge stellte die I. C. A. es den Kolonisten frei, 12 oder 20 Annuitäten zu wählen; sämtliche Kolonisten entschieden sich für 20. Die pünktlichsten Zahler haben bis jetzt erst 9 Annuitäten bezahlt, da bei schlechten Ernten den Kolonisten Zahlungsaufschübe bewilligt wurden. 3. Ein Paragraph des Kontraktes stipuliert, daß nur mit Einwilligung der I. C. A. eine vollständige Auszahlung vor Ablauf der 20 Jahre gestattet ist. Seit einigen Jahren haben nun zahlreiche Kolonisten, trotzdem sie notorisch nicht die erforderlichen Mittel besaßen, um die Genehmigung zur sosortigen vollständigen Tilgung ihrer Schuld ersucht. Die I. C. A. konnte dem Ansuchen nicht Folge geben und zivar im Interesse der Kolonisten selbst. Der Wert von Grund und Boden hat sich nämlich seit der Begründung der Kolonie verfünffacht, und bekannte Spekulanten wollten den Kolonisten das Geld vor-

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