Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 8 (1910)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. meldete, erkundigte sich Direktor Dr. Schneider bei ihm nach seiner Konfession» nicht etwa, um ihn von der Annahme auszuschließen, sondern um ihn darauf hinzuweisen, daß die Assistenten gesellschaftlich nicht mit jüd. Kollegen Verkehren. Er habe keine» Anlaß gefunden, das Vorgehen Dr. Schneiders zu rügen. Im Kreistage seien stets nur sachliche, nie konfessionelle oder politische Rücksichten maßgebend gewesen, und die jüd. Mediziner seien, wenn sie Tüchtiges leisten, der Krcisvcrioaltung ebenso willkommen, als ihre christlichen Kollegen. Die Erklärung des Landrats ändert nichts daran, daß die Handlungsweise des Krankcnhansdirektors nicht korrekt war. Breslau. Es sind in unserer Provinz wieder mehrere von Juden testierte interkonfessionelle Stiftungen . zu verzeichnen. Der ini Februar verstorbene 'Stadtrat Adolf' Friedenthal vermachte der Stadt Breslau zur Verwendung für städtische Wohltätigkeitszwecke 20 000 Jk, dem Friedlaendcrschcn Genesungsheim 5000 Jk und der Egers'schcn Aushilfe - Stiftmrg 5000 JL In Glogau vermachte Frau Rentier Weißstem 8000 Jk. für eine Freistelle im städtischen Krankenhause und 4000 Jk für arme Hospitalitcn und in Sohran Rentier Simon Acker das Kapital für ein Freibett im städtischen Krankenhause. Stratzburg. Nach der soeben erschienenen Jahresstatistik zählt Elsaß - Lothringen 31708 jüd. Seelen, und zwar 16182 im Nieder-Elsaß, 8361 im Ober- Elsaß und 7165 in Lothringen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Kammersängerin Selma Kurz wttrde, wie das „Extrablatt" mittcilt, vom hiesigen russischen Konsulat das P a ß v i s u m nach Rußland v c r w c i g c r t, weil sie Jüdin ist. Nach Versicherung ihres Rcchtsbeistandes sei es inzwischen gelungen, das Visum zu erhalten. Sollte das der Fall sein, so wäre cs .sicher charaktervoller gewesen, wenn diese Beinühungen unterblieben wären. Budapest. Zu den Neichstagswahlen. Karl Freu ding er, der Vorsitzende des Verbandes orth. jüdischer Gemeindebeamtcn, ist in V i s o mit dem Programm der Regierungspartei als Abgeordnetenkandidat ausgetreten. Da in diesem Bezirke das jüdisch - chassidische Element vorherrscht, ist begründete Aussicht vorhanden, daß ins ungarische Parlament seit seinem Bestände zum ersten Mal ein .Wortführer des orth. Judentums einzieht, der, wenn von jüdischen Dingen verhandelt wird, nicht wie die übrigen 23 Konfessionsgenossen feig auskneisft. In Pr es; bürg hat die bevorstehende Reichstagswahl das Mitglied des zion. A. - K. Sa in u e l Bettelheim vermilaßt, den jüdischen Bürger-Verein zu organisieren, um so das berufsmäßige Verschachern der jüdischen Wahlstiminen hintanzuhaltcn. Für diesmal kann, wegen Kürze der Zeit, diese Organisation nicht mehr in Betracht kommen; sie wird sich aber zu einem Faktor entwickeln, mit dem die Berufspolitiker rechnen müssen. Z i o n i. Budapest. In E g h e k hat der R i t u a l m o r d w a h n zwei arme jüdische Hausierer i» Lebensgefahr gebracht. Eine Gänsehirtin hatte das Gerücht verbreitet, die beiden Juden seien Ritualmvrder und hätten sie zu ihrem Opfer machen wollen. Ehe die Hausierer sich versahen, war eine blutdürstige Menge über sie hergcfallcn, und sie ivären gelyncht ivordcn, wenn sie nicht die Gendarmerie mit Waffengewalt befreit und iits Gefängnis gebracht hätte. Z i o n i. Pretzburg. Die hiesige, von S. Bettelheim herausgegebene „Ungarländ. Jüd. Ztg." gibt von jetzt ab eine hebräische Beilage, deren besondere Aufgabe es sein soll, die hebräischliterarischen Kräfte, die im Ungar. Judentnmc vorhanden sind, zu sammeln und zu entwickeln. Die erste Nummer enthält den Programmartikel von S. M. Resen, dem Redakteur, ein Gedicht von L. Feuerstein, einen Artikel über die hebräische Sprache in Ungarn von S. Lisser-Szatmar, einen Aufsatz von Dr. B. Eiscnbcrg - Bonyhad re. 0 leuillefoti. 0 Auge um Auge. Roman von «-am. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. lFortsetzung). Heute hatte er sich die Pfeife mit ganz besonderer Sorgfalt geschnitten; heute hatte er seinen ganzen einsamen Schmerz in sie hineingehaucht: heute würde es ihn gar nicht - überraschen, seine Sehnsucht endlich erfüllt zu sehen; ja, er hätte schwören mögen, daß sie heitte komme, — und er war darum auch gar nicht überrascht, als er Fran?fuÄer Israelitisches Fcünilienblatt. das Näherkvinmen eines leichten, wohlbekannten Schrittes vernahm. Wäre sie heute uicht gckonimen, dann, das wußte er ganz genau, ivärc sie niemals gekommen. „Guten Abend, Niman," sprach Malka, von dem schnellen Gehen noch eilt wenig außer ,Atcm. Er behielt die Flöte an die Lippen gepreßt und nickte nur mit dem Kopf, als Zeichen seines Gegcngrußes; er traute sich noch nicht zit sprechen, inn nicht sein Glück durch die Stimme zu verraten. „Ich bringe Dir Nachricht von Baruch," fuhr sic weiter fort. Er nickte abermals, innerlich mit sich grollend, daß sein Herz noch immer einen solchen freudigen Hcxentanz aufführte. Warum versucht cs immer wieder, ihn zu betrügen? — — Konnte er denn nicht vorher wissen, daß Malka nie seinetwegen, niemals ans eigenem Antriebe zu ihm kommen werde? — — „Er läßt sich entschuldige», daß er uicht selbst kommt. Er hat keine Zeit; aber ich soll Dir sagen, daß er das Ziel fest im Auge behält." „Ist das alles, Malka, was Du mir zu sagen hast?" „Das ist alles," wiederholte sie, gedankenvoll in die Ferne blickend; „das sind überhaupt die einzigen Worte, die er zu mir gesprochen." „Siehst Du ihn oft, Malka?" „Wie sollte dies möglich sein?" brauste sie auf, als sei Niman der schuldige Teil. „Den ganzen Tag bin „id; ja in der Nähstube eiugeschlosscn, stichelnd, stichelnd und immer wieder stichelnd, daß es mir bereits zum Halse heraus- Ivächst. Alle kommen sic ja zu mir und können sich nicht genngtun an Lobeserhebungen über meine Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit; sogar das junge Mädchen ist sehr nett zu mir und sitzt stundenlang bei mir. Nur Baruch allein hat keine Zeit für mich, nur er allein hat cs immer eilig. Heute kam er das erste Mal in micine Stube, und kaum hatte er mir flüchtig diese Botschaft zugeflüstert, da war er auch schon wieder fort, ohne selbst meine Antwort abzuwartcu." Mm an schwieg. Er konnte 'die Psychologie des Mannes nicht verstehen, der das Mlück hatte, zu Malka zu sprechen — und uicht einmal ihre Antwort abwartete. War er denn blind, oder hatte er keine Seele? Malka blickte wieder gedankenvoll ans Niman und sagte: „Niman, ich habe Dir noch nicht einmal gedankt." „Ist auch gar nicht nötig," erwiderte er kurz. Sie zuckte gleichmütig mit den Schultern. Wami hätte ihr auch was daran gelegen, was Mman sagt, oder was Niman nicht sagt. „Es war sehr freundlich von Dir, mich wissen zu lassen, wann die Gräfin nach der Atadt.fährt, oder ich hätte noch lange auf die Gelegenheit warten können, sie zu sprechen. — Jetzt natürlich bin jch das Schoßkind dort und soll von heickc ab sogar auch im Schlosse schlafen, damit ich nicht bei dem Gehen und Kommen so viel Zeit versäume und auch mehr Geld verdiene." „Was wirst Du mit dem ganzen Gelbe machen? Wozu soll es Dir, Malka?" „Damit ich Baruch folgen kann, wohin er geht," rief sic glückstrahlend. Mman zuckte ein wenig zusammen und ließ einige schrille Töne hören. „Ob er will oder nicht," fuhr sie mit funkelten Blicken fort. „Bis ans Ende der Welt! Du, Mman," fuhr sic lveiter fort, und ihre Stimme klang wieder hart und rauh, „von welchem Ziele sprach er eigentlich?" „Ich weiß cs nicht," war feine ablveisendc Antwort. „Du weißt cs nicht, obwohl Du der Anstifter bist?" fragte sie mit unverkennbarem Hohn. „Jch, der Anstifter?" „Ja, Du, der Anstifter! Willst Du cs ctlva leugnen? Jch habe Euch beide genau beobachtet an jenem ersten Abend seines Hierseins. Du hast ihm etwas gesagt, das ihn in Feuer und Flammen versetzte; Du chast ihn zu irgend einer Tat überredet, zu irgend einer verzweifelten Tat angespornt — wahrscheinlich, weil Du zu feig bist, cs selbst auszuführcii!-Doch, täusche Dich nur uicht, Niman; ich sage Dir, Baruch wird cs uicht tun. Jch habe ihn gewarnt vor Dir und vor Deinen unheimlichen Machenschaften. — — So, jetzt weißt Du, woran Du mit ihm bist, und jetzt kannst Du mir auch sagen, um was es sich handelt." „Das kann ich aber nicht, Malka," sprach er leise und seufzend. .Oder Du willst nicht! Nun, sei versichert, daß Du keine Gelegenheit haben wirst, mir überhaupt noch etwas zu sagen, und Du weißt, ich halte Wort. Jch werde aber Baruch noch weiter die Augen öffnen und ihm sagen, daß Du nur ans Neid und Bosheit ihn in Gefahren stürzen willst, weil er ein vornehmer Mann gcivorden, während Du nur ein elendes Dasein als J-ährmailn fristen mußt.-" Diese Worte drangen auf ihn ein ivic tiejeinschneideude Peitschenhiebe. Er stieß einen heisern. unartikulierten Laut aus und sprang voller Ent¬ Nr. 16. setzen auf. Ja, sie lvird halten, was sie gesagt hat, und er wird dadurch grenzenlos elend ^werden. -Er fürchtete nicht, was sie zu Baruch sprechen wird, sondern daß .sie zu ihm.selbst uicnials wieder etwas sprechen wird. — — Er kannte Malka. — — Darum, Baruch, oder uicht Baruch -jeder Mensch hat eine Seele für sich selbst, und seine stand auf dein Spiele, hölleutief vernichtet zu 'werden! — — Malka wird nie mehr zu ihm sprechen! — — Nein! Er will nicht im Meere der Bcrzivciflung versinken, ohne vorher einen Versuch zur Rettung gemacht zu haben. Vielleicht, daß er sie doch ein wenig milder für sich stimmt, wenn er ihr alles offenbart, — — und Wort für Wort, dabei aber zitternd vor Scham und Wut, berichtete er ihr seine Unterredung mit Baruch. Sie hörte ihn verständnislos zu und schüttelte verblüfft den Kopf. „Irgend einen Plan, um den gewaltsamen Tod seiner Eltern zu rächen," sprach sie sinnend; „aber worin besteht denn dieser Plan?" „Das, Malka, weiß ich wirklich selbst nicht," erwiderte er mit .flehender Leidenschaft; „das wollte er mir auch nicht sagen, er hat mich vertröstet, bis der Plan reif sein wird." „Diesmal glaube ich Dir," sprach sie gnädiglich; „aber Haft Du gar keine Ahnung, was er beabsichtigt? Ich habe ihn doch genau beobachtet, aber nichts Auffälliges in seinem Benehmen bemerkt. Er ist zu allen sehr freundlich und bewegt sich mit frohem Herzen und leichtem Gemüt, als habe er keinerlei Sorgen auf Erden.-Mman. Du mußt Dich irren; ich glaube, er plant nichts, er kümmert sich nm nichts, weder um Tote noch um Lebende, er denkt nur an sich selbst." Ihre Stimme war allmählich lauter geworden, und jetzt brach sie mit einem schrillen Kreischen ab. (Fortsetzung folgt.) Der Becher des Elias. Von I. Z a n g w i l l. Autorisierte Uebersetzung. (Schluß.) Die Versammlung gewann ihre Haltung Iviedcr. Wer hätte den roten Inda eines solchen Mutes, einer so passcudeu Rede für fähig gehalten? Hier, wo sogar dem Rabbiner das Wort versagte, und die Acltesten des Kahals*) stumm dastandeu! Selbst Ben Amrani, ihr Sprecher bei der Regierung, dessen Gcbctsschal mit silbernem Bande eingefaßt war und der ein Gewand aus Atlas trug, stand unbcivcglich zivischen den Pfeilern vor der heiligen Lade und sah starr auf den tapferen Schamasch. „Wo habt ihr das Blut des.Knaben?" Mit militärischer Knappheit wurden die Worte hervorgestoßen. Das Pferd des 'Sprechers scharrte laut mit den Vordcrfüßen, als teile cs ' die Ungeduld und Aufgebrnchthcit seines Reiters. Die Männer wurden totenblaß, die Frauen rangen die Hände. ,O, o!" stöhnten sie. „Wehe uns, wehe!" „Welches Knaben? Was siir Blut?" fragte der Schamasch unerschrocken. „Elender! Du weißt sehr wohl, daß ein Christenkind verschwunden ist." Durch das Beispiel des'Schaniasch angespornt, erhob jetzt der greise Rabbiner die zitternde Stimme. „Das Kind wird gefunden werden, wenn eins vermißt wird," fügte er im bitteren Tone hinzu. „Ehe man nicht sicher weiß, daß wirklich Blut vergossen ist, können Ew. Exzellenz keins von uns verlangen." „Hund, Du ivillst mich nicht verstehen, oder vielmehr, Du stellst Dich so an, als ob Du inich uicht verständest. Das Blut des Knaben ist hier, in eurer Synagoge. Und ich bin gekommen, es zu holen." Der Schemasch lachte laut: „O Eiv. Exzellenz!" Seine Heiterkeit schien ansteckend zu wirken. Die Spannung der in furchtbarer Erregung dasitzenden Versammlung löste sich in einem allerdings seltsam klingenden Gelächter. „In unserer Synagoge, Exzellenz," fuhr der Rabbiner fort, „ist kein anderes Blut als dasjenige, das durch die Adern der Lebenden fließt." „Wir werden sehen. Holt die Flasche unter der Lade hervor." Der Schamasch grinste fast nnehrcrbictig. „Das ist unser Opferivcin," sagte er, „Wein, rot wie meiir Bart." „Ha, Ha! Unser Opferivcin!" wiederholte die Synagoge im frohen Gesumme, und von der Fraueucmporc ertönte dasselbe Gemurmel glücklicher Erleichterung. ,Wir werden sehen!" wiederholte der Offizier mit eiserner Zähigkeit. Die sichere Zuversichtlichkeit schwand im Nu aus den Herzen der Anwesenden. Wie eine eiskalte Hand packte alle die Vorstellung eines teuflischen Verrats, einer durch ihn belvcrkstelligten Entdeckung, die das Ghetto der entzügelten Wut fanatischer Mörder und der Rache der Gesetze überliefern würde. *) Gemeinde.