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Neue jüdische Presse · 1910-04-22 · Heft 16 (22.4.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
8 (1910)
Issue
Heft 16 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. Seite 5. Der Offizier, erhob seine Stimme voll neuem: „Niemand, weder Mann, noch Weib, noch Kind darf die Synagoge verlassen. Tötet jeden, der zn entfliehen versucht!" Das Angstgeschrci ohnmächtig werdender Franc» antworicte ihm von oben. Gefühllos trieb er sein Pferd an und ritt den Flügel entlang, der zur heiligen Lade führte. Die polternden Hufe'trampelten auf aller Herzen. Er sprang vom Pferde, öffnete den kleinen Schrank unter den Rollen und zog eine mit grcilrotcr Flüssigkeit gefüllte Flasche hervor. „Opferwein! Hah!" sagte er hämisch. „Was sonst, Ew. Exzellenz?" fragte unerschrocken der Schamasch, der ihm gefolgt war. Ein wildes Lachen kam über die Lippen des Offiziers. _ „Trink einen schluck!" Als der Schamasch mit furchtlosem Achselzucken die Flasche ergriff, wandte sich ihm jedes Auge in angsterfüllter Spannung zn. Nur von den Frauen oben hatten viele das Gesicht mit den Händen bedeckt. Alles hielt den Atem an. "Des roten Juda Gesicht behielt den ungläubigen Ausdruck bei, während er einen kräftigen Zug tat. Aber kaum hatte die Flüssigkeit seinen Gaumen benetzt, als sich seine Züge grauenhaft verzerrten. Er hob die Hände zum Himmel, ließ die Flasche fallen und sank mit dem heiseren Schrei: Gnade, v mein Gott!" vor der heiligen Lade nieder. Schaum stand ihm vor dem Munde. Die verspritzte rote Flut bildete neben ihm eine breite Lache. „Höre, Israel!" Ein. Schrei des Entsetzens entrchlg sich aller . Munde. „Allmächtiger Vater!" Die Judenhasser hatten ihr teuflisches Werk ansgcführt. Jetzt rangen auch die Männer die Hände: „Wehe uns, wehe uns!" riesen sie. Der Rabbiner ^schüttelte sich wie im Krampf. „Satan, Satan," preßte er zwischen den Zähnen hervor. Endlich aber trat Ben Amrain vor und schritt über den scharlachroten Fleck hinweg. „Ein Soldat, Exzellenz," sagte er ruhig, „sollte wohl Blut kennen." Das Gesicht des OfsizierS verzog sich zn einem leisen Lächeln. „Ein Soldat," sagte er schnüffelnd, „kennt auch Wein." In der Tat stieg zur Verwirrung der Umstehenden von der Flüssigkeit am Boden würziger Weindnft auf. „Elv. Exzellenz haben den armen Juda zu Tode erschreckt," sagte der Arzt und zog den Kopf des am Boden Liegenden an seinem langen roten Barte in die Höhe. Seine Exzellenz zuckte mit den Achseln und gab den Befehl zum Rückzug. Mit dröhnendem Tumulte ritten die Kosaken rückwärts ab, da sie in den engen Gängen die Pferde nicht wenden konnten Aber che die Versammlung einigermaßen zu sich selber gekommen, war die letzte schwarze Mütze und bleibeschlagene Knute verschwunden. Nur der zurückgebliebene Trangcrnch' der Stiefel zeugte von der Wirklichkeit der Erscheinung. Ein tiefes Schweigen lagerte wie eine schwere Wolke einige Augenblicke über den Anwesende». Dann aber erhob sich ein wahrer Sturm von Ausrufen. Beil Anirams Stimme übertönte den Lärm: „Brüder!" Er hatte den Schaum von den Lippen des zil Boden Geworfenen abgewischt. Nun stand er aufrecht da, und sein Gesicht glänzte tvie das eines Sehers. Alle schwiegen, als er die Hand erhob: „Brüder, der Herr hat uns gerettet!" „Gesegnet sei der Name des Herrn jetzt und in Ewigkeit!" Der Rabbiner hatte den Satz begonnen, und die Versammlung fiel ein, daß es wie Donnergeroll klang. „Hört nun. Als ich gestern Abend die Tür für Elias öffnete, trat Mainion der Meschnmed ein. Gr leerte den Becher des Propheten." Man hörte ein Gemurmel von Verwünschungen. „Ein netter Elias!" rief der Rabbiner. „Gott," sagte der Arzt, „sendet den Propheten der Erlösung in seltsamer Gestalt. Hört! Maimon wurde von einer Rotte Betrunkener verfolgt, die nicht wußten, daß er aus unserer Gemeinde ausgetreten ist. Als er hörte, auf welche Weise er gerettet worden war, als ich sein blutendes Gesicht verbunden hatte, und er die gedeckte Passahtafel sah, da kam ihm die Seele seiner Kindheit wieder, und in einer Flut von Tränen beichtete er mir den wider uns geplanten teuflischen Anschlag. In die Enge getriebene, verzweifelte Schuldner sind die Urheber. Sie verbreiteten das Gerücht von einem verschwundenen Kinde, und durch Maimons Vermittelung sollte das Blut desselben in unserer heiligen Lade gefunden werden. Während ihr euch alle am Sedertische ahnungslos der Freude hingabt, lag hier au Stelle des Opferweincs eine Flasche mit Blut gleich einer uns Verderben drohenden Bombe." Ein Schauer des Schreckens ging von ncnein durch die Versammlung. „Aber der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Maimon hatte den Schamasch bestochen, ihn in die Synagoge einzulassen und die Flaschen zu vertauschen." FraMurker UraSKWes FüMiliknAatt. „Der rote Juda!" Es klang wie das Geheul von zehntausend Tigern. Einige stürzten ans den sich am Boden Windenden los. „Zurück, zurück!" rief Bcü Amram. „Der Allinächtige hat ihn geschlagen." „Die Rache ist mein, spricht der Herr!" rief der Rabbiner im feierlichen Tone. „Hallelujah!" rief eine gellende weibliche Stimme. „Hallelujah!" antwortete donnernd die Menge. „Der rote Juda hatte keinen wahren Glauben an den Gott Israels," fuhr der Arzt fort. „Er sei das Sühnopfer für uns alle," unterbrach ihn der Vorsänger. „Amen!" klang es durch die Versammlung. „Für hundert Rubel und das Versprechen der Straflosigkeit erlaubte Juda dem Maimon, die Flaschen zic vertauschen, während gaizz Israel beim Scder saß. Der Pöbel hatte den Meschnmed aus der Synagoge schleichen sehen, hielt ihn für einen frommen Juden und fiel deshalb über ihn her. Seht, Brüder, wie wunderbar der Allmächtige seine Fäden webt. Als mir der reuige Sünder alles gebeichtet und mir mitgctcilt hatte, daß man Kosaken gegen uns ausschicken würde, um die ganze wehrlos in der Synagoge versammelte Gemeinde gefangen zn nehmen, da hielt ich es für das Beste, die Flaschen abermals umzutauschen. Die falsche Flasche enthielt nur Rinderblnt, aber es hätte genügt, um die Menge in Raserei zn versetzen. Da ich das erhabene Vorrecht besitze, den Opfcrwein zn liefern, war eS mir ein Leichtes, Maimon eine andere Flasche ausznhändigen. Er weckte bei Tagesanbruch den schamasch und spiegelte ihm vor, daß er wirkliches Mcnschcnblnt erhalten Hütte. Ein Rubel verschaffte ihm ohne Schwierigkeit noch einmal die Schlüssel, und als er mir das Rinderblut zurückgebracht hatte, hielt ich es für ratsam, das Kommende abzuwarten." „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich!" stimmte der Kantor an. „Und seine Güte währet etviglich!" fiel die Versammlung ein. „Ich dachte nicht, daß der Schamasch, um seine Schuld zu verbergen, so dreist austreteu würde. Auch nicht, daß man ihn znm Trinken auffordcrn würde. Aber als der Epiknros*) die Flasche an seine Lippen setzte und merkte, daß er statt des erwarteten Blutes guten Rotwein trank, da durchfuhr es ihn plötzlich wie eine Offenbarung, daß der Gott Israels im Himmel lebt, daß er ein Wunder getan und das Blut in Wein verwandelt hatte." „Und solch ein Wunder ist in der Tat geschehen!" rief der Rabbiner und ergriff die Hand des Arztes. Ein brausender Ruf klang durch die Synagoge: „Möge Deine Kraft wachsen!" und von der Empore riefen die Frauen stürmische Segens- und Glückwünsche hernieder. „Ein Wunder!" rief der Arzt, während er sich noch einmal über das geisterhaft blasse Gesicht beugte, das von den nach ritueller Vorschrift getragenen Seitenlocken wie von zwei roten Schlange» umringelt war. „Ein Wunder! Wie hat ihn doch die Furcht vor dcni Zorn des Allmächtigen zu Boden geschmettert!" Männer trugen die sich in Krämpfen windende Gestalt hinaus, und der Vorsänger stimmte das Dankgcbet an. Und als die glückserfüllten Gesänge erklangen und mit den Chorsätzen abwechsclten, da ging ein Atemzug jubelnder Hoffnung durch die Synagoge. Die mächtige Hand/ der cinSgestrecktc Arm, der Israel aus der ägyptischen Knechtschaft befreit, schwebte noch über ihnen. Und auch Elias würde nicht ewig säumen. Der Prophet der Erlösung würde kommen, der Messias erscheinen. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. —.. ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 u. 71. Deutschen Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermitpf AAljiT., telangen, Recherchen n. Auskünfte ®^'***" v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ans führnng u. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. Kriminalbeamte gesichert S....... Frankfurt a. M. Nene Zell 58, 1. — Tel. 11391«- Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Lnacb.) SamStag, den 23. April (— 14. Nissan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min., in Berlin 8 Uhr 2 Min. Wochenabschnitt: A ch a r e i - m a n s. — Die Opfcrhandlnngen des Hohenpriesters am Jaum - Kippur. Er hatte für sich, für die amtierenden Priester, endlich für ganz Israel Sühnopfer zn bringen und Sündenbekenntnis zu sprechen. Einer .der Sühnböcke sollte in die Wüste geschickt werden. Räncherwcrk ist darzubringen. Kein Opfer ist außerhalb *) Atheist. der Stiftshütte darznbringcn. Verbot des Blutgenusses, denn „das Blut ist das Leben", und ihr „sollt nicht das Leben mit dem Fleische verzehren." — Das Blut geschlachteten Wildes und Geflügels ist mit Erde zn bedecken. — Verwarnungen, die Gräueltaten und Unsitten der heidnischen Ureinwohner nicht nachzuahmen. „Sonst wird auch euch das Land ausspeien." — Es sind die für eheliche Verbindungen streng verbotenen Verwandtschaftsgrade aufgeführt. S ch a b b o s - H a g v d a u l. — Der Sabbat vor Pcsach führt den Namen Schabbos-Hagodaul (der „große" Sabbat' zur Erinnerung an das große Wunder, das sich aic unseren Vorfahren in Aegypten vollzog. Sie stellten das von den Aegyptern göttlich verehrte Lamm znm Schlachten bereit, und doch schwiegen ihre Zwingherrn dazu! Das war gleichsam ein Wahrzeichen der bevorstehenden Erlösung. — Die „I a uz er" -E in sch a l tun g handelt von dieser wunderbaren Tatsache und enthält viele-rituelle Vorschriften für Pesach. P e s a ch. Mit Sabbat-Ausgang beginnt das Pesach-Fest, das an die Begründung des jiid. Volkes durch Gottes wunderbare Erlösung aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Heber den Leder belehrt die Hagada, über die Gebete das Machsor. Sonntag Abend beginnt das Om erzählen. Omer war ein gewisses M a ß, das man Volk Gerstenkörner am 2. Tag Pesach brachte. Von da an zählte mau sieben Wochen bis Schownaus. Lehre hieraus: a) das Erstgeschnittene dankbar Gott zu weihen; I>) Pesach und Schownaus gehören zusamincn, erst die Gesetzgebung krönte he» 'Auszug ans Aegypten. — Man zählt nachts; kanns auch am anderen Tag — ohne Brocho — nachholen. Wer einen Tag g a n z übergangen, darf die folgenden Abende nur o h n e Brocho zählen. Dienstag bis Freitag: C h au l-h am a ne d. Im Morgcngebetz das 1. Schmauno -Esrei werktägig, dann Halb-Hallel, Thoravorlesung und Mussaf. Mincho und Maariw wie Werktag, nur „Jaale wejowau" einschalten. Pesach- A u s g a n g: «onntag, 1. Mai, abends 8,35 Uhr in Frankfurt und 8,20 Uhr in Berlin. OftenMer Druckluft-Hnlage Telefon 123. Olfanbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tapplchralnlpung. Sigmund Singer, Bsrneplatz23 empfiehlt Stoffe für Herren-Anzfige und Paletots zu billigsten Preisen. :j!| <H**d MHStt ifiwt * SuMjbtigfveit xl«2 MGeptetvf Zctöputißett' wcdez Auf ncmtffeucml Hmi .ßcwtear atfo ■" ßci : fö DCoiMtohaeoc 65 Familienuachrichten. Geburten. Einen Sohn, Herrn Leopold Schwab (Erlanger), Frankfurt. Einen Sohn, Herrn Theod. Guggenheim (Rapp!, Frankfurt. Eine Tochter, Herrn Abrah. Dreysus; - Pieard (Hagnenancr', Straßburg. Eine Tochter, Herrn Benno Marens (Baszynski», Posen. Eineic Sohn, Herrn Joseph Kiewe (Rosenheim), Chemnitz. verlobte. Berta Wolfs, Cosel, O.-T. — Alfred Kalischer, Cottbus. Elsa Schlesinger, Bleicherode — Max Marens, Dessau. Johanna Heymann, Kolmar (Posen, — Max Hirschseld, Bütow.

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