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Neue jüdische Presse · 1910-05-13 · Heft 18 (13.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 18 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. . \ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Wer ist dieses Schicksal schließlich nicht auch das fast aller wirklich Großen? In der Nähe sieht man eben niemals.den Berg in seiner ganzen Größe. * ch * Jede Idee muß, ehe sic verwirklicht wird, ihren Märtyrer gefunden haben. Es ist, als ob das Blut des Märtyrers erst den Boden düngt, auf dem die Verwirklichung dieser Idee erstehen und erblühen kann. Das jüdische Befreiungsideal hat in Theodor Herzl bereits seinen Märtryer gesunden. Wird die jüdische Befreiung noch lange auf sich warten lassen? Eduard VII. und die Jude«. Von Dr. S. M. Melameö. Mit dem plötzlichen Ableben des englischen Königs hat der TRi einem kriegerischen Geschlecht einen großen Friedensstifter entrissen. Sein Volk sieht in ihm den unermüdlichen „Promotor of Peace". Als Eduard der Friedensstifter wird er auch in der Geschichte fortlcben. Auch wir Juden haben allen Grund, dieses großmütigen und menschenfreundlichen Souveräns m Ehrfurcht zu gedenken, nicht nur, weil Eduard VII. sich anheischig machte, das politische Programm unseres Prophetenfürsten Jesajah zu verwirklichen, sondern weil wir mit seinem Tode einen aufrichtigen Freund unseres Volkes verlieren. Eduard VII. war neben dem König von Italien der einzige große Potentat, der seinen jüdischen Untertanen volle Gerechtigkeit angedcihen ließ und, ihre politischen Fähigkeiten erkennend und schätzend, ihnen die höchsten Staatsämter anvertraute. Im gegenwärtigen englischen Ministerium sitzen drei Juden, Samuel,Montague und Isaaks. Er behandelte die Juden mit einer Vorurteilslosigkeit, die auf einen gestählten, selbstständigen Charakter und gleichzeitig auf einen modernen, sittlichen Mann im besten Sinne des Wortes schließen läßt. Eduard VII. hat wie kein anderer Potentat vor ihm die politische Begabung der Juden erkannt und anerkannt, und indem er drei Juden zu Ministern berief, stellte er dem politischen Genius der Juden ein Zeugnis aus, das das Märchen der Antisemiten, Juden können politisch nur negativ wirken, zerstören nrußte. Wenn ein Staatsmann, wie es Eduard VII. selbst war, den Juden ehr solches Zeugnis ausstellte, so wird auch niemand mehr behaupten dürfen, die Juden können aus Mangel an politischen Fähigkeiten kein eigenes Staatswesen gründen und erhallen. Auch als Mensch stand dieser große Monarch den Juden sehr nahe. Seine intimsten Freunde waren die drei Juden Sir Ernst Cassel, Lionel de Rothschild und E. Sassoon. Noch bevor er zum letzten Mal nach Biarritz fuhr, war er eine volle Woche Gast der Familie Sassoon in Brighton. Manche Zellungen der englischen Metropolis waren sehr wenig erbaut, als sic hörten, daß der König den heiligen Sonntag bei Juden zubringt, aber ihr Nörgeln half ihnen nichts. So sehr Eduard VII. als Monarch sich in den konstitutionellen Schranken hielt, so selbständig war er als Mensch. Die Engländer, wiewohl sie noch die Juden als das „auserwählle Volk (chosen people)" verehren, hegen doch manches Vorurteil über die Juden, insbesondere im gesellschaftlichen Verkehr. Die Engländer sind bekanntlich das sozial konservativste Volk Europas. — Eduard VH. teilte nicht dieses Vorurteil seiner LoiLs und Herzöge, sondern setzte zum Aerger mancher seinen Verkchr mit den jüdischen Notabeln seines Landes fort. Auch bei der Beurteilung des mllerdrücktcn Teiles imseres Volkes wußte er sich von Vorurtellen frei. Wie oft sagte er in Marienbad einem armen polnischen Juden ein freundliches, tröstendes Wort; wie oft saß er mü jüdischen Kurgästen des böhmischen Bades auf derselben Bank mü» ließ sich von ihnen sagen, daß England ein freies, goügesegnetes Land ist, in dem zu leben sie nicht das Glück haben, ohne daß der zu ihm Sprechende ahnte, daß er mll dem mächtigsten Potentat der Welt spricht? Das sind bekannte Episoden und Tatsachen, die jeder jüdische Zeitungsleser kennt. Wer auf ein Faktum, das nicht jeder Leser kennt, wlll ich hier aufmerksam machen — auf sein Verhältnis zum Zionismus und zu unserem verstorbenen großen Führer: Herzl. Der diplomatische Unterhändler in London, Herr Greenberg, erzählte letzten Donnerstag in einer Herzlfeier, daß nur ein purer Zufall eine bereits verabredete und beschlossene Zusammenkunft Eduard VII. mü Theodor Herzl verhinderte und daß der verstorbene Monarch ein lebhaftes Interesse für den Zionismus bekundete. Schließlich war es doch seine Regierung, die den Juden zum ersten Mal ein Land anbot, und auch seine Regierung war es, dse bei der Beratung des Fremdengesetzes Theodor Herzl, einen Ausländer, kommen ließ und seine Meinung über diese Frage einholte, weil die englische Regierung in Herzl den Führer und das Haupt des Mischen Volkes sah — zum Aerger der englisch-jüdischen Notabeln. Man bedenke, was das bedeutet: eine mächtige Nation macht ein Landesgesetz und holt vorher den Rat eines ausländischen Juden ein, weil sie chn als moralisch-politische Kraft schätzt. Für diese Beweise nwralischen und politischen Wohlwollens, die uns Eduard VII. gebracht, müssen und werden wir sein Andenken in Ehrftrrcht, Dankbarkeit und Hochachtung halten. Eine schwere Anklage. Argentinien ist das Land, aus dem eine schwere Anllage gegen die Verwaltungspraxis der Jca (Baron Hirsch-Stiftung „Jewish Colonisation Association") kommt. Der Sachverhalt ist folgender: „Dip Kolonisten der Jca-Kolonie Maurüio hatten sich seinerzeit kontraktlich verpflichtet, die von der Jca empfangenen Gelder im Lause von 30 Jahren in Raten abzuzahlen und bis zur völligen Tilgung der Schuld ihre Besitzungen der Jca als Eigentum zu lassen und sich selbst bis dahin der administrativen Verwaltung der Jca zu unterstellen. Seit dem Wschluß des Kontraktes sind erst 19 Jahre verflossen, aber die Kolonisten slltd bereits jetzt imstande, den Rest ihrer Schuld einmalig abzutragcn. Und nun verlangen sie, damit sie selbständig werden, daß die Jca die Liquidation vornimmt. Doch die Jca verweigert die Entgegennahme der einmaligen Abtragung der Schuld und besteht auf ratenweise Abzahlung. Seit Ms Jahren besteht dieser Streitpunkt zwischen den Kolonisten Mauritios und der dortigen. Leitung der Jca, aber die letztere gibt nicht nach. Die Kolonisten sind natürlich sehr aufgebracht, und heute ist die Affäre in die argentinische Presse übergegangen, nicht zum Vorteil der Interessen der Jca. Die argentinische Presse nimmt natürlich Partei für die bedrängten Kolonisten und greift die Jca, die nach ihrer Ansicht eine ausländische Gesellschaft ist, ob chres sonderbaren Verhaltens gegenüber den Kolonisten, die nunmehr argentinische Bürger sind, heftig an, ja sie ruft sogar die Gesetze des Landes zum Schutze der bedrängten Kolonisten an. Und die Jca? Ihr ist wohl das Geschrei unangenehm geworden; doch, anstatt den Kolonisten in ihrem heißen Wunsche nach Selbständigkell nachzugcben, hat sic es vorgezogen, ihnen eine Mlllion Pesos als Geschenk anzubieten, damit sic noch die kontrattlichen 11 Jahre aushalten. Die Kolonisten lehnen alle Angebote beharrlich ab, ihnen ist ihre Selbständigkeit teurer als all das Geld der Jca. So dm Affäre Mauritio. Vergeblich sucht man nach einem vernünftigen Grunde für das Vorgehen der Jca. Der gesunde Menschenverstand sagt, daß sie freudig die dargebotene gänzliche Bezahlung der Schuld begrüßen solllc. Oder ist etwa das Geld des großen Phllanthropen dazu da, um mll seiner Hllfe kommandieren zu können und für alle Ewigkeit abhängige Almosennehmer zu züchten, und nicht, um fleißigen, streb¬ Rr. 18 samen Männern rasch zu chrer Selbständigkeit zu verhelfen? Erwachsene Leute wissen doch selbst am besten, was ihnen frommt, — und wenn die Kolonisten einer großen Kolonie glauben, nach 19jähriger Hilfe auf eigenen Füßen stehen zu können, so haben die Leute am grünen Tisch keinen Gr und, sie noch wri - tere 11 I ahrc in Abhä ngig keit zu h a lten und ihnen weiteres Geld gegen ihren Willen anzubieten. Laut den Berichten, die wir erhalten, bleiben die im Lande geborenen Kinder der Kolonisten, die sehr gut mit der Erdarbeit vertraut sind, aus Mangel an Arbell nur zu fünf Prozent auf ihrer Scholle sitzen, die anderen 95 Pri^ent wandern nach anderen Ländern aus oder gehen in die Städte, um Beschäftigung zu suchen. Da wirft sich doch von selbst dse Frage auf: Wäre es nicht viel angebrachter, das angetragene Geld entgegenzunehmen und damü die Kinder der Kolonisten am Boden seßhaft zu machen? Gar viele sind die Fehler, die unsere großen Wohltätigkeits-Institutionen von jeher machten und noch machen, gar vieles ist an ihnen ausxusetzen, und gar oft haben wir aus der heilige». Journalisten-Pflicht heraus die Gelegenheit ergriffen, uns mll ihnen auseinanderzusetzen. Doch zu unserer Freude nahmen wir in der setzten Zell wahr, daß teilweise ein ftischer Zug zu wehen beginnt. So nahm die Jca manche Aktionen im Lande unserer Väter vor, auch die Alliance schickte sich an, ihre Schultätigkeit im Orient einer Revision zu unterziehen, eine Sinnesänderung, von der wir gern Notiz nahmen (siehe unseren Artikel „Auf dem richtigen Wege ' in Nr. 12). Nun gelangte zu uns die Kunde von dem Fall Maurüio, wir zögerten, tvarteten ab, allein die Nachricht gelangte wiederholt zu uns, — und wir sind daher als Organ, dem die Wahrheit über alles steht, gezwungen, davon Notiz zu nehme». Wir appellieren an die Loyalllät der Vorsteher der Jca und bitten um Aufllärung. Wir hoffen, daß eine baldige Aufklärung seitens der Leitung erfolgt; wir würden uns auftichtig freuen, eines anderen, als die argentinischen Berichte sagen, belehrt zu werden. Wir warten .... S. H. G—n. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Am 4. Mai wurde hier die 1. Jüdische Schulküche mit einer kleinen Feier eröffnet, zu welcher die Vorstaudschaft der bei der Gründung der Jüd. Schulküche beteiligten Vereine, der Verwaltnngsrat der Israel. Volksschule, sowie die 32 Schülerinnen, die sich zum Unterricht gemeldet hatten,-, geladen waren. Der Vorsitzende der Jüd. Schulküchen-Kommission, Herr Emil L. Heidenheim er, begrüßte die Wwesenden im Namen der Korporationen, die die Jüd. Schulküche subventionieren^ der Israel. Gemeinde, des Israel. Hilfs-Vereins und der Fränkfnrt-Logc und gab der Hoffnung Ausdrucks daß diese neue soziale Einrichtung recht segensreich wirken möge. Hierauf gab Frau Emma Mainz in einem längeren Referat einen Rückblick über die geschichtliche Enttricklung der Schulküchen, deren erste schon im Jahre 1889 von Auguste Foerster, der verdienstvollen Leiterin des Kasseler Frauenbildungs - Vereins, begründet wurde und die sehr bald in Bayern, Baden, in Rheinland und Westfalen begeisterte Nachahmung fand. In Cöln existiert schon seit 1897 eine jüd. Schulküche im Wschluß an die dortige Jüd. Volksschule, die von der Stadt eine jährliche Subvention bekommt; auch Hamburg und Breslau haben seit langer Zeit jüd. Schulküchen für die Volksschülerinnen eingeführt. Hier in Frankfurt ist erst seit 3 Jahren der hauswirtschaftliche Unterricht in den Lehrplan der Mädchen-Volkssckiulen ausgenommen, und zwar sind in 7 Volksschulen Schulküchen eingerichtet, die aber von 20 verschiedenen Schulen benutzt werden. — Damit auch die jüd. Schülerinnen den Segen des hauswirtschaftlichen Unterrichts genießen können und um sie. zu verhindern, am nichtjüdischen Kochunterricht teilzunehmen, wurde die Jüd. Schulküche begründet. Der Unterricht ist für die jüd. Volksschülerinnen der obersten Klassen bestimmt, die nächstes Frühjahr aus der Schule entlassen werden, er soll in i»n Heranwachsenden Mädchen den Sinn für Ordnung, Reinlichkeit und

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