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Neue jüdische Presse · 1910-05-06 · Heft 17 (6.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 17 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Deik 2. „Der eben vorbciging, ist ein Jude." Als ich mich schnell umdrehe, erblicke ich einen kräftigen Mann mit weiten Kniehosen,' einer fezartigen Mütze und einem burnusähnlichcn, dunkelblauen Kleidungsstück. „Das ist doch ein Araber," erwidere ich auf die Bemerkung meines Freundes. Indes belehrt mich derselbe, daß die überwiegende Mehrzahl der Juden nicht in europäischer Kleidung geht, vielmehr Nationaltracht trägt. Diese Tatsache wundert mich weiter nicht, denn der Jude hat fast überall die Tracht des Wirtsvolkes angenommen. Nur ist mir unverständlich, wie denn mein Freund so ohne weiteres behaupten kann, daß dies nun ein Jude gewesen sei. Als sich der gleiche Vorgang wiederholt, sehe ich zuerst meinen Freund mißtrauisch an, aber dann beschließe ich, der Sache auf den Grund zu gehen und beginne zu fragen. Man erklärt mir, daß zwischen der Kleidung der Araber und der Juden im Schnitt und auch in der Farbe Unterschiede bestehen, und bald gelingt es auch mir, den Juden vom Araber zu unterscheiden. Es war den Juden früher aufs strengste verboten, die arabische Nationaltracht anzulegen. Also auch hier in Afrika das gleiche Bild wie bei unseren europäischen Nationen. Unwillkürlich tauchen die Erzählungen aus dem Mittelalter in mir auf, die Zeiten, wo der Jude ein gelbes Abzeichen tragen mußte, das ihn kenntlich machte, und das dem Wirtsvolk um so leichter gestattete, die Opfer für seine niedrigen Instinkte und rohen Leidenschaften zu finden. Erst seft etwa 20 Jahren hat die moderne Entwicklung an den allen Gesetzen gerüttelt. Seitdem steht es den Juden frei, sich zu kleiden, wie sie es für gut finden. Und so erklärt cs sich denn, daß die älteren Männer, denen die Pflicht zur Gewohnheit geworden ist, ihre Tracht beibehiellcn, während viele der jungen Leute sich europäisch kleiden und dadurch die Unterscheidung mehr und mehr unmöglich machen. Ueber die Sitten, sowie über die Frauen ein anderes Mal. Tunis, 20. April 1910. Bon der deutschen Paliiftina-Bauk. Vor einigen Tagen wurden die Aktien dieser Bank zum ersten Male an der Berliner Börse notiert. Der Kurs war 112%. In dem soeben erschienenen Geschäftsbericht pro 1909 wird festgestellt, daß das Berichtsjahr infolge des Boykotts gegen österreichische Maren, infolge mittelmäßiger Ernten und gedrückter Preise im Jnteressen-Gebiet der D. P., B. nicht günstig gewesen ist: Der Bericht fährt fort: „Trotz dieser Umstände und trotz einer sich merklich fühlbar machenden scharfen Konkurrenz nicht nur der alteingesessenen, sondern auch neuer Bankuntcrnehmungen, die ihr Interessengebiet auf Syrien und Palästina auszudehnen beginnen, haben unsere östlichen Filialen dank der ihnen zugewiesenen größeren Betriebskapitalien ihren Kundenkreis, ihre Umsätze und Erträgnisse in erfreulicher Weise vergrößern können." In der Tat weist die Bilanz einen Reingewinn von 825,755.61 Mk. auf ein Kapital von 5'Millionen Mark auf. Dies entspricht einem Gewinn von mehr als 161/2%. Es wurden 300,000 Mark (also 6«/o) an Dividenden verteilt. Ein wesentlich größerer Betrag, nämlich 333,712.22 Mark wurden über die statutarische Verpflichtung (5%) hinaus dem Reservefond zugctcilt, der damit auf 100/0 des Gcsamtkapitales ergänzt wurde, und der Rest des Reingewinnes ging auf Tantiemen, Mschreibungen, Bortrag auf neue Rechnung usw. Vergleichen wir hiermit die Tätigkeit der Anglo-Palästine Cie., so fällt zunächst ins Auge, wie anders von unserer, das heißt von zionistischer Seite die Chancen des palästinensischen Geschäftes betrachtet werden. Wir hatten durchaus die Möglichkeit, einen gleichen und selbst einen höheren Betrag in Palästina arbeüen zu lasten, aber unsere mäßggebenden Bankleute sagen ja, es wäre keine Verwendung für mehr als die bereits dort arbeitenden Gelder. A-ttmkfurker Israelitisches FamilieMatt. Wenn nia» bedenkt, daß unsere Banken in Palästina nicht nur mit Juden, sondern auch mit Christen und Moslems arbeiten, so ist freilich nicht einzusehen, weshalb cs der deutschen Palästinabank möglich sein soll, größere Kapitalien zur Vcrtvcndung zu bringen als unsere Geldinstitute, und wir wollen hoffen, daß wir solche Argumente in Zukunft nicht mehr zu hören bekommen. Die Anglo-Palestine Cie. hat mit ihren Filialen in Palästina meiner wiederholt geäußerten Ansicht nach außerordentlich viel geleistet — int Verhältnis zu dem, was f r ü h c r geschehen Ivar. Wenn wir aber sehen, daß sotvohl der Umfang ihrer Geschäfte, lvie auch das finanzielle Ergebnis weit hinter d c m c i n c s Institutes zu rück bleiben, das an der BevölkertingdesLandeseinenvielgcringere» Rückhalt hat als unsere Institute, so zeigt das, wie wenig befriedigend der Geschäftsgang zu nennen ist im Verhältnis zu den Möglichkeiten des Landes. Es kommt eben darauf an, lvie eine Sache von den nlaßgcbenden Leuten betrachtet tvird. Tic Leiter der deutschen Palästinabank haben a l l c s Vertrauen zu ihrem Arbcitsfelde. Bei uns aber wird zögernd unter dem Druck der öffentlichen M e i n u n g und im Wege des Kompromisses zugestandcn, was l ä n g st in wesentlich größerem Umfange hätte bewirkt werden sollen. — Bei uns wird, tvas die Bewegung erfordert, abgelehnt oder verschoben „aus geschäftlichen Gründen", die Deutsche Palästina-Bank aber, die doch nur geschäftliche Zwecke verfolgt, findet ihren Weg, das durchzusühren, was chr Gewinn bringt, tmd was in unserem Falle s 0 v i c l m c h r wäre als nur Geschäftsgcwinn — nämlich Fortschritt der B e w e g u n g! Unser Zögern hat uns u. a. an die zweite Stelle gerückt an Plätzen, wo wir die ersten hätten sein können: in Haifa, in Gaza und in Damaskus ist uns die dcittsche Palästinabank zuvvrgckommen. Auch sonst können wir einiges aus der Bilanz der deutschen Palästinabank lernen. Wir finden dort langfristige Kredite in Höhe von über 5 Millionen Mark angegeben. Die Warcn-Borschüsse betreffen über 31/4 Millionen, und unter den Attivcn bcsinden sich auch Grundstücke, die zu erwerben die Bank offenbar eine hinreichende rechtliche Form gefunden hat und fahren Verkauf zu gelegener Zeit beabsichtigt wird. Bei uns streitcil noch 2 Parteien. Die einen verlangen ein Maxim» m der Tätigkeit in Palästina, die anderen bremsen soviel als möglich, und es hat den Anschein, als ob sie nur konzedieren möchten, was s i c u n b c d i n g t in ü s s c n. Ich bringe die Lehren des Berichtes der deutschen Palästinabank zur öffentlichen Kenntnis, um damit die Position derjenigen zu stärken, die die Mittel unserer Banken so bald als tunlich ihrem Zweck z n g e f ü h r t w i s s c n wollen, nämlich der Arbeit in Palästina. Davis Trictsch. Brief aus Lodz. In den letzten paar Jahren hat sich, wie in allen Städten Rußlands, auch in Lodz das jüd. Leben stark geändert. Es ist bewegter und lebhaster geworden; die Apathie und der Jndifferentismns, die — eine Folge der Revolution — bisher einen großen Teil der russischen Juden beseelten, ist vollständig geschwunden, und ein reges Interesse ist an ihre Stelle getreten. Dieses steigende Interesse nicht nur bei der Intelligenz, sondern auch bei den Massen kamt man besonders deutlich an dem Aufschwung des Z e i t u n g s w e s e n s wahrnehmen. Es ist fast unglaublich, welchen Fortschritt das Zeitungsweseir gemacht hat. Fast alle in Warschau erscheinenden Jargonblätter, sowie auch das jüd. „Lodzer Tageblatt" werden hier in Zehntausenden voit Exemplaren verkauft. Leute, die noch vor zwei Jahren nichts von einer Zeitung wissen wollten, lesen heute tagtäglich ihr Zeitungsblatt. Doch jeder Fortschritt hat auch seine Schattenseiten! Nun, wo das Zeitungswesen sich so stark entwickelt hat, wird das Buch'fast ganz vernachlässigt und zur Seite gelegt. Nr. 17. Auch das jüd. Theater hat einen Fortschritt zu verzeichnen. Es wird das ganze Jahr hindurch gespielt. Fast immer ist es gut besucht, und gar manches Stück wird Ivährend der Saison wiederholt. Leider werden aber größtenteils Operetten Gneist aus beut jüd. Leben in Amerika) ausgeführt und darob die ernsten Stücke zu sehr vernachlässigt. Was sonst das jüd. öffentliche Leben anbclangt, so existiert hier die Bereinigung „H a s 0 m i r", die sich speziell der Pflege der jüd. Kunst widmet. Der Berein veranstaltet oft Konzerte und Liederabende, die sehr gut besucht sind. Er besitzt auch eine dramatische Sektion „Harfe", die ebenfalls mit gutem - Erfolg arbeitet. Bor kurzem wurde hier eine Ortsgruppe der „C h 0 w e w e s s a ß e tu e r" gegründet, deren Vortragsabende sich eines großen Besuches erfreuen. Ausfallend ist dabei, daß auch ein großer Teil der „Chassidim" den Vorträgen beiwohnen. Es sprachen hier während der letzten Saison N. So ko low, D. F r i s ch m a 11 n, Dr. Hindcs, Dr. Klausner n. a. Bor einigen Wochen veranstaltete dieser Verein eine Gedächtnisfeier für M. L. Lilienblum; Redner waren I. Nissen bäum (Warschau) und Dr. B e r e n st e i n (Petersburg) Was die anderen Vereine anbetrifft, so hat auch die Zionistische Vereinigung in letzter Zeit sehr gute Erfolge erzielen können. Denn jetzt, wo die Wellen der Revolution sich schon ganz beruhigt haben, kehrt auch allmählich die jüd. Jugend zum alten Lager zurück. Und welcher anderen Organisation könnte sie sich denn anschlicßen als der zionistischen! Ist doch diese die einzige jüd. Partei, die sich durch den Sturm der Revolution hinübergerettet hat! Zum Schluß noch ein interessantes Ereignis aus der jüd. Gemeinde, das nicht unerwähnt bleiben darf. Ein Teil der Gemeindemitglieder der „Chorsynagoge" war schon längst der Ansicht, daß die Predigt nicht in der deutschen, sondern in der polnischen Sprache gehalten werden müsse. Der alte Prediger wurde also fortgeschickt und ein neuerpolnischsprechender kam an seine Stelle. Aber siehe da! Der neue Prediger entpuppte' sich zum allgemeinen Schrecken als Rationaljude. Er ist eifriger Zionist und war sogar Delegierter zum IX. Kongreß! Gemäß seinen kontraktlichen Verpflichtungen predigt er zwar polnisch, aber national. Und nun denke man sich die Lage unserer polnischen Inden mosaischer Konfession! .... So gehen die Gegensätze noch wirr durcheinander, und zu einer vollständigen Klärung der inneren Lage unserer Inden ist es noch nicht gekommen. Aber, immerhin geht doch ein frischer Zug durch das jüd. Leben, und wenn man das steigende Interesse der jüd. Bevölkerung an allen jüd. Angelegenheiten mit der furchtbaren Lage vergleicht, in der sich das jüd. Leben zur Zeit der Revolution und noch einige Zeit nach ihr befand, so darf man wohl wieder neuen Mut schöpfen und auf endliche Heilung des kranken jüd. Körpers hoffen! Samuel Gläser. Zu Björnstjerne Björnsons Tode. Von Dr. med. G n st a v L ö f f l e r. Es ist uns Ehrenpflicht und Herzensbedürfnis zugleich, dem Andenken des großen nordischen Dichters und Denkers Björnstjerne Björnson, dessen Hinscheiden in allen Kulturstaaten beklagt wird, auch an dieser Stelle einige Worte zu widmen. Allein schon ans dem Grunde, daß wir Juden von heute jede wahre Knlturerrungenschaft begrüßen und eifrig fördern, muß uns das Hinscheiden einer alles überragenden Persönlichkeit wie Björusons, der .gewaltige, ideale Mcnschheitswcrte schuf, pflegte und verbreitete, mit herbem Schmerze und tiefer Trauer erfüllen. Aber nicht nur als Kulturträger beklagen wir mit Hunderttausenden den Heimgang des unentwegten Idealisten, als Juden trauern wir ob des Verlustes einer in unserer Zeit ach noch so seltenen Erscheinung, — eines von engherzigen, religiösen Vorurteilen wirklich freien Herrschers im Reiche des Gedankens. Björnson bewies, daß seine glühende Menschenliebe, sein heißes Sehnen, die Welt glücklich zu sehen, auch das Volk der viel geschmähten Juden umschloß. Er bewies es nicht etwa nur durch einige gelegentliche, mehr oder weniger philosemitische Aeußerungen, die ihm als. wohl berechnete Effekthascherei hätten ausgelegt werden können; nein, er folgte einem heiligen Gebote seiner edlen, aller Ungerechtigkeit feindseligen Natur, als er — das Urbild des reckenhaften nordischen Skalden — sich schützend neben den schwer verleumdeten französischen Inden Alfred Dreyfus stellte und einer geifernden Schar von Verleumdern gegenüber dessen Unschuld betonte. Und nicht genug damit! Als der französische Exkapitän Dreyfus, der seine Ehrenrettung neben Zola und Scheurer - Kestner einem Björnson in erster Reihe mitznverdanken hatte, vor 2 Jahren von der französischen Regierung zur Denkmals-Enthüllung Scheurer - Kesttiers nicht geladen wurde, schleuderte Björnson in seiner, im Grolle doppelt prächtigen, wuchtigen, gleich dem Blitze ein-. schlagende Sprache den französischen Machthabern

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