Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 18 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. AümMenVlaÜ. Seite 3. Pünktlichkeit wecken, sie zur sparsamen Ausnutzung von Zeit und Geld anhalten und sie befähigen, zunächst im elterlichen Haushalt mittätig zu sei», in Abwesenheit der Mutter den Haushalt selbständig zu führen und sich die hanswirtschastlichen Kenntnisse zu erwerben, die sie später als Ehefrauen oder alleinstehend nötig haben. Nunmehr besichtigten die Gäste die Küche, während die Schülerinnen bei Schokolade und Kuchen, gestistet von einer Vorstandsdamc, die Eröffnung feierten. Die Schulküche ist provisorisch in beiden Küchen der Jüd. Haushaltungs-Schule untergehracht, der Unterricht wird je an 16 Schülerinnen der Jüd. und der städt. Volksschulen am Montag und Mittwoch. Nachmittag von 3>/z—7 Uhr erteilt. Je 4 Schülerinnen bilden eine Familie, haben einen Herd, einen Schrank, einen Tisch und das nötige Geschirr für sich und lernen nicht nur einfach kochen, sondern auch alle Küchen-Reinignngsarbeitcn besorgen und die Küchenwäschc wieder in Stand fetzen. Theoretisch werden die Schülerinnen über den Nährwert der Speisen, über die Kennzeichen guter und schlechter Nahrungsmittel nsw. unterrichtet. Eine städt. Haushaltungslehrerin unter Beihilfe der Lehrerin an der Jüd. Haushaltungsschule erteilt den für alle Schülerinnen unentgeltlichen Unterricht mit besonderer Berücksichtigung der rituellen Speisegesetze und aller religionsgesetzlichcn Vorschriften. Die gekochten Speisen werden von den Schülerinnen konsumiert. Berlin. Unter dem Vorsitz des Reichtagsabg. Bergrat G o t h e i n tagte hier die Generalversammlung des Vereins z u r A b lv e h r d e s A n t i s e m i t i s m u s. Der Vorsitzende konstatierte in seinem Berichte das Abflauen der antisemitischen Bewegung. Sodann sprachen Pfarrer A l s r e d Fischer-Berlin über das Thema „Vertragen sich Christentum und A n t i s e m i t i s m u s" und Professor Dr. G o l d st e i n - Darmstadt über das Thema „Moderne Rassentheorie". Pfarrer Fischer kam zu dem Schlüsse, daß es des Christen Pflicht sei, nach Möglichkeit zu einen, aber nicht zu trennen. Professor Dr. Goldstein hatte sich deshalb sein Thema gewählt, weil mit der modernen Rassentheorie dem Antisemitismus ein philosophischer Mantel nmgeworfen werde. Da die Rassentheoretiker die Menschheit in die Edelrasse der Germanen und in das Chaos der übrigen minderwertigen nichtgermanischen Rassen teilen, gibt es — so führte Redner aus — keine große Leistung der Weltkultur, die nicht irgendwie germanischen Blutes entsproß. Die verhängnisvolle Tatsache, daß die Rassentheoretiker die Raffe für etwas absolut Unveränderliches halten, läßt für die Pangermanisten den weittragenden politischen Schluß zu: cs ist ein vergebliches Bemühen, eine Rasse durch Hebung des Milieus, durch Erziehung in ihren Fehlern zu bessern, denn die Fehler sind ein Naturfatum. Diese Theorien werden auf die Juden angewcndet. Da sie nicht der peruanischen Rasse angehören, sind sie minderwertig. Eignet sich nun der Begriff der Rasse zur Erklärung des komplizierten geschichtliche» Lebens? Gibt cs überhaupt spezifisch peruanische Rassenmerkmalc? „Langschädel", „helle Haut- und Haarfarbe" und „Körpergröße" finden wir auch bei Rassen, wo nie Germanen hingelangt sind. Wir finden sämtliche Schädelformen in jeder Rasse. Luther, Napoleon, Bismarck waren ausgesprochene Rundköpfe. Beethoven und Wagner, Nietzsche und Menzel hatten nicht backfischartige Lohengrinköpse. Wenn die blonde Haarfarbe maßgebend ist, müßten die Hinterpommern die größten Genies sein. Es ist schwer zu unterscheiden, was auf das Konto der Rasse und was auf das Konto der Kultur zu setzen ist. Alle Fehler der Juden werden durch ihre Geschichte begreiflich. Das Wort ans der „Jüdin von Toledo" ist treffend: „Sie lähmen uns und schelten, daß wir hinken." Berlin. Am 5. Mai fand in Steglitz, Wrangelstr. 6/7 die Eröffnung der jüdischen Blinden- Anstalt für Deutschland statt, und zwar mit vier zu Unterrichtenden und zwei Erwachsenen. Nur der Vorstand des Vereins und das Damenkomitee hatten sich zu einer intimen H a n s f e i e r zusammengefunden, während eine größere Eröffnungsfeierlichkeit für späterhin geplant ist. Der Vorsitzende Professor R o s i n begrüßte und beglückwünschte die Anwesenden, besonders Herrn William Neumann, dessen Initiative die Gründung entsprungen sei. Er hob das Bedürfnis für eine solche Anstalt hervor, das am besten in den eingelaufenen und noch einlaufenden zahlreichen Meldungen zuni Ausdruck komme. Eine in allergünstigster Lage in Steglitz neben der Königlichen Blindenanstalt mit jedem Komfort ausgestattete Villa inmitten eines herrlichen Gartens, preiswert erworben und zweckmäßig ausgestattet, gewähre den hilfesuchenden Blinden schon äußerlich ein so schönes Heim, daß damit ein prächtiger Rahmen für den inneren Ausbau, für die schönen Ziele und Zwecke der Anstalt gegeben fei. Herr Dr. Esch elb ach er hielt alsdann an - die anwesenden Damen, den Vorstand) sowie den Inspektor der Anstalt. Herrn Lehrer Friedberger und ■ an die Blinden selbst, eine warme, zum Herzen dringende Ansprache, an dercm Schlüsse er Gottes Segen für die Anstatt erflehte. — Hieran schloß sich die erste Vorstandssitzuug. . Die Anstalt bietet Raum für mindestens 20 Insassen, ist außerdem durch etwaige Anbauten bedeutend erweiterungsfähig und ist bereits auf das .Zweckmäßigste und Behaglichste ausgestattet; nicht wenige haben schon zur Verschönerung des Ganzen beigefteuert. Möge das begonnene Werk der jüdischen Näch- 'tenliebe durch weitere zahlreiche Beitritte von Mitgliedern oder Spendern gefördert werden. Die Geschäftsstelle der jüdischen .Blindenanstalt befindet sich in Berlin, Rosenstr. 2/4, daselbst werden Zahlungen sowie anch Aufnahmemeldungen für blinde Kinder entgegengcnommcn. Berlin. Die Alliance Jsraelite Universelle feiert in diesem Monat das f fünfzigjährige Bestehe n. In Berlin und in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands wird in nächster Zeit eine besondere Feier tattfinden. In Paris haben diese Festveranstaltungen eine Verzögerung erfahren müssen, da der Präsident der Alliance Jsraelite Universelle, Herr Leven, erkrankte. Man wird in Paris eine Nachfeier im November veranstalten. Die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle hat ihre Mitglieder zum 29. Mai zu einer außerordentlichen Tagung berufen und zu dieser alle Lokalkonlitees eingeladen. Für die Pariser Feier war eine Teilnahme aus allen Ländern in Ansicht genommen. Auch an Herrn Oskar S. Strauß, den Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, war eine Einladung ergangen, auf die Herr Strauß mit folgendem schreiben antwortete: „Ich habe Ihre Einladung gu den Feierlichkeiten und Versammlungen erhalten, die im kommenden Mai zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Begründung der Alliance Jsraelite Universelle stattfindcn sollen. Wenn meine amtlichen Pflichten meine Abwesenheit von hier zu jener Zeit gestattet hätten, so wäre es mir eine große Frcude> der bedeutsamen Jubiläumsfeier beiznwohnen. Wer mit der Lage unserer Glcnibensgenossen in diesem Weltteil vertraut ist, muß Bewunderung fühlen für die Größe des Werkes, das die Alliance geschaffen hat, indem sie unseren Glaubensgenossen Erziehung und moralische Hebung zuteil werden ließ und ihre wirtschaftliche Lebenshaltung erhöhte. Ich habe die Schulen und andere Institute besucht, die die Alliance hier, in Salonik, in Smyrna und vielen Orten eingerichtet hat, und kann aus eigener Anschauung Zeugnis ablegen für das große und edle Werk, das die Alliance geschaffen hat und zu schaffen fortfährt. Die Alliance ist für die Juden des Orients Schirm und Schutz. Der Schutz, den die Negierungen der verschiedenen Staaten ihren christlichen Landesgenossen angedeihen lassen, de» gewährt die Alliance den Juden. Ich habe eine Anzahl junger Leute gesehen, die in den Schulen der Alliance erzogen worden sind und sich zu nützlichen Führern ihrer Glaubensgenossen entwickelt haben. Ohne die Vorteile, die die Schulen der Alliance bieten, würden sie in derselben unglücklichen Lage verblieben sein, in der sich die Mehrzahl ihrer Brüder. befindet. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich in Salonik aufzuhalten. Ich besuchte dort Ihre Schulen und traf die Vorsteher der Gemeinde bei einer Beratung an. Ich war bestrebt, sie von der dringenden Notwendigkeit zn überzeugen, ihren spanischen Jargon abzulegen, dessen Ersetzung durch die Landessprache ich empfahl. Auch die Pflege der französischen Sprache legte ich ihnen ans Herz, damit sie aus ihrer Absonderung herauskämen und die Aufklärung der Gegenwart sich zunutze machten. Ich bemühte mich, ihnen auseinanderzusetzen, welche Ironie der Geschichte darin liege, daß sie die Sprache ihrer spanischen Bedrücker bewahrten in einem Lande, das ihren Vorfahren Schutz und Zuflucht bot. Die Arbeit, die die Schulen der Alliance in dieser Richtung geleistet haben, kann nicht genug anerkannt werden. Slber cs bleibt noch so viel zu tun übrig, daß es mir eine große Genugtuung sein würde, wenn das, was ich ausgeführt habe, sei es auch nur in geringem Maße, zum Gedeihen und zur Entwicklung des Alliancewerkes beitragen könnte, das für unsere bedrückten Brüder im Osten ein Gottesgeschenk und ein Segen geworden ist. Dieses Werk macht den Ruhm und die Ehre des fünfzigjährigen Jubiläums der vornehmsten Gemeinschaft.aus, die mit so sichtbarem Erfolg für die Hebung der Söhne und Töchter Israels gewirkt hat. Es ist mein Wunsch, Ihnen, dein ehrwürdigen Präsidenten der Alliance, der Sie so viele Jahre Ihres Lebens dieser großen Sache gewidmet haben, und Ihren Kollegen die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung und höchsten Wertschätzung auszusprechen." Berlin. Die soeben erschienene Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" enthält von Dr. Rudolf Wassermann-München eine; interessante Arbeit über „Die Entwicklung der jüd. Bevölkerung in der Provinz Posen und das Oftnrarkenproblem". Der Aufsatz gibt eine eingehende Untersuchung über die Gründe des gewaltigen Rückgangs der jüd. Seelen - zahl in der Provinz Posen — innerhalb 60 Jahre ist die jüd. Bevölkerung der Provinz Posen von ca. 81000 Seelen (1846) auf wenig mehr als 30000 Seelen (1905) gesunken — und kommt zu deni Schlüsse, daß die Abwanderung anhalten und wohl nur zu spät die Regierung einsehen wird, daß sie zwar den Teufel vertrieben hat (durch Stärkung der deutschen Organisationen) aber nur mit dem Beelzebub (durch Aufopferung der Inden). lä.) Metz. Am Vorabend des Pesachfestes veranstaltete die Lothringen Loge den in Metz garnisonierten jüdischen Soldaten einen Sederabend. Mit dieser Feier wollte man feststellen, ob 'die Gründung eines Soldatenheims einem auch in den Kreisen der jüdischen Mannschaften gefühlten Bedürfnis entspräche. Der Erfolg des A b e n d s muß d i e S ch a f f - nn g eines jüd. Sold aten hei ms unbedingt b e f ü r w o r t e n. Von 117 hier stehenden Soldaten hatten 62 der Einladung Folge geleistet; der Rest, der wegen der Feiertage znm größten Teil in die Heimat beurlaubt war, gab fast ausnahmslos sein Interesse durch schriftlich dargebrachte Wünsche zum Gelingen des Abends kund. Herr Th. Goldschmidt, der als einer der ersten die Idee des Soldatenheims propagiert und mit unermüdlichem Eifer den Sederabend vorbereitet hatte,' begrüßte, nach Erledigung des dem Essen vorausgehenden Teiles der Haggadah, die Erschienenen und setzte den Mannschaften Ziele und Bedeutung der geplanten Gründimg auseinander: Ein gemütliches Heim soll dem jüd. Soldaten geboten werden, ein Heim, in dem er seine freie Zeit in anregender Geselligkeit verbringen kann, und in dem ihm auch zur weiteren Fortbildung durch Vorträge und Zeitungen Gelegenheit geboten werden soll. Mit eindringlichen Worten verwies Herr Goldschmidt die Mannschaften noch auf die Pflichten eines guten Soldaten, damit die Leute durch ihre Tüchtigkeit das Vorurteil vernichten, das — sogar bis in die höchsten Kreise — heute noch gegen die jiid. Soldaten besteht. Auf eine Anfrage des Herrn Goldschmidt hin. erklärten sich die Soldaten begeistert dazu bereit, jeden Sonntag Nachmittag zn erscheinen, und es war eine spontane Eingebung von bezeichnender Bedeutung, daß sich nach den Worten des Herrn Goldschmidt ein Soldat erhob und ein dreifaches Hoch auf das Soldatenheim ausbrachte. Der Einj. - Freiw. David wies In einer kurzen Ansprache auf die Bedeutung des Pesachfestes als Befreiungsfest des jüdischen Volkes hin und dankte all' denen, die sich um das Gelingen der Feier verdient gemacht hatten. Nach dem durch einen Soldaten vorgetragenen Tischgebet, übernahm den zweiten Teil der Sedergebete Herr Schweitzer. Jetzt kamen auch noch einige Familien, außer denen die den ganzen Sederabend im Kreise der Soldaten mitgemacht hatten, und mit besonderer Freude wurde Herr Oberrabbiner Dr. Netter begrüßt. Gegen Schluß waren nahezu 100 Personen anwesend. Diese Beteiligung mag den Veranstaltern der Feier, namentlich der Lothringen-Loge, als Beweis dienen, daß das Interesse für die neue Idee groß ist. Es ist daher nur zu wünschen, daß die inoffiziellen Sonntag - Nachmittag - Zusammenkünfte, die stets von 40—50 Soldaten besucht waren, recht bald durch die offizielle Er- Öffnung des jüdischen Soldatenheims eine Sanktion erhalten. -t. Stratzburg i. Elf., 8. Mai. Hier fand gestern eine Plenarsitzung der drei israelitischen Konsistorien der Bezirke Ober-, Unter-Elsaß und Lothringen statt, in welcher der Entwurf einer n e u e n K u l t u s v e r f a s s u n g vorberaten wurde. Dinslaken. Das Israelit. Waisenhaus feierte am 6. Mai ein Doppeljubiläum: die Feier seines 25jährigen Bestehens und der 25jährigen Tätigkeit seines Leiters Herrn Wormser. Oesterreich-Uugaru. Wien. In der .Neuen National-Ztg" lesen wir über die Taufe eines Ministerialrates folgendes: „Ihre Anfrage, ob es richtig ist, daß sich der Ministerialrat Sigmund Sonnenschein im Eisenbahn-Ministerium getauft hat, kann ich auf Grund verläßlicher Informationen bestätigen. Herr Sonnenschein möchte Sektions-Chef werden, und unsere christlich-sozial geschwängerte Atmosphäre kann einen jüd. Sektions-Chef nicht vertragen. Allerdings hat es schon einmal ein Jude zum Sektions-Chef gebracht — der jetzige Bize-Präsident beim Obersten Rechnungshof Dr. P. Schulz, der sich inzwischen getauft hat, um sich für die Geheimratswüroe zu präparieren, — aber Eisen-