Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 19 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Irartkfrtrter Sfmrlitifitirs fumilirnlilatt. r -- Diese Zeitung «scheint wöchentlich. AbonnrmentSpreiS pro Bietteljabr: In Frank« furt a. M. Mk. 1.— frei des Hau». Bei d« Post ' abonniert im In« und Ausland Mk. 1,02 (ein» schließlich Bestellgebühr). Unt« Streifband bezogen:! Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I --—-» Hrdartt»» ««d ch-fchäfts^eller SrsnKfurt s. nr.. vil-rler-raßr 4/6, <Mt Lleichstraße Vekefo» 10507. , . JnsertionSPreisr: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pf,. Die Sittlamrzeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschttst ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ■ 8. Jahrgang. Freitag, den 11. Ijar 5670 (20. Mai 1910). Rr. 19. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ein bleibendes Denkmal jüdischer Geistesarbeit. — Claude Montefiore, der neue Religionsstister. — Bon der deutschen Palästina-Bank. — Eine schwere Anklage. — Verein für Statistik der Juden. — Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums. — Aus allerWelt.—Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen-Katender. — Familiennachrichten. — Aus der Geschäftswelt. — Barnrizwohs. Ein bleibendes Denkmal jüdischer Geistesarbeit. Von Dr. N. Auf zweierlei Art kann inan eine Literatur fördern, direkt, indem nran selbst schöpferisch sie um neue Werke bereichert — wie cs die Dichter tun — und indirekt, indem man die breiten Volksmassen mit diesen Schöpfungen bekannt macht — es ist dies die Arbeit der Verleger. Nun wird man bei einer Betrachturig fast jeder Literatur ivahrnehmen können, daß oft die Wirkung, die ein Verlag auf eine Literatur ausübt, den Einfluß vieler Dichter und Schriftsteller zusammen übertrifft. Man braucht nur an die Stellung zu denken, die der Cottaschc Verlag in der deutschen Literatur eingenommen hat, um eine historische Bestätigung für diese Behauptung zu haben. Diese Erscheinung hat ihren Grund darin, daß in der modernen Zeit der kaufmännische Zug so mächtig geworden ist, daß er sich selbst in den ideellsten Gebieten des Lebens, in der Wissenschaft und Literatur, geltend gemacht hat; und die Verkörperung des Kaufmännischen in der Literatur ist eben der Verlag. Dieser Einfluß, den der Verlag in allen europäischen Literaturen ausübt, mußte in der hebräischen Literatur notwendigerweise noch viel bedeutender werden. Denn in der hebräischen Literatur hat es bis vor 20 Jahren überhaupt kein eigentliches Verlagswesen gegeben. Da gab jeder Dichter seine Werke meist im Selbstverlag heraus —, und so mußte der erste wirkliche Verlag geradezu zum indirekten Schöpfer einer neuen, blühenden Literatur werden. Und in der.Tat ist es so gekommen: das mächtige Aufblühen der hebräischen Literatur datiert seit der Zeit, da der erste hebräische Verlag „Achiassaf", nachher „Tuschijah" (beide von Ben Awigdor) gegründet wurde. Dieses Verdienst allein, die hebräische Literatur mit dem Stempel des Modernen versehen zu haben, würde genügen, um „Tuschijah" einen bleibenden Namen in unserer Literatur zu sichern. Jetzt jedoch geht dieser Verlag, nachdem er bereits eine Unmenge von Werken, darunter eine vollständige Bibliothek, herausgegeben hat, daran, eine zweite Tat von bleibender Bedeutung zu vollbringen durch die Herausgabe seiner „Bibliotheko Gedanloh" (Die große Bibliothek). Diese Bibliothek wird in sich fast sämtliche Werke umfassen, die seit der Zeit des Saadjah Gaon (also seit dem 10. Jahrhudert) von bedeutenden M ä u n e r n unseres Volkes geschrieben worden sind. Und zwar wird die Bibliothek alle Gebiete umfassen, Philosophie und Geschichtswissenschaft, Bibelerklärung und Apologetik, Epik und Lyrik, Publizistik und Belletristrik, und sänitliche Werke werden mit Einleitungen und Erklärungen versehen sein. Wer nicht nur Werke, die in hebräischer Sprache geschrieben worden sind, sondern auch solche, die ursprünglich in fremden. Sprachen abgefaßt sind, die aber für unser Volk irgendwelche Bedeutung Halen oder hatten, werden in hebräischer Uebersetzung in dieser Bibliothek erscheinen. (Ich erwähne hier nur als Beispiele: More Nebuchim von Maimonides aus deni Arabischen und die Werke von S. Frankel aus dem Deutschen.) Ferner wcr- Jugendbildnis Theodor Herzls s. A. (Zur 50. Wiederkehr seines Geburtstages.) den die Aufsätze und Abhandlungen moderner hebräischer Schriftsteller, die jetzt in vielen Zeitschriften zerstreut nur zu finden sind, gesammelt werden und so erscheinen. Und endlich wird diese Bibliothek eine große Anzahl origineller Schriften von modernen jüdischen Dichtern in sich enthalten. Und all das zu dem unglaublich billigen Preise von 10 Rubel für 50 Lieferungen im Jahre! Diese überaus billigen Preise, zu denen fast alle jüd. Verlage ihre Werke verkaufen, sind überhaupt für die hebräische Literatur sehr charakteristisch. Denn sie zeigen, daß das ideelle Moment in unserer Literatur so sehr vorherrschend geblieben ist, daß selbst die Vertreter des Praktischen in ihr, die Verlage, sich fast durchwegs im ideeilen S i n n e betätigen, d. h. mehr für die Verbreitung der Literatur unter dem Volke als für den eigenen Verdienst arbeiten. Eine solche Erscheinung ist in anderen Literaturen fast nirgends zu beobachten. Wo fände sich in der Tat der europäische Verlag, der jährlich 50 Lieferungen in großem Format, großem Druck und gutem Papier — darunter eine große Anzahl origineller Werke, während die anderen von namhaften Gelehrten bearbeitet erscheinen — für nur 20 Mark abzugcben bereit sein würde? Dies in kurzen Zügen Programm und Zweck dieser Bibliothek. Und nun halte man sich vor Augen, was ein solches Programm bedeutet. Sämtliche Geisteserzengnisse eines Volkes in moderner Form in einer Bibliothek gesammelt, — hat das irgend ein anderes Volk anfzuweisen? Wahrlich, nachdem „Tuschijah" durch seine Entstehung die hebräische Literatur den modernen europäischen Literaturen gleichgestellt hat, sucht es jetzt durch diese großartige Unternehmung die anderen Literaturen noch zu übertreffen. Welche Wirkungen ein solches Unternehmen haben kann und haben muß. Aßt sich jetzt gar nicht vollständig voraussehen. Abgesehen von dem ideellen 'Nutzen, daß nämlich diese „Bibliotheko Gedauloh" an sich ein herrliches Denkmal des jüdischen Geistes darstellen wird, werden die praktischen Wirkungen von der größten Bedeutung für die Weiterentwicklung der jüd. Literatur und Wissenschaft werden können. Denn in der Ausivahl dieser alten Werke des Mittelalters, die ja heute größtenteils nicht gelesen werden, weil sie eben teils gar nicht zu haben sind, teils aber in solch schlechten Ausgaben existieren, daß sie nur mit Mühe gelesen werden können, in all diesen alten Werken ist ja eine solche Menge von Gedanken und Anregungen enthalten, die jetzt unverbraucht und wirkungslos daliegen, während sie, in moderner Form weiteren Kreisen zugänglich gemacht, eine große Wirkung ausüben können, eine Wirkung, die besonders in religiöser Beziehung sehr heilsam sein kann. Dann aber ist ja die Herausgabe dieser alten Werke, die zum großen Teile gar nicht mehr käuflich sind, für die Wissenschaft von großer Bedeutung. Denn durch diese Werke wird man erst viele Ereignisse und Erscheinungen des jüd. Lebens im Mittelalter verstehen und überhaupt den Gang der jüd. Geschichte und Literatur klar erfassen können. Und auch der Literatur wird ein großer Dienst erwiesen, wenn es den lebenden jüdischen Dichtern und Schriftstellern ermöglicht wird, jene alteil Dichter kennen zu lernen, um in Hcem Schaffen auf jene sich stützen, zu Annen und so eine organische Fortentwicklung unserer Literatur zu ermöglichen. Endlich bedeutet es eine große nationaljüdische Leistung, wenn Man der jüd. Jugend die ganze, wunderbare Literatur unseres Volkes zugänglich macht und ihr so Liebe zu chrem Volke und Achtung vor seiner geistigen Größe einflößt. Ich habe hier nur auf die wichttgsten Wirkungen hingewiesen, die die Herausgabe 8er „Bibliotheko Gedauloh" ausüben kann. Genau kaffen sich ja natürlich die Folgen eines solchen groß-