Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 18 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^tan&fuvtet frarlilifriirs Ininiliruklntt. r--- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnrmentSpreiS pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— frei in» Hau». Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: . fDeutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— C .— .— Ksdattis« ««d SrsnKMrl 3. M.. Vi1tz«t«st>atc Lcke Llrichstraße iomw. r — - JnsertionSpreisr: Die diergespaltene Petitzeile. 25 ffi. Die Aeklamezrile. 100 .. Platz- und Datrn-vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach ttcfiexebdunft - __ . 8. Jahrgang. Freitag, de« 4. IM' 567V (13. Mai 1916) Skr. 18. Inhalt des HauptvlatteS. Artikel: Theodor Herzl. — Eduurd VII. und die Juden. — Eine schwere Anklage. — AuS aller Welt. —AusderzionistischenBewegung. — Feuilleton: Auge um Auge. — Wochen- Kalender. — Famlliennachrichten. Theodor Herzl. (Zu der 50. Wiederkehr seines Geburtstages.) Von B en-Koheleth. Es gibt eine Hagadah, die von dem Tode Moses' berichtet. Sie erzählt, wie Moses, als chm Gott seinen bevorstehenden Tod kündete, sich verzweifelt gegen sein Schicksalslos gewehrt habe, wie er Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Hügel und Täler angefleht habe, für ihn Einsprache bei seinem Schöpfer einzulegen, wie er alle Demütigungen zu ertragen bereit war, — aber sterben wollte er nicht. Denn in ihm wohnte die feurige jüdische Lebenskraft und Lebenslust. Und dennoch mußte er sterben, und so bildet Moses Tod die erste Tragödie in der Geschichte des neu befreiten Volkes. Dieselbe Tragödie, die den Tod des e r st e n Führers des jüdischen Volkes begleitete, spielte sich auch' beim Sterben seines letzten Führers mb. Und mir will cs scheinen, als ob diese letzte Tragödie her jüdischen Geschichte die erstere an Furchtbarkeit weit über- 1 risst. Als Moses starb, war er ein Greis von 120 Jahren; Herzl aber mußte in der Blüte seines Lebens dahingeheu. Als Moses starb, da war sein Werk fast schon vollbracht, und er wurde, wenn auch nicht im Laude selbst, so doch an dessen Schwelle begraben; Herzl aber ging, kaunr daß er sein Werk begonnen hatte, dahin und schied mit dem schmerzlichen Bewußtsein, in Goluserde, fern von Erez-Jsrael liegen zu müssen. So bildet Theodor Herzls Tod eines der furchtbarsten Kapitel in der so tragischen Geschichte unseres leidensreichen Volkes. Und doch! Vielleicht war cs für Herzl ein Glück, daß er so jung starb! Ein schönes griechisches Wort sagt: „Wen die Götter lieben, nehmen sie in der Blüte seiner Jahre von hinnen." Vielleicht ist es für Herzls Nachruhm besser, daß er dahinging zu einer Zeit, da der Glanz seiner Persönlichkeit noch gar nicht von den dunklen Flecken kleinlicher Parteistreitigkeiten getrübt war; in einer Zeit, da die Begeisterung für das neue Ideal noch alle Herzen beseelte und für kleine Zänkereien keinen Platz ließ. Denn diese Zeit der Begeisterung und der feurigen Leidenschaft war an ihren Höhepunkt angelangt, war sogar schon im Verschwinden begriffen, als Herzl starb. Hätte er weiter gelebt, er würde unglücklich gelebt haben. Denn seine Natur konnte sich nicht in einer Periode, deren Kennzeichen Nüchternheit und praktischer Sinn sind, zurechtfindcn. Und gar Preßfehden und Personenkämpfen stand er fast verständnislos gegenüber. Er konnte cs nicht erfassen, wie man sich um Lappalien zanken könne, wo cs sich um eine solch erhabenes, gemeinsanies Ziel handelte. In dieser Verständnislosigkeit für Partei st reitigkciten liegt sowohl die Größe seiner Persönlichkeit als auch die Tragik seines Lebens. * * * Wer ist groß? Bildet etwa die Anzahl der Erfolge einen gerechten Maßstab für die Größe eines Mannes? Sicher nicht, denn jeder Erfolg ist unauflöslich verknüpft mit der Fügung; die Fügung aber ist vom Willen vollständig unabhängig; der Wille aber ist das Erkennung s m e r k m a l jeder Persönlichkeit. Theodor Herzl. Welcher Wille? Doch nur der, über sein Milieu hinauszukoinmcn, seiner Umwelt neue Bahnen zu weisen, nicht ein Geführter, sondern einFührerzu sein. Die Kraft aber, seinen Willen d n r ch z n s e tz e n, schöpft der Große aus seinem Triebe, aus seiner Begierde, aus seiner Liebe. So bildet die Liebe den eigentlichen Urgrund jedes wahrhaft Großen. Je nachdem diese Liebe etwas Schönes oder- Gemeines umfaßt, unterscheiden wir gute und schlechte Helden. Herzls Liebe aber galt dem Hehrsten, das wir kennen, sie galt der Freiheit, also auch der Wahrheit. Denn im tiefsten Grunde ist Freiheit mit Wahrheit identisch. Dieser Wille zur Frecheit und die Kraft, seinen Willen in die Tat umgesetzt zu haben, rechen Herzl unter die Gruppe der Großen der Geschichte ein. Wonach aber bemessen wir den Grad der Größe einer Persönlichkeit? Doch nur nach der Stärke, mit der seine Liebe in ihm wohnt, nach dem M a ß c, in dem seine Liebe seine Seele beherrscht. Legen wir diesen Maßstab an Herzl an, so werden wir chn unbedingt z u d e n Größten zählen müssen. Denn in chm war jede Herzensfaser, jeder Nerv und jede Fiber von der einen, großen Liebe beherrscht. Nichts in chnr widersprach ihr, niemals kamen in ihm Zweifel oder gar Verzweiflung auf, denn all sein Denken und Fühlen, Sprechen und Handeln stand unter dem Zwange dieser Liebe. In ihm war alles einig und einheitlich, seine ganze Natur war eine schöne, große Harmonie. So stellt Herzl eine der geschlossensten Gestalten der Geschichte dar, und gerade diese Geschlossenheit seiner Persönlichkeit muß uns die größte Ehrfurcht einflößen. Denn ein edles Ziel zu lieben, bringt schließlich ein jeder fertig. "Aber diese Liebe zur Beherrscherin seiner selbst werden zu lassen, ihr alle anderen Wünsche und Triebe unterzuordnen oder gar anszuschalten, das gelingt nur einem Großen, einem Größten. Und in diesem Sinne zählt Herzl zu den Größten der Geschichte. Aber gerade diese Eigenschaft, die Herzls Größe darstellt, wurde ihm zur Tragik seines Lebens. Denn eine solche Persönlichkeit wie Herzl war wohl zum Parteigründer, nicht aber zum Parteiführer geschaffen. Wo es galt, durch die Macht der Persönlichkeit, durch die eigene Begeisterung fremde wachzurufen, da war Herzl an seiner natürlichen Wirkungsstelle. Und so ist ihm denn in der Tat das scheinbar Unmögliche gelungen, in kurzer Zeit eine Partei zu schaffen, wie sie in unserer ganzen Golusgeschichte fast ohnegleichen ist. 'Als aber die Bewegung geschaffen war, als es sich darum handelte, diese Bewegung zu leiten, da setzte in Herzls Leben die Tragik ein. Denn ein Parteiführer muß einen guten Teil Engherzigkeit besitzen, um all die kleinlichen Streitigkeiten anhören und schlichten zu können, die notwendigerweise mit dem Wesen jeder -Partei verknüpft sind. Diese notwendige Engherzigkeit aber war dasjenige, was der Natur Herzls am fremdesten war; denn es ist die Eigenart jeder mächtigen Liebe, großzügig zu sein. Diese Liebe war es auch, die Herzl in den Ruf eines Autokraten brachte. Dieses Autokratischc in seinem Wesen war nicht etwa die Folge seiner Machtgelüste, sondern der natürliche Ausfluß seines keinen Widerspruch duldenden und auch von der Liebe beherrschten Bewußtseins, in allem, was er tat, recht getan zu haben. Daß Herzl dieses Bewußtsein infolge seiner ganzen Natur haben mußte, verstanden die meisten zu seinen Lebzeiten nicht. Man behandelte chn, wie man gewöhnlich Parteiführern gegenüber sich benimmt, man machte chm Opposition nach der Art anderer Parteien, man erfaßte eben nicht seine Eigenart, und diese Verständnislosigkeit seiner ganzen Persönlichkeit gegenüber verbitterte gar viele Stunden seines Lebens und trug endlich nicht wenig zu seinem frühen Tode bei. Erst als er starb, verstand man, was man an ihm verloren.