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Neue jüdische Presse · 1910-05-06 · Heft 17 (6.5.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 17 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. den Fehdhaiibschuh ins Antlitz, zieh sie der ans religiösem Vorurteile gezeitigten Takt- und Gefühllosigkeit. Man sprach damals in cingciveihten Kreisen viel davon, daß Björnson ein Drama über die „Dreyfus - Affäre" plane: dies Werk hätte für unS Juden die Bedeutung eines Lessing'schen „Nathan der Weise" gewinnen können, und wir müssen es daher bedauern, daß dieser Gedanke den Weg aus dem Herzen des Dichters nicht zu seinem Kopfe und zu seiner Hand gesunden. Doch auch so werden wir Juden ihm die damalige, über die Grenzen des zunächst interessierten französischen Volkes hinaus Aufsehen erregende Kundgebung gegenüber kleinlichen Gehässigkeiten und Vorurteilen von Ncligions wegen nicht vergesse». Möchte dieser Mahnruf des eine Welt in den Bann seines Geistes und riesenhafte» Willens, zwingenden Mannes dauernden Nachhall bei allen denkenden Menschen gesunden haben. Wir Inden aber wollen vor der Welt erweisen, daß wir der Waffenbrüderschaft solcher Gcistcsheroen wie Björnsons würdig sind, indem wirz vor allen anderen uns mühen, die uns auch mit Rücksicht auf den ethischen Gehalt unserer jüdischen Lehre sympathischen, herrlichen Anschauungen BjörnsonS über Ethik, Moral, soziales Gewissen in der Welt zu propagieren. Das sei unser werktätiger Dank an diesen unvergeßlichen Großen, dem wir schließlich noch im Sinne unserer Religion dcit Scheidegruß zurnfcn: „Die Gerechten aller Völker haben teil an der ewigen Glückseligkeit." Aus cMer Wett. Deutsches Reich. Berlin. In Schöneberg wird Münchener- Straße 3i fallt Untcrgrnndbahnhof Bayerischer Platz) ein neuer S y n a g o g c n b a u errichtet, der Anfang Juni seiner Bestimmung übergeben werden soll. Die Synagoge wird 85» Sitzplätze enthalten, Berlin. Die aus Aerzten zusammengesetzte Kommission für das hygienische I n st i t n t i n P a l ä st i n a ist gegenwärtig damit beschäftigt, bekannte Baklerjvlogen, Hygieniker usw. für das geplante Institut zu interessieren und ein größeres Komitee hervorragender Fachleute ins Leben zu rufen. Dr Hans Mühsam, der Schriftführer ('Adresse: Berlin W. 30, Maassenstr. 11), hat bereits Zustimmungen von verschiedenen bekannten Gelehrte» erhalten. U. a. hat sich der Direktor des städtischen llntersuchungsamtes in Berlin Geheimrat Prof. Dr. Proskauer bereit erklärt, dem Ehrenkomitce beizutreten. Ter bekannte Biologe Prof. Jacques L o eb, Berkley (Califormien), der besonders durch die Entwicklung von Seeigeln aus unbefruchteten Eier» in der wissenschaftlichen Welt so jung berühmt geworden ist und dem große europäische Universitäten die ordentliche Professur angetragen haben, hat in einem ausführlichen Schreiben seine Zustimmung zu dem geplanten Unternehmen zum Ansdruck gebracht und die.Hoffnung ausgesprochen, daß er nach seiner bevorstehenden- Ucbersicdluna nach New Pork, wo er die Leitung der biologische» Abteilung des Rockefellcr Instituts übernimmt, die Möglichkeit haben wird, dem hygienischen Institut in Palästina gute Dienste zu leisten. Auch andere hervorragende Kapazitäten änf medizinischem Gebiete haben ihren Beitritt in Aussicht gestellt. Hamburg.. Eine Gruppe namhafter Mitglieder der jüd. Gemeinde hatte am 19. April eine Versammlung nach dem Logenhcim des U. O Bnei Brith cinbcrnfen, um die Hamburger Glaubensgenossen mit den Bestrebungen der Allge in. Jüd. Kolonisations-Organisation (dl. I. K. O.) vertrant zu machen. — In seiner einleitenden Ansprache hob der Vorsitzende der zahlreich besuchten Versammlung, Jacob Alexander, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums der Jüdischen Gemeinde, hervor, daß die A. I. K. O., an deren Spitze angesehene Persönlichkeiten der Judenheit Deutschlands und anderer Länder stehen, die landwirtschaftliche und industrielle Kolonisation von Juden im Orient anstrcbe. Das Programm der A. I. K. O. sei ein rein humanitär-wirtschaftliches. — Der ans Berlin eingetroffcne erste Vorsitzende der A. I. K. O. Dr. Isidor Gins- Her g wies in einem eingehenden Referat auf die Umstände hin, welche die maßgebenden Kreise der Judenheit veranlassen, ein neues Abflnßgebiet für den jüdischen Emigrantcnstrom zu suchen und ihre Aufmerksamkeit hierbei auf den Orient zu richtein — Hierauf berichtete Dr. A l f r c d N o s s i g - Berlin Über die von der A. I. K. O. in Konstantinopcl unternommenen Schritte und hob besonders die außerordentlich liberale und judenfrcnndliche Gesinnung der führenden Staatsmänner der neuen Türkei hervor. In der den Referaten nachfolgenden Diskussion führte He rm amt Gu m p e rtz in einer großäugelegten Rede aus, daß das von der A. I. K. O. ins Auge gefaßte Ansiedlungsgebiet in jeder Hinsicht das geeignetste sei, weil es die Gewähr FranMrker JsraeMWeS Fcrnrilienblatt. dafür biete, daß die jüdische Bevölkerung sich dort nickt nur physisch und wirtschaftlich, sondern auch in moralischer und religiöser Hinsicht am Gedeihlichsten entwickeln werde. Alfred Lisser betonte, daß für den praktischen und weitausschaueudcn Blick des Hamburger Kaufmanns die 'Art und Weise, wie die dl. I. K. O. .ihre Aufgabe verfolge, bestechend sei. Alles, was aus ihren Büreaux hervorgehe, trage den Charakter größter Sachlichkeit. Man sieht, daß die neue Organisation nach wvhldnrchdachtem Plan Vorbereitungen für ein großzügiges, in baldigster Zukunft durchführbares Abhilsswerk trifft. Rabb. Dr. Leimdörfer und Rabb. Dr. Sonderling forderten .in formvollendeten, begeisternden Ansprachen die Anwesenden ..ans, der neuen, bedeutungsvollen Institution sich anzuschlicßeu. In der Tat fand die dl. I. K. O. auch in Hamburg ungewöhnlich starken Anklang. Ein großer Kreis von Mitgliedern trat ihr gleich in der Versammlung mit Jahresbeiträgen von 20—100 Jk hei und zeichnete erhebliche Spenden für ihre Fonds. Hierauf wurde ein HambnrgcrLokalkomitee der A. I. K. O. gewühlt, welches sick bis zur Höhe von 30 Mitgliedern ergänzen und eine planmäßige Propaganda für die Zwecke der?l. I. K. O. eröffnen wird. Worms. Die Stadt hat für den neuen j ü d. Friedhof 3900 gm auf der Hochheimer Höhe zur Verfügung gestellt. Straßvurg i. Ersatz. Die Tatsacke, daß der Präsident de s i s r a c l i t. K o n s i st o r i u m s zur A b e u d t a f e l b e im Kaiser geladen worden ist, ist in den hiesigen jüd. Kreisen mit lebhafter Befriedigung ausgenommen worden, denn dadurch ist endlich »ach vollen 10 Jahren einem Zustande der Ungleichheit abgeholfen worden. Bei der Audienz des israelit. Konsistoriums im Dezember 1907 beim Statthalter Graf Wedel hatte Konsistorialrat Aaron Durlach darauf hiugclviesen, daß die Israeliten aus dem Umstande heraus, bei dem Festmahle des Kaisers nicht gleich den übrigen Vertretern der anderen Konfessionen zugezogen zu werden, sich zurückgesetzt fühlten. (L) Posen. Vor ungefähr 20 Jahren übergab Moritz Rohr in Breslau zur Erinnerung seiner verstorbenen Eltern der hiesigen Synagogcngemcinde 600 000 Jk mit der Bestimmung, daß sie damit ein Krankenhaus, das die Bezeichnung: „I ü d i s ch e s Krankenhaus dl b r a h a m u n b Henriette R o h r' s ch e S t i f t u n g" führe, 'errichte. Das Stiftungskapital ist durch Spenden von anderer Seite bedeutend verstärkt worden. Die ans den Gesamt-Legaten blitzende» Einnahmen, welche zur Bestreitung der Ausgaben verwendet werden, reichen zu letzteren nicht aus, es muß vielmehr die hiesige Synagogengemeinde einen erheblichen Zuschuß leisten. Die Anstalt liegt an der Glacisstraße auf einem vier Morgen großen Grundstücke und hat-Borgarten und großen Hintergarten. Das Gebäude ist ein Einheitsbau, der seinerzeit in Fachwerk hergestellt werden mußte. Das Vcrivaltungsgebäude bildet den Kopf/ von dessen Mitte in der Richtung nach Westen sich das Krankenhaus erstreckt, an dessen Nordseitc das Oekonomiegebändc liegt. Das Krankenhaus hat 16 größere und kleinere Krankeuräume mit den dazu nötigen Nebenräumen. In jedem Stockwerke befinden sich eine geräumige offene Liegehalle.' Die Heizung erfolgt durch Niederdruckdampfheizung, die Lüftung mittelst Lustkanälcn: auch ist eine Zentralwarmwasser - Versorgung vorhanden. Außer einem Verband- und Nntersnchungszimmer sind zwei Operationsräume vorhanden. Ferner ein Laboratorium und ei» Röntgenkabinett. Die Waschküche liegt im Oekonomie - Gebäude. Neben der letzteren befindet sich der Desinfektionsraum. Ferner befindet sich im Krankenhaus eine Synagoge. — Als Oberarzt sind angcstellt Professor R o s e n h e i m für die chirurgische Station und für die innere Station Sanitätsrat Dr. Car o, Als Augenarzt ist Dr. P u l v e r m a ch c r in der Anstalt tätig. Im Hause selbst wohnt ein Assistenzarzt. Die Verwaltung erfolgt durch eine aus der Gemeinde gewählte Kommission. Der Krankenhausiuspektor leitet die Krankenhausverwaltung selbst. Das Krankenhaus besitzt eine Hausapotheke. Die Oekonomie wird von der Wirtschaftsvorsteherin Fräulein C z a P s k i verwaltet. Oesterreich-Uugaru. Budapest. In ganz Ungarn wird jetzt ein Vorfall besprochen, der beinahe einen zweiten Fall Oeköritn zur Folge gehabt hätte mit dem Unterschied jedoch, daß die vom Unglück Bedrohten fast ohne Ausnahmc Juden waren. Die jüdische Schuldirektorin Boriska T y r v l e r, die in T r s z t c n a (Oberungarn) eine Privatschule unterhält, hat dieser Tage eine Tanzuntcrhaltung veranstaltet, an welcher ungefähr dreihundert Personen, darunter über fünfzig unter zehn Jahren, teilgenommen haben. Ter Tanzsaal war mit Azetylen beleuchtet, doch hat das Licht gegen Mitternacht versagt, so daß Kerzen angesteckt werden mußten. Da griff der anwesende Stuhlrichter Desider M e s k 6 nach einer Kerze und drückte sie an dje papierne Dekoration, welche Seite 3. sofort Feuer fing. Nach kaum einigen Minuten stand der ganze Saal in Feuer, cs entstand eine schreckliche Panik, alles drängte nach dem einzigen 'Ausgange. Inzwischen ivar die Stinime des Stuhlrichters zu vernehmen, der laut ausrief: „Ich will heute noch in jüdischem Blute baden! Mit Rum hätte man die Inden begießen sollen, damit sie besser brennen mögen!" Dank der aufopfernden dlrbeit und Geistesgegenwart ztvcier jüdischer Herren konnten die Besucher des Festes noch rechtzeitig .gerettet.werden. Gegen den Stuhlrichter ist die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet worden. Szeaedin. Nach der Brandkatastrophe in O e k ö r i t o hat die humane Gesinnung der Rettungsgroßaktionäre ihren Ausdruck in der vroportionellen Verteilung der eingegangenen Hilfsgelder gefunden. Von den zuströmenden Spendenbeträgen/ die die internationale und interkonfessionelle Wohltätigkeit den unglücklichen Hinterbliebenen zufiihrte, wurden die fünf jüdischen Waisen einfach ausgeschlossen. Sie wurden mit einem großen Dityrambos auf die Wohltätigkeit der Juden den: jüdischen „Patronageverein" nach Budapest überwiesen. Rußland. Petersburg. Verschiedenes. Die Duma lehnte den Antrag der Rechten, die Juden nicht in die dlrmce aufzunehmen, gegen die Stimmen der Rechten und der Nationalisten ab. — Am 16. April n. St. wurden die Rabbinerkonferenz und die Rabbinerkommission geschlossen. In der Kommission hielt Rabb. Zirels o h n (Kischinew) die Schlußrede, in der er der Regierung für die Einberufung der Konferenz seinen Dank aussprach. Der Vertreter des Ministeriums des Innern Platonnikow bemerkte, daß die Kommission im Gegensatz zu den früheren schnell und mit Erfolg gearbeitet habe. — In der Schlußsitzung der Rabbiuerkonferenz teilte der Vorsitzende Baron D. G i ii z b u r g mit, daß der Minister des Innern die Erlaubnis gegeben habe, die Konferenz zu schließen, da dieselbe über alle Fragen, die das Ministerium vorgelegt hatte, beraten habe. — Der hiesige Bürgermeister verbot das Erscheinen der jüdischen Zeitung „R o w h i W o s s ch o d. Das Warschauer Organ der assimilierten polnischen Juden „Jzraelita", das, nachdem es 45 Jahre bestanden hatte, sein Erscheinen eingestellt hatte, wird jetzt von neuem erscheinen. Odessa. Der im Herbst 1909 zum Dumaabgeordneten gewählte jüd. Rechtsanwalt B r o d s k y, der wegen Beilegung eines christlichen Namens angeklagt worden war, wurde jetzt freigesprochen, nachdem sich der Prozeß ein halbes Jahr lang hingezogen hat. Es ist klar, daß die Anklage nur das Ziel verfolgte, Brodsky zu zwingen, seine Wahl abzulehnen, was sie doch auch wirklich erreicht hat. Lodz. Die Polizei nahm unter den hiesigen Juden zahlreiche Haussuchungen vor und verhaftete gegen 100 jüdische Lehrer, Rechtsanwälte und K a n f l e u te. 'Außerdem wurden 3 jüdische Vereine geschlossen. Kowno. Das jüdische Städtchen Schab (Gonv. Kowno) ist durch eine von fanatischen Bauern angelegte F c n e r s b r u n st völlig vernichtet worden. Mehrere Hundert jüdische Familien sind brot- und obdachlos. Ii. EL Türkei. Konstantinopel. Mittwoch den 21. April trafDr. Pan lNath an hierein und zwar in Begleitung von Dr. Schemarjahn L c tu i it und Dr. Engen K a tz, Syndikus der Simonschen Stiftung in Hannover. Die Gäste wurden vom Rabbiner der aschkenasischen Kultus-Gemeinde und Leiter der hiesigen Hilfsvereinsschulen Dr. Markus im Hafen begrüßt. Der Chachambaschi Chaim Nahum Effendi hatte eine Delegation an Bord schicken wollen, da aber die Ankunftszeit nicht bekannt war, Dr. Nathan schriftlich seine Willkommensgrüße übermitteln lassen. Am Freitag stattete Dr. Nathan dem Chachambaschi seinen Besuch ab, der eine Stunde danach erwidert wurde. Am Sonnabend wurde er vom deutschen Botschafter empfangen. Am ersten Sederabend war Dr. Nathan Gast des Rabbiners Dr. Markus, am zweiten bei Rabbi Nahum, den auch der amerikanische Botschafter Oskar Strauß dort verbrachte. Die hiesige jüdische Bevölkerung, die dem Besuche Dr. Nathans großes Interesse entgegenbringt, erwartet viel für das jüdische Schulwesen der Stadt von seinem dlufenthalte. Auch an die Gegenwart Dr. Katz', der im Aufträge der Simon-Stiftung die Möglichkeiten der Einführung des Handsertigkeitsunterrichtes an den jüdischen Schulen des Orients studiert, werden besondere Hoffnungen geknüpft, die sich zweifellos in nicht unbeträchtlichem Grade realisieren werden.

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