Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 18 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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(Seite 4. bahnminister Wrb a möchte wohl seinen Einfluß bei den Christlichsozialen nicht riskieren. So hat sich denn Herr Sonnenschein entschlossen, dem Judentum Valet zu sagen. Der Umstand, Laß Herr Sonnenschein in der Austrittsliste der Wiener Kultusgemeinde nicht figuriert, beweist nichts. Auch Dr. Gustav F e ß l e r, der jüngst zum Oberlandcsgerichtsrat beim Wiener Landesgericht avanzicrtc, hat sich im Jahre 1906 getauft. Er war so vorsichtig, zum Zwecke dieser für seine Karriere so wichtigen Zeremonie eine kleine Vergnügungsreise nach der mährischen Heimat anzntreten. Dadurch cntgiirg er der peinlichen Publikation. Erst als ihm die Kultusgcmcinde im Jahre 1907 die Kultussteucr abverlangtc, machte er in einein Schreiben von seinem Taufschein Gebrauch." Wien. Endlich einmal haben die Wiener Juden Charakter gezeigt, indem sie bei* den Gemeinderatswahlen nicht die ihnen von der freisinnigen Wahlkliquc ausoktroierten Täuflinge Fürth und Neu mann wählten. Sie haben bewiesen, was sie vermögen, wenn sie einig find. Gewählt wurden Gemeinderat Alfons Herold mit 1181, Kultusvcrtreter Max Frank mit 1086 und Fabrikant Josef Stein mit 1036 Stimmen, während auf die Fürth, Neumann und Maaß nur ca. 600 Stimmen fielen. In ihrer Betrachtung über das Ergebnis der Wahl schreibt „Bloch's Oesterr. Wochenschrift": „Der Ausgang dieses Wahlkampfes besitzt unverkennbar eine hohe, historische Tragweite und seine Nachwirkungen werden in der politischen Geschichte Wiens Jahrzehnte hindurch wohltätig zu verspüren sein. Das Verdikt der Wähler mit den imponierenden, erdrückenden Majoritäten bedeutet nichts geringeres, als das endgültige Ausscheiden der von dem Judentume Abgefallenen ans dem politischen Leben Wiens. Nicht so leicht wird es ein Renegat wieder versuchen, vor. jüd. Wählern als Mandatswerbcr anfzutreten. Und da sie an arische Wähler ohnehin sich nicht heranwagen, so bedeutet in Hinkunft der Austritt aus dem Judentume der Verzicht auf politische Aspiration. Eines der interessantesten Momente in dem Verlauf des kurzen Wahlkampfes war denn auch unzweifelhaft die zum Durchbruch gelangte und vor aller Oeffentlichkeit sich manifestterendc Solidarität der Renegaten der verschiedensten Kategorien, die vereint eine rastlose, geradezu verzweifelte Agitation trieben. In diesen Kreisen hat man die hwhe Bedeutung des Ringens sofort erkannt imb im vollen Umfange gewürdigt." Reichsratsabgeordneter Stand faßte in einer Versammlung des Jüd. Nationalvercins sein Urteil in folgenden Worten zusammen: „Der Sieg der oppositionellen Kandidaten im ersten Bezirke stellt einen Sieg des bewußten Judentums dar. Durch die langjährige und ausdauernde Arbeit der Zionisten ist selbst der assimilierte Teil der jüd. Bevölkerung für die Ideen des modernen Judentums empfänglich geworden." Budapest. Mit 27 Passagieren 1., 17 2. und 28 3. Klasse hat die O r t h o d.-j üdische Paläst in a-R eiscgcsellschast ab Triest ihre Reise angetreten. Infolge der geringen Teilnehmerzahl, an der zum Teil die Wahlen in Ungarn schuld tragen, konnte kein Extradampfer genommen werden. Budapest. Der Redakteur des konfessionellen Blattes „Egyenlöseg", Dr/ Max Szabolcsi, hatte vor ca. Jahresftist gegen den damaligen Ministerialsekretär im Kultusministerium M a k k a tz die Anklage erhoben, er behandele die ihm anvertrauten Agenden der jüdischen Gemeinden mit einer direkten Antipathie und Herausfprderungssucht. Makkay strengte infolgedessen einen Preßprozeß an, dessen schwurgerichtliche Verhandlung für heute angesetzt war. Jetzt ist derselbe aber auf unbestimmte Zeit verschoben worden, angeblich weil Szabolcsis Verteidiger gesundheitlich angegriffen sei, wahrscheinlich aber aus politischen Gründen, da Ungarn vor Neuwahlen steht und der neue Minister, obwohl Makkay sofort seiner Stelle enthoben wurde, sich gegen letzteren doch nicht exponieren will. Aus Prag melden Budapester Blätter, daß die Revision des Hilsner-Prozesses bevorstehe. Beim Piseker Kreisgerichte werden jetzt die Akten überprüft und die Staatsanwaltschaft trifft Vorbereitungen, falls die Revision angeordnct würde. t. Budapest. In der großen Wählerversammlung zu Erlau, die den Kultusminister Graf Johann Z i ch y für das Reichstagsmandat kandidierte, fühlte sich der hochgeborene Edelmann stark genug, das Bekenntnis seiner schönen Seele abzulegen. ' In seine Salbadereien über Humanismus, Toleranz, nationale Kultur usw. fand er Raum, einen Satz einzurücken, der mit einem Fußtritt das ganze ungarische emanzipierte Judentum aus den felsen¬ KraMlÄer KsraMWi KünMeMatt. festen Bastionen der Verfassung hinansschleuderte. „G esetzartikel 20 des Jahres l 848" (der allen im Lande emanzipierten Konfessionen fteie Hebung gestattet), sagte er, „köimc a uf die Juden keinen Bezug haben, da diese doch im Jahre 1848 noch gar keine Emanzipation hatte Rauschender Beifall lohnte seine Ausführungen. Die jüdischen Wähler taten schlau genug, den Satz zu ignorieren. Er wurde erst durch den liberalen Hofmeister Baron D. B a n f f y der Ocfscntlichkeit zur Dislnsjion gestellt, erreichte aber nur, das; man sich mnso enger an den edlen Grafen anschniiegte. Jetzt lautet die jüdische Devise: Er m u ß gewählt iverde», denn cs ist zu fürchten . . Zion i. Ezernowitz. In der „Dolkswehr" schreibt Abg. Dr. Straucher bczügl. der ungesetzlichen Handhabung des Schubgesetzes gegen Inden: „Uns sind zahlreiche Fälle bekannt, daß rumänische und russische Juden seit einer Reihe von Jahren in der Bukowina ständig ansässig waren oder sind, einen ehrlichen Erwerb betreiben, weder gerichtlich noch administrativ gestraft worden sind, in keiner Weife die öffentliche Ordnung stören, vielmehr ein korrektes Verhalten an den Tag legen, — dennoch aber deshalb ansgewiesen werden, weil sie sich mit einem so genannten Gouverneurpasse der Russischen Behörden nicht auszuweisen vermögen, und daß deshalb gegen sie die Bestimmung des § 1 HL a des berufenen Gesetzes vom Juli 1871 angewendet wird: daß sie nämlich als angeblich a u s w e i s - und bestimmungslose Individuen kurzer Hand ab ge schafft werden. Es werden do keine oder nur mangelhafte Erhebungen geführt. Die politischen- oder Sicherheitsbehörden beschränken sich einfach auf die Konstatierung des Abganges eines solchen Passes und die Zitierung dieser Gesetzesbestimmung, machen sich so die Arbeit und „Untersuchung" .sehr leicht und jagen dann ganze Familien aus den; Lande. Wie viel Jammer und Elend da angerichtet wird, läßt sich im Einzelnen gar nicht schildern. Leute, die notorisch durch eine Reihe von Jahren in der Bukowina gelebt, hier geheiratet und Familien begründet haben, Familienväter mit ehrlichem Erwerbe, mitunter recht vermögende Leute, die ein tadelloses Verhalten an den Tag legen und sich eines vorzüglichen Leumundes erfreuen, werden oft erbarmungslos hinausgcjagt. Es ist oft herzbrechend, dem unsäglich traurigen Schicksal dieser unglücklichen, von Land zu Land heimatlos Vertriebenen zuzusehen! ... Das ist die vielgerühmte Humanität und Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts! Die Zeit, in der Vereine gegen Tierquälerei und für Tierschutz gegründet werden, hat für Menschenschutz nnd gegen Menschenqnälerci noch keine Vereine. Die Tiere erfreuen sich eben mitunter eines größeren gesetzlichen und behördlichen Schutzes wie die im Ebenbilde Gottes erschaffenen Menschen." Lemberg. Hier ist von der zion. Krcdit-Union eine jüd. V o l ks v o rsch nß k a ss e eröffnet worden. Dieselbe soll jüd. Kleinhändlern und Handwerkern Darlehen zu geringem Zinsfüße und günstigsten Abzahlungsbedingungen gewähren. Rußland. Petersburg. Der Antisemitismus der russischen Regierung zeitigt immer merkwürdigere Blüten. Vor kurzem sind wieder Fälle vorgekommen, die einem, der nicht das Vergnügen hat, russische Zustände zu kennen, unglaublich erscheinen werden. So kam nach Woloyda zu einer jüdischen Frau, die, weil sie sich mit Politik beschäftigt haben sollte, dorthin hatte übersiedeln müssen,, deren 17jährige Tochter, um die Mütter zu -besuchen. Da erklärte aber die Polizei, daß das Mädchen in Woloyda kein Wohnungsrccht hat, auch nicht bei der Mutter, und die Tochter wurde a u s g e >v i e s e n. Viel merkwürdiger ist aber der Fall, der sich in Moskau abgespielt hat. Noch zur Zeit, als Herschelmann Bürgermeister von Moskau Ivar, kam dorthin ein Jude namens Kaizin und erhielt vom Bürgermeister die Erlaubnis, in Moskau als Commis zu wohnen. Der Bürgermeister erklärte aber ausdrücklich, er erlaube nur Kaizin selbst, nicht aber seiner Familie, in Moskau zu leben. Dies widerspricht aber dem Gesetze, welches besagt, daß Kauflcute oder Commis, welche außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen, stets Frau und-Kinder bei sich haben dürfen. — Nach einiger Zeit kam Kuizins Frau mit ihren 3 kleine» Kindern nach Moskau. Da die Frau als Geburtshelferin tätig war, so erhielt sie ebenfalls das Wohnungsrecht. Da ihre Kinder nach dem Gesetze bei ihr wohnen dürfen, so erhielten dieselben selbstverstündlich keine besondere Erlaubnis des Wohnungsrechtes. — Nun erhielt Kaizin die Erklärung, daß der frühere Bürgermeister Herschelmann nur ihm Nr. 18. das Wohniingsrecht erteilt habe, nicht aber seinen Kindern, daß diese daher Moskau verlassen müssen. Von den Kindern ist das eine 4, das andere 8 und das dritte 10 Jahre alt. Der Befehl wurde vom jetzige» Moskauer Bürgermeister erlassen und von; Ministerium des Innern bestätigt. Daß der Erlas; Herschelmann dem Gesetze widerspricht, kümmerte die russische Regierung wenig. Wohin die Kinder, die ihren Eltern entrissen werden, kommen sollen, das kümmerte sie.noch weniger, und so mußte sich Kaizin an den Senat um Hilfe wenden. Allerdings verlieh dieser einstimmig den Kinder Kaizins vorläufig das Wohnuugsrecht, bis der Befehl der Ausweisung einer Untersuchung unterliegen wird. L. K. Petersburg. Nachdem das Erscheinen des jüd. Blattes „N o w j i W o s ch o d" auf Befehl des hiesigen Bürgermeisters eingestellt werden mußte, erscheint hier jetzt eine neue Zeitung „I ewrcißkaja N j e d j c l j a" („Jüdische Woche"). L. K. Kobryn (Gouo. Grodno). Ein Teil unserer Stadt, die unter 15 000 Einwohnern 12000 Juden zählt; ist d ii r ch Fcue r z e r st ö r t w o r d e n. Mehrere hundert jüdische Familien sind brot- und obdachlos. Kiew. Die angeordnete Ausweisung der 228 jüd. Familien aus den; Dorfe Demjuwkn ' wurde auf de» 13. Mai n. St. festgesetzt. *— Wie bereits telegraphisch gemeldet, wurde die Ausweisung von 1200 jüd. Familien aus Kiew in letzter Minute verschoben. Generalgonverncur Trepow wurde beauftragt, die Frage einer Revision zu unterziehen. Es wurde eine administrative Kominissivn gebildet, die das Wohnrecht der ausznweisendcn Inden nachprüfen soll. Die Frage ist damit freilich noch keineswegs in günstiger Weise gelöst, da die Arbeiten der Kommission einen bloß kontrollierende» Charakter haben und diese liicht die Befugnis hat, die verfügte Ausweisung zu annnlicre». Nur in cinzelilen Fällen, >vo der Rekurs der Betroffenen als gesetzlich hinreichend begründet erscheinen wird, soll der Ausweisungsbefehl aufgehoben werden. Das D a m o k l c s s ch w e r t s ch w e b t also noch über vielen Hunderten jüdischen Familien und die allermeisten werden ihm früher oder später tvohl kanm entgehen. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Am 16. Mai, mittags 2% Uhr beginnt im oberen Saale des Börsenrestaurants (Schillerstraße) ein Grnppenverbandstag der zion. Ortsgruppen Hessens und Hessen-Nassaus, zu dem alle Zionisten dieser Bezirke eingeladen sind. Die Tagesordnung lautet: 1. Organisation und Wahlen, 2. Bericht über die Ortsgruppen des Verbandes, 3. Die allgemeine Lage des Zionisnms (Referent: Parteisekretär Blumenfeld), 4. Eventualia. Rach Schluß der Beratungen findet ein gemeinschaftliches Abendessen im Hotel Ullmann statt. Köln a. Rh. Nach einem Bortrage Rabbiners Dr. W. L c v y - Charlottenburg und einer angeregten Diskussion, in der Rabbiner Dr. Carle - bach als Gegner, Schnelling, Goldreich, Dr. R u b e n s o h n, Dr. R o s e n b l ü t h und H o fm a n n als Freunde sprachen, bildete sich hier eine Misrachi-Ortsgrnppe. Köln a. Rh. Präsident David Wolffsohn wird demnächst Amerika besuchen. Voraussichtlich wird er von Dr. Franz Oppenheimer begleitet werden. Budapest. Gelegentlich der Pfingsten stattfindenden Landeskonferenz der ungar. Zionisten werden auch die ungar. M i s r a ch i st e n eine Konferenz abhalten. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) In der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes bringen Sie einen Artikel des Herrn Davies Trietsch über die Deutsche Palästin a- Bank, in welchem der Geschäftsbericht pro 1909 dieses Institutes besprochen wird, und der mit besonderem Nachdruck auf die weitaus größeren Umsatznnd Gewinnziffern dieses Unternehmens. im Vergleich zu unserer Anglo - Palestine Co. hinweist. Herr Trietsch glaubt, für die geringere Prosperität der Anglo - Palestine Co. eine allzu große Bremstätigkeit der Leitung verantwortlich machen zu müssen. Demgegenüber ist es von Interesse, zu konstatieren, was die Franks. Ztg. zu der Wiedergabe des Geschäftsberichts pro 1909 der Deutschen Palästina- Bank (2. Morgenblatt vom 19. April 1910) bemerkt. Es heißt da wörtlich: „ . . . wie weit durch den Anschluß an die Handelsvereinigung das Institut (D. P.-B.). seinem ursprünglichen Zwecke als Vermittelungsstelle für den Verkehr mit Palästina und der Levante zu dienen, entfremdet wurde, und seine Mittel für die Deut-