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Neue jüdische Presse · 1910-05-06 · Heft 17 (6.5.1910) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 17 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Drankfitrter Zstorlilislhks lamiliriiklott. «nd HefchLftsstell«: s . . ,, „ JnsertionSpreisr: »raiiMurra.nl.. *«„«*„,« .»h VMelerjdmße 0, <2dt Llelchjtra-e Die Reklamezeile.100 „ ffttef*u 10507. Platz- und Daten-Borschrift ohne Bervtndlichkrtt. ^sra«»geSer: Kalg 8. Jahrgang. Freitag, den 27. ^i88an 567V (6. Mai 191V). Rr. 17. r -.. JnsertionSpreisr: Dir viergespaltene Petitzeile. 25 Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Berdindlichkrtt. Beilagen: PreiS nach NeLereirckunst. — 1 — Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— --—__ J» Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Berliner Brief. — Briefe aus Afrika — Bon der deutschen Palästina-Bank. — Brief aus Lodz. — Zu Bjömstjerne Björnsons Tode. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus denBereinen. — Feuilleton: Auge um Auge. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur.— Wo chen-Kalender.—Familiennachrichten. Barmizwohs. Berliner Brief. Meinen ersten Brief will ich vornehmlich der hebräischen Bewegung widmen, die dazu berufen scheint, dem jüdischnationalen Leben in der Reichshauptstadt und darüber hinaus einen neuen Inhalt zu verleihen. Diese Erscheinung ist kein bloßer Zufall, sondern vielmehr aus einer h i st o r i s ch e n N o t w c n d i g - kcit hervorgegangcn. Der westliche Jude, der zum nationaljüdischen Gedanken gelangt, findet in diesem allein zunächst nur eine Idee, eine Anschauung, eine Erkenntnis über seine soziale Stellung und physische Artung, — aber noch keinen wirklichen Lebensinhalt, sofern er nicht zugleich in das innere Wesen des Judentums und dessen kulturgeschichtlichen Werdegang eindringt. Dies ist aber ohne Kenntnis des Hebräischen einfach unmöglich. Dieses allein gibt den Schlüssel zu den unvergänglichen Schätzen der jüdischen Gcistesschöpfungcn aller Generationen. Es bildet aber nebst der Religion nicht nur den Zusammenhang zwischen uns und dem historischen Judentum, sondern zugleich auch das konkrete Band, das die Teile der über alle Länder zerstreuten Judenheit der Gegenwart mit einander verknüpft. Das Bedürfnis nach einer Annäherung an das Urjüdischc wurde in hiesigen nationaljüdischen Kreisen schon vor Jahren empfunden. Man glaubte aber zunächst dieses Bedürfnis in der Jargonlitcratnr befriedigen zu können. Und so ging denn von Berlin ein gewisser Jargonkultus aus, der einige Zeit anhielt und auch einen ersprießlichen Boden zu finde» schien. In unzähligen Vorträgen und Zeitungsartikeln tvurde Morris Rosenfeld als der jüdische Nationaldichter gefeiert — als hätte es nie einen Jehuda Halevi, einen Lebensohn, einen Gordon oder Bialik gegeben; als begänne mit ihm die jüdische Renaissance. Bei Festlichkeiten bildeten jargonischc Volkslieder, wie „Dos Aleph Beiß" die Glanznummern des Programms. Da jedoch die Träger dieser. „Renaissance" Persönlichkeiten von bedeutender Intelligenz und ticfeindringendem Denken waren, so mußten sie schließlich zur Erkenntnis gelangen, daß man . beim „Aleph Beiß" nicht stehen bleiben dürfe; daß man, um das wirkliche Wesen des Judentums zu erfassen, auf dessen Quellen zurückgehen müsse; daß der Jargon das Golus verkörpere und keine jüdische Eigenschöpsnng darstelle; daß die hebräische Sprache dem Nationaljudentum die eigentliche konkrete Unterlage gebe. Und so entstand hier die von einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten geleitete hebräische Bewegung, die zu der am Ende des verflossenen Jahres hier stattgehabten Konferenz für hebräische Sprache und Kultur und im Anschluß daran zur Gründung einer umfassenden, auf alle Länder sich erstreckenden Organisation führte. Das Berliner Zentralkomitee dieser Organisation (Büro: Mittclstr. 60), — dem u. a. Dozent Dr. Bancth, der crkcnntnistiefc Ergründcr jüdischer Kulturprobleme Dr. Martin Buber, die bekannten hebräischen Schriftsteller Rüben Brainin, S. Hurwitz und N. Sokolow, die vcrdienstreichen Führer der nationaljüdischen Bewegung Berthold Fciwcl, Dr. Schemarja Levin, Dr. Heinrich Löwe und Leo Motzkin, der in jüdischen und Gelehrtenkreisen geachtete Orientalist Professor Dr. Eugen Mittwoch, sowie die Rabbiner Dr. Emil Leivy und Dr. Warschauer angehörcn, — entfaltet eine planmäßige, rege Tätigkeit. Es steht in steter Verbindung mit zahlreichen hebräischen Vereinen und Verbänden in den verschiedensten Ländern und sucht an Orten, in denen hebräische Vereine noch nicht existieren, solche neu zu begründen. Für Deutschland hat es ein besonderes Landcskonritee eingesetzt, das sür die Verbreitung und Förderung der hebräischen Sprache in diesem Lande wirken soll, wobei insbesondere die Gründung von Vereinen, die Einrichtung von hebräischen Unterrichtsknrsen und die Herausgabe von geeigneten hebräischen Lehr- und Hilfswörterbüchern in Aussicht genommen sind. Für die Verbreitung der hebräischen Sprache in Berlin selbst arbeitet auch die hiesige Ortsgruppe der genannten Organisation mit gutcni Erfolge. Sie hat bereits eine Reihe öffentlicher, gut besuchter Versammlungen abgehalten, aus denen besonders die Referate des Herrn Sokolow über Jsak Ben Lewinsohn und des Herrn S. Hurwitz über Moses Löb Lilienblum erwähnt seien. Aus dem Bestreben, den nationaljüdischcu Gedanken zu vertiefen, sind hierauch zwei andere neue Begründungen hervorgegangcn: der Freie Zionistische D i s k n s s i o n s k l u b und die N a t i o n a l k u l t u r c l l e Bereinigung jüdischer Studenten. Der erstere begann seine Tätigkeit mit einer dem bekannten Oppcnhcimer'schen Artikel über „Stammesbewußtsein und Volksbewußtjein" gewidmeten inhaltsreichen Diskussion, an der sich die Herren Feiwel, Sokolotv, Dr. Buber und Tr. Markus Brandc-Lodz beteiligten, die sämtlich die Unhaltbarkeit der von O. aufgestellten Thesen nachwiesen. An einem zweiten Diskusjionsabend referierte Dr. Buber über „Das Volk und der Einzelne" in der ihn: eigenen ticfcindringenden, gcdankenscharfen und formvollendeten Weise, woran sich eine das Problem von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtende Debatte anschloß. Von den in der nationalkulturellen akademischen Bereinigung gehaltenen Vorträgen seien insbesondere der des Literaturkritikers S. Niger über „Die nationalen Aufgaben des jüdischen Studenten" und ein Referat des Herrn Sokolow über den „Kongreß der Rabbiner und Vertreter der jüdischen Gemeinden in St. Petersburg" hervorgehoben, den er im allgemeinen in negativem Sinne beurteilte. Die gegenwärtige politische Lage der russischen Judenheit sei sür einen solchen Kongreß nicht geeignet. Die Erwartung, daß die Vorsteher des Kongresses bei der Regierung für eine Besserung der allgemeinen jüdischen Situation in Rußland cintrctcn würden, sei nicht erfüllt worden. Die Regierung wolle bloß mit Hilfe der Rabbiner einen Einfluß auf das innere Leben der Juden ausüben, werde aber die sozial irgendwie bedeutsamen Beschlüsse des Kongresses kaum in Verwirklichung bringen. Ben-David. Briefe aus Afrika. Die Landung. Langsam gleitet der Dampfer durch den Meeresarm, der Tunis mit der offenen See verbindet. Noch ist die Sonne nicht erschienen; schweres, feuchtes Dunkel deckt die User; in der Ferne hebt sich der Schein des Leuchttnrmrs von dem schwarzen Hintergrund ab. Sicher führt der Lotse das Schiff durch die fahrbare Straße, während nach und nach die Passagiere neugierig in die dunkle Ferne blicken. Fröstelnd stehe ich auf Deck hinter dem Maschinenraum, der den kalten Wind abhält, als sich plötzlich phantastisch gekleidete Gestalten auf die Passagiere stürzen. Gleich Seeräubern sind sie lautlos auf einer Barke gekommen und an einem Seil an Bord geklettert. Unheimlich ist der erste Eindruck, aber bald sehe ich. daß cs sich um harmlose Gepäckträger handelt. Sie suchen gestikulierend den Passagieren chre Kontrollmarken aufzudrängen und sich dadurch deren Gepäck zu sichern. Ich sehe mir die Gestalten interessiert an. 'Also das sind die ersten Afrikaner. Turbanartig haben sie Tücher um den Kopf geschlungen; die Füße sind bloß; die Sprache ein Genrisch von arabisch, italienisch und französisch; die Hautfarbe gelb, braun bis zum ebenholzschwarz. Neger aus dem Sudan und Araber aus dem Süden hat das Schicksal in den Hafen von Tunis verschlagen, Ivo sie nun friedlich zusammenarbeiten. Der eine der Kerle mit der scharfgeschnittencn Adlernase uracht fast den Eindruck eines Juden. Doch noch hatte ich keine Jndeir gesehen, die so schwere Beschäftigung gewählt hatterr, und so nahm ich denn an, daß es eine Täuschung sei. Woher sollte auch ein Jude zu arabischer Kleidung kommen! Die Landmrg bot nichts neues. Die üblichen Schikanen der Zollrevision, die gebräuchlichen Differenzen mit den Gepäckträgerrr wegen der Taxe und die Schwierigkeit, italienisches oder französisches Geld loszuwerdeir. Der erste Spaziergang. In Begleitung eines trmesischen Freundes machte ich bald den ersten Spaziergang durch die Stadt. Alles war nrir ireu und ungewohnt. Zn beiden Seiten der Hauptstraße die hochragenden Palmen, die Bauart der Häuser, die Läden, die in Säcke gehüllten arabischen Hafenarbeiter.

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